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„Widerfahrnis“, Bodo Kirchhoffs Geschichte zweier betagter Menschen, die sich nach ihrem glücklosen Berufsleben kennenlernen, der Sonne entgegenfahren und im Abenteuer landen, ist ins Tschechische übersetzt worden. Aus diesem Anlass spricht Eva Novak mit dem Autor über die Entstehung seiner Bücher, die tschechische Kultur und Übersetzungen als Einbahnstraße.

Eva Novak trifft Bodo Kirchhoff

Fast etwas Altertümliches

Eva Novak: Herr Kirchhoff, der Anlass unseres heutigen Gesprächs ist die Veröffentlichung der tschechischen Übersetzung Ihres preisgekrönten Buches, bzw. Novelle „Widerfahrnis“; sie ist vor kurzem in Prag im Verlag Akropolis erschienen.
Bevor wir darüber sprechen, möchte ich mit Ihnen über was anderes reden, z.B. darüber, dass Sie vor ein paar Tagen aus Ihrem zweiten Domizil am Gardasee nach Frankfurt zurückgekehrt sind und, wie ich weiß, veranstalten Sie dort Schreibseminare. Ich würde gerne wissen, unter welchen Kriterien Sie die Teilnehmer auswählen und ob sich während der Seminare eventuell eine ernstzunehmende schriftstellerische Konkurrenz herauskristallisiert?

Bodo Kirchhoff: Wir machen das – meine Frau und ich – seit 15 Jahren in unserem Haus, weil sich der Ort sehr gut eignet. Zunächst mal wählen wir gar nicht aus. Da ist wirklich nur das Kriterium die Neugier, die Passion und die Bereitschaft, das zu tun. Es ist einfach so, dass es für jeden, der teilnimmt – fast eine Woche -, ein großer Schritt ist. Die meisten haben davor Angst oder und müssen dann zu Hause einiges regeln; jemand muss auf die Kinder aufpassen, die Reise muss organisiert werden – also ein Schritt; und wer sich dazu entscheidet, der will das. Und dieses Wollen ist eigentlich zunächst das Kriterium.
Und dann gibt es eben diese Kurse, die Menschen sind zum ersten Mal da – immer maximal neun Personen – und viele kommen wieder. Wenn wir dann dafür ein Gefühl haben, sie kennenlernen, dann können wir versuchen, das ein bisschen zu steuern, aber erst dann.

Wir lassen uns keine Texte einschicken, das führt zu nichts. Sondern – die Texte entstehen dort, und nach der Woche haben wir einen Eindruck von ihnen, und dann können wir sie auch ein bisschen lenken. Es ist schon so, dass es unter den – mittlerweile mehreren Hundert Menschen, die dort waren – einige gibt, bei denen ich das Gefühl habe – ja, die sind wirklich gut. Wobei – zum Schreiben gehört vieles. Ich sage immer, die Schriftsteller sind überdeterminiert – wie ein Verbrechen auch. Man muss nicht nur etwas mitbringen, man muss auch die Energie haben, man muss bereit sein zu riskieren, dass soziale Beziehungen teilweise in die Brüche gehen, man muss die Zeit haben, man muss sich einfach durchsetzen. Es gehört soviel dazu! Einige wenige sind diesen Weg gegangen. Es gibt eben manchmal auch wunderbare, geniale, plötzliche Einfälle – jemand schreibt ein paar wunderbare Sätze, findet einen tollen Titel, das freut mich, das sehe ich nie als Konkurrenz.

Bleiben Sie dann mit den Menschen im Kontakt? Das ist fast unmöglich bei Hunderten von Teilnehmern.

Das macht meine Frau, mir fehlt dafür die Zeit. Um die ganzen organisatorischen Sachen, auch um die Nachbereitung, kümmert sich meine Frau, auch um Kontaktpflege.

Wunderbar. Dann würde ich gerne wissen, ob Sie dort zu Ihrem eigenen Schreiben kommen. Ich habe neulich erfahren, dass Sie an einem neuen Roman arbeiten?

