Dass die Zeit die zeitgenössischen Kunstwerke mit der Zeit in zu recht zu vergessende und in als Kulturgüter zu bewahrende sortiert, ist zu jeder Zeit unrecht, ungerecht und unter Qualitätskriterien unverantwortlich. Hans-Klaus Jungheinrich zieht musikalische Werke ans Licht, die die blinde und taube Zeit glaubte ignorieren zu müssen, diesmal Highlights der Oper Frankfurt und Jaromir Weinbergers „Wallenstein“.

CD-Empfehlungen

Fokus auf das Seltene

Es wurde immer lebhaft bedauert, dass von der Frankfurter Opernära von Michael Gielen und Klaus Zehelein (1977-87) kaum Zeugnisse auf Tonträgern zustande kamen. Diese Pionierjahre einer radikal erneuerten Opernkunst – in ihren Innovationen überhaupt triftiger als mit der Organisationsstärke der Macher – versäumten die Zusammenarbeit mit einer Plattenfirma und vermochten nicht einmal, den nahen Hessischen Rundfunk als Partner regelmäßiger Dokumentation zu gewinnen. Das ist nun in der auf ruhigere Art ähnlich bedeutenden Amtszeit Bernd Loebes ganz anders geworden. Mit Freude und Staunen registriert man die inzwischen stattliche Batterie der Gesamtaufnahmen aus dem Frankfurter Opernhaus, die, fürwahr eine sprudelnde Kraftquelle, in gefällig-gediegener Ausstattung (variabel und dennoch wiedererkennbar gewissermaßen als „Zyklus“ aufgemacht) bei dem auch ansonsten interessanten Label Oehms Classics erschien. Diese Editionen sind in zweierlei Hinsicht von besonderem Wert: Als willkommene Erinnerungsobjekte für die dem Haus verbundenen Opernbesucher (sie kommen ja nicht nur aus der Region) und als eine allgemeine Bereicherung des diskographisch verfügbaren Opernrepertoires. Denn die Veröffentlichungspraxis, die selbstverständlich nur einen kleineren Teil der rund ein Dutzend umfassenden jährlichen Neuproduktionen berücksichtigt, setzt deutliche Akzente – die gängigen Schlachtrösser tauchen kaum auf, das Seltenere, noch wenig auf CDs Erhältliche, wird favorisiert.

Sebastian Weigle, Foto: Wolfgang Runkel
Sebastian Weigle, Foto: Wolfgang Runkel

Mag sein, dass dabei dem Chefdirigenten und Generalmusikdirektor Sebastian Weigle eine informelle Starrolle eingeräumt wird. Verdientermaßen, denn seine ebenso brillanten wie besonnenen Wiedergaben zeigen einen nachdrücklich talentierten, dramatisch involvierten Theatermusiker von hohen Graden. Man ist versucht, ihm ähnliche Neigungen wie Christian Thielemann zu attestieren, also einen auffälligen Wagner/Strauss-Schwerpunkt, jedenfalls eine deutliche Dominanz des deutschen Repertoires. So fackelte er nicht lange, bis in Frankfurt ein neuer „Ring des Nibelungen“ unter seiner musikalischen Leitung fertig und bei Oehms veröffentlicht war – eine imponierende Schmiedearbeit, schon die zweite am selben Ort nach dem allzu schnell vergessenen Gielen-„Ring“ in den 1980ern. Man kann behaupten, dass diese Tetralogie nun bereits in unzähligen Interpretationen auf dem Markt figuriert, aber anscheinend geht sie ab wie warme Semmeln (dem allerersten Komplett-„Ring“ von Culshew und Solti bei DECCA wurden vor einem guten halben Jahrhundert 30 verkaufte Exemplare prophezeit). Doch Weigle beließ es nicht beim kanonischen Wagner-Œuvre; mit Verve nahm er sich auch der frühen Opern des Bayreuther Meisters an und demonstrierte ihre enge Verwandtschaft mit Rossini, Weber oder der französischen Grand’Opéra Meyerbeers.

