Eric Kandel, Jahrgang 1929, ist Nobelpreisträger und einer der bedeutendsten Neurobiologen und Gehirnforscher. 2008 hat die Dokumentarfilmerin Petra Seeger unter dem Titel „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ ein Porträt von Eric Kandel gedreht, das nun als DVD erhältlich ist. Thomas Rothschild empfiehlt den Film.

DVD

Gedächtnis und Vertreibung

Eric Kandel ist nicht nur ein großartiger Wissenschaftler und eine faszinierende Persönlichkeit, er war – damals noch ein Kind – auch einer von jenen österreichischen Juden, die von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben wurden. Die besondere Leistung von Petra Seegers Film liegt in der Verknüpfung einer Darstellung von Kandels Forschung mit einer Recherche zu seiner Biographie, die den Nobelpreisträger unter anderem an die Orte seiner Kindheit begleitet und diese mit diskreten Spielfilmszenen sinnlich erlebbar macht. Kandel selbst vermutet, dass seine späteren wissenschaftlichen Interessen ihren Ursprung in den Erfahrungen haben, die er 1938 in Wien machen musste.

Es ist schwer, die Mitteilungen darüber emotionslos aufzunehmen. Bedauerlich ist bloß, dass die Regisseurin zu wenig Vertrauen in die Geduld der Zuschauer zu haben scheint. Der Film leidet unter der nervösen Montage, wo man gerne länger hinsehen möchte, an der musikalischen Untermalung, die wie ein Kompromiss mit aktuellen Kinogewohnheiten wirken und eher stören als hilfreich sind. Dennoch: Diese DVD sollte zum Pflichtprogramm im Biologie- ebenso wie im Geschichtsunterricht gehören. Es gibt wirklich interessantere Menschen auf dieser Welt als die Pseudoprominenten, von denen die Klatschspalten und -sendungen tagtäglich berichten.

Man muss vorsichtig sein, wenn man von positiven Seiten des Exils spricht, weil jeder Hinweis dieser Art von den Verharmlosern des Nationalsozialismus als Argument missbraucht wird, um Verfolgung und Vertreibung zu verniedlichen oder gar zu rechtfertigen. Aber dass Eric Kandel so verständlich über seine hochkomplexe Forschung sprechen kann, dass er nicht mit dem eitlen Selbstdarstellungszwang und dem elitären Jargon deutschsprachiger Akademiker daher kommt, verdankt sich sicher dem amerikanischen Einfluss. Er repräsentiert den Typus eines Intellektuellen, wie man ihn hierzulande nur selten antrifft: blitzgescheit und freundlich zugleich. Der Film macht das auf eindrucksvolle Weise erfahrbar. Und Kandel ist kein Einzelfall. Österreich hat keine Veranlassung, sich seiner zu rühmen. Auch nach 1945 gab es keine Bemühungen, die Emigranten zurück in die Heimat ihrer Kindheit zu holen. Im Gegenteil. Noch in den sechziger Jahren gaben die ehemaligen Mitglieder der NSDAP an den österreichischen Hochschulen den Ton an. Und nicht nur dort. Als Beleg diene eine garantiert unverdächtige Zeugenaussage aus jüngster Zeit.. Freilich: auch solche Dokumente jucken niemanden in Österreich. So ist es halt. Und dann geht man Strache wählen. Oder Kurz. Was fast aufs Gleiche rauskommt.

Die letzten Einstellungen des Films zeigen einen Österreicher, der sich devot freut, dass der jüdische Wissenschaftler „trotz allem, was man Ihnen angetan hat“ auf Besuch nach Wien gekommen ist. Der Bundespräsident lässt sich mit dem Nobelpreisträger fotografieren, eine junge Wienerin umarmt ihn, Kandel selbst ist gerührt über einen Wiener Walzer und sieht sich, ehe er (doch auch wegen allem, was man ihm angetan hat?) in die USA zurückkehrt, veranlasst, von einer Renaissance der Zustände am Anfang des 20. Jahrhunderts zu träumen, als Juden und Nicht-Juden, wie er meint, friedlich in Wien zusammenlebten. Die Passage aus Freuds „Traumdeutung“, die ihm nicht unbekannt sein kann, hat sich seinem Gedächtnis offenbar nicht eingeprägt. Ein Sieg der Verdrängung über die Synapsen?

DVD-Trailer „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“

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erstellt am 21.12.2017

Petra Seeger (Regie)
Auf der Suche nach dem Gedächtnis
Der Hirnforscher Eric Kandel
DVD
W-film, 2017

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