Ich komme in Italien natürlich nicht in dem Umfang zum Schreiben wie hier in Frankfurt. Ich habe zwar den ganzen Sommer, als wir nicht Seminare hatten, teilweise auch während der Seminare morgens schon ganz früh geschrieben, aber nicht mit dieser Konsequenz wie hier.
Ich arbeite schon seit über einem Jahr an einem Roman, obwohl das eigentlich ein falscher Begriff dafür ist. Es handelt sich um ein sehr autobiographisches Buch, das auch romanhafte Züge hat. Es ist sozusagen die Geschichte der eigenen Sexualität, die ich versuche zu erzählen. Dieses Buch wird „Die gehäutete Zeit“ heißen. Das ist etwas, das sehr schwierig zu Schreiben ist. Man kann es nicht in einem Guss schreiben, sondern muss immer wieder unterbrechen, u.a. wurde es auch unterbrochen für die Novelle „Widerfahrnis“.

Übrigens, die Titel Ihrer Bücher sind toll – finde ich. Ich weiß nicht, wie Sie das machen, aber sie werden immer besser. Bei „Widerfahrnis“ hatte ich mit dem Titel ein bisschen Probleme. Das Wort war im Duden nicht zu finden und ich habe gedacht, dass es wahrscheinlich archaisch ist.

Das ist es eigentlich nicht. Es ist ein Wort, das im Deutschen völlig für sich spricht. Wenn man es liest, hat man sofort ein Gefühl dafür. Es gibt ja auch das Verb „widerfahren“ und somit ist die Widerfahrnis etwas, was sich von diesem Verb ableitet und man kann sich darunter etwas vorstellen. Ich selbst habe dieses Wort vor sechs Jahren zum ersten Mal von einer Teilnehmerin in einem der Schreibkurse gehört. Sie hatte mit Theologie zu tun. Mir wurde sofort klar, dass es ein unglaublicher Titel ist, aber ich hatte damals noch keine Geschichte dazu. Deswegen habe ich den Titel geparkt.

Ich bin mit Ihrem Buch „Die Liebe in groben Zügen“ eingestiegen. Der Titel hat für mich einen teilweise ironischen Unterton, bei diesem dicken Wälzer von „groben Zügen“ zu sprechen…

Ja, so war das auch gemeint.

Nun möchte ich Sie zu der Technik Ihres Schreibens befragen. Schreiben Sie auf dem PC, mit der Schreibmaschine oder sogar handschriftlich?

Nein, es ist so, dass ich mir viele Notizen mache, aber wenn ich in meiner Wohnung sitze, dann sitze ich in einem Sessel, habe vor mir einen kleinen Tisch und auf dem Tisch ein kleines Gerät. Es ist einfach die Ökonomie der Bewegung. Ich sitze so, dass ich meinen Körper nicht spüre, sitze neun Stunden und spüre meinen Körper kaum.
Das ist für mich notwendig zum Schreiben. Ansonsten lasse ich die Dinge auf mich zukommen, ich weiß nicht, worauf ein Buch hinausläuft.

Habe kürzlich über die Entstehung Ihres aktuellen Buches „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ gelesen. Es hat mich fasziniert, wie es dazu kam. Sie haben sich einfach anhand einer Mail hingesetzt und eine über 120-seitige Antwort geschrieben.

Das ist aber eher ein seltener Fall. Dieses Buch ist mir buchstäblich ins Haus geflattert. Ich habe dann am nächsten Tag mit zwei, drei Sätzen geantwortet, habe mir aber im selben Moment überlegt, das kann man auch 120 Seiten machen. Das war dann so ein Spaß! Und es war wieder ein Buch, für das ich die Arbeit an dem jetzigen Stück unterbrechen wollte. Jetzt bin aber an einem Punkt angelangt, an dem ich dieses Buch bis zum Ende durchschreibe. Ich werde nicht mehr aufhören. Das weiß ich. Auch der Titel „Die gehäutete Zeit“, auf den ich erst vor wenigen Tagen in der Nacht kam bleibt, bringt es genau auf den Punkt.

