Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Der Pädagoge Ernest Jouhy (1913-1988) sagte einmal, sein Zuhause sei „das gemeinsame öffentliche Engagement“. In der Provence gründete er eine deutsch-französische Begegnungsstätte, an der Uni Frankfurt den Fachbereich „Pädagogik in der Dritten Welt“. Johannes Winter stellt den weltgewandten Lehrer und Intellektuellen vor. Zwei Originaltexte ergänzen das Lebensbild.

Ernest Jouhy (1913-1988)

Ein Pädagoge, der Grenzen überschritt

Eine Katze räkelte sich in der Sonne, die Turmuhr schlug, Tauben sausten um die Gemäuer, am Horizont verströmte ein Atommeiler riesige Rauchwolken. Der Blick in die Weite kehrte zurück und verfing sich im Gewirr eines uralten Dorfes, zwischen Ziegeldächern, Gassen und Hinterhöfen. Ob es diese überschaubare Welt war, die Ernest Jouhy anregte, das Foyer International d´ Etudes Françaises, eine deutsch-französische Begegnungsstätte hier in La Bégude de Mazenc in der Provence zu gründen? Seine Biografie spricht dafür.

Im Berliner Westend (1913) als Ernst Leopold Jablonski geboren, einziges Kind einer gut situierten, liberalen russisch-deutsch-jüdischen Familie. Wuchs auf im Ersten Weltkrieg, erlebte das Ende des Kaiserreichs, die Not der Weimarer Republik, und wie sie sich ihrer Feinde erwehrte. Der ebenso wissbegierige wie aufmüpfige Knabe sah sich im Gymnasium als „Judenjunge“ beschimpft, was ihn erst recht bewogen habe, für die „Judenrepublik“ einzutreten. Zog es ihn zunächst zu den ´Kameraden`, dem jüdischen Zweig der bündischen Jugend, so wandte er sich bald dem „Sozialistischen Schülerbund“ zu, wurde ihr „Reichsleiter“, um es als junger Mann zum Kader der KPD zu bringen.

Den Ort seines ersten politischen Einsatzes in Berlin erinnerte er als „ein Armenviertel voller Arbeitsloser und Marginalisierter in leprösen, stinkenden und dunklen Hinterhöfen“, mit dem Fahrrad zehn Minuten von zuhause entfernt. 1933 als Kommunist kurzzeitig verhaftet, flüchtete er, kaum freigelassen, nach Paris, mit einem Auftrag der KPD im Gepäck.

An der Sorbonne studierte Jablonski Psychologie und Erziehungswissenschaften. Begeistert nahm er teil am Sieg der Volksfront (1936) mit Leon Blum an der Spitze. Lernte Manès Sperber kennen, damals Assistent von Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie, die der Schüler in Berlin bereits für sich entdeckt hatte. Nicht zu vergessen Albert Camus, der ihn intellektuell prägte. Für die KPF machte er politische Arbeit in der Auto-Industrie, als Journalist, im Kohlebergbau. Wegen Kritik an den Moskauer Prozessen wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Nach dem Einmarsch der Deutschen im Sommer 1940 als „unerwünschter Ausländer“ interniert; wann immer möglich geflohen.

Im Zuge der Flüchtlingswelle nach der Pogromnacht 1938 waren vor allem Kinder aus Deutschland in Sicherheit zu bringen. Jablonski, dem inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war, engagierte sich beim Aufbau von Heimen für bedrohte jüdische Kinder. Er begegnete Stephan Hermlin, der sich als Gärtner durchschlug. Die beiden wurden verhaftet, kamen frei. Ihre Bedrohung wuchs, als die französische Miliz im Auftrag des nazi-freundlichen Vichy-Regimes Razzien durchführte. Sie kollaborierte mit der SS, trieb jüdische Kinder und Erwachsene, die aus dem europäischen Ausland nach Frankreich geflohen waren, zusammen, um sie in deutsche Vernichtungslager zu deportieren.

