Wer ist Patrick Modiano und was ist über seine Biographie bekannt? Der Literaturnobelpreisträger von 2014 verlässt seinen Geburts- und Wohnort Paris nur ganz selten, mit Interviews ist er sparsam. Herbert Csef nähert sich dem Menschen Modiano über seine autobiographischen Romane „Familienstammbuch“ und „Ein Stammbaum“.

Patrick Modianos autobiographische Romane

Stammbaum ohne Stamm

Durch die Verleihung des Literaturnobelpreises an Patrick Modiano im Dezember 2014 ist das Interesse an seinen Romanen stark gewachsen. Damit verbunden ist oft eine Neugier, wer dieser Patrick Modiano ist und was über seine Biographie bekannt ist. Dann taucht für viele Leser ein erstes Problem auf. Eine zusammenhängende Biographie über Modiano in deutscher Sprache liegt noch nicht vor. In den zahlreichen Rezensionen in renommierten Zeitungen wie FAZ, ZEIT, NZZ oder SZ finden sich meist nur spärliche Informationen über sein Leben. Dieser offenkundige Mangel wird dadurch verschärft, dass Patrick Modiano sehr scheu und zurückgezogen lebt. Seinen Geburts- und Wohnort Paris verlässt er nur ganz selten, und mit Interviews ist er sehr sparsam.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten die beiden autobiographischen Romane von Patrick Modiano. Sein Roman „Familienstammbuch“ (frz. Livret de famille 1977) ist im Jahr 1989 im Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Pariser Trilogie“ erschienen. Dieser Band liegt heute in einer Neuauflage vor. Der zweite autobiographische Roman mit dem Titel „Ein Stammbaum“ (frz. Un pedigree 2005) ist 2007 im Hanser Verlag erschienen und ist heute als dtv-Taschenbuchausgabe verfügbar.

Im Roman „Ein Stammbaum“ erzählt Modiano seine Biographie von der Geburt an bis zur Volljährigkeit. Im 21. Lebensjahr kam es zum endgültigen Bruch mit seinem Vater. Diese Loslösung von dem ihn immer wieder enttäuschenden Vater kommentiert er mit den zwei letzten Sätzen seines Romans: „Ich war in See gestochen, bevor der morsche Anlegesteg zusammenbrach. Es war höchste Zeit.“ Mehrmals betont Modiano, dass seine Kindheit und Jugend „die leeren Jahre“ seines Lebens gewesen seien, Zeiten der Enttäuschung, der Trauer und der Einsamkeit. Er beschreibt sich in einer heimatlosen, kalten, lieblosen und verlorenen Kindheit und Jugend.

Die Eltern trennten sich nach kurzer Zeit

Seine Eltern waren selbst haltlose, suchende und entwurzelte Menschen, die in der Zeit der Nazi-Besatzung in Paris im Jahre 1942 zusammentrafen. Patrick Modiano selbst ist kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren worden. Er hat den Holocaust selbst nicht erlebt, seine frühe Kindheit ist jedoch durch die Folgen der Nazi-Besatzung geprägt. Sein Vater war jüdischer Kaufmann italienischer Herkunft. Während der deutschen Okkupationszeit lebte er in Paris von Schwarzmarktgeschäften, hatte wechselnde Identitäten und lebte eine Zeitlang von einer Kollaboration mit den Nazi-Besatzern. Bereits 1942 wurde er bei einer Identitätskontrolle verhaftet, konnte jedoch fliehen. Er versteckte sich bei Freunden, beschaffte sich gefälschte Papiere und lebte vom Schwarzmarkt. Im Frühling 1944 musste er Paris verlassen und kehrte erst nach der Befreiung dorthin zurück. Die Mutter Modianos war eine flämische Schauspielerin. Sie tanzte vor deutschen Soldaten und Propagandastaffeln und wollte von den Nazis profitieren. Diese hatten in Paris die Continental-Filmstudios übernommen. Patricks Mutter hatte den Traum, dort mit Hilfe der Nazis eine Filmkarriere zu starten, was sich jedoch als Illusion erwies. Die Eltern trennten sich schon nach kurzer Zeit wieder, hatten beide wechselnde Partner und wohnten in verschiedenen Stockwerken im gleichen Haus in Paris. Die Mutter hatte meist kein Geld und lebte in ärmlichen Verhältnissen. Oft schickte sie Patrick zum Vater, um diesen um Geld anzubetteln. Zeitweise tingelte sie von einem Provinztheater zum anderen, um sich mit niedrigen Gagen über Wasser zu halten. Der Vater machte dubiose Geschäfte in Paris und auch im Ausland. Seine Kumpane waren zwielichtige Gestalten oder fuhren große Limousinen.

