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Das Beherrschen der deutschen Sprache, so heißt es, sei die Voraussetzung für gelingende Integration. Wie funktioniert das im Alltag? Wenn man nicht perfekt oder schlecht oder mit Akzent Deutsch spricht, ist man dann ein schlechterer Mensch? In ihrem Essay plädiert die Schriftstellerin Lena Gorelik für mehr Offenheit und Geduld gegenüber Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Essay

Probleme (mit) der deutschen Sprache

Manche Sätze bleiben hängen. Die Sätze selbst, nicht die Erinnerung an den Inhalt, nicht die Bedeutung einzelner Worte für uns und unseren weiteren Lebensverlauf, nicht der Gesprächspartner und die Tonlage, sondern Sätze an sich. Wort für Wort. Es kann einem bei einmaligen Erfahrungen im Leben passieren, wie einem Heiratsantrag – oder bei besonders witzigen Begebenheiten wie dem Ausspruch eines Kindes, das Begriffe verwechselt. Es kann alles sein.

Es kann auch sein: „Ich kann nicht schreiben, ich bin doch nur Ausländerin.“

„Ich kann nicht schreiben, ich bin doch nur Ausländerin.“ Ich habe den Satz immer noch in den Ohren. Ein kleines Mädchen von etwa elf Jahren sagte ihn zu mir. Es wäre schön, sie an dieser Stelle beschreiben zu können, wie sie in dem langen, zu dunklen Schulflur stand, zu mir hinaufblickte (obwohl ich ja so groß nicht bin), wie sie dabei schüchtern lächelte oder vielleicht resigniert mit den Schultern zuckte. Die Wahrheit ist, ich kann es nicht. Ich erinnere mich nicht mehr an sie. Ich kann nicht sagen, ob sie blond oder dunkelhaarig war. Ich kann nicht sagen, ob sie wie ein Kind wirkte, gerade noch, oder ob sie schon in der Vorpubertät war, sich vielleicht bereits die Wimpern tuschte. Ich weiß auch nicht mehr, wie sie hieß. Dafür hallt ihre Stimme immer noch in meinem Kopf wider: „Ich kann nicht schreiben, ich bin doch nur Ausländerin.“ Sie spricht fast akzentfrei Deutsch, vielleicht rollt sie das „R“ ein bisschen zu sehr, sie könnte als Fränkin durchgehen, nur dass sie in Schwaben lebt. Sie spricht den Satz knochentrocken dahin, nicht abgeklärt, nicht zynisch, ohne jegliche Ironie. Sie spricht ihn so, wie Kinder vermeintliche Tatsachen von sich geben, die sie für sich nicht in Frage stellen: Das Christkind bringt die Geschenke. Die Zahnfee hat meinen Zahn geholt. Meine Mama ist die beste Mama der Welt. Ich kann nicht schreiben. Ich bin doch nur Ausländerin.

Das Mädchen, das diesen Satz sagte, der bis heute in meinem Kopf herumschwirrt, sprach ihn tatsächlich in der Schule aus. Wir standen dort zusammen, weil sie ihre Bildung in dieser Einrichtung verpasst bekam, die Art von Bildung, die für die deutsche Hauptschule nun einmal vorgesehen ist, und ich eine Ergänzung dieser Bildung war. Ich war zusammen mit anderen Autoren eingeladen worden von einem Verein, der sich der Aufgabe widmete, Migrantenkindern durch kreative Schreibkurse und Begegnungen mit „echten Schriftstellern“ die deutsche Sprache näherzubringen. Diese Art von Projekten, Schreib- oder Lese- oder Lese-Schreib-Tage, findet immer wieder, hoffentlich auch zunehmend, statt. Wie sie jeweils heißen, ist nicht von Bedeutung, von Bedeutung ist, dass es sie gibt. Große und mittelgroße Autoren, „echte Schriftsteller“ treffen kleine Autoren, sie erleben und schaffen gemeinsam Literatur, und im besten Falle treten die großen Autoren in den kleinen Köpfen etwas los, auf jeden Fall aber lernen alle Beteiligten dazu. Das Mädchen hatte im Vorfeld einen Text geschrieben so wie auch die anderen Schüler, die an dieser Schreib-Lese-Woche teilnahmen. Die meisten Texte, die ich zu lesen bekam, waren Gedichte, vor Bedeutung triefende Gedichte, in denen es meistens um Liebe ging, die einzig wahre, die, der das gebrochene Herz folgte, ICH LIEBE DICH in Großbuchstaben kam in jedem dritten solchen Gedicht vor, und DU oder ER wollte meist nicht verstehen oder sehen, was er der jeweiligen Lyrikerin bzw. ihrem erzählerischen Ich antat. In der zweithäufigsten Kategorie drehte es sich um den Keiner kann-mich-verstehen-wie-ich-wirklich-bin-Topos, einen Topos der Pubertät, der sich lyrisch in Zeilen wie „Und ich bin allein in der schwarzen Masse“ äußerte. Ich liebte all diese Gedichte, da sie mich an meine eigenen Poesieversuche in diesem Alter erinnerten, an DEN, der mich nicht sah, und an das Gefühl, keiner wisse, wie ich wirklich war. Ich schmunzelte viel, als ich die Texte zur Vorbereitung der Woche las. Bei einem aber schmunzelte ich nicht. Es war der Text dieses Mädchens, mit dem ich später im Schulflur sprach, eine karierte Schreibblockseite mit krakeliger Füllfederhandschrift gefüllt, er handelte vom Tod. Wer gestorben war, ging aus dem Text nicht hervor, ich dachte, es könnte vielleicht die Mutter sein, der Text klagte nicht, er stellte keine Fragen, er war frei von verbrauchten Assoziationen wie Leere und Dunkelheit und Warum und Einsamkeit und Danach. Mir liefen beim Lesen Schauer über den Rücken, und ich machte das Fenster zu. Es war nicht kälter geworden.

