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Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick hat aufgeräumt: Seine Protokolle und Erinnerungen aus aller Welt und aus jeder Zeit haben sich zu einer unordentlichen Szenen-Folge mit dem Titel »Hessenmeister« zusammengefunden, die auf Faust-Kultur in wöchentlicher Fortsetzung erscheinen.

Textland von Jamal Tuschick

Hessenmeister

13. Dezember 2017

Hessenmeister

Afrikanisches Blut

Die Originalbesetzung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ löste sich 2011 auf. Im Mai 2013 erhob der Generalbundesanwalt Anklage u.a. gegen Beate Zschäpe. Die Anklageschrift stützt die Vorstellung von einer Terrormonade, die sich ab 1998 isolierte und nach ihrer Selbstzerstörung nichts Anschlussfähiges zurückließ. Nun sind neun zusätzliche Ermittlungsverfahren gegen namentlich bekannte Beschuldigte und ein Verfahren gegen Unbekannt („Strukturermittlungsverfahren“) anhängig.

Im Prozess spielt die Bundesanwaltschaft eine Doppelrolle. Sie ist Verteidigerin und Staatsanwältin zugleich. Sie vertritt die Bundesrepublik als (von einer terroristischen Vereinigung) Geschädigte und sie hält die Bank der Anklage. Durch diese Konstruktion scheint das Primat der Staatsräson. Jede andere Feststellung zeigt sich in dem Verhältnis inferior, zumal die Bundesanwaltschaft den Regierungsstandpunkt zu berücksichtigen hat, ihr folglich die Unabhängigkeit einer judikativen Instanz fehlt. Amtlich hintertreibt sie die Aufklärung staatlicher Verstrickungen: zur Abwendung von Schäden am Gesellschaftskörper und so auch zum Schutz der Organe. Ich erinnere an das neblige Verständnis des Richters Manfred Götzl für Andreas Temme. Der Verfassungsschützer war zum Zeitpunkt von Halit Yozgats Ermordung 2006 in einem Kasseler Internetcafé anwesend, will vom Tatgeschehen aber nichts mitbekommen haben.

Die Perspektive der Hinterbliebenen bleibt im Vergleich mit so viel Hoheit „eine Leerstelle“ (Funda Özfırat). Es stellt sich die Frage, was gewesen wäre, hätten Mundlos und Böhnhardt autochthone Deutsche erschossen. Für einen wie Heinz Wolf (Namen von der Redaktion geändert) sind die Killer Helden aus dem Herzen Deutschlands. Heinz ist vehementer Willkommenskulturgegner. Das Bollwerk der Ablehnung kennt viele Aktivisten, die in der Manier eines Horst Mahlers den Rechtsruck an der eigenen Person vollzogen haben. Als malerischer Salonkommunist und Kunstkenner stieg Heinz im letzten Jahrtausend zu einem Messias der Westberliner Linksradikalen auf. Heute verstärkt er in der AfD die Achse Gauland-Höcke. Die Betrachtung schießt ins Groteske, weiß man denn, dass Heinz 1984 von der Hauptabteilung Aufklärung im Westen platziert und als Romeo auf die Verfassungsschützerin Angel Beluga angesetzt worden war. Kollegen im Ministerium für Staatssicherheit nannten Heinz den eiskalten Engel des Ostens. Angel Beluga erlag nicht nur seinem Charme, sondern auch dem Alkohol. Sie verkam und endete als Schriftstellerin. 1987 bewog Heinz das damals gerade aufgeflogene Fluchthelfergenie Tillmann Koslowski zu einer letzten hochriskanten Schleusung. Jetzt sitzt er mit SS-Maik in der Highend Bar und erwartet seine Entmündigung von einer sozialen Ingenieurin voller Hass auf alte, zur Gegenwehr kaum noch fähige Machos und anderen Profiteure des deutschen Gesundheitswesens. Maiks zahnloser Kennerblick identifziert die soziale Chefingenieurin als Schlampe par excellence. Doch traut selbst er sich nicht, ihre seine Verachtung zu zeigen.

„Zieht die Schuhe aus und lasst die Jacken liegen.“

ist die erste Ansage. Eine Internierung könnte so losgehen. Eben klumpten alle herum, jeder mit seinem Telefon beschäftigt, jeder im stillen Furor der Auslöschung historischer Gebärden. Kein Mensch weiß mehr, wie man in den alten Zeiten vor Smartphone die letzten Minuten vor dem Versammlungsaufruf überstand. Einschlägige Informationen wurden dem kollektiven Gedächtnis entzogen. Es gibt nur noch das neuste Jetzt und die große Erzählung von einer Vergangenheit mit Dampflokomotiven, die fliegen konnten.
„Sichert euren Scheiß. Wir haften für nix.“

Im nächsten Augenblick formieren sich im Wohlstand Versprengte zu einer Gemeinschaft interaktiv Erfahrener. Interaktive bekämpfen kein Gefühl von Verlorenheit in fremden Räumen. Vertreibung und Flucht stehen nicht auf ihrer Agenda. Sie fürchten nicht, anzuecken oder aus dem Rahmen zu fallen. Sie wissen Bescheid. Theater ist Entgrenzung und geht immer weiter. Insane ist normal. Sollte die Aufforderung erfolgen, für eine Teilnahme „am Ballett zur Wahrung des intergalaktischen Friedens“ (D. Rabinovici) Maßnahmen zu ergreifen, wüssten alle, was zu tun ist. Das Publikum verschmilzt mit den sozialen Ingenieur*innen, um „Strukturen der Integration” zu begreifen. Zurzeit startet jede willkommenskulturelle Performance mit interaktiv jogistischen Einlagen.

