Jimi Hendrix, The Doors, Velvet Underground, David Bowie und Leonard Cohen veröffentlichten 1967 ihre Debütalben. Zwei Jahre später ging mit Woodstock und Altamont der Mythos schon wieder lautstark zu Ende. 1968 war hingegen ein schrecklich langweiliges Musikjahr, meint Martin Wimmer.

Musikjahr 1968

Es gibt wenig zu feiern

Arthur Marshall starb 1968, LL Cool J wurde 1968 geboren. Marshall war ein bekannter Ragtime-Komponist, ein enger Freund Scott Joplins, und weist damit in die schwarzen Musiktraditionen des 19. Jahrhunderts zurück, während der Rapper LL Cool J den Blick in unser 21. Jahrhundert öffnet. 

1968 war natürlich aber vor allem ein Jahr, in dem Freunde des klassischen Rock viel Vertrautes finden, die Beatles und die Stones, die Byrds und Simon & Garfunkel. Mit Hair wurde die Hippie-Bewegung aber schon am Broadway verramscht. Denn 1967 war das große Wendejahr in der Popmusik gewesen, es markiert die eigentliche Mitte des 20. Jahrhunderts. Jimi Hendrix, die Doors, Grateful Dead, Velvet Underground, David Bowie, Leonard Cohen veröffentlichten 1967 ihre Debütalben. 1967 war Monterey, fand das erste Montreux Jazz Festival statt, 1969 ging mit Woodstock und Altamont der Mythos schon wieder lautstark zu Ende. 1968: nichts. Da war der Summer Of Love schon wieder die Zeitung von vorgestern. Und den Punk erfanden die Stooges und MC 5 mit ihren Debütalben erst 1969.

In die Lücke sprangen zwei Mittdreißiger, die sich gerade neu erfinden mussten: Elvis sendet nach acht Jahren Fernsehabstinenz sein 68 Comeback Special, die Urmutter aller MTV Unplugged Konzerte. Und Johnny Cash kehrt nach ebenso vielen Jahren im Folsom Prison erstmals wieder auf eine Konzertbühne zurück. 

Eine schöne Anekdote, die zeigt, wie die Welt sich dreht ohne arg vorwärtszukommen, handelt vom Gewinner des Eurovision Song Contest des Jahres. Der heute komplett vergessene Siegertitel war La La La von Sängerin Massiel. Sie war in letzter Minute eingesprungen, den Titel in Spanisch zu singen, weil der ursprünglich vorgesehene Sänger ihn nur in seiner Heimatsprache singen wollte: Katalanisch …

Die schmalzigsten Beatles mit Hey Jude und der weißeste Louis Armstrong mit What A Wonderful World waren die beiden erfolgreichsten Singles in den USA. Bob Dylan war 1968 komplett von der Bildfläche verschwunden, lebte zurückgezogen und brachte in diesem Jahr erstmals seit seinem Debüt kein Album heraus. Kurzum: Vielleicht waren alle zu sehr mit der gesellschaftlichen Revolution beschäftigt. 1968 war musikalisch jedenfalls ein furchtbar langweiliges Jahr. Die alten Herren bemühten sich vergeblich um Anschluss, die Jazzer und Rockmusiker und Soulsänger der 60er werkelten sich weiter an ihren Genres ab, die Schlagerstars trällerten vor sich hin.

Es ist aber auch das Jahr, auf das zumindest die Fangemeinde der texanischen Songwriterszene gern zurückblickt. 1968 wurde der Grundstein gelegt für das, was bis heute in Austin, der selbsternannten „Music Capital Of The World“, oder ein paar Kilometer weiter im Kaff Luckenbach als Pilgerstätte derer, die sich „Back To The Basics Of Love“ sehnen, zelebriert wird. Denn sowohl Townes Van Zandt als auch Jerry Jeff Walker veröffentlichen 1968 ihre Debütalben. Das erste Mal hören Menschen die Geschichten von Mr. Bojangles und der Caroline aus dem Tecumseh Valley.

Es war auch das Jahr der legendären Essener Songtage, von denen der Krautrock im speziellen, aber die deutschsprachige Rockmusik generell wichtige Impulse davontrugen. Davon abgesehen lag Heintje mit Mama uneinholbar an der Spitze der deutschen Single- und Peter Alexander an der Spitze der Album-Charts. 

Ein halbes Jahrhundert nach 1968 gibt es zum 50-jährigen Jubiläum wenig zu feiern. Es gibt zwei mediokre Songs, die das mediokre Musikjahr im Titel tragen, von Dave Alvin und den Turnpike Troubadours. Aber auch ein ganz fabelhaftes, und das lege ich denn zum Abschluss ans Herz, mal anzuhören. Rainald Grebe rechnet ab: „Liebe Kinder, es gab ein Jahr, das eine Katastrophe war… 1968!“

Rainald Grebe & die Kapelle der Versöhnung: „1968“

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erstellt am 04.1.2018

1968. Eine Musikauswahl

Elvis Presley
The Complete '68 Comeback Special

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Louis Armstrong
What A Wonderful World

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Townes Van Zandt
For The Sake Of The Song

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