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Foto: Jamal Tuschick
Foto: Jamal Tuschick
Textland

Intelligentes Theater

Adela Bravo Sauras kreiert einen neuen Totenkult. In ihrer aktuellen No Fourth Wall Produktion „Meine Hände. Die meiner Mutter“ wird der Raum zum Star.

„Du wirst an jeder Stelle abgeholt.“

Acht Proband*innen verharren in Erwartung des Fortgangs auf der ersten Stufe des Geschehens. Sofort sind sie Unterworfene in einem Spiel mit dem Tod. Ein Zeitmesser harkt Stille, während die erste Laienspielerin dem Wink einer Geste folgt. Ihre Zaghaftigkeit ist bereits ein Inszenierungserfolg. Sie tastet sich an den Ort ihrer Bestimmung, als müsse sie lernen zu gehen. Verunsicherung, fast schon Bestürzung kratzt sie auf. Sie gerät in eine Situation zwischen Flohmarkt und Reliquienschau. Nie verscherbeltes Tafelsilber erwartet ihre Aufmerksamkeit.

So beginnt „Meine Hände. Die meiner Mutter“ von Adela Bravo Sauras im Berliner Instituto Cervantes. Die spanische Architektin, Schauspielerin und Regisseurin nimmt den Tod ihrer Mutter zum Anlass zu einer Kollaboration mit dem Zufall. Er spielt ihr Leute in die Hände, die sich äußerster Konzentration in einem Labor ausgesetzt sehen. Darin untersucht Adela Bravo Sauras die Konsistenz von Erinnerungen. Sie arbeitet mit Trouvaillen aus der mütterlichen Wohnung, die in dreiundzwanzig Kisten von Madrid nach Deutschland geschafft wurden.

Es gibt keine Fiktion im Stück. Alles ist wahr und abhängig von den Empfindungsradien der Eingeladenen. Zu keinem Zeitpunkt sind sie nur Zuschauer*innen. Sie wirken sich bereits aus, bevor sie es begreifen. Sie mustern Schallplatten und Urkunden in einem Schutzraum für jene Gegenstände, die „überlebt“ haben.

Adela Bravo Sauras erfasst den Gast als trauernde Tochter. Sie übermannt ihn mit intimen Berührungen. Sie macht aus ihm „das kleine angefasste Mädchen“.

Wie viele Erinnerungen stecken in den Gegenständen oder werden von ihnen hervorgerufen?

Die Mutter war viel zu aufgeschlossen und bei Weitem „nicht konservativ genug“ für die Sorgen einer Heranwachsenden. Carmen Sauras lebte exzessiv. Jetzt flüstert die Tochter:

„Ich schulde dir geordnete Erinnerungen. Ich schulde dir einen Besuch auf dem Kirchhof.“

Der Gast verändert seinen Standort auf Kommando und erlebt die Konfrontation mit einem Totenkopf. Adela Bravo Sauras ascht ihn ein, schmückt ihn. Sie kämmt den Gast. Sie verspricht „kiloweise mit Sorgfalt beschmutzten Stoff“.

Eine Klangskulptur baut sich im Raum auf. Die Theatralisierten sehen einander skeptisch zu, während Adela Bravo Sauras sich die Mühe macht, jedem ein Brot zu schmieren (in mütterlicher Geschäftigkeit). Sie serviert ein Menü in semisymbolischen Akten.

Lampen werden zu Kleiderständern. Briefen werden vorgelesen und Karten gelegt. Die Darstellung ist extrem kleinteilig.

Plötzlich läuft ein akustischer Bauernhoffilm vom Band.

„Der Gedanke an den Tod macht mir ein melancholisches Glück.“

„Ich untersuche Gegenstände wie eine Detektivin“, sagt Adela Bravo Sauras. Sie setzt die Proband*innen wie Sonden ein, die nie zuvor Gesehenes vom mütterlichen Mond senden. Zum Schluss gestattet sie ihnen, wieder das zu spielen, was alle am besten können – verantwortungsloses Publikum. Die Auflösung ist großartig. Die von zig Maßnahmen Irritierten stranden in einer Peepshow.

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erstellt am 24.11.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.