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Zum Auftakt ihrer vierteiligen Serie über deutschsprachige Krimiautorinnen stellt Kirsten Reimers die Pfälzerin Monika Geier vor. Bis heute hat die 1970 geborene Autorin acht Kriminalromane veröffentlicht. Reimers hebt Geiers unaufgeregte und pointierte Erzählweise, ihren schwarzen, trockenen Humor und ihre feine Ironie hervor.

Krimiautorinnen, Teil 1

Subtilität und Subversion

Monika Geiers Krimidebüt „Wie könnt ihr schlafen?“ erschien 1999 bei Ariadne, einem Hamburger Verlag für feministische Kriminalliteratur. Für diesen Roman erhielt sie 2000 den Krimipreis „Marlowe“ der deutschen Raymond-Chandler-Gesellschaft. Bis heute hat Geier acht Kriminalromane veröffentlicht: sieben, bei denen die Kriminalkommissarin Bettina Boll im Mittelpunkt steht, sowie einen um den Historiker Richard Romanoff. Aufgebaut sind die Romane wie klassische Whodunits, gehen inhaltlich und strukturell jedoch weit darüber hinaus.

In den Romanen um Kriminalkommissarin Bettina Boll geschieht in der Regel mindestens ein Mord, die Motive sind vordergründig im Privaten angesiedelt: In „Wie könnt ihr schlafen“ (1999) geht es um Vergewaltigung und deren Vergeltung, in „Neapel sehen“ (2001) um übergriffiges Verhalten und dessen Abwehr sowie um enttäuschte Liebe, in „Stein sei ewig“ (2003) stehen finanzielle Aspekte im Mittelpunkt, in „Schwarzwild“ (2007) Eifersucht, in „Die Herzen aller Mädchen“ (2009) der Diebstahl eines Manuskript von Ovid sowie Versicherungsbetrug, in „Die Hex ist tot“ (2013) geht es um Familienprobleme und in „Alles so hell da vorn“ (2017) um Zwangsprostitution von Kindern. Auch „Müllers Morde“ (2011) mit dem ermittelnden Historiker Romanoff reiht sich hier ein, da auf den ersten Blick finanzielle Motive zu den Tötungsdelikten führen.

Hinter den Taten steht aber weit mehr als das Private, zumal die Fälle in der Regel sich als weit komplexer darstellen, als im ersten Moment erkennbar ist. Monika Geiers Täterinnen und Täter sind nie Monster oder kranke Psychopathen, sondern ganz normale Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die an einem Punkt ihres Lebens entscheiden, ihre Probleme mithilfe von Verbrechen zu lösen beziehungsweise durch Wegsehen, Verleugnung oder Schweigen und so einer kriminellen Tat Vorschub leisten. Die Lebenssituation, in der sich die Figuren je befinden, spielt dabei die entscheidende Rolle. Oft sind sie in irgendeiner Form unter Druck, allerdings ist dies nur eine Erklärung, nie eine Entschuldigung der Taten.

Auf diese Weise stellt Monika Geier die Verbrechen, über die sie schreibt, als individuelle Entscheidung in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext dar. So gelingt es ihr, die wechselseitigen Beziehungen von Gesellschaft, Individuum und Verbrechen aufzudecken.

Paralleluniversum als Schauplatz

Die Kriminalromane sind angesiedelt in einer fiktiven Pfalz. Die Nachbarorte sind in der Regel mit Klarnamen genannt – beispielsweise Ludwigshafen, Pirmasens, Mannheim –, doch die Schauplätze der Verbrechen sind frei erfunden. Tatsächliche Orte mögen Pate gestanden haben, doch sind sie nicht identifizierbar, denn es geht Monika Geier nie um einen schlichten Abbildrealismus. Erkennbare lokale Gegebenheiten sucht man bei ihr deshalb vergebens. Auch Plätze, Straßen oder Gebäude in den mit Klarnamen genannten Städten sind verfremdet. Wie Monika Geier selbst sagt, spielen ihre Romane in einem „Paralleluniversum“. Diese Kriminalromane zählen unter anderem deshalb keineswegs zur Kategorie des sogenannten Regionalkrimis, sondern sind weit komplexer, vielschichtiger und anspruchsvoller.

