Alle wollen in die Städte. Auch in Ländern des globalen Südens ist die Landflucht eine der größten Herausforderungen. Der haitianische Autor Lyonel Trouillot hat sich in seinem Roman Yanvalou für Charlie, der im Liebeskind-Verlag erschienen ist, mit diesem Thema auseinandergesetzt und einen zeitlos relevanten Roman geschrieben.

Buchkritik

Gespaltene Identitäten

Vornamen können verräterisch sein. Sie geben eventuell mehr über die eigene Herkunft preis, als der so Gerufene öffentlich zeigen will. Diese Ambivalenz nutzt der haitianische Autor Lyonel Trouillot in seinem im Liebeskind Verlag erschienenen Roman „Yanvalou für Charlie“, um im postkolonialen Milieu Haitis bis heute wirksame Klassenkonflikte erkennbar zu machen. „Im Land der Schwarzen“ heißt es gleich zu Beginn, kann ein Händedruck zwischen Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten kompromittierend sein. Auch gelte es als Tabubruch, wenn „ein Schwarzer einen Ort der Weißen betritt.“

In diesem Umfeld hat sich der Jurist Mathurin D. Saint-Fort hochgearbeitet. Als Anwalt für Unternehmensrecht arbeitet er in Port-au-Prince in einer Kanzlei. Den Makel seiner dörflichen Herkunft verbirgt er hinter dem zum Initial verkürzten Zweitnamen. Niemand soll ahnen, dass er einst sein Dorf verließ, um in Port-au-Prince Karriere zu machen. Erinnerung ist für ihn ein Luxusgut, das den sozialen Aufstieg behindert.

In dieser hermetischen Welt gelingt es dem Straßenjungen Charlie, den bürgerlichen Kokon um Mathurin D. Saint-Fort zu durchbrechen. Er dringt bis in die Kanzlei vor und konfrontiert den Juristen vor seinen Kolleginnen mit seinem Kindheitsnamen: „Bist Du Dieufort?“. Die Begegnung wird das Leben Mathurins nachhaltig ändern: „Ich hörte, was er schwieg … als ob es die eigenen Worte sind“. In Charlie offenbart sich das „alter Ego“ des ehrgeizigen Juristen. Charlie weckt Erinnerungen an Menschen, die wie der Alte Gédéon oder die einstige Geliebte Ann aus seinem Dorf noch die „Kunst der Uneigennützigkeit“ beherrschen und ihm rückblickend als einzige „echte Gebende“ erscheinen. Fragen nach dem Sinn des eigenen Handelns inmitten einer korrupten Welt werden wach. Mathurins Leben gerät ins Wanken. Ohne Widerstand wechselt der junge Jurist jetzt Kleider und Namen und begleitet Charlie auf seinem Weg in die Cité Soleil, das größte Slum von Port-au-Prince.

Die Veränderung, die Mathurin durchlebt, verfolgt der Leser zunächst aus der Perspektive des jungen Aufsteigers. Kritisch blickt er mit ihm auf die Menschen, die ihn im beruflichen Leben umgeben. Die Welt teilt sich dort in Pragmatische und Edle, die wie die Kollegin Francine „bis zur Naivität“ an die Kraft der Wahrheit glauben. In emotionslos lakonischem Ton spiegelt Mathurin eine Welt, die er in drei Gruppen gliedert: Reiche, Nicht-Reiche und Fast-Reiche. In ihr wird der Tagesablauf nach der „Mulattenquote im Sportstudio“ geplant, Jägerinnen suchen auf der Straße nach Adoptivkindern, Mandanten sammeln Staatsbürgerschaften und an Geschäftseingängen werden Fußgänger, Rastahaarige und die Träger staubiger Schuhe ausgesperrt. Lyonel Trouillot, der selbst in Haiti lebt und regelmäßig in der nationalen Zeitung „Le Nouvelliste“ zu politischen Ereignissen Stellung nimmt, dechiffriert detailliert die Statussymbole einer postkolonialen Welt.

Schritt für Schritt lenkt Trouillot den Blick zudem in Lebensbereiche, die selbst Einheimische in Haiti meist nur vom Hörensagen kennen. Er nutzt hierfür die Effekte unterschiedlicher Erzählperspektiven. So beschreibt Charlie in der Art des Inneren Monologs sein Leben in einem Kinderheim. In einem impulsiven Gedankenstrom berichtet er von seiner Verlassenheit im Heim und dem Bündnis, das zwischen ihm, dem Jungen Nathanael und zwei schwulen Jungen entstanden ist. Diese Geschichten berühren und machen die Tragik einer Gesellschaft anschaulich, die Jugendliche ohne Perspektive lässt.

Den dramatischen Höhepunkt des ausgezeichnet von den Übersetzerinnen Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz aus dem Französischen übertragenen Romans bildet ein aus auktorialer Distanz geschildertes Treffen in der Cité Soleil. Man meint, den weichen, mit inzwischen unkenntlichen Dingen angereicherten Boden unter den Füßen spüren zu können. Hier, im schmutzigsten Winkel der „Cité Soleil“, hat Charlie sich mit seinen Freunden aus dem Kinderheim verabredet, um einen Geldschatz zu teilen und den Traum von einem Leben in Freiheit zu realisieren.

Doch wenn auch diese Begegnung tragisch endet, entlässt Trouillot, der 2011 für den Prix Goncourt nominiert war und mit zahlreichen internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet worden ist, den Leser nicht ohne positiven Ausklang. Das letzte Kapitel ist Anna gewidmet, der Jugendliebe Mathurins. Hier, in der eingangs so geächteten Provinz, gibt es Stimmen, deren Wort Gehör gegeben werden soll. In Briefen findet nun ein Austausch statt, der Stadt und Land sowie Gegenwart und Vergangenheit verbindet. Erst jetzt kann auch die gespaltene Identität wieder zueinander finden.

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erstellt am 19.3.2018

Lyonel Trouillot
Yanvalou für Charlie
Roman
Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz
Gebunden, 174 Seiten
ISBN978-3-95438-066-4
Liebeskind Verlag, München 2016

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