Das Stück „Bonnopoly“ bringt den Skandal um den Bau des Bonner World Conference Center (WCCB) auf die Bühne. Es prangert die Sparpolitik der Städte an, die sich mehr für die „schwarze Null“ interessieren als für die Lebensqualität der Bewohner. Walter H. Krämer hat sich die Inszenierung angesehen.

Theater

Der Ausverkauf der Stadt

Volker Lösch, Jahrgang 1963, ist einer der umstrittensten und erfolgreichsten Regisseure der Republik. In seinen Arbeiten stellt sich das Theater gesellschaftlichen Konflikten. Getreu einem Credo des Regisseurs: „Kunst ohne Anbindung an das Draußen, an die Zeit, in der ich lebe, finde ich sinnlos!“ Er kombiniert Laien und Profis, die zum Teil chorisch sprechen, in meist projektbezogenen Arbeiten. So hat Volker Lösch in den letzten Jahren eine eigene Theaterform gefunden. Für sein neues Stück Bonnopoly recherchierte er gemeinsam mit dem Autor Ulf Schmidt sowie den Dramaturg*innen Nicola Bramkamp, Elisa Hempel und Leonard Merkes die Hintergründe des Bauskandals um das WCCB, bei dem der Stadt Bonn Millionen verloren gingen. Die nun angespannte Haushaltslage wird als Begründung herangezogen, um Bibliotheken, Schwimmbäder und soziale Einrichtungen zu schließen.

Mit der Tagesschau geht es zu Beginn des Stückes zurück in das Jahr 1991. Gespannt sitzen acht Bonner Bürger*innen vor dem Fernsehschirm, um dann zu erfahren, dass mit einer Mehrheit von 18 Stimmen die Entscheidung für Berlin als künftige Hauptstadt gefallen ist. Es ist ein Schock, die Bürger verfallen in Lethargie. Vorbei die Zeiten der Botschaften, der großen Limousinen, der Empfänge. Das kann so nicht bleiben. „Ein Ruck muss durch Deutschland gehen“ – so ein ehemaliger Bundespräsident – und somit auch ein Ruck durch Bonn. Man schaut wieder vorwärts und plant eine neue Zukunft.

Bonn soll als UN-Stadt mit einem Kongresszentrum wieder zurück auf die Weltbühne. Da kommt ein koreanischer Investor, der der Stadt fast für nichts eine Kongresszentrum bauen will, gerade recht. Privat Public Partnership heißt die Devise. Die Bürgermeisterin – Ähnlichkeiten mit ehemaligen und noch amtierenden Politiker*innen sind bewusst angedeutet – gerät in Verzückung. Gemeint, nicht genannt ist Ex-OB Bärbel Dieckmann (SPD), gespielt von Laura Sundermann. Die Stadt bürgt für den windigen Investor und den Krediten der Sparkasse, und den Zuschüssen vom Land steht nichts mehr im Wege. Gott Midas im Goldkleid empfiehlt der Politik, unternehmerisch zu denken und zu handeln. Der Tanz beginnt.

„Bonnopoly“ am Theater Bonn, Foto: Thilo Beu

Auf der Bühne (entworfen von Julia Kurzweg) entwickelt sich an einem Pool voller Flüssigbeton die Party zu dem Song „Gold“ von Spandau Ballet schnell zur Schlammschlacht: Dem Investor SMI Hyundai – dessen Initialen  allerdings nur seine Frau (Susi), seine Tochter (Mimi) und sich selbst (I) bezeichnen, aber nicht den Autokonzern gleichen Namens – fehlt jegliches Eigenkapital. Und er verschuldet sich selbst bei weiteren Investoren.

Die Baukosten steigen in nie gedachte Höhen, der Bonner General-Anzeiger deckt schließlich den Skandal auf. 2009 ist Baustopp, die Baufirmen sind insolvent. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Untreue, verurteilt werden allerdings nur der Investor und seine Leute. Die Verantwortlichen bei der Stadt gehen straffrei aus. Nach der Eröffnung des WCCB 2015 sitzt die Stadt auf rund 300 Millionen Euro Schulden. Der Bürgermeister fordert Sparen und Privatisieren. Mit der Phrase „Wir leben auf Kosten unserer Kinder“ versucht der neu gewählte OB – die ehemalige hat sich unbehelligt verabschiedet – den Bürgern das Sparen und damit auch das Schließen und Verkaufen kommunaler Einrichtungen schmackhaft zu machen.

Lehren aus dem Skandal

Die Antwort gibt diesmal der reale Ökonom Peter Bofinger im Videointerview. Wer keine neuen Schulden aufnehme, sagt Bofinger, und dafür nicht mehr in Bildung und Infrastruktur investiere, hinterlasse „in zehn, zwanzig Jahren eine verrottete Infrastruktur (…) und Kinder, die gleichzeitig auch nichts im Kopf haben“. So wird auf der Bühne ein Argument nach dem anderen von Experten zerlegt. Die vermeintlichen Sachzwänge lösen sich in Luft auf.

Es gelingt den Schauspieler*innen (Bernd Braun, Daniel Breitfelder, Lisan Lantin, Glenn Goltz, Jan Jaroszek, Holger Kraft, Birte Schrein und Laura Sundermann) den Bauskandal in all seiner Absurdität durchschaubar zu machen und das auf sehr vergnügliche und lustvolle Weise. Ist der erste Teil des Abends noch stark mit theatralen Mitteln gestaltet, so geht es im zweiten mehr um die Lehren aus dem Skandal: Hier kommen Experten zu Wort, betroffene Bürger*innen erzählen von den Auswirkungen dieser Politik auf ihre Lebensverhältnisse und auch von ihrem Widerstand dagegen.

Ein Theaterabend, bei dem mir die Aussage von Erwin Piscator in den Sinn kommt: „Aus Mangel an Phantasie erleben die meisten Menschen nicht einmal ihr eigenes Leben, geschweige denn ihre Welt. Sonst müsste die Lektüre eines einzigen Zeitungsblattes genügen, um die Menschheit in Aufruhr zu bringen. Es sind also stärkere Mittel nötig. Eins davon ist das Theater“. Bonnopoly greift ein aktuelles Geschehen auf, und durch die Art der Inszenierung werden sinnlich erfahrbare Erkenntnisprozesse in Gang gesetzt. Selten so an- und aufgeregte Gespräche im Foyer eines Theaters erlebt.

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erstellt am 29.12.2017

„Bonnopoly“ am Theater Bonn, Foto: Thilo Beu

Theater

Bonnopoly

Text Ulf Schmidt
Textfassung Elisa Hempel, Volker Lösch, Leonard Merkes, Ulf Schmidt

Besetzung Bernd Braun (Ruckherzog u.a.), Daniel Breitfelder (Bürgermeister u.a.), Lisan Lantin (Sparkasse u.a.) et al.

Bis 25. Februar 2018

Theater Bonn