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Mit Klaus Lauer geht ein verdienstvoller Programmgestalter, ein Juwelenhändler klassischer und neuer Musik in Badenweiler, in den Ruhestand. Zu seinem Abschied führte das Quatuor Danel in sechs Konzerten an fünf Tagen alle Streichquartette Beethovens auf. Hans-Klaus Jungheinrich kam in ihren Genuss.

Konzert

Musik, ein existentielles Abenteuer

Eine Krähe hackt bekanntlich der anderen kein Auge aus. Dennoch ist bemerkenswert, wenn ein Musikveranstalter, der jährlich einen Preis auslobt, damit ausgerechnet einem Konkurrenten die Ehre gibt. Der Jahrespreis des „Heidelberger Frühlings“, eine bedeutende Ehrung für herausragende Persönlichkeiten des Musiklebens, erging 2017 nämlich an Klaus Lauer, den Gründer und Leiter der Badenweiler Musiktage, die, wenn auch mit einem kleineren und auf Kammermusik konzentrierten Programm, an zwei verlängerten Wochenenden im Frühjahr und Herbst nach ähnlichen Intentionen wie die Heidelberger Frühlingswochen ausgerichtet sind, und zwar mit einem deutlichen Schwerpunkt auf der modernen und neuen Musik sowie in Zusammenarbeit mit lebenden Komponisten und innovativen Wiedergabekünstlern. Lauer, ursprünglich Hotelier, rief die Musiktage vor 45 Jahren in seinem Hotel „Römerbad“ ins Leben; ihr jetziger Schauplatz ist der geräumige, rund 400 Besuchern Platz bietende Saal des mit architektonischem Geschick im Kurpark platzierten Kurhauses, das sich dem Blick in mehreren Etagen wie eine luftige und lichtdurchflutete Unterkellerung der weit oben thronenden, düster-feierlichen Burgruine darbietet. Anders als der König von Uruk im Gilgamesch-Epos und viele reale Amtsträger und Machtinhaber erstrebt Lauer kein ewiges institutionelles Leben, sondern sorgt für einen geordneten Übergang der Musiktage in neue Hände. Ab 2018 wird Lotte Thaler, bisher Musikredakteurin des SWR, die Badenweiler Musikereignisse programmieren – mit Sicherheit ganz im enthusiastischen und fortschrittlichen Geist ihres Vorgängers.

Die jahrelang wohl auch vom Stammpublikum als selbstverständlich erachtete Präsenz und Kompetenz des Festivalleiters erweckte im Moment seines Abschieds offensichtlich heftigere Gefühle – nicht nur von Seiten der mit Recht ihren Stolz auf diesen großen Sohn ihrer Stadt bekundenden Regionalpolitik. Fast musste man an die innige Liebe denken, die Wuppertal seiner Pina Bausch noch zu ihren Lebzeiten entgegenbrachte, einer ganz offensichtlich ebenso in ihrer Heimat verwurzelten und aus solcher Kraft weltweit wirkenden Ausnahmekünstlerin. In Badenweiler war es in diesen Tagen auch das inzwischen zu den exponiertesten Streichquartetten der Welt zählende (französisch-belgische) Quatuor Danel, das, stellvertretend für viele Solisten und Ensembles der letzten Jahrzehnte, in einer kleinen improvisierten Schlussansprache des Primarius den Entdeckermut Klaus Lauers und seine nimmermüde Fürsorglichkeit für die in Badenweiler auftretenden Musiker rühmte.

Sechzehn Streichquartette

Als Schlussstein seiner Intendanz erkor Lauer eine Gesamtaufführung der 16 Streichquartette Ludwig van Beethovens in sechs Konzerten an fünf Tagen mit ebendiesem Danel-Quartett, das sich dieser Aufgabe bereits in Jerusalem und Lyon unterzog und weitere Zyklen avisiert, so auch in Manchester, einem bevorzugten Ort seines Wirkens. Doch in keiner deutschen Großstadt ist vorerst ein solches Projekt geplant, auch in Frankfurt nicht, so dass die Badenweiler Beethoveniade doch auch als exklusiv gelten kann wie alles, was an diesem Ort von Lauer geboten wurde – abseits jener faden, „Synergie“-trächtigen Mainstream-Konzepte, mit denen sich der urbane Musikbetrieb zu immer flächendeckenderer Uniformität anschickt. Die Danels schätzen offenbar kompendiöse Anstrengungen – so gibt es von ihnen bereits auf CDs die kompletten Streichquartett-Oeuvres von Schostakowitsch und von dessen kürzlich mit der Oper „Die Passagierin“ entdecktem Freund und Zeitgenossen Mieczyslaw Weinberg. Ganz nah ist ihnen aber auch das intime Raffinement der Kammermusik von César Franck und Debussy (sie widmeten Lauer in einer Zugabe einen wunderbar lyrischen Debussy-Quartettsatz), und in der avancierten neuen Musik schrecken sie auch vor den drei sperrigen Streichquartetten Helmut Lachenmanns nicht zurück.

