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„Das Ministerium der verlorenen Züge“ des ungarischen Regisseurs Viktor Bodó handelt von einer Eisenbahnreise von Moskau nach Peking. Das Stück wurde im Bockenheimer Depot des Frankfurter Schauspiels uraufgeführt. Die Reise in die Phantasie, die das Programmheft verspricht, bleibt in der (banalen) Realität stecken. Sie lohnt sich trotzdem, meint Martin Lüdke.

Theater

Eine Truppe kommt in Fahrt

Im Mai 2017 fuhr eine Truppe des Frankfurter Schauspiels, Autor, Regisseur, Dramaturg, Schauspieler, tausende von Kilometern mit der Transsibirischen, dann, nach Tagen, weiter mit der Transmongolischen Eisenbahn von Moskau bis nach Peking. Es ist eine Reise durch die unendlichen Weiten Russlands bis zum Ural, durch die endlosen Weiten der sibirischen Taiga bis zur chinesischen Grenze, und quer durch China hindurch bis nach Peking. Eine wirklich unwirkliche Reise. Früher, so erzählt man sich, und zwar vor gar nicht so allzu langer Zeit, sei in diesen Zügen viel verloren gegangen. Wodka, Würste, Wertgegenstände, zuweilen auch Reiseende selbst, und schließlich sogar ganze Züge.

Mit der Entfernung steigen die Erwartungen und, als unerwünschte Nebenfolge, auch das Risiko.

Ich kenne das Problem aus den USA. Dort sollen, nach der Einführung der Computerprogrammierung, viele Güterzüge in den Weiten des Mittleren Westen verschollen sein. Deshalb, so besagt nun die Legende, sei in Moskau ein Ministerium der verlorenen Züge eingerichtet worden. Und irgendwo zwischen Perl und Wladiwostok existiere, so sagt man weiter, noch immer eine vergessene Außenstelle dieses Amtes. Die poetische Wahrheit solcher Aussagen lässt sich nicht bezweifeln.

Wir haben, womöglich in unserem Erbgut gespeichert, eine diffuse Sehnsucht mitbekommen, nach dem Schlaraffenland, nach dem Paradies, nach der Ferne überhaupt. Jede weite Reise, die immer auch etwas Surrealistisches in sich birgt, weckt solche Erwartungen.

Szenenfoto „Das Ministerium der verlorenen Züge“, Schauspiel Frankfurt: Robert Schittko

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Schon auf dem Weg zum Zuschauerraum begegnen uns Reisende, Schaffner, seltsame Gestalten, die man im Theater nicht unbedingt erwartet. Dann, die nächste Überraschung, kommen wir am Bahnhof vorbei. Ein Zug, zur Abfahrt bereit, steht auf den Gleisen. Menschen eilen hin und her. Darüber eine große Anzeigetafel, auf der, allerdings in kyrillischer Schrift, Ankunfts- und Abfahrtszeiten, und Zielorte vermerkt sind. Es herrscht erkennbar Hektik. Dann geht es endlich los. Der Liegewagen öffnet seine Vorderfront, drei Abteile werden sichtbar. Der Zug fährt weiter und weiter und immer weiter. Oben, wo anfangs die Anzeigetafel zu sehen war, zieht jetzt die Landschaft vorüber. Flach, ausdruckslos, nur unterbrochen durch gelegentliche Neubausiedlungen, durch graue Betonkästen, die, einander nicht zu unterscheiden, die Erinnerung an den spätsozialistischen Fortschritt wachhalten. Monotonie, allüberall.

Es ist, ersichtlich, auch eine Reise ins Innere. Des Landes sowieso, aber auch der Leute, die sich auf diesen langen Weg gemacht haben. Von Romantik aber keine Spur.

