Jossi Wieler und Sergio Morabito holen die Oper „Don Pasquale“ aus der Welt der Commedia dell‘arte in unsere Gegenwart: Mehr noch als die Regie kann das hohe musikalische Niveau begeistern. Die Spannung zwischen Solotänzern und Ensemble prägt den Ballettabend „Die fantastischen Fünf“. Thomas Rothschild hat beide Stuttgarter Premieren besucht.

Oper und Ballett in Stuttgart

Spott und Verehrung

Der grobschlächtige Humor kennt kein Mitleid. Als das Verständnis von poetischen und ästhetischen Spielregeln noch Vorrang hatte vor moralischen, nein: moralisierenden Maßstäben, hat man akzeptiert, dass Streiche stets auf Kosten von Opfern durchgeführt werden. Zur Rechtfertigung musste man den Opfern Verfehlungen zuschreiben. Wenn ihnen dann, zur Erheiterung der Zuschauer, Böses angetan wurde, „geschah ihnen recht“. Heute reagiert man empfindlicher auf solche Strafaktionen, wobei sie offenbar verzeihlich erscheinen, wenn sie altersfeindlicher und nicht sexistischer oder rassistischer Natur sind.

Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ handelt von einem Streich, dem man dem Titelhelden spielt. Worin besteht seine Verfehlung? Darin, dass er als Alter heiraten will – „Weiße Haare sollen nicht freien / um der Jugend Lockenkranz, / sonst gibt's böse Balgereien / und mit allen Teufeln Tanz“ –, und in dem Umstand, dass der wohlhabende Don seinen Neffen enterben will, weil der nicht das Mädchen seiner Wahl heiraten möchte. Wenig Neues also für den Leser von Romanen des 19. Jahrhunderts: Es besteht eine patriarchalisch-kapitalistische Gesellschaft, in der Geld die höchste Priorität hat und auch die Heirat eine Funktion des Geldes ist. Man mag sich fragen, was an der Erbschleicherei des Neffen eigentlich sympathischer ist als der Geiz und der Paternalismus des Onkels. Jossi Wieler und Sergio Morabito machen es sich denn auch nicht so leicht mit der Verspottung des Don Pasquale, den sie aus der Welt der Commedia dell‘arte in unsere Gegenwart transferieren. Am Schluss, wenn dem gefoppten Alten das Gnadenbrot gereicht wird, wirft dieser es zornig von sich. Auch er hat Anrecht auf Würde.

Zwischen Individuum und Kollektiv: „Don Pasquale“ an der Oper Stuttgart, Foto: Martin Sigmund

Mehr noch als die Regie konnte diesmal das hohe musikalische Niveau begeistern. Für die Titelrolle hatte sich das Leitungsteam Enzo Capuano geholt, der zwar nicht zum Ensemble der Staatsoper gehört, aber als Belcanto-Spezialist seit mehreren Jahren ein willkommener Gast ist. Stilsicherer kann man Donizetti nicht singen. Stimmlich bildete der rumänische Tenor Ioan Hotea als Neffe Ernesto einen scharfen Kontrast, der die Antagonisten auch gesanglich als solche profilierte. Zwischen ihnen strahlte die Mazedonierin Ana Durlovski, die sich in den vergangenen Jahren zur Primadonna der Stuttgarter Oper entwickelt hat und mit dieser Rolle vom Haus verabschiedet, als Ernestos Geliebte Norina, die der Arzt Malatesta gegenüber Pasquale als seine eigene Schwester ausgibt. Eine bessere Visitenkarte könnte sie für zukünftige Bewerbungen nicht vorweisen.

In der Oper – nicht in jedem einzelnen Exemplar, aber in der Gattung – ist erhalten geblieben, was im Sprechtheater weitgehend verschwunden ist, aber zu den Ursprüngen des Theaters überhaupt gehört: Einem Chor steht ein Solist, ein Duo, ein Trio, ein Quartett, jedenfalls eine überschaubar kleine Formation gegenüber. Dieses Arrangement spiegelt eine Grundkonstellation der menschlichen Gesellschaft: die Konfrontation von Individuum und Kollektiv, von Mensch und Masse. Ihr entsprechen in den Wissenschaften die Psychologie und die Soziologie. Am deutlichsten wird diese Struktur in einer vergleichsweise jungen musikalischen Form erfahrbar, im Konzert, dessen besonderer Reiz vom Wechselspiel zwischen Soloinstrumenten und Orchester ausgeht.

