Heiner Müller, 1989, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-047 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0
Heiner Müller, 1989, Foto: Bundesarchiv
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Lyrischer Stoizismus

Leben und sterben wie in einem Atemzug – Inge Müller war im Krieg, und Heiner Müller schrieb darüber. Das Maxim Gorki Theater feierte den Meister des literarischen Blutrauschs mit seinem Drama „Der Auftrag”.

Als Ernst Jünger neunundachtzig wurde, erfreute er sich bester Gesundheit. Heiner Müller, der Jünger schätzte und am 9. Januar 2018 so alt geworden wäre, starb im Alter von sechsundsechzig Jahren. Das Maxim Gorki Theater nutzte den Geburtstag für eine Würdigung. Es feierte den Meister des literarischen Blutrauschs mit seinem „Auftrag – Erinnerung an eine Revolution” und einer „Heiner Spezial Lesung” im Anschluss an die Vorstellung in der Kantine. Im Vorspann zum Nachklapp erlitt ein elektronisch soufflierter Text den Technoinfarkt. Dann interpretierten Romy Camerun, Susanne Meyer, Cynthia Micas und Ruth Reinecke eine Suche nach der verlorenen Zeit des collektive temporaire. „Dass ich nicht ersticke” handelt von der sozialistischen Arbeits- und Lebensgemeinschaft Inge & Heiner Müller. Die Produktionsbedingungen dieser Keimzelle von Werk und Mythos ordneten sich so, dass die Krisen in Inge ausgetragen wurden und Heiner sich mit lyrischem Stoizismus muskulös hielt. Der Sachse Heiner hatte im Krieg nichts Schlimmeres erlebt als ein Zugezogenenschicksal in Waren an der Müritz (im Uwe Johnson Land). Inge war aber Luftwaffenhelferin, wurde verschüttet und barg die Leichen ihrer verschütteten Eltern, indem sie sie ausgrub.

Nach der Befreiung wollte sie leben und sterben wie in einem Atemzug. Sie schrieb Gedichte in einer Manier der Fassungslosigkeit. Es sind Trauerstücke, in denen sich die Sprache nicht erhebt und die Dichterin von der Sprache nicht erhoben wird. Inge klebte die Wirklichkeit am Arsch, während Heiner wusste: Mit Realismus geht es nicht. Das Paar kollaborierte und kollabierte nach der Devise: Inge war im Krieg, und Heiner schreibt darüber. Den Selbstmord seiner Frau 1966 pointillisierte Heiner in Sachlichkeitsfloskeln. Der Dichter erschien kalt. Vielleicht spielte er Benn in der Morgue. Sitzend spielten die Schauspielerinnen Inge als sympathische Selbstmörderin mit vier Gesichtern und keines war ihres. Das war gut. Die Sache davor, das Stück, der „Auftrag“, verlangte den Schauspieler*innen viel ab. Zur Handlung: In Frankreich fand ein Regimewechsel statt. Dieser General Bonaparte hat das Direktorium abgeschafft. Jetzt ist die Revolution am Ende. „Der kalte Frühling der Freiheit” ist vorbei. „Die Welt (das Schlachthaus) wird wieder, was sie war, eine Heimat für Herren und Sklaven.”

Die Feststellung trifft Debuisson. Till Wonka spielt den Sohn eines Sklavenhalters als windelweiß hämischen Gewinner und in in allen Lebenslagen weich fallenden Herrenmenschen.

„Wen du nicht verrätst, der verrät dich.“

Erleichtert wirft Debuisson die Maske des republikanischen Brandstifters ab. Lange genug musste er im Kollegenkreis den Hochmut kleinhalten von wegen Liberté – Égalité – Fraternité. Als Delegierter des französischen Konvents sollte er, im Verein mit dem bretonischen Bauern Galloudec (Aram Tafreshian) und dem „Neger aller Rassen” Sasportas (Falilou Seck), Sklaven auf Britisch-Jamaika in einen Aufstand gegen die Kolonisten führen. Nach dem 18. Brumaire 1799 ist klar: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott.“ Es gibt keinen Auftrag mehr.

Szenenfoto „Der Auftrag”, Maxim Gorki Theater Berlin © Ute Langkafel MAIFOTO

Debuisson zieht ein großes Vergnügen aus der Klärung. Die Aktivisten eines Zentrums für politische Schönheit in anderen Zeiten sind nun wieder Abschaum. Am Ende bekennt sich der in die Revolution entlaufene Sklavenhalterspross Debuisson zu seinem Erbe. „Ich muss nur Ja sagen zu vierhundert Sklaven.”

Dem Sinn nach: Natürlich lache ich über „den Neger Sasportas” und mache mich lustig über „den Bauern Galloudec“, dem der Speichel der Bourbonen so lange geschmeckt hat. Den Verlierern (der Geschichte) „fehlt das Messer”, mit dem sie sich ein Stück vom Kuchen der Welt abschneiden könnten.

„Die Schlangen sollen deine Scheiße fressen, deinen Arsch die Krokodile, die Piranhas deine Hoden.“

Debussion hat das Messer. Galloudec und Sasportas, die nur entblößt und blöd und ohne Schärfe vorkommen, versuchen den Verräter umzubringen. Man möchte ihnen helfen, so wie sie sich anstellen. Eine Zuschauerin verlangt: „Tötet Debussion und macht euch zu Bestimmern ohne Auftrag. Empowermentet euch, ihr Mulchlemuren.”

