Im Fernsehen hat sich Ulrike Grotes Film „Die Kirche bleibt im Dorf“ zu einer 24-teiligen Serie erweitert. Nun reisen die Protagonisten mit der Württembergischen Landesbühne Esslingen in die schwäbische Provinz, wo ihre Geschichte spielt. Thomas Rothschild hat sich die Uraufführung angesehen und empfiehlt, nicht nach einem tieferen Sinn zu suchen.

Uraufführung

Volkstheater auf Schwäbisch

Heut kommt nicht der Hans zur Lies, sondern der Karl Rossbauer zur Maria Häberle, und er kommt nicht über Oberammergau oder aber über Unterammergau, sondern von Unterrieslingen nach Oberrieslingen. Manche Quellen der Lachkultur scheinen unerschöpflich.

Zur Familienfehde der schwäbischen Capulets und Montagues gesellt sich die gravierende Tatsache, dass es nur in Oberrieslingen eine Kirche und nur in Unterrieslingen einen Friedhof gibt. Als ein Amerikaner anreist, um die Kirche zu kaufen, ist die Exposition komplett und der Krimi – was will der Fremde mit der Kirche, wieso ist sie ihm zehn Millionen wert? – kann beginnen.

Vor zwei Jahren betrat der „Sheriff von Linsenbach“ in Begleitung von Wieland Backes die Bühne des Esslinger Landestheaters. Jetzt lässt man ebendort die sprichwörtliche Kirche im Dorf. Die Leitung liegt wiederum in den Händen von Christine Gnann, die schon zuvor bei den ersten zwei Folgen der für die WLB adaptierten Hörspielreihe „Der Frauenarzt von Bischofsbrück“ Regie geführt hatte.

Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben, dass Friedrich Schirmer sich bloß dem allgemeinen Trend anschließt, nicht nur Romane und Spielfilme, sondern sogar Fernsehfilme für die Bühne bearbeiten zu lassen und sich so, parasitär, auf erprobten Erfolgen auszuruhen. Aber bei genauerer Betrachtung ist auch eine andere Interpretation möglich. Die Lokalposse, ein im 19. Jahrhundert vorwiegend im süddeutschen Raum verbreitetes und beliebtes Theatergenre, auch das Volksstück und das Bauerntheater haben ihre Stoffe und ihre dramaturgischen Verfahren weitgehend an das demokratische Medium des Fernsehens abgegeben.

Wenn Schirmer es ernst damit meint, dass er in seiner Württembergischen Landesbühne Theater für die Region machen und nicht unbedingt mit dem nur 15 Kilometer entfernten Staatstheater konkurrieren will, erweist es sich als plausible Strategie, aus dem elektronischen Medium zurückzuholen, was durch physische Präsenz und das Kollektiverlebnis im Theaterraum eine ganz eigene Kraft entwickelt. Im Fernsehen hat sich Ulrike Grotes Film „Die Kirche bleibt im Dorf“ aus dem Jahr 2012 zu einer 24-teiligen Serie erweitert. Jetzt reisen die Protagonisten mit der Landesbühne leibhaftig dorthin, wo ihre Geschichte spielt und wo man so spricht wie sie: in die schwäbische Provinz. Zu den Qualitäten eines Intendanten oder einer Intendantin (und der Politiker, die ihn oder sie berufen) gehört die Einsicht, dass nicht jedes Konzept an jedem Ort und in jeder Umgebung gleichermaßen funktioniert.

Szenenfoto „Die Kirche bleibt im Dorf“, Württembergische Landesbühne Esslingen

Reinhold Ohngemach – er hat auch in vier Folgen der Fernsehserie mitgewirkt – spielt Gottfried Häberle, den Bürgermeister von Oberrieslingen, und er bildet, ohne großen Aufwand, das Zentrum der Inszenierung. Er beherrscht den Stil des Volkstheaters, verkörpert einen Typus, den zu Recht oder Unrecht als stur imaginierten schwäbischen Bruddler.

Der Schweizer Peter Kaghanovitch ist nicht der Einzige im Ensemble, der das Schwäbische unüberhörbar als Fremdsprache spricht. Bei einem Genre, in dem der Dialekt konstitutiv ist, irritiert das doch. Ältere Stuttgarter werden sich an den Darsteller zahlreicher Hauptrollen in der Intendanz von Hansgünther Heyme erinnern. In Esslingen gibt er nun, nach Sigmund Freud in „Der Trafikant“, den Pfarrer Schäuble, der sich über den geblähten Bauch streicht oder die Hände vor sich hin hält, als habe er Angst, sich zu beschmutzen.

Die Zweiteilung der Personenkonstellation setzt sich im Bühnenbild von Judith Philipp fort. Links ahnt man das nicht sehr einladende Gasthaus der Häberles. Die Kirche rechts ist nur durch Konturen angedeutet wie neulich in der Jungen Oper Stuttgart Jakobs Haus in „Benjamin“. Aus dem Schnürboden senkt sich ein Taufengel in sie herab, der aus der Nase blutet. „Mir henn a Wondr!“

Während die Fernsehserie die Stars der Rockgeschichte von Louis Prima, den Beatles, den Rolling Stones, AC/DC und T. Rex bis Bob Dylan, Rod Stewart, Lou Reed und Bruce Springsteen ausbeutet, bedient sich die Theaterfassung eher in heimischen Gefilden. Auf eine armselige Version von „Are You Lonesome Tonight“ möchte man dann gerne verzichten. Für Elvis Presley ist in diesem schwäbischen Kirchendorf kein Platz.

Das Resümee? Ein Geniestreich ist „Die Kirche bleibt im Dorf“ nicht. Die Komik hält sich in Grenzen, und nach einem tieferen Sinn sollte man gar nicht erst allzu verbissen suchen. Wer schallend lachen kann, wenn ein Amerikaner „net hier“ als „nett hier“ versteht und „noi“ als das Gegenteil von „alt“ – ein paar gab es bei der Premiere im Zuschauerraum –, wird an der Aufführung seinen Spaß haben. Für die Übrigen bleiben ein paar Momentaufnahmen wie der minimalisierte Traktor, der mit einer Sau über die Bühne fährt und mit Würsten zurückkehrt.

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erstellt am 14.12.2017

Szenenfoto „Die Kirche bleibt im Dorf“, Württembergische Landesbühne Esslingen

Theater

Die Kirche bleibt im Dorf

Von Ulrike Grote

Regie Christine Gnann
Bühne/Kostüme Judith Philipp
Musik Oliver Krämer

Besetzung Sabine Bräuning, Frank Ehrhardt, Felix Jeiter, Peter Kaghanovitch et al.

Württembergische Landesbühne Esslingen