Der kleine Patrick hatte unaufhörlich das Gefühl, überflüssig und ungeliebt zu sein. Er fühlte sich immer verloren und im Weg. Bei seinem Vater erlebte er einen „rätselhaften Zwang“, seinen Sohn immer wieder fortzuschaffen oder irgendwie loszuwerden.“ In jungen Jahren war Patrick zeitweise bei seinen Großeltern, zwischendurch lebte er mit der Mutter in ärmlichen Verhältnissen und ab und zu kreuzte der Vater auf. Im schulpflichtigen Alter war es meist so, dass der Vater ihn von einem Internat zum anderen schaffte, immer gegen den Willen seines Sohnes, der sich dort sehr unwohl fühlte. Im Jugendalter versuchte Patrick, durch kleine Diebstähle sein Existenzminimum etwas aufzubessern: Er stahl Bücher und verkaufte diese. Oft hatte er kein Geld, um sich Essen zu kaufen oder eine Fahrkarte für die Metro. Als sich das Alter der Volljährigkeit näherte (damals mit 21 Jahren), spitzte sich der Vater-Sohn-Konflikt enorm zu. Der Vater wollte Patrick zwingen, sich vorzeitig beim Militär zu verpflichten. Dieser willigte halbherzig ein und ließ den Vater zumindest im Glauben an diese letzte „Entsorgung“. Der Vater zahlte ihm – in der Hoffnung auf diese „finale Lösung“ ein erstes üppiges Taschengeld. Patrick jedoch wollte und ging nicht zum Militär! Im Roman wird schließlich der Wortlaut der letzten drei Briefe zwischen Vater und Sohn abgedruckt. Es kam zum endgültigen Bruch: Patrick ist „in See gestochen“, der morsche Anlegesteg – die letzte Verbindung zum Vater – ist zusammengebrochen.

Bruder Rudy war Patricks Bezugsperson

Im autobiographischen Roman „Familienstammbuch“, der den dritten Teil der Pariser Trilogie darstellt, erscheint ebenfalls eine Darstellung des Familiendramas, das eigentlich diesen Namen gar nicht verdient, denn Patrick Modiano hat eigentlich nie so etwas wie eine Familie erlebt: keine Geborgenheit, keine Nestwärme, kein Vertrauen, keine Liebe und Zuwendung. Vater und Mutter waren in ihrer jeweils eigenen Weise gefühlskalt und lieblos zu Patrick. Die wichtigste Bezugsperson für Patrick war sein Bruder Rudy, der allerdings frühzeitig an Leukämie starb. Während sich Patrick bald an die Eigenheiten seiner Eltern gewohnt hatte und versuchte, sich selbst irgendwie durchzuschlagen, hat ihn der Verlust seines geliebten Bruders schwer getroffen. Er war damals zwölf Jahre alt. Patrick wohnte zu dieser Zeit nicht bei seinen Eltern und der Vater hat es ihm bei einem Besuch wie beiläufig erzählt: herzlos und gefühlskalt, ohne Erklärungen über die Umstände des Todes. Das „Familienstammbuch“ ist 28 Jahre vor dem autobiographischen Roman „Ein Stammbaum“ erschienen. Fast eine ganze Generation liegt dazwischen, eine Zeitspanne, in der Patrick Modiano unermüdlich auf seiner Spurensuche war. Dieser Roman entstand in einer Zeit, in der Patrick Modiano selbst eine Familie gründete. 1970 heiratete er die Schriftstellerin Dominique Zehrfuss. Kurz nach Erscheinen des „Familienstammbuches“ wurde seine zweite Tochter Marie geboren. Dieser autobiographische Roman ist in Erzählweise und Sprachduktus disparater. Er ist nicht so chronologisch geordnet wie der später erschienene Roman „Ein Stammbaum“. Die traurigen Grundgefühle der Entwurzelung, der Heimatlosigkeit, des verlassen Seins und der Einsamkeit sind jedoch in beiden Romanen mit deutlicher Beklemmung zu spüren.

Das Resümee der beiden autobiographischen Romane könnte wie die Überschrift der Rezension lauten: ein Stammbaum ohne Stamm und ein Familienstammbuch ohne Familie. In der Tat hatte Patrick Modiano als Kind und Jugendlicher kein Familienleben im üblichen Sinn erlebt. Die vier Personen dieser Familie lebten nur ganz selten zusammen, der Bruder ist jung gestorben. Beide Eltern haben sich frühzeitig getrennt. Sowohl die Mutter als auch der Vater lebten einen unverbindlichen und polyamoren Lebensstil, der an den späteren französischen Roman „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq erinnert. Entwurzelung und Heimatlosigkeit pur. Der Vater war dubios und zwielichtig, unzuverlässig und wenig fürsorglich. Kein Stamm für einen Stammbaum, kein Vater, der eine Familie hätte tragen können. Und die Mutter konnte keine fürsorgliche Mutter sein. Dafür war sie zu egoistisch und selbstbezogen. Also ein „Familienstammbuch“ ohne Familie.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 03.1.2018

Patrick Modiano, Foto: Frankie Fouganthin / Wikimedia Commons
Patrick Modiano, Foto: Frankie Fouganthin

Patrick Modiano
Pariser Trilogie
Drei Romane: Abendgesellschaft, Außenbezirke, Familienstammbuch
Broschiert, 359 Seiten
ISBN: 9783518466186
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

Buch bestellen

Patrick Modiano
Ein Stammbaum
Broschiert, 125 Seiten
ISBN: 9783423144353
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017

Buch bestellen