Jablonskis Frau Lida überlieferte die Episode von der rettenden Zigarette. Im Februar 1943 wurde er von zwei Gendarmen aus seinem Heim geholt, um, in Begleitung etlicher Kinder, zum nächsten Autobus geführt zu werden, der ihn zur Deportation abliefern sollte. „An der Haltestelle zündete sich Ernest, der keine Handschellen trug, eine Zigarette an, warf sie einem der beiden Polizisten in Gesicht und rannte davon. Der hob seine Pistole und zielte auf den Flüchtenden. Da fingen die Jungen aus dem Heim an, vor der Waffe des Gendarmen herumzutanzen, immer wieder rufend: ´Schießen Sie nicht, schießen Sie nicht!`“

Einer der Knaben habe seinen Arm gepackt und ihn nach unten gedrückt. Der Polizist habe nachgegeben und die Pistole eingesteckt. Die Flucht gelang, Ernst Jablonski fand bei einem Bauern Unterschlupf. Zur Tarnung nahm er den Namen Ernest Jouhy an. Ging nach Lyon, den Standort des SS-Offiziers und notorischen Folterers Klaus Barbie, leistete „Zersetzungsarbeit“ unter deutschen Landsern, in der Résistance. „Von 16 Genossen blieben zwei übrig, einer davon war ich.“ Im Laufe der Besatzungszeit in mehr als zehn Lagern interniert, erlebte er im Herbst 1944 in Lyon die Befreiung, gemeinsam mit Lida. Erfuhr, dass sein Vater in Auschwitz ermordet worden war.

Anfang der fünfziger Jahre kehrte er als Sozialpsychologe zurück in das Land, das ihn vertrieben hatte. Erste Station war die Odenwaldschule, eine Anstalt der Reform-Pädagogik von damals fleckenlosem Ruf, an der er als Lehrer und pädagogischer Leiter arbeitete, mit seiner Frau Lida als Kollegin.

1968, nach beinahe zwei Jahrzehnten, verließ Jouhy die Odenwaldschule, um zur Universität zu wechseln. Mischte sich in die politischen Debatten der APO ein, stritt öffentlich mit Dany Cohn-Bendit, seinem ehemaligen Schüler von der OSO. An der Uni Frankfurt gründete er den Fachbereich „Pädagogik in der Dritten Welt“, aufbauend auf Projekten, die er in Indonesien, Indien, Peru und Mauritius geleitet hatte. Seine Studenten bewunderten den toleranten Linken, den weltgewandten Lehrer und Intellektuellen, den Weinliebhaber. Manchem blieb der Kettenraucher französischer Zigaretten in Erinnerung, die er zu dritteln pflegte, ehe er sie in die Zigarettenspitze steckte, um sie in seinem tragbaren Aschenbecher zu entsorgen.

Jouhy heiratete noch einmal, gründete den Arbeitskreis pädagogischer Bürgerinitiativen, leitete ein Zentrum für psychosoziale Hilfe, hielt Radiovorträge zu Fragen der Kindererziehung, pendelte zwischen Paris, Frankfurt und La Bégude, kritisierte die Friedensbewegung ihrer apokalyptischen Ausrichtung wegen, entwickelte die These der matrigenen und der patrigenen Prägung, schrieb Essays, Gedichte und Kurzgeschichten – von denen die Publikation über Jouhy einige versammelt. Manche nannten ihn einen Generalisten, der auf (zu) vielen Hochzeiten tanze. Heute wäre er als Multitasking-Talent geschätzt.

Einmal nutzte Jouhy das Bild von Ahasver, dem ruhelos Wandernden. Hatte er eine Heimat? Sein Zuhause, sagte er, sei „das gemeinsame öffentliche Engagement“. Als er 1988 starb, fehlte nicht viel bis zum Ende der kommunistischen Hemisphäre. Für ihn wäre wohl keine Welt zusammengebrochen.

La Bégude, ein Projekt der deutsch-französischen Freundschaft, die auf de Gaulle und Adenauer zurückging, ein europäisches Bildungszentrum, Jouhys Lebenswerk aus den Sechzigern: noch immer ein Ort für Austausch und Debatten, Lernen und Forschen. Warum hier? Eine Gruppe von Pädagogen war in die Provence gereist, widmete sich seinem Denken, studierte seine Texte. Jemand las Jouhys Antwort vor: „Es sollte in einer Gegend liegen, wo das unermessliche Erbe Frankreichs und Europas zu den Lehrern und den jungen Deutschen sprechen konnte, ohne Handbuch und Büffelei, an einem Ort, wo die Freude, da zu sein, dem Bedürfnis zu lernen vorausgeht, und wo das Erleben des Augenblicks Mut macht, die Zukunft zu planen.“

Buchauszug

Die Befreiung von Lyon

„Das größte Glücksgefühl, das ich je erfahren habe“

Von Ernest Jouhy

Bis kurz vor seinem Tod am 18. Mai 1988 hatten Leo Kauffeldt, Heinz Peter Gerhard und Michael Brand die Gelegenheit zu ausführlichen Gesprächen mit Ernest Jouhy über seine Lebensgeschichte. Von diesen Gesprächen gibt es eine über 200 Seiten umfassende Abschrift der Tonbandaufzeichnung, die allerdings unbearbeitet geblieben ist. Der Text „Die Befreitung von Lyon“ wurde dieser Abschrift entnommen, von Edgar Weick bearbeitet und erstmals in einer Textsammlung zum Seminar „Heimat ist öffentliches Engagement“, das zum 100. Geburtstag von Ernest Jouhy vom 22.–29. März 2013 im FIEF in La Bégude stattfand, veröffentlicht.