„Wenn ich tot bin, wird mein Staub nach dir schreien.“

Die Inszenierung von Mirko Borscht zeigt, wo Müller aka Max Messer das Messer der Analyse als Sonde eingesetzt hat: in den Achselhöhlen der Feigheit und der Ergebenheit. Galloudec überwindet nicht die Grenzen bäurischer Aufmüpfigkeit, die zur Folklore jeder Herrschaft gehört. Sasportas fehlt der Mumm, aus eigener Grazie zu töten. Er sollte nicht glauben, dass in den „Tresoren der Ewigkeit“ etwas Gutes für ihn liegen könnte, dass er da nicht hineingetan hat.

Die Sängerin und Musikerin Romy Camerun überragt alle als eine Art akustischer Lauren Bacall in der Antillen Bar „Zum gestreiften Erdmännchen“. Sie gießt Whisky auf den geplatzten Kommunardentraums vom Ich zum Wir. Den Monolog vom „Mann im Fahrstuhl“ spricht Ruth Reinecke wie ein Zinnsoldat so stramm. Ich erzähle das jetzt noch einmal richtig. Das erzählende Ich klappert zwischen Männern „in einem alten Fahrstuhl“. Das ist ein ein Seelenverkäufer von einem Lift. Der Erzähler beschreibt sich: „Ich bin gekleidet wie ein Angestellter oder wie ein Arbeiter am Feiertag. Ich habe mir sogar einen Schlips umgebunden, der Kragen scheuert am Hals, ich schwitze. Wenn ich den Kopf bewege, schnürt mir der Kragen den Hals ein.“

Szenenfoto „Der Auftrag”, Maxim Gorki Theater Berlin © Ute Langkafel MAIFOTO

Der Erzähler hat einen Termin beim Chef, „in Gedanken nenne ich ihn Nummer Eins“ – und vergessen, in welcher Etage der Chef regiert. Es könnte die vierte sein. Oder die zwanzigste. Der Erzähler geht davon aus, wo auch immer, nur eben an der richtigen Stelle „einen Auftrag“ zu kriegen, denn sonst.

Der Erzähler könnte sein Desaster nur träumen hinter einem Fenster aus Marzahn. Im Fahrstuhl schleudert die Zeit. Der Erzähler verpasst den Ausstieg im vierten Stock. Schon läuft er Gefahr, zu spät zu kommen. Er erwägt, bei nächster Gelegenheit auszusteigen. Sein Dilemma: „Ich kann beim nächsten möglichen Halt aussteigen und die Treppe hinunterlaufen, drei Stufen auf einmal, bis zur vierten Etage. Wenn es die falsche Etage ist, bedeutet das natürlich einen vielleicht uneinholbaren Zeitverlust. Ich kann bis zur zwanzigsten Etage weiterfahren und, wenn sich das Büro des Chefs dort nicht befindet, zurück in die vierte Etage, vorausgesetzt der Fahrstuhl fällt nicht aus, oder die Treppe hinunterlaufen (drei Stufen auf einmal), wobei ich mir die Beine brechen kann oder den Hals, gerade weil ich es eilig habe.“

Der Auftrag wächst sich in den Spekulationen des Erzählers ins Riesenhafte aus. Schließlich verlässt er den Fahrstuhl: Ich „stehe ohne Auftrag, den nicht mehr gebrauchten Schlips immer noch lächerlich unter mein Kinn gebunden, auf einer Dorfstraße in Peru.“

Der Fahrstuhl als Flugzeug in die Freiheit. Der Erzähler entdeckt sich in einer Max Ernst-Landschaft. Die Gegend greift nach dem Himmel, Müller schreibt wie Jünger, wenn dieser Ernst seine „Illuminationen“ im Text konzentriert, um das letzte Wort zu behalten. Heimweh nach dem Fahrstuhl kommt auf, das variiert das „Heimweh nach dem Gefängnis“.

Der Erzähler gerät in eine Krise. Er hat nichts Unerlaubtes getan und ist doch im Unerlaubten gelandet, „ohne Flugzeug und Fallschirm.“ „Wer kann mir glauben, daß ich aus einem Fahrstuhl nach Peru gelangt bin?“

Die Staatssicherheit bestimmt nicht. Der Erzähler beschwört seine Legitimationskrise, er hat keinen Auftrag, den Chef wähnt er im Selbstmord verschieden. Eine Frau kreuzt seinen Weg, selbstverständlich „entblößt (sie) ihre Brüste“. Kinder sitzen mit vergeblicher Mühe im Genick einer Schienenmaschine: „Arbeit ist Hoffnung“ – und „Zeit ist Frist“. Jetzt kann nur noch der andere kommen, „der Doppelgänger mit meinem Gesicht aus Schnee“, und es darauf ankommen lassen.

„Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution” von Heiner Müller am Maxim Gorki Theater Berlin. Regie: Mirko Borscht. Mit: Romy Camerun, Ayham Majid Agha, Susanne Meyer, Cynthia Micas, Ruth Reinecke, Falilou Seck, Aram Tafreshian, Till Wonka

Maxim Gorki Theater

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erstellt am 11.1.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.