„Was bedeutet es, sich zu integrieren?“

Leute, die die Wahl haben, verhalten sich in dieser Regie der sozialen Ingenieur*innen so, als gäbe es keine Alternative zu ihrem Mittun.

Die Nummer heißt Abtanzen beim Feind. Die Aktivistinnen lassen Heinz und Maik in ihren Reihen stöbern und kobern. Die Musik nimmt alle mit, sie löst die letzten Sperren.

Heinz begreift die orgiastisch annehmende Dimension des Willkommens der sozialen Ingenieur*innen. Daher kommen die Alarmlinks zu den vielen jungmännlichen Flüchtlingen in den Überfremdungsbeschwörungen. Heinz steuert eine Frau „mit afrikanischem Blut” (Maik) an. Sie könnte in ihm ihren Erlöser sehen.

In der Gegenwart von 1987

Heinz trinkt einen Kaffee mit Maik. Maik schwafelt vom Glück seiner seit dreißig Jahren verheirateten Eltern. Der Vater war Radsportler in der Täwe Schur Ära gewesen. Jenseits der Agentenlegende ist Heinz mit Brigitte verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Im Sommer steht ein gemeinsamer Ungarnurlaub an. Heinz schottet sich gegen das Geschwätz ab und versucht es mit einer Erinnerung an die Zeit, als die Kinder noch nicht da waren und Brigitte und er am Plattensee zum ersten Mal gemeinsam Urlaub machten. Das Hotel stand direkt am Wasser. Plattenbau in der Paprika-Variante. Die Architektur war deutlich ansehnlicher als in der DDR. Die Liegewiese kündigte die Steppe schon einmal an. Die Sonnenschirme knallten. Die westdeutschen Urlauber regten Heinz sofort auf. DDR-Bürger sind in Ungarn Touristen zweiter Klasse. Alle lechzen nach der harten Mark. Brigitte konnte es kaum erwarten, sich zu zeigen. Sie beschwor die Notwendigkeit einer Abkühlung. Heinz wollte erst einmal ankommen und Ordnung schaffen. Ein Machtkampf entbrannte.
Heinz erzwang seine Reihenfolge. Er glaubte, das sei wichtig in einer Ehe. Wer mehr verdiente, sollte auch mehr zu sagen haben, fand er. Heinz verdiente zweitausendsechshundert Mark (als Vernehmer). Wie sollte sich seine Frau im Leben zurechtfinden, wenn er sie in dem Glauben ließ, das, was er verkörperte, ließe sich mit unerwachsenem Vorwitz toppen.
Der Raum war geschickt aufgeteilt. Er wirkte wie ein kleines Apartment mit separatem Schlafzimmer. Schließlich ließ Heinz Brigitte laufen, sie sah sich nach ihm um und winkte hemmungslos.
Ungarn gab den Vorreiter des westlichen Lebensstils im Ostblock. Das Risiko, abgehört, bespitzelt und in Schwierigkeiten gebracht zu werden, bestand trotzdem. Heinz blieb auf der Hut. Er beobachtete den Schwarztausch der Westdeutschen. Ihre Geschäftspartner waren die Kellner.
Die Erinnerung bringt Heinz seine Frau nicht näher. Er hat stets getan, was von ihm erwartet wurde und darunter gelitten, dass sich Brigitte nicht genauso einfügen konnte. Die DDR-Psychologie geht von einer im Sozialismus heraufgestimmten Persönlichkeit aus. Abweichungen sind Defizite. Heinz musste sich sagen lassen, dass Brigittes Persönlichkeit mangelhaft sei.

Tage später früh am Abend in Ostberlin

Mangelhaft ist auch die Persönlichkeit der zur Republikflucht entschlossenen Petra Uffland. Heinz überrascht Petra. Sie ist allein mit ihrer Tochter in der Wohnung und nicht bereit, Besuch zu empfangen. Heinz lässt sich nicht aufschieben. Er drängt in den Flur und weiter ins Wohnzimmer. Ohne Umschweife erklärt er Petra, dass er sie unter vier Augen sprechen müsse. Petra weigert sich zuerst, ihre Tochter wegzuschicken. Heinz droht, ihre Fluchtabsichten herumzuposaunen. Petra erbleicht, sie büßt ihr Stehvermögen ein. (Petra verliert ihre Gesichtsfarbe. Sie muss sich setzen.) Die Tochter reagiert besorgt, ohne ängstlich zu sein. Heinz gelingt es lediglich, sie mit einem Versorgungsauftrag kurz zu distanzieren. Heinz nutzt den Augenblick, um Petra zu informieren. Es läge allein bei ihr, ob sie nach Westberlin dürfe oder direkt ins Gefängnis käme. Heinz hat mit ihrem Mann verabredet, Petra einzuschüchtern und dann die Sache auf sich beruhen zu lassen. Entgegen der Verabredung ist Heinz entschlossen, Petra mit Tillmanns Hilfe in den Westen zu schaffen, um sie da zu bearbeiten. Er befiehlt ihr, die Tochter wegzuschicken.
„Die Petra Uffland wusste die Entfernung der Tochter geschickt einzurichten. Warum sie ihre Familie zurückzulassen bereit war, gab sie nicht an. Sie wirkte körperlich geschwächt, doch willensstark. Ihr Entschluss schien unumstößlich.“
Heinz zweifelt an Petras geistiger Gesundheit. Er rät ihr, sich zu beeilen. Sollte er in Schwierigkeiten geraten, würde er sie denunzieren. Das müsse ihr klar sein.
„Die Eindringlichkeit meiner Vorhaltungen verfehlten die beabsichtigte Wirkung. Die Uffland schien ihre Umgebung kaum wahrzunehmen und die Konsequenzen ihres Tuns nicht zu begreifen.“
Petra begleitet Heinz wie ferngesteuert. Er übergibt sie Tillmann in einem wegen Urlaub geschlossenen Fotoatelier am Rosenower Platz. Der Berlin Ranger hält den HVA-Major für einen politischen Spinner und linksrassistischen Publizisten, der Meinungsführerschaft in Westberliner Zirkeln anstrebt. Den Mann kann man nicht für voll nehmen. Tillmann rät Heinz, ihm das Weitere zu überlassen und sich nicht einzumischen. Das widerstrebt Heinz. Er versucht Druck auszuüben und Zeit zu schinden.
„Uneinigkeit herrschte auf dem Deck des weiteren Vorgehens. Ich gab dem Koslowski seine Lage zu bedenken. Er zeigte sich so unbeeindruckt wie ein Verrückter.“
Um seine Westberliner Legende nicht zu riskieren, nimmt Heinz Abstand von der Absicht, bei Tillmann und Petra zu bleiben. Er verzieht sich, führt die Observation aber weiter. Doch verlassen weder Petra noch Tillmann für ihn sichtbar das Atelier.