Wenn ich mich recht erinnere, erfolgte sie am 3. September. Die Alliierten haben am 3. September Lyon erreicht und besetzt. Die zwei, drei Tage vorher und dieser Tag sind für mich auch in meiner Lebensgeschichte wirklich unvergesslich …

In der Nacht, vor der Besetzung Lyons durch die Alliierten, hörte man von unserem Haus aus das dauernde Grollen und ein ununterbrochenes Geräusch von Verkehr. Am Tag vor dieser Nacht waren sowohl Lida als auch ich in der Stadt. Es war bekannt, die Deutschen requirierten in Lyon überall die Fahrräder. Wo sie auf jemanden trafen, der auf einem Fahrrad fuhr, ließen sie ihn absteigen und nahmen das Fahrrad mit. Und in den Kneipen waren bereits die Soldaten von Einheiten, die nach Norden abzogen, die sich einen genehmigten, Kaffee oder Schnaps oder so etwas. Das war also vollkommen klar: Lyon wird aufgegeben.

Die Frage war für uns: Wird es kampflos aufgegeben, oder wird gekämpft werden? Es war für uns eine große Frage, weil wir in dem im Norden liegenden Teil der Stadt wohnten: Hatten wir zu intervenieren oder nicht? Mussten wir noch im letzten Augenblick das Leben riskieren, wenn eigentlich schon alles entschieden war? Jedenfalls war das etwas, was mich bewegte: Wenn man schon weiß, für die Gesellschaft ist alles entschieden, und du bist moralisch und politisch verpflichtet noch einmal zu kämpfen – und so möglicherweise im letzten Augenblick nicht mehr am Sieg teilzuhaben?

Am Abend war das so, es trippelte und zog auf dieser Straße alles nach Norden. Es kam mir vor wie das, was ich über den Rückzug der Armee Napoleons aus Moskau weiß. Fahrräder, Autos, also ein ununterbrochener Zug, dazwischen Panzerwagen und eine kleine Einheit von Soldaten. Das war kein Rückzug, das war keine strategisch geplante, sondern nur noch eine taktisch abgesicherte, von individuellen Interessen gezeichnete Flucht. Sie dauerte die ganze Nacht.

Die ganze Nacht lagen wir, Lida und ich, im Bett und hörten immer und immer wieder dieses Geräusch einer sich zurückziehenden Armee. Natürlich dämmerten wir zwischendurch auch mal, schliefen auch kurz ein … Natürlich wussten wir es, das ist ein Geräusch, daraus kann man nicht schließen, dass das schon ein Zurückziehen der ganzen Armee ist … Ich kann das Gefühl, das da bei mir entstanden ist, mit Lida habe ich mich darüber unterhalten, bei ihr entstand dasselbe Gefühl, das Gefühl, das da entstanden ist, nicht beschreiben. Es ist unbeschreiblich! Weil es bedeutete: Der furchtbare, auch nicht zu beschreibende Druck auf unsere Seelen, der in der Unterdrückung, Illegalität, Vernichtung bestand, dass der mit diesem Geräusch aufhört und dass eine völlig andere Welt beginnen wird. Dies war klar, und es war überwältigend. Es ist sicher von allen Glücksgefühlen, die ich in meinem Leben erfahren habe, das größte Glücksgefühl, das größte Glücksgefühl, das ich je erfahren habe. …

Ich halte diese Nacht und den nächsten Tag für so etwas wie eine Grenze zwischen zwei Teilen meiner Existenz. Einen Teil, in dem Vergangenheit und Gegenwart – bei aller Ideologie über Zukunft und rationaler Kalkulation, über Zukunft im Sinne von Marxismus – eine entscheidende Rolle gespielt haben, mit dem Gefühl dauernder Bedrohung von meiner endlichen Existenz, wie beschränkt immer die Bedrohung aussah, des Antisemitismus und allem anderen, wovon ich hier erzählt habe.

