„Die Orestie“ ist eine der wenigen erhaltenen Tragödien des produktiven und schon zu Lebzeiten sehr erfolgreichen Dramatikers Aischylos. Antú Romero Nunes hat die antike Tragödie am Wiener Burgtheater inszeniert. Es gelingt ihm, archaische Bilder auf drastische Weise vorzuführen und gleichzeitig zu brechen, meint Elvira M. Gross.

Theater

Durch Leiden lernen?

Was vermag Theater, heute? Die einstige Vorstellung, ein für das Theater geschriebenes Werk könne erzieherisch auf die Gesellschaft einwirken, durch seine mediale Kraft Werte generieren, die den Menschen, zoon politikon, nachhaltig beeinflussen, eine Vorstellung, die noch Aischylos zur Orestie bewogen hat, ist mittlerweile hinfällig geworden. Menschen gehen ins Theater aus Gewohnheit, der Unterhaltung und persönlichen Bildung wegen, nicht jedoch um auf der Bühne ein Gedankenexperiment durchzuspielen, auf dessen Grundlage politisch relevante Entscheidungen getroffen werden können, wie dies noch im antiken Athen (der polis) der Fall war.

Heute wird in einem „gut“ inszenierten Theaterstück die Anleitung für eine Lesart gleich mitgeliefert, Ambivalentes in die eine oder andere Richtung aufgelöst, sodass am Ende – wie in Turrinis „Fremdenzimmer“ in der Josefstadt – gleichsam ein fest geschnürtes Moralpaket mit nach Hause genommen und dort abgelegt werden kann. Wie wohltuend ist da eine Inszenierung wie jene von Antú Romero Nunes, die auf eine „Aktualisierung“ des antiken Stoffes verzichtet, rätselhaft bleibt und dabei so klar und eindringlich zeigt, was existentiell nach wie vor bewegt: die Frage von Unrecht und Recht, Macht und Ohnmacht, der unersättliche Durst nach Rache, Schicksal und Selbstbestimmung.

Die Orestie ist eine der wenigen erhaltenen Tragödien des bereits zu Lebzeiten äußerst erfolgreichen und produktiven Dramatikers Aischylos, eine Trilogie, bestehend aus den drei Einzelstücken Agamemnon, Choephoren und Die Eumeniden, die ursprünglich mit einem Satyrspiel endet: Humor möge emotionale Wogen glätten.

Szenenfoto „Die Orestie“ © Reinhard Werner/Burgtheater

Antú Romero Nunes’ Inszenierung legt den Fokus auf den der Tragödie zugrunde liegenden Gegensatz zwischen Kollektiv und Individuum, verkörpert durch Chor und Schauspieler, er lässt die einzelnen Darsteller aus dem kommentierenden Chor heraustreten, anschließend in diesem wie in einer amorphen Masse wieder verschwinden. Ein Gegensatz, der sich selbst aufhebt: Die Beobachtenden als Kollektiv wechseln zu Akteuren und werden damit wiederum selbst beobachtet.

So sind auf einer nur schwach beleuchteten Bühne sieben zombiehaft geschminkte Schauspielerinnen zu sehen, die den Chor der Erinnyen, der Rachegöttinnen, bilden. Von dort, von der Rache, geht alles Agieren und Negieren aus. In hautengen Anzügen, mit blutroten Lippen und aschblonden filzigen Haarresten deklamieren sie die Geschichte des Trojanischen Kriegs, berichten verstörend monoton von Agamemnons Opferung seiner Tochter Iphigenie, um die Göttin Artemis zu befriedigen, damit günstige Winde das Auslaufen der Kriegsflotte gen Troja sicherstellen. Diese Tat legt den Grundstein für die Racheakte, die nun folgen: Der Herrscher von Argos, nach zehn Jahren aus dem Trojanischen Krieg in sein bereits fluchbeladenes Haus zurückgekehrt, wird zwar von seiner mit Aigisthos im Ehebruch lebenden Frau Klytaimnestra ehrerbietig empfangen, doch schon im nächsten Moment wandelt sich der auf der Bühne ihm zu Ehren ausgelegte rote Teppich zu einer Flut schwarzen Bluts: Der so triumphale Agamemnon, dessen Heroik Maria Happel in laschem Ganzkörpergummianzug und überdimensionalen Plateauschuhen karikiert, wird von Klytaimnestra (Caroline Peters) im Bad ermordet. Die Tat bleibt nicht ungesühnt, der heimgekehrte Sohn Orest (Aenne Schwarz) wird von seiner Schwester Elektra (Lisa Fritsch) angestachelt, Rache für den Tod des Vaters zu nehmen und seine Mutter – sowie ihren Liebhaber – zu töten. Das wiederum wiegelt die Erinnyen (dritter Teil) auf, deren Rachelust Pallas Athene, Göttin der demokratischen Polis, in einem Dea-ex-machina-Auftritt ein Ende setzt: Aus den Rasenden werden Wohlmeinende, die Eumeniden, das sinnlose Morden wird beendet und patriarchale Gerichtsbarkeit – trotz Nunes’ reiner Frauenbesetzung – eingeführt. Doch ist die Rache damit besiegt?

Antú Romero Nunes gelingt es, archaische Bilder auf drastische Weise vorzuführen, gleichzeitig zu brechen, sie in ihrer Ambivalenz zu einem Teil menschlichen Lebens zu machen. Die parataktische Formel, die motivisch die Handlung begleitet, tun – leiden – lernen, bleibt weiter zu hinterfragen.

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erstellt am 08.2.2018

Szenenfoto „Die Orestie“ © Reinhard Werner/Burgtheater

Theater in Wien

Die Orestie

von Aischylos
Deutsch von Peter Stein

Regie Antú Romero Nunes
Bühne Matthias Koch
Kostüme Victoria Behr
Musik Thomas Kürstner und Sebastian Vogel
Dramaturgie Klaus Missbach

Besetzung Sarah Victoria Frick, Maria Happel, Caroline Peters, Barbara Petritsch, Aenne Schwarz, Irina Sulaver, Andrea Wenzl

Burgtheater