Tage später

Bevor eine Vertrauensblase platzt, durchläuft jeder Mensch eine Phase, in der er sich selbst widerspricht. Er bekämpft den eigenen Verstand und seinen Instinkt. Er will ganz einfach nicht die Brustwärme des Vertrauens auf einem Abtritt des Misstrauens verlieren. Er will nicht auskühlen. Deshalb weigert sich Tillmann das Offensichtliche anzunehmen. Er liegt zwischen Gerda und Angel Beluga im „Sonnenstudio“ auf den neuen Flachstühlen.
Das „Sonnenstudio“ ist ein Schauplatz des Kreuzberger Augenblicks – Galerie, Restaurant und Tanzcafé mit Tischtelefonen. Gesehen hat man da bereits Grace Jones und Dolf Lundgren. In der VIP Lounge konspirieren arabisch-kurdische Familienväter. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Flo Lekrem, bundesweit bekannt als „Fäkalflokati“ (stern), „Kotkünstler“ (FAZ) und Neoequilibrist (Qickborner Morgen).
Tillmann beschäftigt das Schicksal von Petra. Sie ist verschwunden. Heinz behauptet, im Westen von ihr nichts gesehen und gehört zu haben. Tillmann hatte sie zu einem Logierhaus am Tiergarten gefahren und sich damit seiner Verpflichtungen entledigt. Als er sich am nächsten Tag nach ihr erkundigte, bestimmt nicht aus Fürsorge, war sie schon weg. Gestern war er im Hotel, um sich sagen zu lassen, wer das Zimmer gebucht hatte. Halten Sie sich fest. Flo Lekrem hat das Zimmer für zwei Wochen gebucht und bezahlt. Der Maler besaß vor einem halben Jahr noch nicht mal eine Kreditkarte. Er hängt auch mit diesen Staatsfeinden ab, die Heinz zu ihrem Guru gemacht haben.

6. Dezember 2017

Hessenmeister

Das überlegene Tier

„If you don‘t cannibalize yourself, someone else will.“ Steve Jobs

Das überlegene Tier schnappt nach der Kehle des Unterlegenen, sein Besitzer zwingt ein Stück Holz ins Siegermaul. Die Kreuzungen zwischen englischen Bullterriern und Staffordshire-Terriern kosten dreitausend Mark. Ihr Preis hält sie am Leben.

Westberlin im Sommer 1987

Was heißt typisch Berlin? Nehmen Sie Flo Lekrem als Beispiel für eine mediokre Existenz. Kreuzberger Autoren schildern den (laut Eigenwerbung) „Scheißkünstler“ als überschäumende Persönlichkeit am Rand des Nervenzusammenbruchs. Alle Konzepte und Gerüste des Ichs haben in seinem Fall ihren provisorischen Charakter bewiesen. Lekrem hat seine Möglichkeiten überlebt. Jedenfalls behauptet das sein Schicksal, das einen eigenen Schatten wirft. Das Schicksal liegt Lekrem in den Ohren und sagt ihm das Schlimmste voraus. Es orakelt einen Orkan der Verzweiflung herbei,

„noch bevor du in einem Scheißhaus umkommst.“

Schon jetzt transzendiert alles Richtung Hoffnungslosigkeit. Doch ist das erst der Anfang. Früher glaubte Lekrem, dass die revolutionäre Unterwanderung sein Spiel sei. Heute weiß er es besser. Er taugt zu nichts.

Das hört, liest und riecht er jeden Tag, seit er sich mit Aktionisten vom „Institut für Schönheit im öffentlichen Raum“ angelegt hat. Sie nennen sich auch Volksstasi. Diese Leute stehen im Schatten ihres Führers Mark auf dem Standpunkt: Wem wir übelwollen, der ist unmoralisch. Dem bringen wir Moral bei.

Moral muss wehtun.

