Mit „Begegnungen“ zeigt das Stuttgarter Ballett eine Wiederaufnahme von zwei einstündigen Stücken: John Crankos „Initialen R.B.M.E.“ von 1972 und Jerome Robbins' „Dances at a Gathering“ aus dem Jahr 1969. Die Musik von Brahms und Chopin verbindet die beiden Stücke im Zeichen der Romantik. Thomas Rothschild hat den Ballettabend besucht.

Ballett

Die Anmut des Flirts

Während der designierte Chef des Stuttgarter Balletts Tamas Detrich schon ein halbes Jahr vor Amtsantritt für Unruhe sorgt mit der Ankündigung, dass er nach den Choreographen Demis Volpi und Marco Goecke auch mehreren Tänzerinnen und Tänzern kündigen werde – Machtausübung am Theater fängt nicht erst dort an, wo eine unerwünschte Hand auf einem fremden Knie landet, aber um sich gegen Kritik abzusichern, hat Detrich sogleich hinzugefügt, dass er nicht mehr Mitglieder der Compagnie entlassen werde als sein Vorgänger Reid Anderson –, erinnert die Wiederaufnahme von zwei einstündigen Balletten an die große Tradition der Stuttgarter Truppe. In John Crankos „Initialen R.B.M.E.“ von 1972 stehen diese, die Initialen, für die Vornamen von Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen. Ihnen sind Soli auf den Leib geschrieben. Das Stück „Initialen R.B.M.E.“ ist sozusagen John Crankos „Ritter, Dene, Voss“, aber wie bei Thomas Bernhards Huldigung an die drei Schauspielstars deren Rollen nachgespielt werden, können auch die Parts von Cragun, Keil, Haydée und Madsen von anderen nachgetanzt werden.

Zurzeit sind es Adhonay Soares da Silva, Elisa Badenes, Alicia Amatriain und Moacir de Oliveira, die, nicht zum ersten Mal, in die Fußspuren ihrer legendären Vorgänger treten. Die Musik liefert Johannes Brahms. Sein Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83 wird vom Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle, dem Spezialisten für Ballettabende, mit Andrej Jussow so differenziert gespielt, als dürfte man mit der vollen Aufmerksamkeit des Publikums rechnen, das freilich von der Bühne abgelenkt wird.

Vor der Pause steht ein Ballett auf dem Programm, das seine Uraufführung nur drei Jahre vor „Initialen R.B.M.E.“ erlebt hat, allerdings weit entfernt, in New York. In Stuttgart wurde es 2002 erstaufgeführt. Dass Jerome Robbins weit über den Kreis der Ballettenthusiasten hinaus bekannt ist, verdankt er dem Film „West Side Story“. Mit seinen Choreographien für Leonard Bernsteins Musical allerdings hat „Dances at a Gathering“ nichts zu tun. Dieses Ballett ist näher an Böcklin als an Brooklyn oder Manhattan. Die Musik von Chopin – am Klavier virtuos: Alexander Reitenbach – verbindet die beiden Stücke des Abends im Zeichen der Romantik.

„Dances at a Gathering“, Tänzer: Moacir de Oliveira, Jason Reilly, Friedemann Vogel, Alicia Amatriain, Adhonay Soares da Silva, Elisa Badenes, Sinéad Brodd, Hyo-Jung Kang, Veronika Verterich © Stuttgarter Ballett

Hier zählt Anmut, nicht die Groteske, die in neueren Stuttgarter Choreographien vorherrscht. Das Ballett von Jerome Robbins handelt, mehr noch als „Initialen R.B.M.E.“, vom Werben, vom Flirten, vom Verführen. Aber ist das nicht eine der Grundlagen des Balletts, ja des Tanzes überhaupt? War das, inklusive der Anbahnung von Ehen in „besseren Kreisen“, also der Reglementierung von Besitz und Sexualität, nicht der eigentliche gesellschaftliche Zweck von Bällen? Die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts gibt darüber Auskunft.

Jerome Robbins macht Anleihen beim Volkstanz, aber seine „Dances at a Gathering“ wirken doch, anders als „West Side Story“, ziemlich aseptisch. Kaum vorstellbar, dass eine Tänzerin oder ein Tänzer Achsel- oder Mundgeruch ausstrahlt. Das ist die magische Kraft der Kunst. Man kann sich ja auch kaum vorstellen, dass der Schöpfer dieses zärtlichen, freundlichen Balletts während der Verfolgungen unter Senator McCarthy mehrere Kollegen denunziert hat.

Die beiden Stücke des Abends kontrastieren nicht so sehr im Stil wie im Format. Während Robbins mit zehn Tänzern auskommt, arbeitet Crankos Ballett mit großer Besetzung. Zu sehen ist eine getanzte Partitur, freilich nicht in dem simplen Verständnis, dass Instrumente und Instrumentengruppen durch Formationen verdoppelt würden. So wird das Solocello im dritten Satz von Brahms‘ Klavierkonzert nicht etwa von einem Solotänzer, sondern von einem Paar mit dem Ensemble visualisiert. Hingegen übernimmt die Choreographie die Punktierungen des vierten Satzes durch sinnfällige hüpfende Bewegungen. Anders, so meint man, kommt diese Musik nicht in menschliche Körper.

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erstellt am 19.1.2018

„Initialen R.B.M.E.“, Tänzer: Jessica Fyfe, Daniele Silingardi, Louis Stiens, Shaked Heller © Stuttgarter Ballett

Ballettabend

Begegnungen

Choreographien von Jeroma Robbins („Dances at a Gathering“) und John Cranko („Initialen R.B.M.E.“)

Musikalische Leitung James Tuggle, Wolfgang Heinz

Stuttgarter Ballett