Bis zu dem Augenblick eben in jener Nacht und am nächsten Tag, wo mit einem Mal die Gegenwart von etwas Neuem bestimmt war und bestimmt geblieben ist, bis zum heutigen Tage, von den mehr oder weniger realistischen Visionen einer anderen Zukunft. Es geht hier nicht um die Frage, welche Ideologien diese Zukunft bestimmen werden, sondern einfach um Voraussetzungen für Handeln. Also, vorher war es situativ, wenn ich mal diesen Ausdruck benutzen kann, situativ, konstellativ. Unter den Bedingungen dieser Situation habe ich so und so zu reagieren. Zu dieser Dominanz gehörte auch die Vision von einer Zukunft, aber im Vordergrund standen Antifaschismus, Anti-Hitler, Überleben. Verteidigung der Kinder.

Von diesem Augenblick an war entscheidend – was nun? Wie jetzt weiter? In welchem Sinne weiter? Und das war ungeheuer belebend, perspektivisch die Gegenwart von der Zukunft aus zu sehen. Und so ist es bis heute geblieben. Also, deswegen meine ich, diese Nacht und der Tag sei so eine Scheidewarte. …

Während der ganzen Zeit, die ich eben beschrieben habe, blieb eine – wenn auch mir jetzt im Einzelnen nicht mehr nachvollziehbare, also nicht mehr einzeln belegbare Verbindung zur jüdischen Untergrundorganisation bestehen, die das Heim in Chabanne organisiert hatte, bis zu meiner Flucht nach Savoy. Es gab weitere Verbindungen, und ich weiß, dass unmittelbar nach dieser Befreiung bereits das Bedürfnis und das Konzept einer Hilfe oder eines neuen pädagogischen Ansatzes für jüdische Kinder bestanden hat. Bereits im Zusammenhang mit dieser Nacht. Das weiß ich. Und ich weiß, ich habe im unmittelbaren Anschluss an diese Nacht ein Konzept für psychische und physische und soziale Rehabilitation jüdischer Kinder verfasst.

Dazu gehörten auch politische Phantasien über das, was Kommunismus in der Zukunft bedeutet … was weiß ich, was ich alles in dieser Nacht phantasiert habe. In der Nacht, und nicht nur in der Nacht … Wenn ich mein Leben überschaue und mich frage: Wo habe ich das höchste Glück in meinem Leben erfahren? Es war in dieser Nacht, in diesen zwei Nächten. Diese zwei Nächte sind die Nächte des höchsten Glücks. Ein ähnliches Glücksgefühl habe ich nie wieder erlebt.

Auszug aus: Bernd Heyl/Sebastian Voigt/Edgar Weick (Hrsg.), Ernest Jouhy – zur Aktualität eines leidenschaftlichen Pädagogen (S. 201-203)
Mit freundlicher Genehmigung © Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2017

Buchauszug

Mein Freund E. J.

Der Jude

Von Heinrich Kupffer

Wie war Ernest Jouhy „als Mensch“? Die Eigenart seiner Persönlichkeit zeigte sich täglich in seinem Umgangsstil, seinem Arbeitsstil, seinem Denkstil. Sein Umgangsstil war freundlich, geradlinig, offen. Er pflegte enge Bindungen zu Mitarbeitern wie Schülern. So war er nicht nur ein anregender und aufgeschlossener Kollege, sondern auch ein hervorragender Klassenlehrer, dem immer wieder Neues einfiel. Da er sich nicht vordrängte oder besonders wichtig nahm, schuf er sich keine Feinde. Er verstand sich als Teammitglied, das loyal und konstruktiv mit anderen kooperierte. Er konnte ironisch sein, aber nicht hämisch, witzig, aber nicht verletzend, belehrend, aber nicht besserwisserisch. Und obwohl es ihm keineswegs an Selbstbewusstsein mangelte, ließ er doch niemals andere seine Überlegenheit spüren.

Sein Arbeitsstil zeigte ihn als ein Perpetuum mobile. Er musste immer rastlos tätig sein. Und wenn eine Sache erledigt war, fiel ihm bestimmt alsbald eine neue ein. Die Vielfalt seiner Aktivitäten brachte ihn oft genug an den Rand der Erschöpfung, zumal seine Gesundheit ohnehin nicht die beste war. Als Lida einmal seinen Arzt konsultierte, da seine chronische Selbstausbeutung ihr Sorgen machte, erwiderte der: Lassen Sie ihn weitermachen, denn wenn er nichts mehr zu tun hat, fällt er tot um.