Ihr Credo lautet: Ethik ist die neue Ästhetik. Sie zeigen Lekrem die volle Breitseite ihrer Möglichkeiten. Geld, Zeit und Raum spielen für sie keine Rollen. Gutangezogen zünden sie Stinkbomben und zeigen dann auf den Künstlerpopel. Sie legen Lekrem lahm und nennen das Aktionskunst. Juristisch kann ihnen keiner. Die Feinde der repräsentativen Demokratie spielen mit den Formularen des Rechtsstaats. Sie lachen sich schlapp über den ratlosen Unwirsch hinter ihren tapferen Schirmen der Anonymität.

Lekrem havariert seelisch. Soll er doch, sagen Sie. Was interessiert uns ein Flo Lekrem! Der Mann bringt nicht nur die eigene Notdurft auf Leinwände. Er lässt sich die Scheiße anderer Leute widmen. Die Entstehungsprozesse seiner Bilder sind Ereignisse (mit allen Beteiligten), von denen wir nichts wissen wollen. In fünfundzwanzig Jahren wird Lekrem eine völkische Verbindung der AfD zuführen, und Eingeweihte werden sagen: Das war abzusehen.

Zur gleichen Zeit in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Wir betrachten eine Szene in der Kollwitzstraße, wo die amerikanische Germanistin (und enttäuschte Kommunistin) Loretta Morgenstern für die amerikanisch-israelisch-deutsche Fluchthelfergemeinschaft „Berlin Ranger“ eine Wohnung als Stützpunkt illegaler Aktivitäten bewirtschaftet.

Loretta behauptet zu wissen, dass sich „Vorboten einer Gewitternacht“ auf Litauisch zu „Koueööaimdus“ verkürzt. Ihre Leidenschaft für die DDR ist zwar verflogen, aber ein Stück Schneewittchenkuchen isst sie doch gern. Der legendäre Berlin Ranger Tillmann „Trouble“ Koslowski hat ihn gebacken und über die Grenze geschafft. Ich erzähle gleich wie. Tillmann trägt ein John Crocket Vollzwirnhemd. Das ist eine Erklärung (Statement) und zugleich eine subtile Beleidigung der herrschenden Verhältnisse.

Der Westmann sitzt mit seiner Ostgeliebten Monika Kanu und der heftig in ihn verliebten Loretta in dem von Büchern und Wallewalle verdunkelten Wohnzimmer und fragt sich, wie lange das noch gutgeht. Zweifellos wird Monika observiert. Die Besuche bei Loretta covert die Legende vom Gitarrenunterricht. Offiziell unterrichtet Loretta Monika zur Zeit der Schäferstunde. Das limitiert die Begegnungen auf überzogene neunzig Minuten. Absolute Gleichmäßigkeit wäre verdächtig. Loretta ist aber über jeden Verdacht erhaben. Sie lebt freiwillig in der DDR und stammt aus einer Familie, die Bürgerrechtsbewegungen Repräsentanten liefert. Sie ist Spezialistin für die deutsche Literatur des Exils. Man konsultiert sie bei Fragen zu Anna Seghers. Als Gitarristin kennt man sie eher nicht, sie ist klassisch ausgebildet, was dem Vortrag einfacher Lieder der Arbeiterbewegung eine prahlende Note gibt. Während Tillmann und Monika miteinander im Bett spielen, schlägt Loretta im Wohnzimmer Saiten an. Dazu läuft ein Band, das eine Unterrichtssituation konserviert.

Es ist der Risikojunkie in Tillmann, der ihn solche Manöver fahren lässt. Die Gefahr erregt ihn stärker als Monika. Obwohl er ihre Haut liebt und nach Heiner Müller alles eine Frage der Haut ist. Er nennt den Ton skandinavisch braun. Monika hält ihren Teint für russisch. Eine Großmutter hatte was mit einem Russen, wie freiwillig, weiß man nicht. Immer wieder kehrt Monika in der Umgebung der Zeugung ihrer Mutter ein. Man riss Frauen Ringe aus den Ohren. Die Frauen bluteten aus den aufgeschlitzten Lappen. Die Sieger quartierten sich in einem Herrenhaus ein und bewohnten es gemeinsam mit ihren Pferden. Das kommt stockend aus einer, die nicht gesprächig ist. Trotzdem lässt sie manchmal ihren sächsischen Clan in einer Schote aufmarschieren, mit Vater und Mutter, Brüdern und Schwestern, Onkel und Tanten. Das ist so etwas anderes, als die bindungslose Verworfenheit, die Sabine (eine andere Geliebte des Tillmann Koslowski, Anm. der Redaktion) geprägt hat.

Festung Familie. Die Beobachtung bestärkt Tillmann in der Notwendigkeit, (seine Westverlobte) Gerda bald zu heiraten, schon um den kommenden Kindern keinen alten Vater zuzumuten.

Im Grunde taktet die Stasi Tillmanns Verhältnis zu Monika ideal. Nicht selten schlummert er postkoital entspannt, wenn Monika mit ihrer Gitarre und dem Habitus einer Kirchenkreisaktivistin aufbricht. Tillmann verlässt die Wohnung erst, nachdem Besuch am Abend die Lage unübersichtlich gestaltet. Erscheint ihm der Auflauf nicht groß genug, gibt es Auswege über das Dach in ein anderes Treppenhaus oder zu einer Remisenflucht, in der Lorettas schwarzer Tatra steht.

Tillmann legt eine Platte auf, irgendwas von Schostakowitsch, und setzt sich zu Loretta, Monika ist eben weg.

„In Kansas haben meine Freundinnen und ich die Jungen benotet auf einer Skala von eins bis zehn. Welche Note würdest du mir geben?“

„Die glatte Zehn.“

„Du lügst. Die würdest du nur dir geben. Das macht dich zu einem interessanten Fall.“

Tillmann begreift die Ansprache als Aufforderung über den Tisch nach Loretta zu greifen.

