Musik für einen der wichtigsten politischen Filme aus Hollywood, intime Interpretationen amerikanischer Songs und ein Gesangstrio zwischen Folk, Pop und Skiffle: Thomas Rothschild empfiehlt jüngst erschienene CD-Aufnahmen von Leonard Bernstein, Ella Fitzgerald und dem Kingston Trio.

CD-Empfehlungen

Die Faust im Nacken

Wir erleben es ja um uns herum, dass Leute, die selbst mit einem ausgeprägten „Tunnelblick“ als sektiererische Kommunisten oder als Jusos irgendetwas vom Wesen des Kapitalismus begriffen haben müssten, als Ministerpräsidenten oder als Bundeskanzler ihre ganze Intelligenz und ihren unerschöpflichen Ehrgeiz aufbieten, um die Interessen des Kapitals zu vertreten. Warum sollte das in Hollywood anders sein? Derselbe Elia Kazan, der vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe Schauspieler, Regisseure und Schriftsteller denunziert hat, ist der Schöpfer eines der bedeutendsten politischen Filme aus den USA: „On the Waterfront“, deutsch: „Die Faust im Nacken“. In der Hauptrolle eroberte der junge Marlon Brando die Herzen.

Die Musik zu dem Film schrieb Leonard Bernstein. Rückblickend kann man sie als Vorarbeit zu den bald darauf entstandenen Musicals „Candide“ und „West Side Story“ hören. Die Rhythmen, die Vorliebe für Synkopen und mehrere Melodien dieser Bühnenwerke sind in der Filmmusik vorweggenommen, werden aber in diesem Kontext nur angerissen, nicht ausgeführt. Außerdem ergänzt Bernstein seinen eigenen Stil durch Zitate, die, inhaltlich gefordert, bestimmte Funktionen zu erfüllen haben. Musikalisch können die Stücke aus dem Film auch für sich, also auf CD, bestehen. In ihrem fragmentarischen Charakter freilich erinnern sie daran, dass sie für die Untermalung von filmischen Sequenzen, nicht als autonome Kompositionen gedacht waren. Der erfahrene Dirigent weiß, wie man durch die Instrumentierung Effekte erzielt. Übrigens: die Musik hat eine Dauer von fast 70 Minuten. Der ganze Film hat eine Länge von 108 Minuten. Das bedeutet, dass knapp zwei Drittel des Films mit Musik unterlegt sind: Hollywood.

Wer mit Jazz absolut nichts im Sinn hat, kennt immerhin zwei Namen: Louis Armstrong und Ella Fitzgerald. Wer ein bisschen mehr Interesse für diese Musikrichtung aufbringt, denkt bei Ella Fitzgerald wohl an die vitale Dame, die, unterstützt von einer Big Band, durch Umfang und Ausdruckskraft ihrer Stimme mitreißt. Die vorliegende Doppel-CD macht dem gegenüber mit einer ganz anderen, einer intimen Ella Fitzgerald bekannt, die, mit Ausnahme von vier Zugaben mit dem Gitarristen Barney Kessel, im Zusammenspiel mit nur einem Klavier den Schatz amerikanischer Songs interpretiert. Es sind zu einem großen Teil Evergreens, Standards aus dem Jazz- und Musical-Repertoire: „I‘ve Got A Crush On You“ „But Not For Me“, „Someone To Watch Over Me“ von George und Ira Gershwin, „People Will Say We‘re in Love“ von Rodgers und Hammerstein, „My Heart Belongs To Daddy“ und „Miss Otis Regrets“ von Cole Porter, „Stardust“ von Hoagy Carmichael, „I Can‘t Give You Anything But Love“ von Jimmy McHugh, „Misty“ von Erroll Garner, „September Song“ von Kurt Weill, „Makin‘ Whoopee“ von Walter Donaldson. Ella Fitzgerald singt diese Songs, auch solche, die gemeinhin eher schnell gespielt und gesungen werden, in sehr langsamem Tempo, kostet jedes Wort, jeden der herrlichen Reime aus und verziert die musikalischen Phrasen in ihrer unverwechselbaren Art. Die Pianisten, die sich auf einen Dialog mit ihr einlassen, sind Ellis Larkins, Paul Smith und Oscar Peterson. Ein Vergnügen, das sich nicht nur Jazz-Fans gönnen sollten.

Das Kingston Trio gehörte in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu den erfolgreichsten Gesangsgruppen zwischen Folk, Pop und Skiffle. Unter den sechzig Titeln von zweieinhalb Minuten Länge, die jetzt auf zwei CDs wiederveröffentlicht wurden, finden sich englische, schottische und amerikanische Folksongs, die zum Repertoire der großen Volksliedsänger von Burl Ives bis zu Susan Reed oder den Weavers zählten wie „Darlin‘ Corey“, „Getaway John“ („John Hardy“) oder „Scarlett Ribbons“. In seinem Repertoire hatte das Kingston Trio Balladen, die von legendären Outlaws erzählten wie etwa „Tom Dooley“, Scherzlieder, Spirituals und auch Importe aus Lateinamerika. Die drei Sänger gehörten zu den Ersten, die bald nach Harry Belafonte den Calypso nach Nordamerika brachten und mehrstimmig, zu Banjo und Gitarre, vortrugen. Die Doppel-CD enthält auch ein kurioses Beispiel für musikalisches Plagiat. Was da unter dem Titel „Farewell Adelita“ zu hören ist, das mexikanische Volkslied „La Adelita“, hat der sowjetische Komponist Dunajewski unter eigenem Namen für den Film „Lustige Burschen“ „komponiert“. Unter dem Titel „Marsch der fröhlichen Jugend“ wurde es in der DDR zum Lied der FDJ.

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erstellt am 10.1.2018

Leonard Bernstein
On the Waterfront
Soundtrack Factory 606385 / in-akustik

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Ella Fitzgerald
Complete 1950-60 Piano Duets
Essential Jazz Classics EJC88724 / in-akustik

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The Kingston Trio
The Five #1 Billboard Albums
Hoodoo 263580 / in-akustik

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