Franz Kafkas postum veröffentlichtes Romanfragment „Amerika oder Der Verschollene“ erzählt von Ankunft und Abstieg des 16-jährigen Pragers Karl Rossmann im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das Frankfurter Theater Willy Praml adaptiert „Amerika“ zu einem vierstündigen Parcours. Walter H. Krämer hat die facettenreiche Inszenierung besucht.

Theater

Finsternis des modernen Lebens

Spätestens seit Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, geraten der Mythos vom amerikanischen Traum und unser Bild von Amerika immer stärker ins Wanken. Was ist nur los mit Land und Leuten dort und wohin geht die Reise? Und inwiefern sind wir in Europa davon betroffen? Dies ist unbedingt auch ein Thema für das Theater, zumal wenn es für sich in Anspruch nimmt, gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen zu reflektieren. Da ist es gut, sich der Anfänge zu erinnern – sowohl der des Mythos vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten als auch der des Theaters.

Elfriede Jelinek beispielsweise hat seismographisch Entwicklungen in den USA thematisiert und mit ihrer Textfläche „Am Königsweg“ spontan reagiert, die kongenial von Regisseuren bildmächtig umgesetzt wurde. Ganz anders das Frankfurter Theater Willy Praml. Hier ging man grundsätzlicher zu Werke und startete mit der Inszenierung von Edward Albees „Zoogeschichte“ und der Theatralisierung von Walt(er) Whitmans Gedichten – in Amerika kennt ihn fast jedes Kind, hierzulande wird er bisher kaum gelesen! – eine Beschäftigung mit dem Traum und Trauma eines demokratischen Amerikas. Diese Auseinandersetzung setzt das Theater jetzt mit einer Adaption des Romanfragments „Amerika oder Der Verschollene“ von Franz Kafka fort.

Franz Kafka, „Amerika oder Der Verschollene“, Erstausgabe von 1927 © Foto H.-P.Haack
Erstausgabe von 1927 © Foto H.-P.Haack

Der Roman „Amerika oder Der Verschollene“, entstanden zwischen 1911 und 1914 und von seinem Freund und Herausgeber Max Brod postum 1927 veröffentlicht, beginnt mit der Einfahrt des 16-jährigen Karl Rossmann aus Prag in den Hafen von New York, in dem er die „schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin“ erblickt. Der 16-Jährige wurde von seinen Eltern nach Amerika geschickt, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte. Ihm, dem erzwungenermaßen Ausgewanderten, erscheint Amerika als Sehnsuchtsort – als ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Ort an dem Glück, Erfolg und Reichtum winken.

Im Hafen von New York angekommen, trifft er noch auf dem Schiff seinen Onkel, der schon vor Jahren nach Amerika ausgewandert war. Dort ist er reich geworden und jetzt ein angesehener Geschäftsmann. Eine Zeitlang kann Karl bei ihm unterkommen. Vom Onkel auf die Straße gesetzt, lernt Karl zwei Landstreicher kennen, einen Franzosen und einen Iren, die sich seiner annehmen. Wegen des Iren verliert er seine Anstellung als Lift Boy in einem Hotel. Gegen seinen Willen wird er in der Wohnung, die sich die beiden Landstreicher mit der Sängerin Brunelda teilen, als Diener angestellt und ausgenutzt. Gegen Ende des Romans entdeckt Karl ein Plakat für ein Theater in Oklahoma, das allen Menschen Beschäftigung verspricht. Karl wird nach einer ausführlichen Befragung von den Werbern des Theaters aufgenommen, freilich nur „für niedrige technische Arbeiten“. Auf der zwei Tage und zwei Nächte dauernden Zugfahrt nach Oklahoma begreift Karl zum ersten Mal die „Größe Amerikas“.

Für den Regisseur Willy Praml ist Kafkas Romanfragment ein Bildungsroman, in dem ein „unendlicher Abstieg ins Nichts“ geschildert wird. Kafkas Held erlebt Ungleichheit, Unfreiheit, soziale und wirtschaftliche Not. Er begegnet einem Amerika, das ihn nicht aufsteigen, sondern ihn in „die Finsternis des modernen Lebens“ hinabsteigen lässt. Er wird mehr und mehr beiseitegeschoben. Bleibt ein Fremder im fremden Land und ist – von der Heimat aus gesehen – längst der Verschollene! Der Versuch, ein neues Leben zu beginnen, scheint zu scheitern. Das moderne, verheißungsvolle Paradies Amerika, die „Neue Welt“, steht nach Ansicht von Willy Praml für einen Bildungsweg, der dem Lernenden keine fortschreitende Entwicklung mehr offen hält – ganz im Gegenteil zu dem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Johann Wolfgang von Goethe, – vom Theater Willy Praml vor Jahren ebenfalls für die Naxoshalle adaptiert und als Parcours inszeniert. Bei Goethe verlässt der Protagonist das Theater, um sich in der Welt zu bewähren. Bei Kafka scheitert er in der Welt und sieht (s)einen Ausweg am Theater.

„KAFKA/MERIKA – Der Verschollene“, Theater Willy Praml, Frankfurt. Foto: Seweryn Zelazny

Gleich in zweierlei Hinsicht ist die Inszenierung von „KafkA/merika“ durch das Theater Willy Praml bemerkenswert. Einmal durch die gelungene Adaption des Romanfragments als Textgrundlage für die Inszenierung – verantwortlich dafür Michael Weber – und zum anderen durch die Umsetzung als Parcours durch die Naxoshalle und umliegende Gebäude. So wird die Reise des Karl Rossmann durch die Niederungen Amerikas auch für die Zuschauer*innen zu einer Reise mit insgesamt acht Stationen und Szenen (Der Heizer – Der Onkel – Landhaus bei New York – Auf dem Weg nach Ramses – Hotel Occidental – Der Fall Robinson – Vorort von New York und Naturtheater von Oklahoma).

