Lesung

Ich bin sehr deutsch

Lamya Kaddor, 1978 als Tochter syrischer Einwanderer in Ahlen geborene Religionslehrerin, Islamwissenschaftlerin und Autorin, las in der Berliner Kulturbrauerei aus ihrer Autobiografie „Die Sache mit der Bratwurst“. Jamal Tuschick hat seine Eindrücke aufgeschrieben.

„Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft.“

Mit dieser Feststellung, die vor zwanzig Jahren das Gewicht eines Teebeutels hatte, heute aber Kontroversen Feuer gibt, begibt sich die Islamwissenschaftlerin und Lehrerin Lamya Kaddor an die Meinungsfront. Zuletzt äußerte sie sich so im Museum der Berliner Kulturbrauerei bei der Präsentation ihrer Autobiografie „Die Sache mit der Bratwurst“ im Gespräch mit Shelly Kupferberg. Kaddor beschwor ihre Kindheit in einer Hochburg des westfälischen Münsterlandes als glücklichen Auftakt. Ihr Vater kam 1975 aus Damaskus, die Familie folgte ein Jahr später. Kupferberg kommt aus der ewig heißen Zone Tel Aviv, Kaddor wurde da geboren, wo Adenauer als Zuchtmeister der Westbindung 1947 die CDU auf das Ahlener Programm einschwor. Zuhause erlebte sie einen mit dem Islam verwobenen Alltag, dessen Regeln oft nicht straßentauglich waren. Kaddor missachtete das Schweinefleischverbot zum ersten Mal im Kindergarten.

Das Unerhörte geschah auf einem Sommerfest in den Achtzigern. Die Eltern hinderte Arbeit daran, das Kind zu begleiten. Deshalb ging Lamya allein. Schon von Weitem hörte sie das Geschrei der Freundinnen.

Affiziert von den Gerüchen einer Grillstation, erlag sie der Versuchung, um bald nach der Überschreitung von Befürchtungen heimgesucht zu werden. Rauchend in der Küche, beruhigte die Mutter das Kind. Die Heranwachsende schloss sich dem Nachwuchs der türkischen Gemeinde an und wurde deshalb allgemein für eine Türkin gehalten. Die Türken waren aber Aramäer, folglich Christen. Im Sog der Vielfalt ging Kaddor der Einfalt verloren. Sie nahm Maß an dem, was sie vorbildlich brauchte für ihre Stärke – Pippi Langstrumpf und Michael „Air“ Jordan. Die Abiturientin ließ sich in Sport prüfen, hart gemacht vom Basketballtraining in einer Männermannschaft. Sie begann ein Studium der Islamwissenschaften noch halb verträumt hinter den Sieben Bergen der deutschen Provinz. Noch war die Religion eine Privatangelegenheit von Millionen. Der Terror vom 11. September 2001 änderte das.

„Plötzlich wurde der Islam auch für Durchschnittsmuslime zur politischen Angelegenheit.“

Das beschnitt den Freiwuchs hybrider Identitäten. Kupferberg fand glücklich die Wendung: „Die gediegenen Achtzigerjahre mit ihren anything goes waren 2001 endgültig vorbei.“

Nun nahm die Mehrheitsgesellschaft Angehörige von Minderheiten als Repräsentanten wahr. Die Fahndungen nach den klammheimlichen Verbindungen mit dem Bösen begannen. Unterstellungen nahmen überhand. Das Ressentiment machte sich bei jeder Gelegenheit bemerkbar.

Kaddor bekam Morddrohungen und quittierte den Schuldienst. Trotzdem sagt sie: „Ich bin sehr deutsch.“

Sie betont die Chancen doppelter und manchmal dreifacher kultureller Auswahl. Sie setzt auf Empowerment. Sie fragt: „Haben meine Kinder überhaupt noch einen Migrationshintergrund?“

Kaddor hat einen Deutschen geheiratet, eine ihrer Schwestern einen Bruder im Geist von Cem Özdemir – einen Turkschwaben. Deutscher geht nicht.

Lamya Kaddor, Die Sache mit der Bratwurst – Mein etwas anderes deutsches Leben, Piper, 256 Seiten

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erstellt am 28.3.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.