„Ich wusste, dass du es so auffassen würdest. Du bist basal.“

Basal heißt banal. Wenn schon. Sich auf die Vertracktheiten anderer Leute nicht einzulassen, gehört zur richtigen Atmung. Tillmann begreift die Spinnerei der Welt als Generaleinwand gegen die Angst vor der Leere. Tillmann liebt die Leere. Er atmet in den Unterbauch und gibt seine Energie über die Hände ab. Loretta seufzt auf. Sie ist eine direkte Schülerin von Tetsuhiro Hokama. Auch sie gibt ihre Energie über die Hände ab. Loretta und Tillmann synchronisieren ihre Atmung. Beide brauchen keinen zweiten, um das zu erreichen, was sie gemeinsam anstreben. Es ist nur eine Spielerei.

„Du lässt mich nicht allein kommen, hörst du“, sagt Loretta.

„Ich hatte das heute schon zweimal.“

„Sei nicht zu unhöflich.“

„Da du mich sehr darum bittest.“

Zur gleichen Zeit überquert ein Kundschafter des Friedens früher als geplant die Grenze auf der Heinrich-Heine-Straße Richtung Kreuzberg. An diesem Übergang wurde nach einem Durchbruchsversuch im Jahr 1962 eine Slalomsperre errichtet. Drei Jahre später scheiterten an der Sperre zwei Paare in einem Auto. In jedem Fall gab es Tote. Der HVA-Hauptmann Heinz Wolf ist, wie er bald angeben wird, in ungewohnt nachdenklicher Verfassung. Ein Freund hat ihn von den Fluchtabsichten der eigenen Frau in Kenntnis gesetzt. Er wollte die Anzeige vertraulich behandelt wissen. Heinz hat ihm nicht nur versprochen, die Sache diskret zu regeln, er ist auch entschlossen, sein Wort zu halten. Er will die Abtrünnige abhauen lassen, um sie im Westen erpresserisch einzutüten. Nur wer kriegt den illegalen Grenzübertritt sauber hin? Heinz denkt an Tillmann, der ihn für einen antideutschen Salonkommunisten und Journalisten hält und außerdem für den Verlobten einer Verfassungsschützerin. So bunt ist Berlin. Wolfs Braut Angel Beluga, deren Vater Achim „Acid“ Beluga ein Gründer der „Berlin Ranger“ ist, führt den freien Verfassungsschutzmitarbeiter (und aufgeflogenen Fluchthelfer) Tillmann. Sie selbst wird von Heinz geführt. Die Doppelagentin quatscht oft eine Runde mit Tillmann in der Galerie „Sonnenstudio“, wo die „Kackbilder“ von Flo Lekrem für Ekel gesorgt haben, bis Gewöhnung eintrat. Lekrems Kunst sei „wie der Gazastreifen“, behauptete Korea Grein in der Berliner Zeitung.

Tillmann ahnt nicht, dass ihn Angel Beluga verlädt und die Hauptabteilung Aufklärung (HVA) schon lange alles und mehr über ihn weiß.

Klaffende Bauchdecke

Heinz sieht aus wie Gojko Mitić. Fast zu markig wirkt er neben den pseudolinksradikalen Milchschnitten, mit denen er außerparlamentarische Opposition spielt und deren Gedankensprünge und Gefühlsausbrüche er betreut. Heinz, ein Meister der toxischen Narrative, viril, intelligent, skrupellos, erscheint als neuer Messias der Westberliner „Politdeppen“ (Peter Hacks). Im Jetzt des Geschehens sucht er einen Parkplatz für seinen Renault. Er vermutet Angel Beluga im „Sonnenstudio“.

Heinz hat recht. Angel Beluga unterhält sich mit dem Journalisten Captain Benjamin Lincoln Willard von AN („Apokalypse Now TV). Captain Willard vermutet, dass die HVA im Auftrag des Politbüros eine Schleusergang im Rahmen eines Devisenbeschaffungsprogramms betreibt. Die Flüchtlinge müssen in Deutscher Mark oder Dollar zahlen und leben oft nicht mehr lange im Westen. Ich greife vor. Ein paar Offiziere, die wissen, dass es die DDR nicht mehr lange geben wird, haben das Geschäft aufgezogen, ohne die Greise an der Spitze zu informieren.

„Warum sagen alle Captain zu Ihnen?“ fragt Angel Beluga betrunken.

„Keine Ahnung“, antwortet Captain Willard entgegenkommend. Früher haben alle Sir zu ihm gesagt, einmal abgesehen davon, dass Willard bereits Colonel war, als er Kurtz im Dschungel traf. Er hat seine Orden nicht vor dem Capitol weggeschmissen und sich nicht langhaarig an Antikriegsdemonstrationen beteiligt. Seit den Pilgrim Vätern war jede amerikanische Einwanderergeneration in Kämpfe verwickelt. Jahrhunderte war das Verschweigen und die Leugnung des Grauens tugendhaft gewesen.

Plötzlich reden alle über ihre traumatischen Erfahrungen.

Captain Willard gefällt Angels angekratzte Grazie. Sie hat sich mit einem Cocktail aufgemöbelt, der für Laienspieler tödlich wäre. Es geht ihr also gut, Tillmann stellt ein beschlagenes Glas vor ihr ab. Angel bedankt sich für die Aufmerksamkeit beim falschen Mann. Der Spender registriert das kognitive Versagen mit einem Anflug von Bedauern. Tillmann zieht weiter, er ist erst seit einer halben Stunde wieder im Westen. Das „Sonnenstudio“ ist Galerie und Restaurant, Tillmann besetzt einen Nischenplatz und bestellt „Falscher Hase“, eine Erdbeerwurstkreation aus dem Hause Teichmann. Auf dem Top der Bedienung steht „Kunststudentin“.

