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So spannend wie in „Der Mieter“ geht es auf Opernbühnen nur selten zu. Das, was man in der Oper Frankfurt erlebt, ist ein Gesamtkunstwerk vom Feinsten: Musik, Text, Regie und Bühnenbild aus einem selten gelungenen Guss. „Der Mieter“ wird sich langfristig auf den Bühnen halten, auch wenn er schwere Kost ist. Davon ist Andrea Richter überzeugt.

Oper

Psychothriller in Musik

Ein transparenter Vorhang, dahinter eine entspannte abendliche Straßenszene mit Menschen, Geländern und einem gläsernen Telefonhäuschen. Ein junger Mann versucht der Frau mit dem Hörer in der Hand klar zu machen, dass er dringend telefonieren möchte. Noch nehmen die Zuschauer ihre Plätze ein. Die Saaltüren werden geschlossen. Ein Knall, Rauschen im Saal, ansonsten Stille. Auf dem Vorhang jetzt die Projektion einer schäbigen, tapezierten Wand, davor ein Waschbecken mit Spiegel und an der Seite eine große Tür. Der Film beginnt: Die Tür öffnet sich, herein tritt der junge Mann vom Vorspiel, Georg (Björn Bürger), und besichtigt das Zimmer, von dem wir nur die Wand sehen. Es erscheint ein älteres Paar: Frau Bach (Hanna Schwarz), die Concierge, und Herr Zenk (Alfred Reiter), der Wohnungseigentümer. Sie unterhalten sich stumm in Schwarz-Weiß.

Gleichzeitig hören wir Gesang: „Vor allem ist es still. Voilà. Hören Sie“. Frau Bach ist begeistert. „Ich höre nichts“, antwortet Georg. „Ein Knall und still. So still wie jetzt“, erklärt Frau Bach und wir begreifen, dass sich Vormieterin Johanna aus dem Fenster gestürzt hat. Das Blut, das Glas, die ganze Schweinerei werde bis zu seinem Einzug beseitigt, versichert Herr Zenk und: „Keine Frauen auf dem Zimmer, wir sind ein stilles Haus.“ Das Video mit den übergroßen Menschen läuft weiter. Irgendwo darin öffnet sich eine Art Fenster. Die drei Sänger wie im Nichts schwebend, in Farbe, in Echtgröße und doch vergleichsweise klein. Das unglaubliche Spiel aus Innen- und Außenwelt, aus Realität und Wahn, aus Normalität und Ver-rückung, aus Gerade und Schräge beginnt. Buchstäblich vielschichtig und mehrdeutig. Vor allem, sobald die tote Johanna erscheint.

Szenenfoto „Der Mieter“, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Georg darf einziehen, wird aber von nun an sowohl der Willkür seiner Nachbarn, den Erscheinungen seiner Vormieterin wie auch dem langsamen Verlust seiner selbst ausgesetzt sein. Bis hin zu seiner Verschmelzung mit der toten Johanna. „Still“ wird das von ihr gesungene letzte Wort des Musikdramas lauten.

Vorlage für die Oper lieferte der Roman Le locataire chimérique des französischen Schriftstellers, Bühnenautors, Karikaturisten und Malers Roland Topor von 1964. Filmfreunden in der 12 Jahre später entstandenen Zelluloidfassung von und mit Roman Polanski unter dem Titel Der Mieter bekannt. Nun die Vertonung von Arnulf Herrmann. Topor habe im Text mit der für den Fortgang der Handlung zentralen Bedeutung von Klängen und Geräuschen selbst eine Vertonung angelegt, erklärt der Komponist. Tatsächlich werden das Tropfen von Wasser, das Klopfen der Nachbarn an die Tür, die Wände und die Decke von Georgs Wohnung oder das Brechen von Glas zu eigenständigen Geräuschelementen innerhalb der Komposition. Klanginstallationen, die aus im gesamten Saal angebrachten Lautsprechern den Zuhörer geradezu unverschämt bedrängen, ihm weder Distanz zum, noch Flucht aus dem Geschehen erlauben, so wenig wie Georg auf der Bühne. In 23 Szenen nach Motiven des Romans verliert er zunehmend den Bezug zur Außenwelt. Geht er anfangs noch ins Café, so nimmt ihn das Haus mit seinen sich eigentümlich, dabei aber durchaus im Bereich des Möglichen verhaltenden Menschen schließlich ganz in Beschlag. Beschrieben wird dieser Prozess des Ver-rückens alles Normalen bis hin zum Surrealen. Inhaltlich wie musikalisch.