Wann wird das Buch erscheinen?

Ich habe mehrere Jahre immer wieder dran gesessen, es wird im nächsten Jahr erscheinen, da bin ich mir sehr sicher.

Wie schreiben Sie? Sie setzen sich einfach hin und es läuft, oder präzisieren, korrigieren, überschreiben Sie Ihre Texte?

Ich setze mich morgens hin und fange an zu arbeiten und es kann auch sein, dass ich erst nach einer Stunde etwas Vernünftiges schreibe. Ich warte nicht. Ich setze mich – wenn ich halbwegs geschlafen habe, schreibe bis halb zwei, dann gehe ich essen, spazieren und dann arbeite ich weiter.

Scheint so, als seien Sie sehr diszipliniert?

Disziplin ist gar nicht der Punkt. Ich wüsste gar nicht, was ich sonst machen sollte. Für mich wäre der Tag schrecklich leer. Es ist etwas anderes, wenn ich Urlaub mache, wenn ich am Meer bin und lese. Ich kann nicht schreiben und lesen zugleich. Für mich ist Urlaub nicht schreiben sondern lesen. Ich bin irgendwo, wo es mir gefällt, mache ein bisschen Sport, esse gut und lese sehr viel.

Der erste Leser/in ist Ihre Frau?

Die erste Leserin ist meine Frau. Obwohl sie auch nicht sofort alles liest, aber ich rede mit ihr darüber, was ich vorhabe. Wenn ich einen Roman entwickele, dann erzähle ich ihr das und ich merke gleich an ihren Reaktionen, da stimmt was nicht – es ist zu kompliziert, unverständlich.
Und irgendwann mal gebe ich ihr das auch zum Lesen. Und später, viel später, bekommt den Text Joachim Unseld, mein Verleger.

Nun kommen wir zum eigentlichen Thema – der tschechischen Übersetzung. Ich habe recherchiert und festgestellt, dass „Widerfahrnis“ Ihr zweites Buch ist, welches ins Tschechische übertragen wurde. Wissen Sie, welches das erste Buch war?

Nein, welches war es?

Es war Ihr „Schundroman“, das bereits 2004 unter dem tschechischen Titel „Krvák“ im Prager Verlag Mladá fronta erschienen ist. Ins Tschechische wurden Sie nicht so oft übersetzt. Hoffentlich wird sich das nun ändern. Wir gehen davon aus, dass „Widerfahrnis“ – tschechisch „Prihoda“, ein Lesererfolg sein wird.

Es wäre gut, wenn „Die Liebe in groben Zügen“ übersetzt würde.

Wir würden uns darum bemühen. Wir wissen, dass das Übersetzen der Literatur einer der am schlechtesten bezahlten Jobs und ohne Fördergelder eigentlich nur als Hobby machbar ist.
Waren Sie überrascht, als Sie erfahren haben, dass Ihr Buch gerade in diese Sprache übersetzt wird?

Man muss sehen, dass es immer schon starke deutsch-tschechische Beziehungen gegeben hat. Es gibt in Tschechien, gerade in Prag viele Menschen, die Deutsch sprechen, die mit Deutsch zum Teil aufgewachsen sind. Insofern ist es nicht so ganz abwegig. Es hat eine Tradition. Es freut mich sehr. Dazu kommt, dass ich Prag eine wundervolle Stadt finde, man muss natürlich von den unendlich vielen Touristen absehen.

Und Prag gefällt Ihnen – abgesehen von den Touristen – architektonisch und überhaupt?

Ja, vor allem die Menschen. Ich habe im Goethe-Institut gelesen. Da waren altgediente Prager. Da hat man es gemerkt – die Aufmerksamkeit, die Art wie die Menschen mir entgegen kamen, das war wunderbar. Das habe ich genossen, es hatte fast etwas Altertümliches.

Was mögen Sie an der tschechischen Kultur?