Die Ironisierung der Wahrheit weist auf etwas schwer Verdauliches hin. Bevor das Essen auf den Tisch kommt, setzt sich Korea zu Tillmann. Er hatte Gerda zum Frühstück, Monika zum Kaffee und Loretta zum ersten Glas des frühen Abends, er braucht einen Moment der inneren Einkehr am Rand der allgemeinen Aufregung. Aber Korea schert sich einen Dreck um die Bedürfnisse des attraktiven Industriekaufmanns. Sie streift ihre Schlappen von den verhornten Fersen, die Zehen wackeln naturkindlich bis zum Nebentisch. Wir sind mal wieder da, wo locker großgeschrieben wird.

„Wie findest du die Sachen vom Lekrem?“

Natürlich will Korea das gar nicht wissen. Tillmann zählt zu den Banausen, die in ihrer Freizeit irgendwas mit Kultur konsumieren, so wie man nach dem Kino noch was essen geht und hinterher wieder nicht weiß, was öder war, der Fraß oder der Film. Trotzdem muss das sein.

Tillmann antwortet nicht, weil er die Frage richtig verstanden hat als Überleitung zu einer längeren Bemerkung, in der es auch nicht um Kunst geht. Korea sucht einen Begleiter, der männlich wirkt und die Platzhirsche auf Abstand hält, bei einer Recherche in der Hundekampfszene. Korea möchte sich verkleiden und als eine andere auftreten, in Begleitung eines Mannes, der ihre Möglichkeiten übersteigt. Koreas Lebensgefährte ist der Verleger Waldemar Heringsdorf. Er hat das nobilitierende von abgelegt, das Vermögen der Altvorderen passte in eine Sparbüchse. Mit ein paar populären Titeln aus der Welt des Sports und der Unterhaltung hat sich Waldemar ein Polster verschafft, das Haus in der Toskana, die Eigentumswohnung in Wilmersdorf und noch was hier und noch was da. Korea kauft sich gerade vorausschauend ein, mit Erspartem und Ererbtem. Das bildet die Basis ihrer Existenz. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2026 wird Korea von Entscheidungen profitieren, die sie mit Anfang Zwanzig traf. Bis zu Waldemars Tod bleibt sie seine Gefährtin. Das hält sie von Verhältnissen nicht ab. Ihre Lebensgleichung lautet Geld und Körper. Das findet Tillmann ehrlich. Ihm wird Korea angenehm bleiben.

Aus Koreas Hundekampfartikel:

„Zwei aufgestachelte Mischlinge mit extrascharf geschliffenen Zähnen (sechs Zentimeter lang) wurden in einem Keller einander zugeführt. Wie im Boxring war ein Gong das Kommando für die Herrchen gewesen, ihre dreißig Kilo schweren Hunde loszulassen. Die Leiber krachten aufeinander, die Zähne rissen sofort Wunden. Eine Bauchdecke klaffte auf, im ersten Anlauf. Das überlegene Tier schnappte nach der Kehle des Unterlegenen, sein Besitzer zwang ein Stück Holz ins Siegermaul. Die Kreuzungen zwischen englischen Bullterriern und Staffordshire-Terriern kosten dreitausend Mark. Ihr Preis hält sie am Leben.“

30. November 2017

Hessenmeister

Eins zu null für die HVA

Sie nennen ihn den Ingenieur. Markus „Mischa“ Wolf ist Behördenchef der ostdeutschen Auslandsspionage HVA. Er dient dem KGB in erster und Erich Mielke in zweiter Linie. Dem einfachen Minister fühlt er sich haushoch überlegen und zeigt das auch. Im Gegenzug missbilligt Mielke ausführlich den lockeren Lebenswandel des Intellektuellen, der aus einer kommunistischen Familie kommt, die im „richtigen Exil“ war. – Anders als der über seinen Sohn Thomas gestolperte, ehemalige stellvertretende Kulturminister Horst Brasch, der den Faschismus im kapitalistischen Ausland überlebte. Wolf kann sich auf einen bedeutenden Vater und einen berühmten Bruder berufen, das gestattet ihm manche stalinistische Scharade. Mitte der Achtzigerjahre verlässt er seine zweite Frau Christa, geb. Heinrich. Die seit 1976 mit Wolf verheiratete Schneiderin und offensive Stasi-Zuträgerin aus Lauterbach in Thüringen kommt kaum darüber hinweg, dass ihre Freundin Andrea Stingl den Scheidungsgrund liefert. Die Elektrofachkraft saß 1968 wegen versuchter Republikflucht vier Monate im Stasigefängnis von Hohenschönhausen und dient nun als Fußpflegerin in den Reihen der DEFA. Andrea ist alles andere als eine passende Partie. Mielke tobt, angefeuert von der linientreuen Christa.

