Die Gegenwart der Neuen Welt als epische Tragödie zu betrachten, das gelingt dem Märchenerzähler Salman Rushdie in seinem neuen Roman „Golden House“. Clair Lüdenbach hat die komplexe Geschichte, in der sich das heutige Amerika und die Geschichte und Gegenwart Indiens spiegeln, gelesen.

Buchkritik

Die Tragödie des amerikanischen Traums

Eben hat die Amtszeit des 44. Präsidenten begonnen, und die Folgen der geplatzten Hypothekenblase ist noch spürbar. Da bezieht in einer beschaulichen Siedlungsgemeinschaft New Yorks ein Mann, der sich Nero Golden nennt, mit seinen drei Söhnen das prächtigste Haus. „Trotz seines charmanten Lächelns und der Fähigkeit, seine Guadagnini-Geige von 1745 zu spielen, trug er ein schweres, billiges Parfüm, den unverkennbaren Geruch von krasser, despotischer Gefahr…..“. Der Ich-Erzähler René ist Filmstudent und Sohn belgischer Universitätsprofessoren. Mit den Goldens hat er den Stoff für seinen ersten Film gefunden und will nun in einer Langzeitbeobachtung sein Drehbuch schreiben.

Rushdie schildert ein zeitgenössisches Familiendrama als römische Tragödie. „Wir hätten wissen müssen, dass ein Mann, der den Namen des letzten julisch-claudischen Kaisers von Rom annahm und sich dann in einer domus aurea niederließ, sich öffentlich zu seinem Größenwahn und dem bevorstehen Untergang bekannte und dem Ganzen ins Gesicht lachte“. Wie aus dem Nichts erscheint Nero Golden in der beschaulichen Kolonie, die ein gemeinsamer Garten eint. Und mit ihm sorgen seine drei Söhne, Petronius genannt Petya, Lucius genannt Apu und der uneheliche Sohn Dionysos, der sich selbst D nennt, für Gesprächsstoff unter den Nachbarn. Dass sie alle drei komplizierte Persönlichkeiten sind, versteht sich von selbst. Den frauenlosen Haushalt verstärkt bald ein junges, aus Russland stammendes Model, in das Golden sich verliebt und die ihn geschickt zu ihren Gunsten manipuliert. Letztlich heiratet er sie und sie bekommt noch einen Sohn. Nero Golden ist unfassbar reich und machthungrig. „Es war schwer in Erfahrung zu bringen, wie reich Nero Golden tatsächlich war. In jenen Tagen stand sein Name überall, auf allem von Hotdogs bis hin zu gewinnorientierten Universitäten, er streifte um das Lincoln Center herum und überlegte, ‚eine Einheit’ zu spenden, um die Avery Fisher Hall aufzumöbeln, wenn dadurch der alte Name verschwände und der Name Golden dort oben in großen goldenen Blockbuchstaben prangen würde“.

Diese Familie erinnert den Leser nicht zufällig an die heutige Führung Amerikas. Das Reale ist kunstvoll in die Fiktion verwoben, ohne die zeitgenössischen Akteure beim Namen zu nennen. Die Immigrantenfamilie Golden hat Rushdie aus Indien in die beschauliche Gartengemeinschaft verpflanzt. Wie der Autor stammt sie aus Mumbai. Goldens erste Frau war zur falschen Zeit am falschen Ort und kam bei den Anschlägen von 2008 im Café eines Luxushotels ums Leben. Weshalb er letztlich fluchtartig unter neuem Namen seine Heimat verließ, erzählt Rushdie nach und nach. In einem langen Kapitel entwirft er das Netzwerk der Mumbai Mafia, in die Nero Golden verstrickt ist. Zu diesem Zeitpunkt reicht der Arm der indischen Mafia nicht bis Amerika, aber mit dem Erstarken der rassistisch-hinduistischen Partei unter den indisch-stämmigen Amerikanern weiten sich auch die Untergrundbeziehungen aus. Dadurch verliert am Ende Nero Golden das große Pokerspiel. Weil Rushdie ein großartiger Erzähler ist, bleibt das Buch, trotz der vielen Handlungsbezüge, Einsprengsel aus der Weltliteratur und Filmen der letzten Jahrzehnte, spannend. In der vordergründig epischen Tragödie spiegelt sich das heutige Amerika ebenso, wie die Geschichte und Gegenwart Indiens. Am Schluss lacht der Joker, der eben zum 45. Präsidenten aufsteigt. „Clowns werden Könige, alte Kronen liegen in der Gosse. Dinge ändern sich. Das ist der Lauf der Welt.“

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erstellt am 29.12.2017

Salman Rushdie
Golden House
Roman. Aus dem Englischen von Sabine Herting
Gebunden, 512 Seiten
ISBN: 978-3-570-10333-3
C. Bertelsmann, München 2017

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