Im Januar 2018 stellte Ethan Hawke beim Sundance Film Festival seinen vierten Film vor: „Blaze“. Zeitgleich veröffentlichte das Rödermarker Ehepaar Carmen und Kai Nees ihr Buch „Blaze Foley. Ein Außenseiter, der zur Legende wurde.“ Wer ist dieser Singer/Songwriter, von dem jetzt jeder spricht? Martin Wimmer geht der Frage nach.

Americana

Der Plastikpunk im Honkytonk

Blaze Foley (1949-1989), geboren als Michael David Fuller in Arkansas, erschossen und beerdigt in Texas, wo er einen Großteil seines Lebens verbracht hatte, war ein zu Lebzeiten komplett erfolgloser und unbekannter Songwriter.

Er veröffentlichte zu Lebzeiten kein Album und das posthum veröffentlichte Material erschließt sich heute nur Spezialisten. Seine Lieder pendeln zwischen beißender politischer Satire und hippieesken Liebesliedern, ohne je in der Breite die Originalität, Qualität oder Radikalität vieler seiner Zeitgenossen zu erreichen – auch wenn das die ganz eingefleischten Fans natürlich anders sehen mögen.

Es gibt kaum eine Handvoll relevanter Coverversionen, wirklich nennenswert sind eigentlich nur If I Could Only Fly von Merle Haggard und Clay Pigeons von John Prine. Dann sind da noch zwei bei Fans texanischer Songwriter bekanntere Songs über ihn, Blaze‘s Blues von Townes Van Zandt und Drunken Angel von Lucinda Williams.

Die Geschichte von Michael David Fuller

Warum also der Hype? Was treibt knapp dreißig Jahre nach dem Tod eines unbekannten Musikers einen der bekanntesten Männer Hollywoods und ein Ehepaar aus dem Rhein-Main-Gebiet dazu, sich derart intensiv ausgerechnet mit ihm zu beschäftigen?

Ich möchte nicht die ganze Geschichte von Michael David Fuller hier erzählen, nur eine Handvoll Sätze sollen anreißen, wie schillernd dieses Leben war: Geboren wurde er in einem Kaff in Arkansas, wuchs aber in Texas auf. Mit 12 trat er mit seiner Familie bei Gospelkonzerten in Kirchen auf. Mit 22 war er ein dicklicher Supermarktverkäufer mit Seitenscheitel und Krawatte. Mit Mitte 30 lebte er als Hippie in einem Baumhaus, ernährte sich von Drogen und Alkohol, verweigerte das Duschen und schlief in Mülltonnen. Den 42. Geburtstag erlebte er nicht mehr. 1989 wurde er vom Sohn eines guten Freundes unter ungeklärten Umständen erschossen.

BFI ist der Name einer Müllentsorgungsfirma in Austin, TX, der groß auf den Containern aufgedruckt war, die den Obdachlosen mehr Schutz gegen den Regen und die Prügler boten als ein Hauseingang. Blaze Foley Inside, deutete Fuller die Abkürzung für sich um, wenn er wieder mal eine Nacht weggedröhnt auf den Müllsäcken verbracht hatte.

Absolut einzigartig aber war eine Leidenschaft, die ihm den Spitznamen „The Duct Tape Messiah“ verschaffte. Foley entwickelte im Lauf der Jahre einen Fetisch für silbernes Klebeband, mit dem er Klamotten, Gebrauchsgegenstände und Bühnenequipment „verzierte“ – ursprünglich wohl eher: zusammenhielt. Symbolisch drückt das Duct Tape wohl am Besten aus, wofür Foley steht: ein radikaler Kunstanspruch kombiniert mit einer ebenso radikalen Verweigerungshaltung gegenüber gesellschaftlichen Zwängen. Foley war ästhetisch und politisch eigentlich ein Punk, der aber musikalisch in der Lebensrealität seiner Country & Folk Freunde verwurzelt war. Das in Foleys Biografie sich steigernde Leiden an diesem Widerspruch des Plastikpunks im Honky Tonk bis zum folgerichtigen Tod ist auch heute noch spannend für alle nachzuvollziehen, die innerhalb ihrer Szene an einem entscheidenden Code abweichen und sich so ihrer letzten Zuflucht begeben.

Living In The Woods in a Tree

Hawkes Biopic ist immerhin der zweite Film über Foley, wenige werden ihn wohl je zu sehen bekommen, ob er einen deutschen Verleih findet ist zweifelhaft. Als Vorlage diente ihm die Autobiografie Living in the Woods in a Tree von Foleys Freundin Sybil Rosen. Ihr folgte an vielen Stellen auch Kevin Tripletts Dokumentation Blaze Foley. Duct Tape Messiah von 2011, den man immerhin im Internet komplett ansehen kann.

Filmtrailer „Blaze Foley. Duct Tape Messiah“

Das Buch der Nees ist wirklich gut gemacht, äußerst informativ, mit vielen, seltenen Fotos und Hintergrundinformationen zu den engsten Vertrauten aus Foleys Umfeld. Die weltweiten Kontakte des Rödermarker Ehepaars in die Songwriterszene zahlen sich aus. Praktisch jeder in den letzten 30 Jahren veröffentlichte Artikel von Relevanz über Foley, jedes Interview, ob aus Musikzeitschriften oder Blogs, wird in hervorragender deutscher Übersetzung wiedergegegeben. Der Frankfurter Musikjournalist Thomas Waldherr hat eine umfassende und präzise Diskografie beigesteuert.

Über einige kleinere Fehler tröstet hinweg, dass es ein Werk der Liebe ist. Da wurde nichts von einem huldigenden Fan geglättet, roh und unverfälscht kommt auf den Tisch, was es über Foley zu wissen gibt. Die zugehörige Website und der Facebook-Account aktualisieren das tiefe Wissen der Nees um das Foley-Universum mit Links zu Videos, Coverversionen und Neuerscheinungen. Das ist alles rundum gelungen. Dass Buch und Onlineauftritte aus dem Rhein-Main-Gebiet unmittelbar nach Erscheinen von der weltweiten Foley-Gemeinde als das Nonplusultra zu ihrem Idol gefeiert wurden, überrascht da nicht mehr.

Vielleicht sollte man ja doch mal intensiver in die Musik des Texaners einhören. Hier einige Zeilen aus Foleys Song Oval Room. Klingt das nicht, als wäre er letzte Woche über Donald Trump verfasst worden?

In his oval room, in his rockin' chair
He's the president, but I don't care
He's a business man, he got business ties
He got dollar signs in both his eyes
Got a big airplane, take him everywhere
Got his limousine, when he get there
Everywhere he goes, make the people mad
Makes the poor man beg, and the rich man glad
He's the president, but I don't care

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Kommentare


Klaus Faust - ( 24-03-2018 11:20:13 )
Der Bericht über Blaze Foley, sehr gut verfasst und recherchiert Martin Wimmer. Zu Blaze Foley: Wir wollten einen angesagten Künstler, der Blaze Foley interpretiert, ins Maximal Kulturinitiative Rodgau e.V. auf die Bühne holen, haben aber keinen passenden Termin gefunden. Viele Grüße, Klaus Faust

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erstellt am 21.3.2018

Carmen und Kai Nees
Blaze Foley
Ein Außenseiter, der zur Legende wurde
Taschenbuch, 222 Seiten, zahlreiche Farbfotos
Carmen Nees Verlag, Rödermark 2018

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