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Das seit November 2011 zweimonatlich erscheinende „Philosophie Magazin“ möchte seinen Gegenstand einem breitem Publikum näherbringen. Nun ist eine Sonderausgabe des Magazins erschienen: „Die Existenzialisten. Lebe deine Freiheit“. Auf dem Umschlag sind Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus abgebildet. Riccarda Gleichauf empfiehlt das Heft.

Heftvorstellung

Die Möglichkeit, sich zu verhalten

Ein Blickfang auf dem Titelblatt der gerade erschienenen Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“ zum französischen Existenzialismus ist der Artikel „French Existentialism“ von Hannah Arendt. Im amerikanischen Exil äußert sie sich darin in der Wochenzeitschrift „The Nation“ zur gefeierten Intellektuellenszene in Frankreich: Den Existenzialisten.

Erstmals in deutscher Übersetzung präsentiert uns das Team der Sonderausgabe unter Leitung der Philosophin Catherine Newmark einen Text, in dem Arendt zwei der bekanntesten Philosophen der Strömung, Jean-Paul-Sartre und Albert Camus, vorstellt. Der zunächst wohlwollend deskriptive Artikel endet mit einem erhobenen Zeigefinger Arendts, dem Hinweis darauf, dass auch die Theorien der „Stars“ Sartre und Camus letztlich schon einmal gedacht worden sind, auf alten Ideen beruhen. Man meint herauszulesen, dass sie am Erfolg des „Geistes der Revolte“ zweifelt, weil er in den „Hotelzimmern“ und „Cafés“ der Existenzialisten verpufft, anstatt sich auf der Straße auszubreiten.

In dieser Einschätzung täuscht sich Arendt. Nicht aber in der Tatsache, dass Grundbegriffe der Existenzialisten, wie z. B. derjenige der Angst, schon 1844 von Soren Kierkegaard durchleuchtet worden sind. Kierkegaard im Original ist nicht leicht zu lesen, und es ist geschickt von der Redaktion, seine Philosophie von einem pädagogisch versierten Denker vorstellen zu lassen (D. Kuenzle). Auch das berühmte Kellnerbeispiel aus Sartres Werk „Das Sein und das Nichts“, mit dem der Philosoph sein Konzept der „Unaufrichtigkeit“ veranschaulicht, wird deswegen nicht im Original abgedruckt, sondern kommentiert (B. Mühlhoff).

Es ist eine Stärke der Sonderausgabe, aus der Fülle an Material zum Thema, gezielt nur die gut lesbaren Originaltexte abzudrucken (z.B. einen Teil aus dem „Ekel“ von Sartre). Gleichzeitig wird dadurch für die Leserschaft deutlich, dass die Existenzphilosophen sowohl Theoretiker, als auch Schriftsteller waren. Es macht einfach Spaß, den „Fremden“ von Albert Camus zu lesen – nicht nur weil begreifbar wird, was der Philosoph unter einem absurden Dasein versteht, sondern weil es gute Literatur ist.

Der Begriff der Freiheit ist berechtigterweise ein Schwerpunktthema der Sonderausgabe, und es ist eine logische Konsequenz, ihn gerade in Hinblick auf den Existenzialismus nicht getrennt von den historischen Ereignissen der Zeit zu betrachten. Sartres radikaler Freiheitsbegriff, in dem auch der Gefangene kurz vor seiner Hinrichtung noch eine freie Wahl hat, möchte provokant ein grundlegendes Phänomen beleuchten, das Newmark folgendermaßen zusammenfasst:

„Wir sind nicht an allem, was uns widerfährt, selbst schuld. Aber wir haben in jedem einzelnen Moment die Möglichkeit und die moralische Pflicht, uns zu unserer Situation aktiv zu verhalten. Genau dieses Erbe der Existenzialisten gilt es heute wieder neu zu entdecken.“

Camus, Sartre und Beauvoir äußern sich im Heft zur Weltlage. Angefangen im Zweiten Weltkrieg, bis zum Beginn der Frauenbewegung 1971. Simone de Beauvoir wird als philosophische Denkerin bis heute in der akademischen Landschaft unterschätzt und oft als reine Romanautorin eingeordnet. Deswegen ist man positiv überrascht, sie in exponierter Weise anzutreffen.

Ein Highlight ist der Abdruck aus Simone de Beauvoirs Hauptwerk „Das andere Geschlecht“, in dem deutlich wird, wie stark auch die Vorreiterin u. a. der feministischen Theorie Judith Butlers („Doing Gender“) dem existenzialistischen Begriff einer individuellen Freiheit verhaftet ist. „Die befreite Frau wäre ein befreiter Mensch“, zitiert etwa Alice Schwarzer im Interview mit Newmark ihre Freundin und Weggefährtin Beauvoir.

Mit dieser abschließenden, wichtigen Erkenntnis, die über die künstlich gezogenen Geschlechtergrenzen hinausweist, wird das Sonderheft zu einer runden und inspirierenden Lektüre. Nicht nur für philosophische Laien, sondern auch für ehemalige PhilosophiestudentInnen, die ihr Wissen auffrischen möchten.

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erstellt am 10.11.2017

Philosophie Magazin
Die Existenzialisten. Lebe deine Freiheit
Sonderausgabe, 2017

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