Musik. Dvorak und sein Cellokonzert ist für mich eines der größten Musikstücke überhaupt.

Ich würde Ihnen gerne eine kurze tolle Geschichte über Dvorak erzählen. Dvorak hatte eine einfache, nette Frau, die sich um ihn liebevoll kümmerte. Er hatte sich immer nach dem Mittagessen für eine Stunde in die Küche auf seine Chaiselongue gelegt und ausgeruht. Als das länger als eine Stunde dauerte, hat ihn seine Frau wachgerüttelt mit den Worten: Tondi, bitte aufstehen, heute hast du noch nicht komponiert!

(Lacht). Wunderbare Geschichte!

Also lieber Dvorak als Smetana?

Auf jeden Fall Dvorak. Und dann auch die Schriftstellerin Libuse Monikova, das ist eine ganz hervorragende.

Haben Sie in Prag jemanden Interessanten kennengelernt?

Dazu war die Zeit zu kurz.

Ich habe noch ein paar Fragen zu den Sprachen, in die Ihre Bücher übersetzt worden sind. In wie viele Sprache und in welche am häufigten?

Mit dem Roman „Infanta“(1990) hatte ich einen großen Erfolg, der ist in 16 Sprachen übersetzt worden. Danach gab es noch einige wenige Übersetzungen und dann hörte es völlig auf. Das hängt auch damit zusammen, dass das Übersetzen immer mehr teurer wurde und natürlich auch damit, dass bei uns die Übersetzungen immer so eine Einbahnstraße sind. Wir übersetzen alles, jeden Schrott. Es ist sehr schwer für literarische Autoren, im Ausland übersetzt zu werden, v.a. im angelsächsischen Raum. Sie haben selber soviel Literatur.
„Widerfahrnis“ ist bisher nicht ins Spanische und Englische übersetzt worden. Es ist ins Französische übersetzt, erscheint bei Gallimard, was mich sehr freut, ins Niederländische und dann auch in so etwas Absurdes wie Chinesisch.

Und ins Italienische, die Sprache Ihrer zweiten Heimat?

Ja, ins Italienische, wobei es im Italienischen heißt „Incontro“ (Die Begegnung) und im Französischen „Male recontre“ (Die schlechte Begegnung) heißt, das ist interessant.
Wie ist es im Tschechischen?

Im Tschechischen heißt es „Prihoda“ – was sich zurück ins Deutsche als das Vorkommnis, das Ereignis übersetzen lässt.

Und für das Ende dieses Gesprächs habe ich zehn kurze Fragen vorbereitet, die ich Sie bitten würde auch kurz zu beantworten:

Lesen Sie Gebrauchsanweisungen?
Nein.

Benutzen Sie einen PC oder einen MAC?
Was ist MAC?

Apple.
Nein, das benutze ich nicht.

Was sagen Sie dazu, wenn ein älterer Herr mit einer viel jüngeren Frau lebt?
Versucht sich seine Krankenpflege zu organisieren.

Katze oder Hund?
Hund.

Bleistift oder Füller?
Bleistift.

Whiskey oder Cognac?
Whiskey.

Barock oder Bauhaus?
Barock.

Jacques Brel oder Paolo Conte?
Paolo Conte.

Dostojewski oder Tschechow?
Tschechow.

Woody Allen oder Quentin Tarantino?
Woody Allen.

Vielen Dank für das nette Gespräch.
Sehr gerne.

Das Gespräch führte Eva Novak

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erstellt am 10.11.2017

Bodo Kirchhoff, Foto: Alexander Paul Englert
Bodo Kirchhoff, Foto: Alexander Paul Englert

„Prihoda“ – Bodo Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“ in tschechischer Übersetzung

Bücher von Bodo Kirchhoff

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt
Frankfurt am Main, 2017

Mexikanische Novelle
Frankfurt am Main, 2017

Widerfahrnis
Novelle, Frankfurt am Main, 2016

Die Liebe in groben Zügen
Roman, Frankfurt am Main, 2012