Schwungvolle Ouvertüre

Auf den drei sorgfältig einstudierten konzertanten Aufführungen von „Die Feen“, „Liebesverbot“ und „Rienzi“ basieren die derzeit einsam überragenden CD-Einspielungen dieser Opern überhaupt. Ein bisschen banal ist es, sie stets am „authentischen“ späteren Wagner zu messen – in der Tat war Wagners stilistischer Weg zum „Parsifal“ lang und seine Lern- und Wandlungsfähigkeit immens. Übertrieben aber auch das Votum Hans von Bülows, der „Rienzi“ als „die beste Oper Meyerbeers“ ansah – Meyerbeers „Le Prophète“ und „Les Huguenots“ sind doch wohl noch ein wenig besser, vor allem mit ihren politisch klugen Sujets, während sich die blutrünstig-suizidale Heldengeschichte des römischen Tribunen in identifikatorischen Klischees verfängt, die sehr leicht einen Adolf Hitler zu motivieren vermochten, der sich gerne auch an der plärrig-pathetischen Triumphmusik des „Rienzi“ weidete. Wenn der etwas krude Begriff „Theatersinn“ etwas zählt, dann ist bereits der Wagner des „Rienzi“ mit ihm überreichlich ausgestattet. Die schwungvolle Ouvertüre ist so umwerfend-unverschämt eingängig wie kaum etwas vom nachherigen Wagner – und Sebastian Weigle bleibt dabei keine effektvolle Wendung schuldig. Große Oper in virtuos-tumultuöser, auch konfliktuöser Heiterkeit und Festlichkeit ist die Shakespeare-Adaption „Liebesverbot“ (nach „Maß für Maß“), gleichsam eine monumentale Vorstudie und südländische Präfiguration der (noch weit entfernten) „Meistersinger“-Sphäre. Mehr romantisches claire obscure gibt es in den kaum weniger umfangreichen „Feen“, Wagners an Weber und Marschner anknüpfender erster fertiggestellter Oper aus den frühen 1830er Jahren. In allen drei Fällen beeindruckt die großartige Leistung des umfangreichen, bis in kleine Partien minuziös abgestimmten Sängerensembles (darunter exzellente Bühnenstimmen wie Juanita Lascarro, Brenda Rae, Michael Nagy, Alfred Reiter, Falk Struckmann, Claudia Mahnke). Der Gestalt des Rienzi hätte man noch ein strahlender-autoritatives Tenorformat gewünscht. Peter Bronders schlanke Charakterstimme wirkt als Lucio im „Liebesverbot“ prägnanter.

Bronder singt auch den Palestrina in der schwergewichtig-philosophischen gleichnamigen Künstleroper von Hans Pfitzner, deren Frankfurter Version mit dem Dirigenten Kirill Petrenko wohl die bislang inspirierteste und enflammierendste dieses Werkes ist. Was die Verkörperung der Titelrolle in Frankfurt betrifft, wirkte der Premierensänger Kurt Streit unbedingt facettenreicher und viriler; die „leichtere“ Stimme Bronders nähert sich mehr den resignativen Altersdarstellungen Julius Patzaks und Peter Schreiers als der tenoralen Ungefährdetheit, Untadeligkeit Nicolai Geddas. In einem plausiblen Fall griff die Editionsreihe noch zurück auf eine Erfolgsproduktion von vor der Jahrtausendwende: „Die Frau ohne Schatten“ von Strauss, nun mit Sebastian Weigle am Pult, gehört mit den Sängern Tamara Wilson (Kaiserin), Terje Stensvold (Barak), Sabine Hogrefe (Färberin), Tanja Ariana Baumgartner (Amme) und Burkhard Fritz (Kaiser) zu den Trouvaillen der letzten Frankfurter Opernjahrzehnte. Ebenfalls als „philosophische“ Oper müssen, trotz des Märchenkolorits, Humperdincks „Königskinder“ wahrgenommen werden. Ebenfalls offenbar eine Herzensangelegenheit von Weigle, der den gedankenreichen dreiaktigen Bilderbogen (er erinnert an Jugendstiltableaus von Jugend – Mitte des Lebens – Alter und Tod) in seinem Gang aus heller Naturlyrik zu abgründiger Wintertrauer liebevoll nachzeichnet, in den Hauptrollen Daniel Behle, Amanda Majeski (eine Spur zu „neckisch“) und Nikolay Borchev als Spielmann.