Szenenfoto „Das Ministerium der verlorenen Züge“, Schauspiel Frankfurt: Robert Schittko

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Unter den Reisenden, Moritz (Sebastian Reiß), ein deutscher Schriftsteller, der offenbar seine Erlebnisse auf dieser Fahrt aufschreiben will. (Woraus dann, wenn er – und wir – Glück haben sollten, vielleicht das Stück entstehen könnte, das wir in leider nur in seiner NICHT-Entstehung jetzt vor uns sehen.) Es ist nämlich nicht viel, was er notiert, genauer gesagt: wenig, einzelne Worte nur, teils wieder durchgestrichen. Selbst die beiden Eisbären, die ihm plötzlich auf dem Gang begegnen, bestaunt er angstlos, ohne größeres Interesse. Je länger die Fahrt andauert, desto mehr spricht er, auch buchstäblich, dem Wodka zu. Überhaupt wird einiges getrunken.

Eine bunte Reisegesellschaft hat sich da zusammengefunden. Hin und wieder, offenbar aus dem vorderen Teil des Zuges, kommt ein Chor vorbei, der russische, wohl auch chinesische Volkslieder singt. Die strenge Schaffnerin, überzeugend: Katharina Linder, bringt Verpflegung, achtet darauf, dass sowohl Rauchverbot wie die Sittsamkeit überhaupt eingehalten werden. Peter Schröder taumelt in unterschiedlichen Rollen durch den Zug. Es ist stetig was los. Und immer zieht die Landschaft vorbei, Steppe, endlose Weite.

Viel Bewegung ist im Spiel, in jeder Hinsicht. Siebenundachtzig Städte werden passiert. Sechzehn Flüsse werden überquert. Gelegentlich kommt sogar, weißes Hemd, schwarzes Oberteil von einem Frack, kurze weiße Unterhosen, nackte Beine und hohe Lackschuhe, vermutlich ein Schamane vorbei.

Und unwillkürlich kommt mir die Pascalsche Einsicht in den Sinn, derzufolge das Unglück der Menschen allein daher rühren solle, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer sitzen bleiben können.

Szenenfoto „Das Ministerium der verlorenen Züge“, Schauspiel Frankfurt: Robert Schittko

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Aber nochmal: eine gute Idee, großartig inszeniert (von Viktor Bódo) und in einen umwerfenden Rahmen gestellt (von Juli Blács). Denn alles, was sozusagen auf der Bühne geschieht, und es ist einiges, das wird noch einmal verdoppelt: von der „Kameraperson mit Kamera“ Agnesh Pakózdi, das heißt gefilmt und sofort auf die große Leinwand, eingangs Anzeigetafel am Bahnhof, projiziert. Dabei sehen wir weite Teile des Stücks unten im Gang oder im Zugabteil, oben auf der Leinwand noch einmal. Wir sehen damit die Realität, gespiegelt. Das erzeugt nicht nur Irritationen, sondern bringt auch Bewegung in unsere Wahrnehmung. Diese ganze Reise verdoppelt sich auf diese Weise. Aber, das Manko, vorwärts geht es trotzdem nicht.

Die Reise in die Phantasie, die uns der Dramaturg Alexander Leiffheidt im Programmheft verspricht, bleibt, auch verdoppelt, in der (banalen) Realität stecken. Die surrealistischen Motive, die hin und wieder anklingen, Eisbären, Schamane, dienen allenfalls als Schmuck. Sie garnieren die Leere, in der sie platziert sind.

Trotzdem (und irgendwie paradox): die Reise lohnt sich. Beifall.

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erstellt am 04.12.2017

Szenenfoto „Das Ministerium der verlorenen Züge“, Schauspiel Frankfurt: Robert Schittko

Uraufführung in Frankfurt

Das Ministerium der verlorenen Züge

Von Péter Kárpáti
Deutsch von Sandra Rétháti

Regie Viktor Bodó
Bühne Juli Balázs
Kostüme Ildi Tihanyi

Schauspiel Frankfurt / Bockenheimer Depot