Um den Kopf freizukriegen, nimmt die Betrogene eine Auszeit an der bulgarischen Schwarzmeerküste. In einem Badeort lernt sie einen Bundesdeutschen kennen. KV hält um ihre Hand an und schaltet den Bundesnachrichtendienst ein. Der Dienst aktiviert den Westberliner Industriekaufmann und professionellen Fluchthelfer Tillmann Koslowski. Koslowski kann sich nach Belieben in der DDR aufhalten. Er rät davon ab, von Pullach aus direkt in das Verhältnis hineinzuregieren. Trotzdem wendet sich der BND mit einem Schleusungsszenario und konkreten Anweisungen an Christa. Der Brief landet auf Mielkes Schreibtisch. Obwohl Christa kooperiert, wird in ihrem Fall Totalüberwachung angeordnet. Der Prozess ihrer Entmündigung läuft an. Im Herbst Sechsundachtzig erfolgt die Scheidung von dem bereits zurückgetretenen Generaloberst Wolf.

Zu diesem Zeitpunkt hält Koslowski einen konspirativen Kontakt zu Christa für ausgeschlossen. Ende November trifft er den Mann einer seiner Ostberliner Geliebten im „Metropol“. Sabine Billung kennt das Hotel von Einsätzen „mit frauenspezifischen Methoden“ wie es im HVA-Jargon heißt. Es bietet dreihundertvierzig Zimmer sowie einige Apartments und Suiten. Es gibt eine hoteleigene Yacht, einen Limousinen-Service, einen Bankett Saal – und als Höhepunkt des sozialistischen Savoir-vivre, eine „Panoramasauna“ in der zwölften Etage mit Sommerterrasse auch im Winter. In der „Jägerstube“ bringt Sabine Billung ihre aktuellen Männer an einen Tisch. Gatte Peter ist blau wie ein Russe. Aus Aufzeichnungen für den Verfassungsschutz, die nicht von Tillmann stammen: Peter Billung ist Waffenträger im Rang eines Majors. Er verfehlt auf Anhieb den passablen Eindruck. Man kriegt von so einem Schmierlappen nichts ohne üblen Beigeschmack. In seiner Gegenwart verdrehen sich die geraden Linien. Kein ehrliches Gewerbe kommt für ihn in Frage. Billung ist seiner Natur nach Schieber, Drücker, Mauschler und Eckensteher. Er behauptet, gefälschte Einreisestempel in Ungarn besorgen zu können.

„Das ist doch interessant für dich und deine Leute im Grunewald.“

Tillmann verzieht keine Miene. Sabine wringt die Hände Richtung Tillmann. Sie versucht emotional mitgenommen zu wirken. Peters Geschäftsmodell wäre unter anderen Umständen fabelhaft. Tillmann besorgt echte westdeutsche Pässe, die in Ungarn verfälscht werden. Mit den Papieren könnten DDR-Bürger in die Freiheit fliegen.

Sabine parkt ihre Hände auf Tillmanns Schenkel und setzt ihren Schlafzimmerblick ein. Tillmann bewundert die Leichtigkeit, mit der sie die Poller des gesunden Menschenverstands umrundet.

Tillmann wird von zwei Seiten bearbeitet. Das hat er noch nicht erlebt. Er entschließt sich, das NSA-Standardverfahren zu praktizieren. Überfallartig küsst er Sabine. Sie ist so überrascht, dass sie den Mund aufmacht und sich in totaler Umklammerung schon halb bewusstlos vom Tisch wegziehen lässt. Peter interveniert. Tillmann hookt ihn um. Sabine kreischt trotz Ausbildung. Vier Greifer nähern sich Tillmann. Er kann sich absetzen. Den Mustang lässt er stehen. Wind schießt wie auf einer Eisbahn zum Alexanderplatz. Tillmann verdrückt sich in eine Schwemme und nimmt sich den Novomat vor – die DDR-Variante des einarmigen Banditen. Ein Plakat erinnert an Valeska Gert. Am Tresen erklingt die große Sprecharie des kleinen Mannes, dem im Schrebergarten seines Daseins ständig der Himmel auf den Kopf zu fallen droht.

Das Wetter wird mit heidnischen Einflüsterungen besprochen. Stets mussten die Winter überlebt werden, mit der Aussicht auf einen Frühling. Älteste Befürchtungen stecken in den Wetterberichten, die man sich so zukommen lässt, als hätte jeder sein eigenes Wetter.

Die Küche empfiehlt Eisbein. Ein Fuchs schnürt über die Straße, das ist keine Sensation, manchmal kehrt der Fuchs auch ein.

Tillmann nimmt einen alten Wildwechsel nach Westberlin. Er ist aufgeflogen, verbrannt und arbeitslos. Er kann nie mehr legal in die DDR. Auch in seinem Teil der Stadt ist er nicht mehr sicher.

Am Übergang Heinrich-Heine-Straße wurde nach einem Durchbruchsversuch im Jahr 1962 eine Slalomsperre errichtet. Drei Jahre später scheiterten an der Sperre zwei Paare in einem Auto. Ein paar Meter weiter sitzen die Berlin Ranger Walter Großeisen und Tillmann Koslowski mit dem amerikanischen Journalisten Ben Willard im Moritzeck an einem Ende von Kreuzberg und reden über den neusten Frontstadthype – „die Intelligence Community von Westberlin“ (Spiegel Titelgeschichte im Dezember 1986). Tillmann erhebt sich gegen die Huberei: „Die Intelligence Community besteht aus Leuten, die Zeitungen auswerten. Ich meine Zeitungen aus dem Ostblock. Die haben keinen nachrichtendienstlichen Wert.“

Captain Ben Willard von der Nachrichtenagentur „Apocalypse Now“ (AN) widerspricht:

„Auch Desinformation ist Information.“

Die Bedienung ist schwanger. Sie knackt Kronkorken mit einem Feuerzeug vom Flaschenhals und reicht die Flaschen wie am Fließband an. Es ist halbfünf, der gemeine Berliner begeht seinen Feierabend gewohnheitsmäßig mit Bier und nur ausnahmsweise aus der Flasche, die Zapfanlage ist ausgefallen.

