Textland

Zombie Groove

„Die Fiktion ist die einzige Chance für den Loser, Geschichte zu schreiben.“ – „Johnny Ruin“, das Romandebüt des Londoner Schriftstellers und Journalisten Dan Dalton, taugt als literarische Zwischenmahlzeit.

In „Johnny Ruin“ variiert, modernisiert und lyncht Dan Dalton Jack Kerouacs „Unterwegs“. Sein Neal Cassady heißt Jon Bon Jovi, könnte aber auch Sundance Kid heißen. Im Dalton Universum könnte alles ganz anders sein. Der Erzähler entspannt unter kalifornischen Mammutbäumen, die er noch nie gesehen hat. Er gibt dem Roman seinen Schelmennamen. Der von ihm vielleicht um die Ecke gebrachte Jugendfreund Paul kehrt als blinder Passagier zurück an Bord und reist mit Johnny, Jon Bon Jovi, dem Hund Fisher und der Geliebten Sophia von der amerikanischen Westküste zum Atlantik vielleicht nur in einer Phantasiephantasie. Die Fiktionalisierung der Fiktion soll der Fiktion Realitätskraft geben. Manchmal gelingt das.

Paul hatte nie einen guten Musikgeschmack. Er verlor seine Unschuld zu Senza Una Donna, auf dem Rücksitz des Ford Transit seines Vaters.

„Komm für mich, Baby“ – Sophia „ist nicht wirklich hier“, also da in der Gegenwart des Erzählers. Trotzdem gibt Johnny ihr nach, wenn sie von ihm verlangt, für ihn zu kommen oder mit ihm zu singen. Dalton erzählt wie aus einer nörgelnden Seitentasche der Wirklichkeit. Der ungesicherte Gegenstand seiner Rede ist eine Reise. Von der Innenwelterkundung bis zum bloßen Rauschzug wird jeder Trip im Trip mit Beatnik Metaphorik ziseliert. Dalton transportiert ein Genre, dessen Manifeste an mechanischen Schreibmaschinen entstanden, in die SMS-Ära. Dazwischen liegen fünfzig Jahre, die dem Beat nicht gut bekommen sind.

Beim Sex sind Ellbogen im Weg. „Asche fällt wie Schnee vom Himmel.“ In Iowa tanzen Blitze am Horizont zu einem Zombie Groove. „Graue Gestalten (die Unrechten) bewegen sich ungesehen.“ Die Straße „ist übersät mit verlassenen Autos“. Das sind natürlich Zitate, montiert zu einer Collage voller Zeitsprünge. Johnny geht mit Jon Bon Jovi sein Leben durch. Seit dem Erscheinen von „Cross Road“ 1994, lässt sich Johnny von Bon Jovi hochstimmen. Der Musiker erleidet am Steuer, auf dem Beifahrersitz oder am Straßenrand das Schicksal alternder Stars. Jeden Tag könnte ihn jemand oder etwas von der Bühne des Lebens nehmen. Was dann?

Johnny darf man das nicht fragen. Er verlässt sich auf eine halluzinogene psychotrope Substanz, um in Form zu bleiben. Er weiß vielleicht noch gar nicht, dass Scheitern dem Leben Sinn gibt. Wer besser scheitert (Beckett), muss noch mal antreten. Fisher weiß es.

„Er hält alles für ein Spiel.“

Dan Dalton, Johnny Ruin, Roman, aus dem Englischen von Marion Hertle, Tempo bei Hoffmann und Campe, 223 Seiten

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erstellt am 02.2.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.