Der Parcours beginnt im Theaterfoyer, führt über die Dachterrassen der benachbarten Genossenschaftshäuser wieder zurück in unterschiedliche Räume der großen Industriehalle. Die Architektur der Halle bleibt in ihrer Ursprünglichkeit erhalten und spielt als Kulisse mit. Kein üblicher Theaterraum mit Guckkastenbühne also. Dadurch eröffnen sich für die Zuschauer*innen immer wieder neue Sichtweisen, Raumerfahrungen, Blickachsen und Assoziationsräume. Gleich in der ersten Szene – Der Heizer – wähnt man sich durch die umgebende Architektur mit ihren Heizungsrohren und Treppenaufgängen im Bauch eines Schiffes. Ahnt bei dem Blick über die Dächer der Stadt etwas von der Größe New Yorks und vermutet im gegenüberliegenden Gebäude wahrhaft das Hotel Occidental.

Die Zuschauer*innen werden Zeuge, Mitwisser und auch Begleiter des Karl Rossmann. Dieser ist gleich dreifach besetzt mit den Schauspielerinnen Virginia V. Hartmann, Elisabeth Marie Leistikow und Anja Signitzer. In gleichen Kostümen (Paula Kern) mit großem glitzergoldenem Pullover, Mickey Mouse–Shirt, Kniestrümpfen, Wanderstiefeln und Hochfrisur verschmelzen sie zu einer leicht androgynen Figur. Spielerisch und sprachlich alle drei eine Augen- und Ohrenweide – und gleich in der Anfangsszene auf mehrere Leinwände projiziert. Karl Rossmann wird also nicht als eigenständiger Charakter inszeniert, sondern steht für viele und dient als Projektionsfläche.

Neben vielen Orts- und Szenenwechseln gibt es diesen auch bei den Kostümen, da die Schauspieler*innen Birgit Heuser, Jakob Gail, Muawia Harb, Ibrahim Mahmoud, Claudia Vilardo und Michael Weber gleich in mehreren Rollen besetzt sind. Ein Kostüm, das besonders herausragt, ist das Kostüm von Brunelda (dargestellt von Birgit Heuser): Eingezwängt in ein rosafarbenes Kleid über einem Fatsuit und mit Turban, spielt sie matronenhaft diese abgehalfterte Sängerin und schreit immer wieder nach ihrem Parfüm! Wahrhaft enervierend und absturzgefährdet.

„KAFKA/MERIKA – Der Verschollene“, Theater Willy Praml, Frankfurt. Foto: Seweryn Zelazny

Die Faszination, die moderne Medien auf Kafka ausübten, findet sich in dem gut vierstündigen Theaterabend insofern wieder, als dass das Ganze als ein multimediales Spektakel inszeniert ist. Die Zuschauer*innen werden mit Kopfhörern ausgestattet, zwei Kameraleute (Rebekka Waitz und Vincent Jost) begleiten die Reise und produzieren die Bilder live vor Ort. Außerdem gibt es einen Blick über die Stadt und ein Kino im Theater.

Die Zuschauer betreten den Kinosaal, Karl als Lift Boy eingekleidet spielt diverse Rags von Scott Jopin auf dem Klavier (in Wahrheit kommen sie vom Band!) und lauscht der Geschichte von Therese (Elisabeth Marie Leistikow), die von Hunger und Kälte in New York und dem Tod ihrer Mutter erzählt. Der vorproduzierte Film (Rebekka Waitz) zeigt den auf- und abfahrenden Fahrstuhl mit Gästen des Hotels Occidental. Und immer wieder auch Karl als Lift Boy, sodass ein Wechselspiel zwischen Film und Theater entsteht. Im Film tauchen sie alle wieder auf, die Helden und Mythen des amerikanischen Traums, denen man schon in der Produktion von „Walt Whitman. Amerika erklären“ begegnen konnte: der Kriegsveteran, Astronaut Armstrong, Shirley Temple, Laurel und Hardy, Cowboy und Indianer, Abraham Lincoln, die Mayflower, Chips und Coca-Cola.

So schließt sich ein Kreis von insgesamt drei Inszenierungen – Edward Albee, „Die Zoogeschichte / „Walt Whitman. Amerika erklären“ und „KafkA/merika. Der Verschollene“ – zu einem, zunächst gar nicht vorgesehenen, Triptychon. Alle drei werfen einen unterschiedlichen Blick auf den Mythos vom amerikanischen Traum und werden für die Zuschauer*innen zu einer facettenreichen Reise durch das Land der dann doch begrenzten Möglichkeiten. Keine Hoffnung nirgends – weder für Karl Rossmann noch für Amerika?! Wir werden sehen.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 19.3.2018

„KAFKA/MERIKA – Der Verschollene“, Theater Willy Praml, Frankfurt. Foto: Seweryn Zelazny

Theater in Frankfurt

KAFKA/MERIKA

Regie Willy Praml
Bühne Michael Weber
Kostüme Paula Kern

Mit Jakob Gail, Muawia Harb, Virginia V. Hartmann, Birgit Heuser, Elisabeth Marie Leistikow, Ibrahim Mahmoud, Anja Signitzer, Claudio Vilardo, Michael Weber

Theater Willy Praml