Weigles erste Premiere in Frankfurt galt vor zehn Jahren dem spektakulären „Lear“ von Aribert Reimann mit vorzüglichen Vokalisten wie Wolfgang Koch und Johannes Martin Kränzle. Nicht weniger attackierend „Medea“ vom selben Komponisten und diesmal mit dem Dirigenten Erik Nielsen. In der luziden Orchesterarbeit – beißende Dissonanzen, markerschütternde Cluster-Tutti, aber auch selbstvergessene Instrumentalsoli, etwa die brunnentiefen Flötenpassagen gegen Ende des ersten Teils – sind die Interpretationen einander ebenbürtig. Reimanns Opernduktus speist sich indes durchweg aus Vokalität – immer ist es der noch so expressiv verzerrte oder äquilibristisch-artifizielle Gesang und kaum ein „symphonischer“ Gestus, der das Drama (oder dessen lyrische Ruhestrecken) bestimmt. Das macht Reimanns Opernkunst unverwechselbar. Schön, wenn es eine Fortsetzung der Frankfurter Reimann-Aktivitäten gäbe. Es warten vor allem „Troades“ und „Bernarda Albas Haus“. Nicht nur im Vorübergehen soll eine der neuesten Oehms-Hervorbringungen erwähnt werden: die CD-Kassette mit dem „Graf von Luxemburg“, einer der zündendsten Operetten von Franz Lehár. Operetten werden (auch) in Frankfurt allenfalls peripher gepflegt; umso dankbarer ist man für diese brillante Aufzeichnung einer Neujahrsproduktion von 2017. Mit Daniel Behle und Camilla Nylund stellt sich ein veritables Sängerpaar vor. Und unter der Leitung von Eun Sun Kim agieren Chor und (Opernhaus- und Museums-)Orchester so taufrisch und enthusiastisch, als hätten sie die schmissig-süffige Lehármusik gerade eben selbst erfunden.

Aparte Mischung

Verlassen wir die Oper Frankfurt mit Oehms und verabschieden wir uns mit einer anderen Musiktheater-Rarität, der bis vor kurzem „unentdeckten“ Oper „Wallenstein“ des einst mit seinem „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ hochberühmten tschechisch-jüdischen Tonsetzers Jaromir Weinberger (der 1967 als Vergessener im amerikanischen Exil starb). Der auf der Nazi-Kulturszene verfemte und auch nach dem Kriege unbeachtete „Wallenstein“ erlebte vor einigen Jahren am Theater Gera/Altenberg eine respektable Wiederaufführung. Jetzt bekümmerte sich prominent das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien mit einem potenten Sängerteam (in der Titelrolle der voluminöse Roman Trekel) und dem phänomenalen Dirigenten Cornelius Meister um das lohnende Werk, das man als Hörer kaum mit dem folkloreseligen, unbeschwerten „Schwanda“ in Verbindung bringen würde. Weinberger findet einen „Historien“-Stil, der sich von tonalitätssprengenden Konzepten wie Hindemiths „Mathis“ oder gar Kreneks „Karl V.“ freihält, aber dennoch an expressiver Wucht und tonsprachlicher Grandeur kaum zurückbleibt. Neben Landsleuten wie Smetana und Dvorák mögen Zeitgenossen wie Strauss und Schreker, vor allem aber der ähnlich klangsinnlich bewegte Erich Wolfgang Korngold, Vorbilder gewesen sein. Eine aparte Mischung. Ein durchaus persönlich anmutendes Idiom. Der Bildungsbeflissene freut sich überdies, bekannte Klassikerzitate hier wiederzufinden wie „Ich kenne meine Pappenheimer“ oder „Ich gedenke einen tiefen Schlaf zu tun“.

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erstellt am 19.1.2018

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