Auch die fiktive Pfalz, die Geier als Region darstellt, ist nicht zwingend als Pfalz erkennbar. Das Geschehen könnte in jede andere Region eingebettet werden. Lokalkolorit wird durch Pfälzisch sprechende Personen angedeutet, aber auch dies ohne größere Verankerung, der Dialekt wäre problemlos durch einen anderen ersetzbar und würde dann immer noch genauso gut funktionieren.

Das Hauptaugenmerk der Kriminalromane liegt auf den Figuren und ihrer Zeichnung. Mit wenigen Worten gelingen der Autorin komplexe, lebendige Charaktere, die jenseits von sozialer und lokaler Situierung funktionieren. Monika Geier ist eine genaue Beobachterin menschlicher Eigentümlichkeiten – und genau das zeichnet ihre Romane aus: Diese sind bevölkert von oftmals skurrilen Figuren, die bei aller Absonderlichkeit nie ins Schrille abgleiten. So durchzieht jeden Roman eine einzigartige Mischung aus Überzogenheit und Bodenständigkeit, die die Wirklichkeit pointiert einfängt.

Ein Beispiel dafür sind die Hauptpersonen: Bettina Boll ist Kriminalkommissarin beim Ludwigshafener K11, der Abteilung für Kapitalverbrechen. Seit sie sich um die Kinder ihrer verstorbenen Schwester kümmert, arbeitet sie halbtags – wahrscheinlich als einzige fiktive Ermittlerin im deutschsprachigen Kriminalroman. Boll ist gezeichnet als leicht chaotisch: immer etwas zu spät dran, immer etwas unorganisiert, immer etwas zu leger gekleidet. Dafür verfügt sie über eine sehr genaue Beobachtungsgabe und kombinatorische Intelligenz. Boll vertieft sich selten in Details, sondern behält das große Ganze im Blick. So gelingt es ihr, Strukturen und Räume zu erkennen, innerhalb deren sich die Verbrechen ereignen. Bettina Boll wird dargestellt als ein Mensch mit messerscharfem Verstand, gleichzeitig hat sie sich ein fast kindliches Staunen erhalten, dank dessen sie nichts als gegeben hinnimmt und alles hinterfragt. Auf Außenstehende wirkt sie deshalb mitunter etwas naiv, doch was als Arglosigkeit missverstanden werden kann, ist ein großer vorurteilsfreier Wissensdurst. Was bei Boll wie Intuition wirkt, ist das Ergebnis rationaler Kombination von Gesehenem und Gehörtem, unkonventionellem Denken und dem analytischen Rückgriff auf Erfahrungen. Vergleichbares gilt für Richard Romanoff, der als eine Art intellektueller, aber schüchterner und linkischer „Indiana Jones“ historische Artefakte für obskure Auftraggeber aufstöbert.

Ausschließlich in diesem Punkt ähneln Monika Geiers Hauptfiguren denen von Geiers Vorbild Agatha Christie. Wie Christie versieht Geier ihr Hauptakteure mit einem genauen Blick für menschliche Eigenarten und der Fähigkeit zur klugen, komplexen Kombination von Fakten. Allerdings bewundert Monika Geier nach eigener Aussage an Agatha Christie vor allem die Fähigkeit, vielschichtige Themen auf den Punkt zu bringen, ohne deren Komplexität zu unterschlagen. Für Monika Geier sind die Kriminalromane von Christie in erster Linie Mathematik.

Faszination für Räume und Strukturen

Auch für Monika Geier gilt, dass sie vor Komplexität nicht zurückscheut: In ihren Kriminalromanen spiegelt sich die Faszination der Architektin für Räume und Strukturen wider: vielschichtig gebaut, filigran konzipiert, von eleganter, lichtdurchfluteter Konstruktion und von überzeugender Stringenz, der sich alles andere unterordnet.

