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Das Wiener Kaffeehaus ist eine Institution. Es ist nicht das Wohnzimmer, dort ist man nicht zu Hause, sondern oft bei der Denk- und Schreibarbeit. Das kürzlich erschienene Buch „Im Kaffeehaus“ von Sepp Dreissinger enthält seine Porträtfotografien und 35 Gespräche mit den Protagonisten des Wiener Kulturlebens. Elvira M. Gross empfiehlt den Band.

Wiener Kaffeehaus

Ein Treffpunkt der Zufälligkeiten

Wien ist eine Stadt, die um Kaffeehäuser herum gebaut wurde.
[Robert Schindel frei nach Bert Brecht. 1]

Das Wiener Kaffeehaus ist eine Institution. Wien en miniature. Sein Charme in Reinkultur. Manche sagen, das Kaffeehaus sei die Seele der Stadt, für andere ist es ihr Spleen („Kaffeehauskrankheit“), doch wer es nicht kennt, weiß nichts um die Eigenheiten der Stadt. Jeder, Wienerin wie Wiener, hat hier sein Stammcafé – freilich auch die „Zuagrasten“, die aus den Bundesländern in die Hauptstadt Zugezogenen. So geht der Robert Schindel gern ins Zartl oder ins Prückel, den Robert Menasse trifft man im Sperl, Friederike Mayröckers Lieblingscafé ist das Tirolerhof, Franz Schuh, einstmals Dauergast im Café Sport, ist jetzt im Hegelhof beheimatet. – Nein, das Kaffeehaus ist nicht das Wohnzimmer, hier ist man nicht zu Hause, sondern en attendant rien, im Wartesaal zur Freiheit. Oder bei der Arbeit, Denk- und Schreibarbeit. Es ist, das Kaffeehaus, „eine Stoffwechselgewohnheit“, wie Gert Jonke sagt.

Nachzulesen sind solche und andere Geheimnisse in dem Buch „Im Kaffeehaus“ von Sepp Dreissinger, dem Porträtfotografen des Wiener Kulturlebens. Dreissinger selbst ist seit Schulschwänzzeiten „Kaffeehausmensch“, wie er sagt, der über eine Zwischenstation in Salzburg (Café Mozart) als gebürtiger Vorarlberger schließlich und „endlich in das Mekka der Kaffeehäuser“ nach Wien gekommen ist, um sich dort, im Eiles und im Schopenhauer, weiter zu „sozialisieren“. Inzwischen ist allerdings das Café Weidinger am Wiener Gürtel, von außen „wie eine Spelunke“, drinnen „gemütlich und nicht kommerziell“, eines der wenigen Kaffeehäuser, die dem Künstler Sepp Dreissinger noch entsprechen.

Thomas Bernhard im Bräunerhof, Foto: Sepp Dreissinger

Der Grundstein zu dem Bildband wurde schon vor über 20 Jahren gelegt, als Dreissinger die berühmten Fotos von Thomas Bernhard (im und um das Bräunerhof) gemacht hat, die insgesamt 35 Gespräche mit den hier Versammelten folgten dann ab 1995 und reichen bis in die Gegenwart, wo er in seinem Lieblingscafé die gefragte Autorin Stefanie Sargnagel – wie immer in Schwarzweiß – porträtierte. Gespräche, Monologe, Anekdoten, Sentimentalitäten des Vergänglichen und Unvergänglichen: „Ich bin immer dort, wenn es mir leidtut, dass etwas zu Ende geht“, sagt Dreissinger, der auch den Wiener Hausmeistern einst ein Denkmal gesetzt hat.

Wird das Wiener Kaffeehaus also irgendwann aussterben?
„Niemals. Da sterben eher wir aus“, gibt ihm Robert Schindel zur Antwort.

So hat das Wiener Kaffeehaus Literatur geschrieben, könnte man sagen, ist Geburtsstätte und Endstation einer Sehnsucht geworden. Ein Treffpunkt der Zufälligkeiten, ein Ort, an dem die Zeit vorbeigeht. Manchmal schaut sie auch auf einen Sprung vorbei. Und Sie?

1 Das Originalzitat lautet: „Wie jeder Zeitungsleser weiß, ist diese Stadt um einige Kaffeehäuser herum gebaut, in denen die Bevölkerung beisammensitzt und Zeitungen liest.“

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erstellt am 17.11.2017

Stefanie Sargnagel im Weidinger, Foto: Sepp Dreissinger

Sepp Dreissinger
Im Kaffeehaus
Gespräche | Fotografien
Gebunden, 336 Seiten
ISBN 978-3-85164-201-8
Album Verlag, Wien 2017

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Franz Schuh vor dem Hegelhof, Foto: Sepp Dreissinger