Textland

Monotoner Froschgesang

In seinem Briefroman „Die Hoffnung“ erzählt der dänische Autor Mich Vraa von den Fallstricken der Macht und der Armseligkeit guter Vorsätze.

Afi ist schön und klug. Ihr Herr händigt die Haussklavin einem Abolitionisten aus, um zu sehen, was passiert. Afi wirkt naturgemäß aufreizend. Dazu kommt die Macht aus weißen Vorrechten als berauschender Faktor.

„Während ich sie betrachtete, ging mir ein merkwürdiger Gedanke durch den Kopf. Gehörte sie jetzt mir?“

*

Die Spanier gaben ihren neuweltlichen „Entdeckungen“ bombastische Namen. Ihnen voran ging der Genuese Kolumbus. Den größten Landflecken einer Inselgruppe der Kleinen Antillen nannte er 1493 Santa Ursula y las Once Mil Vírgenes. Die Conquista unterbrach die Verdrängung der ursprünglichen Bevölkerung durch eingewanderte Kariben. Sie vernichtete die Indigenen mit Arbeit und ersetzte die Verluste mit afrikanischen Sklaven. Das größte Verbrechen des Jahrtausends lässt uns ruhig schlafen, es ist die Grundlage unseres Wohlstands und unseres geräumigen Seelenfriedens. Um es wieder einmal mit Heiner Müller zu sagen: Der Skandal des Holocausts besteht darin, dass er in Europa stattfand. Die Jungferninseln boten sich im 16. Jahrhundert als Piratennester an. Sie waren Dänemarks Platz an der Sonne, wie Bismarck die überseeischen Besitzungen der alten Reiche nannte.

In Dänisch-Westindien spielt der Briefroman „Die Hoffnung“ von Mich Vraa. „Hoffnung“ heißt ein dänisches Sklavenschiff, das anderen Zwecken zugeführt werden soll: nach dem Willen des Königs von Dänemark und Norwegen, der nach einer Frist von elf Jahren 1803 den Sklavenhandel auf eine Liste verbotener Beschäftigungen setzt.

Man müsse jedem Menschen und sei er noch so schwarz einen Funken Hoffnung lassen, um ihn am Leben zu halten. So steht es geschrieben ganz am Anfang. Ich kann mir die schmerbäuchige Schläue eines Kapitäns sehr gut vorstellen, der den Wert seiner Fracht mit einfachsten Mittel zu erhalten bestrebt ist. Die Afrikanerinnen überlässt er der Mannschaft. Wo der erzwungene Beischlaf zu Schwangerschaften führt, steigt der Gewinn. Die vergewaltigten Frauen bringen eine Zwischenklasse zur Welt, die zu den Kolonien gehört wie der Rum. Leider verwendet der Autor ungefiltert das abwertende Herrschaftsvokabular und folgt damit einem Trend. Man sagt jetzt wieder „Neger“ und „Mulatte“, weil man so progressiv ist. Stichwort Linksrassismus. Aber sonst alles mit Sternchen und Unterstrich wegen der linguistischen Emanzipation und der Gender Avantgarde.

Vraa behauptet im Nachwort, er habe mit seiner Wortwahl die Epoche des Romangeschehens heraufbeschworen. Das stimmt nicht. Der Autor verfügt über den allergegenwärtigsten Ikeastil. Das ist reine Leichtbauweise.

Die Tochter des Reeders reist 1803 halbwegs als Gefangene auf der „Hoffnung“ von Kopenhagen via Calais und Christiansborg an der Küste des Golfs von Guinea nach Dansk Vestindien. Maria existiert mit einer ethnischen Differenz zur dänischen Mehrheitsgesellschaft. Unterworfen ist sie Kapitän Wilfred Bernt, der weiter Afrikaner in die Karibik verschleppt. Maria schildert eine üble Erscheinung. Für Bernt ist Maria nur ein „Mulattenmädchen“. Die Anführungszeichen sind von mir.

Maria ist eine gute Beobachterin. Ihr entgeht nicht, wie verstrickt ihr Vater in die Machenschaften der Menschenhändlergilde ist. Sein Reichtum stinkt ihm selbst.

Zwanzig Jahre später erreicht der Journalist Mikkel Eide Charlotte Amalie auf St. Thomas. Die Stadt ehrt in ihrem Namen Charlotte Amalie von Hessen-Kassel (1650 – 1714), eine kurhessische Prinzessin, die im Heiratswege zur dänisch-norwegischen Königin wurde. 1665 hatten sich auf der Insel die ersten Dänen festgesetzt. Einig werden mussten sie sich lediglich mit versprengten und zu kurz gekommenen Holländern, die nichts gegen die liberale, Religionsfreiheit gewährende Verstärkung hatten. Die skandinavische Toleranz sorgte schließlich auch dafür, dass man das dänische Kolonialwesen freundlicher fand als andere Regime. Obwohl die Geschichte von dänischen Despoten auf dem Gouverneursstuhl weiß.

Zulauf garantierten Sträflinge, die den Siedlerstamm bildeten und auf Zuckerrohr Plantagen wirtschafteten. Eide dokumentiert die Koordinaten einer in jeder Hinsicht verfestigten Sklavenhaltergesellschaft, bemerkt aber auch eine Symphonie von Gerüchen und Düften sowie monotonen Froschgesang.

Eide verfolgt eine humanistische Mission. Sein Gastgeber korrumpiert ihn noch nicht mal allmählich. Marcussen fächert die Vorzüge der Vorherrschaft des weißen Mannes auf. Er führt den Idealisten in eine Opiumhöhle mit Bordellfunktion. Er überlässt ihm Afi.

Vraa erzählt mit leichter Hand wie ein Operettenkünstler. Er lässt das Personal zu Wort kommen, in diversen Varianten der Verschriftlichung vom Brief, der nie abgeschickt wurde, bis zum Logbucheintrag. So verschränken sich die Ereignisse, so potenzieren sich ihre dramatischen Potentiale.

Mich Vraa, Die Hoffnung, Roman, aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, Hoffmann und Campe, 432 Seiten

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erstellt am 18.1.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.