So spielt unter anderem das Privatleben der Hauptfiguren nur eine Rolle, wenn es die Ermittlungen in einem Fall vorantreibt beziehungsweise behindert. Nie geschieht dies beispielsweise durch plumpe Gefahr für ein Familienmitglied. Die Einbeziehung des familiären Umfeldes ist deutlich subtiler: Im Kriminalroman „Alles so hell da vorn“ befragt Bettina Boll zum Beispiel eine zunächst als völlig unwichtig abgetane Zeugin nur, weil deren Wohnort auf Bolls Rückweg liegt und die Kriminalkommissarin aufgrund ihrer Halbtagstätigkeit und der zu versorgenden Kinder nach Hause fahren muss. Durch diese eher zufällige Befragung erhellt sich ein Aspekt, der bislang nicht beachtet wurde und so zur Lösung des Falles erheblich beiträgt. Auch sonst gibt es keinerlei „leere“ Situationen oder Geschehnisse innerhalb der Romane von Monika Geier. Alles trägt zur Handlung bei und stützt die komplexe Struktur.

Dazu gehört auch die Schilderung des alltäglichen Sexismus, dem die Figur Bettina Boll in einem männerdominierten Beruf begegnet. Von ihrem Chef penetrant „Böllchen“ genannt, reagiert die Kriminalkommissarin auf diese und andere Herabsetzungen oder auf das komplette Ignorieren ihrer Person mit Schlagfertigkeit und klarer Abgrenzung, ohne laut zu werden. Auch dies zählt zu den Stärken Monika Geiers: Sie bettet den unterschwelligen oder auch offenen Sexismus bei der Polizei wie in der Gesellschaft sowie die Reaktionen darauf auf beiläufig unspektakuläre und damit umso treffendere Weise ein. Nichts wird hier mit dem Vorschlaghammer erzählt, es wird aber auch nichts unter den Tisch fallen gelassen.

Monika Geier gelingt so die Vereinigung eher konträr erscheinender Aspekte: Ihre Figuren sind sowohl skurril wie bodenständig, die Handlung ist komplex – für keinen Roman lässt sich in wenigen Worten beschreiben, worum es geht, da sich hinter den geschilderten Fällen vielschichtige Räume und Verbindungen auftun, die nach und nach wachsen –, bleibt aber bei aller Verflochtenheit logisch und stringent, der Schauplatz der geschilderten Verbrechen ist lokal situiert, ohne zwingend in der Region verankert zu sein, die Erzählweise ist gleichzeitig unaufgeregt und pointiert. Möglich ist dies durch Geiers Schreibstil. Monika Geier erzählt äußerst stilsicher mit schwarzem, trockenen Humor und sehr kluger, feiner Ironie, die mitunter so subtil ist, dass die Sätze erst nach einer Weile intellektuelle Sprengkraft entwickeln. Dafür geschieht dies dann umso nachhaltiger. Nicht allen deshalb zählt Monika Geier zu den interessantesten und nicht nur in stilistischer Hinsicht besten Krimiautorinnen im deutschsprachigen Raum.

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erstellt am 20.11.2017

Monika Geier
Monika Geier
Zur Person

Monika Geier

Monika Geier, geboren 1970 in Ludwigshafen, machte nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung als Bauzeichnerin, studierte danach Architektur in Kaiserslautern und war als Diplomingenieurin Architektur tätig. Kriminalromane schrieb sie zunächst nebenbei, gab jedoch schließlich den Hauptberuf auf, um sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren. Sie lebt heute als freie Autorin in der Pfalz.

Englische Fassung erscheint in:

Thomas W. Kniesche (Hg.)
Contemporary German Crime Fiction
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ISBN 978-3-11-042660-1
Verlag De Gruyter

Erscheint im Juni 2018
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