Witzige und poetische Miniaturen

Auch das Ballett baut auf dem Dialog, der Auseinandersetzung, dem Kontrast zwischen Solisten und Corps de ballet auf, und zwar mit erstaunlicher Beharrlichkeit von seiner klassischen Ausprägung bis zum modernen Tanztheater. Wie sehr diese Dualität einer menschlichen Erfahrung entspricht, mag man daran ermessen, dass Regisseure wie Einar Schleef oder Volker Lösch stets aufs Neue versucht haben, sie ins Sprechtheater zurückzuholen.

Die Spannung zwischen Solotänzern und Ensemble prägt auch die fünf Auftragsarbeiten, die Reid Anderson für den Ballettabend mit dem Tongue-in-cheek-Titel „Die fantastischen Fünf“, der letzten eigentlichen Premiere seiner Intendanz – eine Neufassung von Christian Spucks „Lulu“ folgt noch –, bei seinen Choreographen-Entdeckungen bestellt hat, am auffälligsten gleich im ersten Stück, in „Under the Surface“ von Roman Novitzky. Den atemberaubenden Arrangements des Ensembles zu den perkussiven Rhythmen von Marc Strobel zu Beginn und am Ende stehen die zugleich witzigen und poetischen Miniaturen von Werbung, Untreue und Paarfindung gegenüber. Ein starker Anfang, der es den nachfolgenden Stücken nicht leicht macht, das Niveau zu halten.

„Take Your Pleasure Seriously“, Choreographie von Katarzyna Kozielska © Stuttgarter Ballett

Es ist offenkundig, dass Katarzyna Kozielska Probleme hat, ihrem Ballett eine Struktur zu verleihen, die über das simple Reihungsprinzip des „und dann und dann und dann“ hinausgeht. Ihre Einfälle wirken, im Vergleich etwa zu Novitzkys Choreographie, willkürlich, beliebig, auch ausufernd. Bei Louis Stiens wiederum werden die Grenzen zum Banalen oder sogar zum Kitsch gelegentlich überschritten. Was dem Erfolg beim Publikum nicht unbedingt schaden muss.

Den Abschluss nach der zweiten Pause bildet eine der für ihn typischen Zappelchoreographien, mit der sich Marco Goecke von seinem Stuttgarter Publikum verabschiedet, ehe er zur übernächsten Spielzeit als Ballettdirektor nach Hannover geht. Goecke ist an diesem Ballettabend zweifellos der Choreograph mit der eigenwilligsten, am radikalsten mit der Tradition brechenden Handschrift. Die kann man mögen oder auch als manieristisch ablehnen. Wer auf Sprünge und Hebungen, auf Eleganz und Anmut wartet, wird hier nicht auf seine Rechnung kommen. Wer hingegen das Bizarre liebt, für den ist Goecke ebenso revolutionär wie es zu ihrer Zeit Pina Bausch oder Anne Teresa De Keersmaeker waren. Um es mit einer Analogie aus der bildenden Kunst zu versuchen: Wer Alberto Giacometti Wilhelm Lehmbruck vorzieht, wird auch Marco Goecke vor jenen favorisieren, die noch am Vermächtnis des klassischen Balletts haften. Die Fans jedenfalls feierten ihr Idol mit unzähligen Blumensträußen und anhaltendem Applaus, der dem Ausnahmetalent die Tränen in die Augen trieb. Es war in der Tat eine anrührende Demonstration, die ein prägnantes Signal an Tamas Detrich sandte. Er hatte Goeckes Vertrag als Hauschoreograph nicht verlängern wollen.

Die Musik für diesen Abend, der nicht, wie meist, im Opern-, sondern im Schauspielhaus stattfindet, wurde nur an zwei Stellen, von einem Streichquintett und einem Pianisten, live zugespielt. Größtenteils kam sie, mit großer Lautstärke und viel Elektronik, die mittlerweile zum Ballett zu gehören scheint wie Video zum Theater, über die Boxen. Sie reichte von älterer und neuerer Popmusik bis zu aktuellen Kompositionen, von denen zwei für diese Gelegenheit in Auftrag gegeben worden waren.

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erstellt am 27.3.2018

In die Gegenwart transferiert: „Don Pasquale“ an der Oper Stuttgart, Foto: Martin Sigmund

Oper

Don Pasquale

von Gaetano Donizetti

Musikalische Leitung Giuliano Carella, Marco Comin
Regie und Dramaturgie Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne Jens Kilian

Besetzung Enzo Capuano (Don Pasquale), André Morsch (Doktor Malatesta), Ana Durlovski (Norina), Staatsopernchor Stuttgart et al.

Oper Stuttgart

Ballett

Die Fantastischen Fünf

Uraufführungen von Marco Goecke, Katarzyna Kozielska, Louis Stiens, Roman Novitzky und Fabio Adorisio

Stuttgarter Ballett