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Carl Engel (1817-1870) zählt zu den weitgehend vergessenen Malern. Vielleicht weil er dem Biedermeier zugeordnet wird, oder weil er als Heimatmaler gilt. Eine wissenschaftliche Neubewertung und Würdigung seines Werks wäre lohnens- und wünschenswert. Dagmar Klein nimmt Engels 200. Geburtstag zum Anlass, an ihn zu erinnern.

200. Geburtstag von Carl Engel

Ein hessischer Maler im Biedermeier

Von Dagmar Klein

Carl Engel wurde am 28. Oktober 1817 in Londorf geboren, heute ein Ortsteil von Rabenau, gelegen im mittelhessischen Kreis Gießen. Sein Halbbruder und Vormund schickte ihn in die nächstgrößere Stadt auf die Schule, um sein Zeichentalent zu fördern. Das war die Provinzialhauptstadt Gießen, die als Standort der großherzoglich-hessischen Landesuniversität überregionale Bedeutung hatte.

Die nächste Station war für den Jungen die private Zeichenschule des Galerieinspektors Müller in der großherzoglichen Landeshauptstadt Darmstadt. Dank eines Stipendiums konnte Engel ab 1834 die Düsseldorfer Akademie besuchen, die unter Wilhelm von Schadow überregional tonangebend war. Hier erlernte er die Grundlagen der Genremalerei, die ihn ein Leben lang prägten. Es folgte ab 1837 der Besuch der Münchener Akademie, die unter Leitung von Peter Cornelius stand. Carl Engel verdiente ab 1840 sein Geld mit Porträts von betuchten Bürgern, dazu gehörte auch der Gießener Prof. Justus Liebig (noch ohne ‚von’), dessen Bildnis im Original leider verschollen und nur durch eine Zeichnung überliefert ist.

An allen Studienorten lernte Carl Engel wichtige Künstler kennen und schloss dauerhafte Freundschaften, so zum Beispiel mit dem Bildhauer Johann Baptist Scholl dem Jüngeren aus Darmstadt. Engels detailreiche Ansicht von dessen Atelier (1838, im Landesmuseum Darmstadt) gilt als beispielhaft für das Sujet Künstleratelier. Das Bild des Freundes im Krankenbett (1837, Historisches Museum Frankfurt), in Anlehnung an Spitzwegs „Armen Künstler“, wurde zuletzt 2015 in der Romantik-Ausstellung im Frankfurter Museum Giersch ausgestellt.

Carl Engel, Kinderbildnis mit Hund, Oberhessisches Museum Gießen
Carl Engel, Kinderbildnis mit Hund

Engel und Scholl unternahmen gemeinsame Reisen und erwarben Ende der 1840er Jahre in Rödelheim ein Schlösschen für ein gemeinsames Atelier. Engel lebte dort seit seiner Heirat 1842 mit Margarethe Rabenau. Er gab sich bald den Beinamen von der Rabenau. In der kleinen Residenzstadt Rödelheim vor den Toren Frankfurts verbrachen die Patrizierfamilien ihre Sommer, es gab also reichlich Aufträge. Engel war gefragt für seine Familien- und Kinderporträts, da er immer Bewegtheit und Humor in seine detailgenaue Darstellung brachte. Engels Humor zeigt sich in zugespitzter Form auch in seinen Karikaturen von Politikern der 1848er Parlaments in Frankfurt. Seine politische Seite ist wenig bekannt.

In der Genremalerei brillierte er mit fröhlichen, oft kinderreichen Dorfszenen. Im Gemälde „Kirmes in Londorf“ sitzt ein Paar in Tracht an einem Tisch im Vordergrund, darauf Brot und ein volles Bierglas, sie schmiegt sich vertrauensvoll an ihn. Die ausgelassene Festgemeinschaft im Mittelgrund schart sich um aufspielende Musiker. Die Londorfer Kirche thront im Hintergrund auf dem Hügel (1863/66, Marburger Universitätsmuseum). Neben diesen idealisierten Ansichten gibt es auch Bilder von Alltagsarbeit und historische Architekturzeichnungen, die heute dokumentarischen Wert haben.

Die letzte große Würdigung für Carl Engel fand 1987 im Landesmuseum Darmstadt statt. Das damals erschienene Katalogbuch ist eine gute Basis. Schon damals hieß es, Engel sei zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Der Autor Walter Stolle musste großen Aufwand bei der Recherche betreiben, reiste bis nach Wien, wo die Witwe Engel bei einem Sohn ihre letzten Jahre verbracht hatte, und der Autor suchte in den USA, wohin durch Auswanderung einige Bilder gelangt waren.

Carl Engel, Londorfer Kirche im Abendschein, 1850, Oberhessisches Museum Gießen

Das Werkverzeichnis verdient eine Aktualisierung. So ist Engels Spätwerk „Londorfer Kirche im Abendschein“ dort noch unter privat geführt, es kam 1989 als Schenkung an das Oberhessische Museum nach Gießen. Das ebenfalls in Gießen befindliche „Kinderbildnis mit Hund“ taucht im Werkverzeichnis gar nicht auf, war dem Autor offenbar nicht bekannt. Das Gießener Museum hat mit diesen beiden Gemälden zwei besondere Schätze in seiner Sammlung.

Die Ansicht von Londorf wird gerühmt wegen der besonderen Lichtstimmung. Die erzählerische Komponente in den staffageähnlichen Figuren ist typisch für den Maler, hier ist sie zugunsten der Dorfansicht aber zurückgenommen. Das Kinderbildnis weicht vom Üblichen ab, offensichtlich haben Eltern hier ihr verstorbenes Kleinkind porträtieren lassen. Es handelt sich also um ein Memorialbildnis. Das porzellanhafte Puppengesicht, das herausgeputzte Kleidchen und die von Kissen gestützte Sitzhaltung unterstreichen die Wirkung des Leblosen. Der Hund, dessen formvollendet gemalter Kopf auf einem Kinderbeinchen aufliegt, wirkt wie ein beschützender Trauerbegleiter.

Carl Engel kannte das Gefühl der Trauer. Er und seine Frau bekamen sieben Kinder, von denen einige starben. Die drei Überlebenden hatten keine Kinder, es gibt daher keine direkten Nachfahren. Carl Engel starb am 31. März 1870 in Rödelheim.

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erstellt am 24.11.2017

Carl Engel, Selbstporträt
Carl Engel, Selbstporträt, entstanden nach 1867 nach einer Fotografie, privat