Textland

Im Kaltgebirge auf Bärenjagd

Nix Felix Austria – In ihrem ersten Roman, „Durch alle Zeiten“, schildert Helga Hammer das Leben jenseits der Komfortzonen in österreichisch alpiner Armut.

„Ich bin erst einundzwanzig, ich habe mich zweimal verliebt, den dritten habe ich geheiratet, und jetzt bekomme ich ein Kind. Aber ich will mich nicht beklagen, immerhin habe ich einen Vater für mein Kind gefunden.“

Elisabeth wird als Tochter eines Bergbauern und Holzfällers im ersten Kriegsjahr geboren. Es gibt eine ältere Schwester, die übrigen Geschwister entstehen bis Fünfundvierzig in den Ferien des Vaters von der Front. Vier Jahre nach der großdeutschen Niederlage kehrt ein in sowjetischer Kriegsgefangenschaft erloschener Mann heim zu einer verbrauchten Frau und „fünf halbverhungerten Kindern“. Der Verstummte spannt sich in ein Tagwerk, bis ihn eine Fichte fällt.

Manche Leute, von denen Helga Hammer erzählt, leben mit ihrem Vieh zusammen, das sie im Winter wärmt. Die Autorin beschreibt Existenzen jenseits der Komfortzonen in einer Bilderbuchlandschaft, die Einheimische anders wahrnehmen als Touristen. Die fundamentalistisch patriarchalischen Bergkameraden verkarsten in unerbittlichem Materialismus vor malerischen Ansichten.

Hammer lokalisiert die Schauplätze des Romangeschehens in der Steiermark. Der Gerichtsbezirk Schladming bietet sich Elisabeth zuerst als ein Raum voller Hoffnungen an. Sie besucht die Haushaltsschule in Öblarn. Mit einer Freundin eröffnet sie eine Schneiderstube. Sie verliebt sich in den vornehmen Niklas Steinrisser, der in Salzburg Veterinärmedizin studiert. Das Glück zerreißt ihr schier die Brust, bis sie Niklas einmal unangemeldet in seiner Studentenbude aufsucht. Doch lernen sich die beiden noch einmal anders kennen.

Elisabeth bestimmt ein starker Eigensinn, der sie heraushebt, isoliert und zugleich harten Belastungen aussetzt. In der Larve eines Kindermädchens wird sie zum ersten Mal schwanger. Elisabeth erklärt einen invaliden Nachtwächter zum Vater. Sie macht ihn auch zu ihrem Ehemann.

Hammer stellt die List ohne Verzierung und Psychologie dar. Sie verzichtet grundsätzlich auf Erklärungen und Entschuldigungen und beweist sich auch insofern als (ohne Vorlauf) versierte Erzählerin. Der Haupterzählstrang verfestigt sich in Ereignissen auf einem Passionsweg. Elisabeth heiratet in zweiter Ehe den grobschlächtigen, vor Gemeinheit triefenden Josef Brandstätter. Der Mann vergeht sich an einer Magd, bis sie Selbstmord begeht. Elisabeth schneidet sie vom Seil. Ihr Mitgefühl ist eine verkümmerte Konvention. Die ganze Person wirkt schroff wie ein Gipfel im Sturm.

Ich finde die Darstellung überzeugend. Elisabeth fehlen Reserven aus dem Fett der Trägheit. Jeder Tag erschöpft sie bis zur Ohnmacht. Trotzdem bewahrt sie sich wunderbar in ihrer Liebe zu ihren Kindern und den Tieren auf dem zum Hotel avancierten Brandstätter Hof. Ihr Mann hält auch einen in der Gegend von Velike Lašče (Slowenien) gefangenen Bären als Touristenattraktion. Die Schilderung einer erwerbsmäßigen Freiheitsberaubung unter Alkoholeinfluss so wie der Verschleppung des Opfers nach Österreich ist ein Kleinod.

Für Elisabeth bedeutet jede Liebe Betrug. Sie heiratet Männer aus einem Kalkül, das die Folgen ihres Leichtsinns in geregelte Bahnen lenken soll. Doch die Versuchung hat kein Ende. Schließlich nimmt das Schicksal von Elisabeth die Bürde des ungeliebten Mannes.

Helga Hammer, Durch alle Zeiten, Roman, Ullstein, 269 Seiten

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erstellt am 21.12.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.