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In der filmedition suhrkamp sind zwei DVDs erschienen, die, in restaurierten Fassungen, einige Höhepunkte des frühen sowjetischen Films enthalten. Die Zusammenstellung trägt den Titel „Der Neue Mensch“ und dokumentiert die filmischen Versuche, das nachrevolutionäre Streben nach einem neuen Menschentyps zu begleiten. Thomas Rothschild hat sich die Filme angesehen.

DVD

Der Traum vom neuen Menschen

Heute könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Film eine US-amerikanische Angelegenheit sei. Für den Film als Kunst galten aber im Lauf seiner 120-jährigen Geschichte ganz andere nationale Kulturen als maßgeblich: die deutsche, die französische, die italienische, die japanische, die polnische, die tschechische, die ungarische, die lateinamerikanische, die chinesische, die iranische, die rumänische. In den 1920er und frühen 30er Jahren war es der junge sowjetische Film, der künstlerisch den Ton angab.

In der Filmedition des Suhrkamp Verlags sind nun zwei DVDs erschienen, die, in restaurierten Fassungen, einige Höhepunkte des sowjetischen Films enthalten: eine Ausgabe von Dsiga Wertows Kino-Prawda, Abram Rooms Spielfilm „Bett und Sofa“, der im Original „Dritte Kleinbürgerstraße“ heißt, zwei Zeichentrickfilme, Fridrich Ermlers „Der Mann, der das Gedächtnis verlor“ (Originaltitel: „Trümmer des Kaiserreichs“ oder „Überrest des Kaiserreichs“), „Das Leben in der Hand“ von Dawid Marjan über das brisante Problem des Alkoholismus, seine Auswirkungen auf die Arbeit und die Familie, und wie das Kollektiv damit umgeht, Nikolai Ekks „Der Weg ins Leben“ und den Puppentrickfilm „Beherrscher des Alltags“ des Kinderfilmspezialisten Aleksandr Ptuschko. Die Zusammenstellung trägt den Titel „Der Neue Mensch“ und dokumentiert die filmischen Versuche, jene erzieherischen Maßnahmen zu begleiten, die im Kommunismus mit Verweis auf Nikolai Tschernyschewskis Roman „Was tun?“ von 1863 einen neuen Menschentyps anstrebten. Sie sind, wie wir heute wissen, erfolglos geblieben. Ob sie deshalb auch falsch waren, muss jeder für sich entscheiden, je nachdem, welchem Menschenbild er folgt und für wie geglückt er dessen Ausprägung im nunmehr allgegenwärtigen Kapitalismus hält.

„Bett und Sofa“ erinnert daran, dass die Befreiung der Frau aus der patriarchalischen Unterdrückung ein zentraler Bestandteil des sozialistischen Programms war, ehe die Frauenbewegung ihren Frieden mit dem Kapitalismus machte, dessen soziale Ungerechtigkeiten hinnahm und den Unterschied zwischen einer Unternehmerin und einer Arbeiterin für irrelevant erklärte, wenn nur Managerinnen und Professorinnen die Privilegien ihrer männlichen Counterparts teilen dürfen. Für die Heldin von „Bett und Sofa“ ist nicht „Ehe für alle“ die Lösung, sondern die Aufkündigung der Ehe und die Schaffung der ökonomischen Voraussetzungen dafür. Wer was von wem erbt, ist für den „Neuen Menschen“ nicht von Interesse. Eigentlich eine verlockende Utopie. Dem gleichen Thema wie „Bett und Sofa“ widmet sich, stark vereinfacht, agitpropartig, der Trickfilm „Der schreckliche Wawila und Tante Arina“.

„Der Mann, der das Gedächtnis verlor“ von 1929 ist ein filmischer Geniestreich, der jeden Vergleich mit den Meisterwerken von Eisenstein und Pudovkin aushält. Thematisch weist er Analogien auf zu Henri Colpis 32 Jahre später entstandenem Film „Une aussi longue absence“, der in Deutschland unter dem Titel „Noch nach Jahr und Tag“ in die Kinos kam. Offen bleibt, ob der Christus am Kreuz mit Gasmaske in einer Einstellung George Grosz zitiert, oder ob es sich um eine Koinzidenz handelt. Das „Überbleibsel des Kaiserreichs“ ist ein Funktionär, der vor der Revolution gegen die Bolschewiken gekämpft hat, jetzt Phrasen verkündet, namentlich über die Befreiung der Frau, und sich in Wahrheit benimmt wie ein Spießer. Aufregend bleibt Ermlers viel zu wenig bekannter Film wegen seiner Montage, seiner Kameraarbeit und der integrierten Bildsymbolik. Allein wegen dieser deutsch untertitelten Version lohnt sich der Kauf der Doppel-DVD. „Der Mann, der das Gedächtnis verlor“ war bisher nur auf einer russischen DVD erhältlich, die man auf umständlichen Wegen beschaffen musste.

Der bekannteste Film der Edition ist „Der Weg ins Leben“ über den Reformpädagogen Makarenko und seine Arbeit mit den „Verwahrlosten“ der nachrevolutionären Jahre. In seiner genauen Figurenzeichnung, seinem sozialen Engagement und seinem Realismus kann man ihn filmgeschichtlich als Vorläufer des italienischen Neoverismo einordnen. Noch als Stummfilm geplant, wurde er zum ersten sowjetischen Tonfilm. „Der Weg ins Leben“ verdankt seine anhaltende Wirkung der Tatsache, dass in seinem Zentrum nicht kraftstrotzende Helden stehen, sondern jugendliche Kriminelle. Ihnen zur Seite steht Nikolai Batalow, Darsteller auch in „Bett und Sofa“ und der Onkel des ebenfalls charismatischen, kürzlich verstorbenen Schauspielers Alexej Batalow („Neun Tage eines Jahres“) als verständnisvoller Erzieher. Selbst das pathetische Ende berührt nach wie vor, weil es nicht eine strahlende Apotheose zeigt, sondern eine Tragödie. Lediglich den Rahmen, in dem die Karikatur eines Schauspielers den Film Felix Dserschinski, dem Gründer der Geheimpolizei Tscheka, widmet, hätte man sich sparen können.

DVD-Trailer „Der Neue Mensch – Aufbruch und Alltag im revolutionären Russland“

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erstellt am 09.11.2017

Alexander Schwarz, Rainer Rother (Hg.)
Der Neue Mensch
Aufbruch und Alltag im revolutionären Russland
2 DVDs
filmedition suhrkamp, 2017

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