Sein Denkstil war gekennzeichnet durch rasche Auffassungsgabe, die ihm eine sofortige Verknüpfung zueinander passender Fakten und Ereignisse ermöglichte. Er machte, da nie um eine Antwort verlegen, den Eindruck, dass er alles wusste, alles konnte und das, was neu hinzukam, sogleich begriff und einordnete. Da er sich für (fast) alles interessierte, gab es kaum ein Gebiet, auf dem er nicht mitreden konnte (oder unbefangen glaubte, mitreden zu können). So verkörperte er sozusagen den Universal-Pädagogen. Seine flächendeckende Intelligenz war „praktisch“. Das schloss theoretische Reflexion nicht aus, aber er war nicht der Typ, der sich auch mal zurückzieht und einsam in der Studierstube dem Sinn des Lebens nachgrübelt oder von dem Versuch, die tiefsten Welträtsel zu knacken, umgetrieben wird.

Ernest Jouhys Eigenart ist nicht zu begreifen und einzuschätzen ohne seine Vorstellung davon, was es ihm bedeutete, Jude zu sein. Er fühlte sich durchaus als Jude, konnte oder wollte aber nicht definieren, wie er eigentlich Judentum verstand und was nach seiner Auffassung die jüdische Besonderheit ausmachte. Vielmehr sah er Sinn und Auftrag des Judentums eben darin, was er selbst verkörpern wollte. Damit schieden religiöse oder ethnische „Begründungen“ für ihn aus. Obwohl er im Alten und Neuen Testament gut Bescheid wusste, interessierte ihn die religiöse Dimension des Judentums kaum. Er blieb Atheist, so dass er einen Zugang zum jüdischen Glauben weder fand noch suchte. Ebenso wenig bedeutete ihm die völkische oder rassische Zugehörigkeit zum Judentum. Das „richtige“ Verständnis jüdischer Existenz konnte sich also für ihn nicht aus solchen objektivierten Bindungen herleiten.

Jude sein hieß für ihn, wie wir nach längeren Diskussionen mit ihm herausfanden: jenseits von allen denkbaren und historisch gewachsenen Gruppenbindungen als Jude in der Welt einen globalen Auftrag zu erfüllen. Juden sollten als eine Art Sauerteig in der Gesellschaft wirken und an jedem Ort wie bei jeder Gelegenheit eine humane Existenzform zur Geltung bringen. Dies bedeutete: zwar als einzelner Jude, doch ebenso als ein Vertreter des Judentums insgesamt praktisch, politisch, moralisch und auch erzieherisch in die Gesellschaft hinein wirksam handeln und damit so etwas wie das „Weltgewissen“ verkörpern.

Jede organisierte jüdische Gruppierung schien ihm Gefahr zu laufen, diesen Auftrag zu verwässern oder gar zu zerstören. Daher lehnte er auch den Staat Israel schroff ab: Bildeten die Juden einen Staat wie alle anderen, dann würden auch sie selbst so werden wie alle anderen und gäben die Besonderheit ihrer Existenz und somit ihren wahren Auftrag preis. Diese „Mission“ lasse sich eben nicht in festen gesellschaftlichen und politischen Lebensformen, etwa durch Programme und kollektive Taten, sondern nur von vielen Einzelkämpfern erfüllen. Auf die Frage „Was ist Dein Judentum?“, hätte er also sinngemäß antworten können: Jude sein ist für mich die Form, in der ich mich täglich zu leben bemühe. Und obwohl damals in der OSO immer auch über das Judentum diskutiert wurde, scheute er sich doch, ein solches sehr persönliches Bekenntnis öffentlich abzulegen.

Auszug aus: Bernd Heyl/Sebastian Voigt/Edgar Weick (Hrsg.), Ernest Jouhy – zur Aktualität eines leidenschaftlichen Pädagogen (S. 149-151)
Mit freundlicher Genehmigung © Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2017

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 21.11.2017

Ernest Jouhy, 1961, Foto: Henri Pidoux / Wikimedia Commons
Ernest Jouhy, 1961, Foto: Henri Pidoux / Wikimedia Commons
Neuerscheinung:

Bernd Heyl/Sebastian Voigt/Edgar Weick (Hg.)
Ernest Jouhy
Zur Aktualität eines leidenschaftlichen Pädagogen
Broschiert, 263 Seiten
ISBN: 9783955582012
Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2017

Buch bestellen