Ihre – Klaus Lauer benutzte das Wort – „Expedition“ in das Quartettwerk Beethovens wurde zu einem Hör-Abenteuer sondergleichen. Es enthielt auch alle erdenklichen Aspekte von „Modernität“ – vor allem natürlich in den formsprengenden und –auflösenden Spätwerken, allen voran der „Großen Fuge“ Opus 133, die, jeder akademischen Analyse spottend, formale und satztechnische Gegebenheiten transzendiert und, alle Erwägungen von Modellartigkeit negierend, mit dem Gestus des rabiaten Zerbrechens zugleich eine Gestalthaftigkeit sui generis herstellt. Ein anderer, gleichsam außerhalb der kompositionsgeschichtlichen Kontinuität stehender Quartettsatz ist im Opus 130 das Molto adagio („Heiliger Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit in lydischer Tonart“), eine lediglich mit den „weißen“ Tönen dieser archaisierenden Kirchentonleiter evozierte klingende „Mondlandschaft“ (wie es der Musikologe Rainer Peters in einem seiner legendären Badenweiler Einführungsvorträge formulierte), Exempel einer poetologischen Jenseitigkeit, die sich aller deutenden Identifizierung (seren? unheimlich? überweltlich? temperaturlos?) zu entziehen scheint.

Verschlungener Entwicklungspfad

Die Danel-Musiker gingen streng chronologisch vor. Damit reproduzierten sie aufs schlüssigste einen ebenso folgerichtigen wie verschlungenen Entwicklungspfad. Die zwischen 1798 und 1800 entstandenen sechs Quartette Opus 18 sind bereits eine reife, sozusagen Endgültigkeit beanspruchende Setzung. Die Vorgaben Haydns und Mozarts werden erfüllt und subjektiv-voluntaristisch überschritten. Das Hexagon stellt sich als „Hauptwerk“ und Summe von Lebenserfahrung dar – das und wie es dann noch weiter ging, hatte in der Tat etwas „Titanisches“ – genauer gesagt, einen Beschleunigungscharakter, der sozusagen mehrerer Lebensinhalte in sich zusammenfasste in einem die Zeit permanent herausfordernden („revolutionären“) Willensakt. Wie das alles interpretatorisch nachvollziehen? Das Quatuor Danel machte nicht den Fehler, die Stücke des Opus 18 als „Leichtgewichte“ vorzustellen und dann allmählich (über die ausgreifenderen Formate des Opus 59) zur Striktheit der späten Quartette vorzustoßen. Nein, von Anfang an herrschte der Ernstfall – in den enorm gestaffelten dynamischen Unterschieden, in den oft radikal angespannten Tempi, in den rigoros gehandhabten Binnen-„Störungen“ des Musikflusses durch Sforzati und Bruchstellen. Es gab viele Höhepunkte eines – vor allem in etlichen Scherzi – pointierten, forcierten, grimmigen Humors. Und einer losgelassenen Virtuosität, die eher karnevaleske Dämonie als schattenlose Heiterkeit vermittelte – sogar im C-Dur-Finale des Opus 59,3, auf dessen wilde Fugato-Jagd sich ja auch noch die Ouvertüre zu Smetanas „Verkaufter Braut“ beruft. Und dennoch ergaben sich im Laufe der Tage beträchtliche Steigerungen der Diktion, der auch technisch-intonatorischen Souveränität, der hingegebenen Versunkenheit in den Adagios – bei Ausführenden wie bei Hörern ein Prozess des in aller Mühe glückerfüllten Hineinfindens, Hindurchfindens, Sich-Zurechtfindens oder produktiv Verirrens in einem von namenloser Freude und begriffsloser Wahrheit erfüllten klanglich-strukturellen Kosmos.

Immer mehr wurden für die auch beobachtend Teilnehmenden die vier Musiker zu eng vertrauten Gefährten. Auf Anhieb mochte man meinen, der Primarius Marc Danel beanspruche, mit leicht affizierter und dominierender Körpersprache, einen solistischen Sonderplatz, der die drei Partner zu bloßen Begleitern degradiere. Mitnichten! Die unterschiedliche Temperaments-Temperierung zeigte sich immer mehr als ein gruppendynamisches Faszinosum. Danel konnte noch so scheinbar selbstvergessen in Stretta-Passagen vorpreschen – die so diskret anmutenden Mitspieler blieben keinen Millimeter zurück. Und oft genug kamen auch zweite Geige (Gilles Milet) und Viola (Vlad Bogdanov) zum Kochen, und Flügelmann Yovan Markovitch (jüngst eingetretenes Mitglied seit 2013) spielte seinen Violoncellopart mit unnachahmlicher Nuanciertheit und Sonorität. Extrem verschiedene Individualitäten vereinigen sich zu einer wie aus einer einzigen Inspiration heraus entstehenden Beethoven-Vergegenwärtigung. Wenn so ein fünf Tage modellierender Zyklus zu Ende ist, fällt Abschied überhaupt schwer. Nicht nur für einen Klaus Lauer.

Klaus Lauer über den Musikpreis des Heidelberger Frühling 2017

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erstellt am 15.11.2017

Quartuor Danel, © Juri Hiensch