„Mal was anderes“, sagt Willard zu Tillmann, „du warst doch mit dieser Sabi Billung zusammen. Gib mal die Kontaktdaten. Wenn die nicht KGB ist, dann heiße ich Scheunentor.“

„Ob HVA oder KGB, welchen Unterschied macht das?“

When you’re facing a loaded gun, what’s the difference? Wie viele Wanderer zwischen den Welten, gleicht Tillmann einem Somnambulen und erscheint oft ohne jede Geistesgegenwart. Er ist über den Punkt, sein Überleben in Abhängigkeit von seinen Fähigkeiten zu sehen. Er ignoriert Regeln der Eigensicherung, setzt sich mit dem Rücken zum Geschehen und unterlässt die Erkundung von Fluchtwegen. Er glaubt nur an sein Glück und nennt es Zufall, um es nicht zu beschreien. Die Gefahr macht ihn abergläubisch. Hat er seinen Talisman im Bett vergessen, kehrt er um.

Die Bedienung kommt an den Tisch, rotzig mit haftender Kippe. Ein Gör der Gegend in blinder Bereitschaft, die nächste Generation Plagen in die Welt zu setzen. Ihr Stecher bewacht sie. Er steht an einer Thekenschmalseite und redet mit Männern, die in Lohn und Brot stehen, Gärten, Autos und Frauen haben, aber trotzdem wie Tippelbrüder aussehen, weil sie nun mal zu den Verdammten gehören und sich das auf ihr Selbstbewusstsein ungünstig auswirkt.

„Wollt ihr noch was?“ fragt die Bedienung uninteressiert.

Sie kann nichts dafür, denkt Tillmann. Es steckt alles in den Genen.

„Drei und drei, aber nicht erst morgen früh um vier“, ordert Willard. Er liebt fremdsprachliche Eigentümlichkeiten und umgangssprachliche Wendungen. Er ist froh, nicht von Deutschen abzustammen. Seine Vorfahren waren Schotten.

Was zuvor geschah.

Captain Benjamin Isaac Willard recherchiert im Auftrag der Nachrichtenagentur „Apocalypse Now“ das Geschäftsmodell einer Schleuserbande, die hochrangige DDR-Bürger in den Westen bringt. Jeder „Transport“ bringt eine Dollarmillion.

Verdient die HVA mit? Ist das auch nur ein Devisending für die ewig klamme DDR?

Der Clou bei der Geschichte: die Hälfte der Geschleusten überlebt das erste Jahr in Freiheit nicht. Ganze Familien erloschen an Kinkerlitzchen wie Lebensmittelvergiftungen und Sonnenbränden. Willard nahm Kontakt zu dem aufgeflogenen Fluchthelfer Tillmann Koslowski auf, der seit seinem vierzehnten Lebensjahr in den konspirativen Betrieb eines deutsch-amerikanisch-israelischen Freundschaftsbundes verstrickt ist. Die Berlin Ranger wurden im Jahr der Mauer von dem Obst- und Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, dem Fleischermeister Heinrich Teichmann, dem Staatsschützer und israelischen Agenten Walter Großeisen sowie den texanischen Pfadfindern Grandslam Coogan und Stonewall Thunderbolt gegründet. Sie haben zuletzt die Ostberliner Diplomatentochter Alberta Brasch in den Westen gebracht.

Acid Belugas Tochter Angel bewirbt sich gerade um die Spitzenposition einer Frührentnerin. Die kalt gestellte Verfassungsschützerin agierte als Doppelagentin auf Tuchfühlung mit Markus Wolf, wurde fallengelassen und in Hohenschönhausen so bearbeitet, dass sie nur noch auf dem Zahnfleisch kriecht. Sie raucht Kette, trinkt, kokst und vertrödelt ihr Leben in der Galerie „Sonnenstudio“, die mit den „Kackbildern“ von Flo Lekrem Schlagzeilen gemacht hat. Beluga steht unter Aufsicht des HVA-Majors Heinz Wolf, der sich in Westberlin als antideutscher Salonkommunist, Journalist und Kunstkenner ausgibt. Seine Eltern waren auch im „falschen Exil“. Sie überwinterten in London, anstatt sich in Moskau säubern zu lassen. Angel und Heinz stellen sich als Paar mit gemeinsamer Wohnung (in der Kreuzberger Waldemarstraße) dar. Angel liebt heimlich Tillmann, der einmal ihr Informant war und den sie verraten hat. Tillmann ist in den festen Händen der Fleischermeistertochter Gerda Teichmann. Seine beiden Ostberliner Geliebten, Sabine Billung und Monika Kanu, sind für ihn nicht mehr erreichbar – könnte man meinen. Der Grenzwolf kennt Wege in den Osten, er verkehrt weiter mit Monika. Er trifft sie nun nicht mehr in ihrer Platte am Hauptbahnhof, sondern in einem Apartment der Berlin Ranger im Kollwitzkiez, das von der enttäuschten Kommunistin und nun wieder dem Westen zugewandten amerikanischen Germanistin Loretta Morgenstern konspirativ bewirtschaftet wird. Als sich Loretta von Amerika nach Ostberlin begab, ging das durch die Weltpresse. Auch sie ist hoffnungslos in Tillmann verliebt und deshalb eifersüchtig auf Monika.

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erstellt am 23.11.2017