Textland

Bioinvasiv

„Die Außerirdischen“ – Doron Rabinovici beschreibt aktuelle Spielarten der Selektion, Deportation und Konzentration von Menschen.

Niemand sah sie kommen und niemand kann sie von Irdischen unterscheiden. Sie erscheinen invasiv wie Partisanen. Mehr noch gleicht ihr Verhalten einem unsichtbaren Angriff gebietsfremder Arten auf ein Ökosystem. Die Außerirdischen setzen Infiltration an die Stelle exemplarischer Gewalt. Sie postulieren Freiheit und Selbstbestimmung. Sie versprechen das Ende von Kriegen und Krankheiten. Ihre parasitische Lebensform haben sie äußerster Kultivierung zugeführt. Sie bewirtschaften die Erdlinge, ohne sich zu bekleckern. Sie denken die Erde und das Alte Testament neu als große Farm und Farmerfibel. Das Rindvieh kehrt selbst die Ställe aus.

Man möchte gar nicht aufhören, Rabinovicis rhapsodisch listiger Erzählmanier nachzugehen. Der Autor treibt jede Floskel der Vermeidung auf eine Spitze und da verendet sie dann.

Rabinovicis „Außerirdische“ sind über das galaktische Larvenstadium der Spielberg’schen Sternenfähren und Raumkreuzer hinaus. Ihre Energie fluktuiert ungebunden. Ihre Matrix verweigert sich der Materialisierung. Den Usurpierten geben sie deshalb schwere Rätsel auf. Ein Feinschmeckerteam um den Erzähler Sol und seine Frau Astrid kreiert das Fernsehformat der Stunde. „Brandheiß“ ist die Sendung, die alle sehen. Sie verbreitet einen Inselwettbewerb im Dschungelcampingstil mit tödlichem Ausgang. Die Verlierer werden geschlachtet und von den neuen Weltmeistern gegessen. „Die Spiele“ sind ein universeller Wirtschaftsmotor. Die Schlachter verlangen bessere Bezahlung.

Besser kann man uns nicht erzählen. Rabinovici trifft jeden Nagel der Lächerlichkeit unserer Art auf den Kopf.

„Kein Hund schlug an“, heißt es am Anfang. Kein Raumschiff zerschellt bei der Landung. Keine extraterrestrische Macht zeigt sich. Trotzdem überziehen Schneisen der Verwüstung den Planeten. Die Menschheit erleidet eine Panikattacke. Sie arrangiert sich und überstimmt ihre eigenen Kritiker und Skeptiker. Ein Hellsichtiger erkennt den Befall der Gattung mit kosmischem Toxoplasma gondii, einem Einzeller, das sich parasitär verhält. Die meisten wollen sich assimilieren, um auf den Trampelpfaden der Unterwerfung bei den Starken aus dem All mitmachen zu dürfen. Sie wollen die Expansion in den Weltraum und die Erschließung neuer Märkte hinter dem Horizont nicht verpassen. Sie unterbreiten Verbesserungsvorschläge zur Menschenfleischversorgung der Galaktiker.

„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber“. – „Hinter der Trommel her trotten die Kälber. Das Fell für die Trommel liefern sie selber.“ Bertolt Brecht

Dann verschwindet Astrid. Auf der Suche nach ihr erreicht Sol die Insel. Ihn ereilt die Internierung in der Passform eines ganz und gar irdischen Totalitarismus.

Doron Rabinovici, Die Außerirdischen, Roman, Suhrkamp, 255 Seiten

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Doron Rabinovici liest aus „Die Außerirdischen“

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erstellt am 03.1.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.