Textland

Die Gefahren des Gegenlichts

Der Erzähler, ein Handke wie er im Buch steht, erdichtet sich eine Obstdiebin nach einem Standardverfahren der Originalität als Unzeitige.

Nichts stimmt und doch ist alles wahr. An einer Stelle, wo sich Handke darüber ärgert, dass seine Mutter auf ein Lied der Beatles mit einem Anflug von Ausgelassenheit reagiert, scheint die Zeit still zu stehen.

In seinem Universum zeigt sich Handke erst als Sohn und dann als Vater. Als junger Mann weigert er sich, der Erschöpfung nachzugeben und holt abends ab acht, wenn andere vor dem Fernseher liegen oder in einer Kneipe abschalten, noch etwas aus sich heraus. Die Überdehnungen des Alltags und späten Anstrengungen, nachdem das Kind zu Bett gebracht und seine Tasse (mit Wasser gefüllt) in die Spüle gestellt wurde, liefern ebenso Sinnbilder von Handkes allmächtigem (allumfassenden) Walten wie seine Wut auf die Mutter, da sie es wagt, ihr Vergnügen an einer musikalischen Vorliebe des Sohns zu zeigen.

Nun also „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”. Die Obstdiebin heißt Alexia oder Aleksija. Sie könnte auch anders heißen. Sie ist sprunghaft dem Sesshaften abhold und ganz das Kind des Vaters. Der Vater pendelt zwischen Spielarten des Abgerissenen mit Einstecktuch. Er lehrt ein nomadisches Geheimwissen. Alexia begreift ihn als Experten für die Gefahren des Gegenlichts. Er vermacht der Tochter den Satz ihres Lebens – eine Bemerkung, die mit einem Fragezeichen Isaak Babel zugeschustert wird: „Sie war nicht mutig, doch immer stärker als ihre Angst.”

Der Erzähler, ein Handke wie er im Buch steht, erdichtet Alexia nach einem Standardverfahren der Originalität als Unzeitige, der es gefallen könnte, von Ludwig dem Heiligen (1214 – 1270) abzustammen. In tausend Verbeugungen zeigt er seine Faszination für die Obstdiebin.

Handke ist nun in dem Alter, in dem selbst Goethe nicht mehr zum Zug kam. Die Minne verfängt nicht mehr, das greise Genie wird zur Gefangenen seltsamer Vorstellungen. Der Eros wandert auf Umwegen und kommt nicht mehr an. Ein Tag im August 2016 schildert sich als erster Tag des Geschehens im „Letzten Epos” aus.

Ein Aufbruch begehrt vollzogen zu werden. Handke strapaziert Schauplätze seiner Existenz. Ausgangspunkt der Reise ist die Paris zuvorkommende „Niemandsbucht”, das Ziel die Picardie, wo der Schriftsteller seine Datsche hat. Von Paris fährt man eine Stunde mit dem Auto, dann ist man in Amiens. Die Somme, der Atlantik, Belgien und Erinnerungen an die Materialschlachten des I. Weltkriegs sind da nah.

Fledermäuse, die wie hängengebliebene Seelen in alten Häusern heimisch sind, schärfen den Orientierungssinn der halbnomadischen Obstdiebin. Ihr futuristisches Design macht sie zu idealen Bewohnern des kybernetischen Alls.

Auf Seite 220 gelangt Alexia nach Courdimanche. Ihr Schöpfer streicht ihr eine Strähne aus der Stirn. Die Züge sind angespannt. Gedankensplitter und Empfindungstropfen fliegen kreuz und quer durch die Gegend.

Courdimanche liegt an der Pariser Peripherie im Département Val-d’Oise. Handke übersetzt dem Leser ein im Gegenwartsgefängnis unvermeidliches Falschverstehen des Ortsnamens. Der Autor tritt vor die etymologisch indifferente Obstdiebin, stellt seinen Bauchladen ab und macht eine Bude des Begreifens auf. Er gelangt zu dem lateinischen Namensgebungsverfahren im westfränkischen Reich der Merowinger und Karolinger und entdeckt eine Koinzidenz zwischen der ursprünglichsten Bedeutung von Courdimanche und den Informationen der Patina. Dimanche – Sonntag ergibt sich in einer Mutation von dominus – dem Eigentümer und Herren. Aus dem Herrensitz wurde ein Sonntagshof. Die erste Bezeichnung bewahrt sich in der letzten.

Handke lässt es dabei bewenden. Er ignoriert zwei Konnotationen von cour. Etwas herrschaftlich Gravierendes könnte sich darin aussprechen so wie ein königlicher Platz. Zweifellos wird ein Gericht angesprochen und sei es nur als Erinnerung an einen Rechtsprechungsbetrieb, der schon eingestellt war, als der Hof sich etablierte. Courdimanche war den Druiden heilig. Die Römer überbauten die kolonisierte Magie mit einem Tempel. Heute leben sechstausend Leute auf einem besonderen Grund und denken sich nichts dabei.

Die Obstdiebin bleibt am Sonntag hängen. Sie interpretiert das Ortsschild als Kalender. Sie strebt dem höchsten Punkt in Courdimanche zu. Das ist die Kirchturmspitze. Der Turm ist ein Eulenquartier. In seinem Schatten erreicht die Obstdiebin ihr Tagesziel. Der Erzähler scheidet das alte Dorf Courdimanche von einer neuen Stadt. Er unterscheidet die Pittoreske von ihren Anlagerungen. Seine narrativen Moves zwischen Unkenruf, Vollmondimpressionismus, Flurnamenkunde und Stadtplanung (Zivilisationskritik) dienen zur Abkühlung der Erzähltemperatur. Die Obstdiebin lässt sich nicht hoch stimmen. Sie wünscht sich einen Fuchs im Panorama und nimmt mit einer Katze vorlieb. Plötzlich wird sie mit ihrem Aliasnamen Alexia angesprochen. Das quittiert sie mit ihrem „alten Kinderlachen”.

Ich fasse zusammen. In Handkes neuem Werk, das wir als Letztes Epos mit großgeschriebenem L zu begreifen haben, führt eine Reise vom Pariser Stadtrand in die Picardie, wo Emmanuel Macron und der ältere Alexandre Dumas geboren wurden. Handke saugt an seinen Ortskenntnissen. Seine Heldin repräsentiert den Erzähler mit Haut und Haar. Der Autor imaginiert ein junges weibliches Ich, das an der Stelle des alten Schreibsacks nicht nur Beobachtungsgewinne, sondern auch Attraktivitätserfolge erzielt. Das Agens der Handke’schen Produktivität ist die verspiegelte Neuerschaffung als eine Person, auf die sich Begehren richtet.

Wer nicht begehrt wird, stirbt. Wer nicht begehrt, ist tot.

Alexia gabelt sich einen Begleiter namens Valter auf. Mit ihm besucht sie in Chars das Café de l’Universe. Es gehört einem „Finsterling“. Eine begabte Köchin ist ihm auf den Leim gegangen. In „der gut einsehbaren winzigen Küche“ vollbringt sie Wunder mit offenem Haar.

Peter Handke, Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere, Suhrkamp, 558 Seiten

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Kommentare


michael roloff - ( 30-12-2017 09:10:27 )
So viel Blödsinn über ein so schönes ungewöhnliches Buch in so wenigen Zeilen, das zu leisten dazu gehoert wohl nicht viel. hier der link zu den gesammelten Rezensionen
http://handke--revista-of-reviews.blogspot.com/2017/07/die-obstdiebin.html

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erstellt am 29.12.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.