Wie lässt sich Opernmusik beschreiben? Vor allem solche eines zeitgenössischen Komponisten, der mit analoger wie auch mit elektronischer Klangerzeugung arbeitet. Schräg? Unhörbar? Nur über den Intellekt begreifbar? Konstruiert mithilfe mathematischer Formeln und ebenso spröde für denjenigen, der Zahlen und Formeln weder sexy noch emotional berührend finden kann? Obwohl die Harmonielehre natürlich nichts anderes als Mathematik ist! Herrmann hat während der Komposition sicherlich viel gerechnet. Allein das Hinunterdimmen der Schlagzahlen um Johannas taumelndes Fallen musikalisch darzustellen, muss ihm einige Rechenarbeit abgefordert haben. Das Ergebnis insgesamt: packende Emotionalität.

Szenenfoto „Der Mieter“, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Die Musikgebilde Herrmanns sind so eng mit den Worten des Literaten und Librettisten Händl Klaus verbunden, dass das Eine ohne das Andere nicht gedacht oder beschrieben und nicht anders als dicht genannt werden kann. Keinen Satz aus dem Roman hat er verwendet. Stattdessen moderne Lyrik mit einer Sprachreduktion bis zum Äußersten geschaffen. Sprachkunst und Sprachwitz: Der Händl Klaus ein Jandl Ernst. Einzelne Worte, abgehackt das eine vom anderen, dieselben Worte in neuer Anordnung, sich von Person zu Person ergänzend, frei von gewohnten syntaktischen Regeln und in der szenischen Gesamtheit Sinn ergebend. Ein eigener Sprachkosmos im kongenialen Zusammenspiel mit der Musik von Arnulf Herrmann. Beide dem verpflichtet, was Oper in ihrem tiefsten Inneren ausmacht: dem Gefühl. Befördert durch die kluge Regie von Johannes Erath und durch das opulente Bühnenbild von Kaspar Glarner wird bei aller Vielschichtigkeit und Mehrdimensionalität der Handlungsstrang konsequent verfolgt.

In Der Mieter findet sich alles, was das Mitspielen in der obersten Opernliga ausmacht: Tränentreibende lyrische Linien in den drei ersten Gesängen Johannas – sozusagen der Nukleus des Gesamtwerks inklusive des Leitmotivs, das immer wieder auftaucht – sowie dem Ich-du du-ich-Duett mit Georg – umwerfend interpretiert von der Berliner Sopranistin Anja Petersen und Bariton Björn Bürger. Petersen war auch diejenige gewesen, die bereits 2014 die vorab entstandenen drei Gesänge der Johanna bei ihrer Uraufführung gesungen hatte. Mit dem erforderlichen technischen Können für die stimmfordernden Sprünge, mit dem langem Atem für lange Linien und dem Ohr für die mikrotonalen (sprich Tonintervalle kleiner als ein temperierter Halbton) und rhythmischen Verschiebungen. Die symphonischen Zwischenspiele kommen mit der Wucht eines Bruckners daher, die Chöre mit der Uhrwerkpräzision von Renaissance-Madrigalen, die Walzer im ¾ Takt mal als unheimliche Bedrohung, mal rhythmisch verzerrt und mal als skurriler Tanz. Alles das erst möglich durch das klare und geradezu pingelig genaue Dirigat Kazushi Onos.

Die drei Gesänge Johannas können auf der Webseite von Arnulf Herrmann angehört werden.

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erstellt am 14.11.2017

Szenenfoto „Der Mieter“, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Oper

Der Mieter

Oper in drei Akten von Arnulf Herrmann (*1968)
Text von Händl Klaus (*1969)

Auftragswerk der Oper Frankfurt
Uraufführung am 12. November 2017 ebenda