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Textland

Existenzieller Jetlag

In Juli Zehs neuem Roman „Leere Herzen“ führt eine Spur von Braunschweig nach Berlin.

Der Romantitel spielt nicht nur auf ein Lied an, mit dem eine Zwölfjährige im Jetzt einer nahen Zukunft erfolgreich ist. „Empty Hearts“ tauchen überall auf und können alles Mögliche sein. Im IV. Reich der „Leeren Herzen“ ist das bedingungslose Grundeinkommen Realität. „Besorgte Bürger“ regieren dem Anschein nach immer noch nach demokratischen Spielregeln im „Reichtstag“. Die Kanzlerin heißt Regula Freyer. Ihre Partei hat die Migration gestoppt, aber nicht zu brutal. Fressmeilen der Differenz erweitern defensiv das Angebot. Die letzten Offensivvertreter alternativer Lebensformen vergreisen. Das grüne Element und der ökologische Themenkreis haben ihre Adressen im bürgerlichen Lager.

In diesem System zählt Britta Söldner zu den Siegerinnen. Sie wahrt jenen kritischen Abstand, den Eitelkeit intelligenten Leuten vorschreibt. Fragt man Britta, dann sind „Arschlöcher“ an der Macht, „und Demokratie ist nur das System, das sie dahin gebracht hat“.

„An manchen Tagen liebt Britta Braunschweig, als hätte sie es selbst erfunden.“

Britta lebt vorsätzlich in Braunschweig. Die Mittellage und der avancierte Durchschnitt reizen sie. „In Braunschweig fliegt man unter dem Radar“ der Leistungsgesellschaft. Davon profitiert Brittas Partner Richard, der beruflich einen langen Anlauf nimmt. Das mit Kind Cora komplette Paar unterhält freundschaftliche Beziehungen zu den Doppelverlierern Janina und Knut. Janina und Britta haben sich beim Babyschwimmen kennengelernt, „jede mit einer Tüte Geschrei auf dem Arm“. Knut hat vermutlich nie in seinem Leben Steuern bezahlt. „Er ist ein Typ, den seine Freunde versehentlich Kurt nennen. Das Schicksal hat ihn beschnuppert und beschlossen, sich nicht für ihn zu interessieren“.

Janina, Knut und Vera existieren zwar reduziert, träumen aber von einem Haus auf dem Land, das Britta finanzieren könnte. Darüber unterhält man sich bei vegetarischen Würstchen, während ein Terroranschlag im Frachtterminal des Leipziger Flughafens knapp vereitelt wird.

Ich erzähle das so breit, weil mich der personelle Aufgalopp fasziniert. Die Beschreibungen sind treffend wie Einschläge. Man ahnt die Gewalt im Rücken der Paare. Das Flüchtige jeder Ordnung teilt sich mit, bevor sich der Thrillercharakter des Romans durchsetzt.

Ruhe findet Britta im Ölper Holz. Da atmet die Natur auf. Urzeitkrebse und Wasserwanzen bevölkern Bombentrichter. In ihrer Gegenwart kommt Britta auf Ideen. Sie ist Chefin einer Agentur, die zum Selbstmord Entschlossene unter den Labels diverser terroristischer Vereinigungen bis zur Anschlagsreife begleitet. „Die Brücke“ qualifiziert Märtyrer, die nicht übers Ziel hinausschießen. Eine solide Arbeit sorgte für einen Rückgang der gespenstischen Einzelgänger- und Irrläuferattentate, deren Dilettantismus weltweit operierende Unternehmen wie Daesh nicht davon abhält, sie sich zuzurechnen. Der invertierte irakische IT-Experte Babak Hamwi dient Britta als Wartungsgenie der Selektions- und Manipulationstechnik sowie als Analytiker. Das Team ist sich so einig, dass es sogar seine Geheimnisse im Gleichklang der Seelen hütet. Es tarnt die Killerkommandoleitstelle als psychoanalytische Heilpraxis, in der Frauen nichts verloren haben.

Doch dann kreuzt Julietta auf und zieht bei Babak ein. Julietta durchläuft das Test- und Trainingsprogramm für sendungsbewusste Selbstmörder. Sie nimmt an der Action teil, die einem Angriff auf die „Brücke“ folgt. Aus den Angegriffenen werden in den Überlebensmodus geschaltete Kombattant*innen. Sie ziehen ins Unterholz, high vom hormonellen Alarm.

„Flucht stellt den Normalzustand dar, man neigt nur dazu, es zu vergessen.“

Zum ersten Mal in ihrem Leben agiert Britta in einem Gestaltungsraum, der auf ihre Affekte zugeschnitten ist. Alles klärt sich in der Abwesenheit von Spiegeln. Das Großartige fällt von Britta ab.

Wieder gelingt es Juli Zeh eine spieltheoretische Spannung aufzubauen, in der jeder Schritt der ihrer Ahnungslosigkeit wie einem totalitären Regime Unterworfenen ein Dilemma kreiert.

Ein Zauberer verspricht Rettung. Der reiche Wünschelrutengänger Guido Hatz könnte aber auch ein Mastermind auf der Gegenschräge sein und mit Desinformationen die Verwirrung steigern. Guido nutzt brachliegende Energiefelder für seine Zwecke. Ob Britta dem Meister folgen kann?

Juli Zeh, Leere Herzen, Roman, Luchterhand, 347 Seiten

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erstellt am 30.11.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.