»Die deutsche Schriftsprache perfekt beherrschen«

Am nächsten Tag fragte ich den Klassenlehrer in der Pause diskret, wer die Verfasserin dieses Textes sei. Er rief das Mädchen beim Namen, an den ich mich heute nicht mehr erinnern kann, sie löste sich aus der Gruppe ihrer Freunde und stellte sich zu uns, und nachdem ich kurz gesagt hatte, dass ich den Text beeindruckend fand, meldete sich auch ihr Klassen- und Deutschlehrer zu Wort, der ja schließlich für ihre Bildung zuständig war, auch er wollte Feedback geben. Sein Feedback bestand in der Aufzählung mehrerer Rechtschreib-, Grammatik- und Zeichensetzungsregeln und dem ausführlichen Hinweis darauf, dass man, um schreiben zu können, erst einmal die deutsche Schriftsprache perfekt beherrschen müsse, wovon sie, die junge Autorin, der dieser Titel mit dieser Predigt mit einer Bestimmtheit aberkannt wurde, die mich schockierte, noch ziemlich weit entfernt sei. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut seines Vortrags, umso genauer aber an den der Antwort des Mädchens, die sie mir entgegenwarf, als ich ihr, nachdem der Lehrer enteilt war, um andere Kinder wegen irgendetwas zu ermahnen, noch einmal sagte, dass das Wichtigste doch sei, dass sie überhaupt schrieb. Dass ich fände, dass sie Talent habe und weiter schreiben sollte, wenn auch nur für sich. Ihre Antwort lautete: „Ich kann nicht schreiben, ich bin doch nur Ausländerin.“

So einfach vernichtet man kleine Autoren.

Ich habe viele solcher Schreibwerkstätten mitgemacht, in vielen Schulen aus meinen Romanen vorgelesen. Ich habe Lehrer erlebt, die ihre Schüler schon im Vorfeld niedermachten („Sie wissen ja, wir sind eine Hauptschule hier, die können mit Büchern und Literatur und Schreiben eh nichts anfangen, die können ja noch nicht einmal richtig Deutsch.“). Ich habe aber auch – leider seltener – Lehrer erlebt, die ihre Schüler ermunterten, sich deren Geschichten anhörten, ihnen beim Niederschreiben halfen, kleine Bücher mit ihnen herausgaben. Ich habe sogar eine Lehrerin erlebt, die zu mir sagte: „Ich habe viel, auch sprachlich, von meinen Schülern gelernt.“ Ein Satz, der überraschend klang, weil ich spontan dachte, dass er in dem hiesigen Bildungssystem nicht vorgesehen ist.

Ich selbst habe gelernt, dass aus an der einen oder anderen Stelle fehlenden oder aus Duden-Sicht falschen Deutsch-Kenntnissen wunderschöne Sprachbilder entstehen können. Dass Texte auf Deutsch häufig berührender sind, wenn sie mithilfe anderer Sprachen geschrieben wurden. Dass sich beispielsweise ein Apfel besser beschreiben lässt, wenn man kurz die Augen schließt, das Wort „Apfel“ in eine andere – vielleicht die Muttersprache – übersetzt, laut ausspricht und merkt, dass ein ganz anderer Apfel vor dem inneren Auge auftaucht als der, den man normalerweise in der Obstauslage eines deutschen Supermarkts sieht. In meinem Fall sehe und beschreibe ich dann kleine, weiße, beim Reinbeißen saftig triefende Äpfel, die direkt unter einem Apfelbaum liegen, wie ich sie noch von unserer Datscha in Russland in Erinnerung habe. Ich habe gelernt, dass aus anderen Sprachen übersetzte Metaphern und Bilder, die auf Deutsch erst einmal holprig oder sogar falsch klingen, Texte interessanter machen. Dass Denkweisen, die sich von unseren, im Laufe der Jahre angeglichenen unterscheiden, zu neuen stilistischen Mitteln führen. Wenn zum Beispiel ein Junge schreibt: „Am Dienstag war ich Schlittschuhlaufen, und dann hatte ich einen Pickel, dann war ich vierzehn und dann in der Pubertät“, und der Saal bei der Abschlusslesung einer solchen Schreibwerkstatt lachen muss. Die Aufzählung war, wie wir im Gespräch herausfanden, nicht als kunstvolles, literarisches Stilmittel gemeint gewesen, sondern aufgrund fehlender Aufzählungswörter-Alternativen so entstanden, vielleicht auch, weil in einem Jungenkopf von zwölf Jahren Prozesse so ablaufen: Und dann und dann und dann, bis man in der Pubertät ist. Man kann anschließend darüber sprechen, was nun – unbeabsichtigter Weise – entstanden ist, vielleicht lernt der Junge dann ( ja, dann!) ein bisschen mehr, zwischen den Zeilen zu lesen, vielleicht sogar das eine oder andere Synonym zu „dann“ zu verwenden. Und ich lerne ganz gewiss, wie Denkprozesse und Sätze und Stilmittel auch funktionieren können, und fühle mich, als hätte ich eine Konsultation bei einem „echten Schriftsteller“ gehabt.

Und dann, um diesen „echten Schriftsteller“ zu zitieren, kann es einem passieren, dass man in einem Vortrag zum Thema „Kreatives Schreiben mit Schülern mit Migrationshintergrund“ sitzt und sich innerlich bereits über den Titel des Themas aufregt, denn kreatives Schreiben ist kreatives Schreiben, egal mit wem, das sage ich als „echte Schriftstellerin“ jetzt mal so, und sich dann noch Folgendes anhören muss: Dass es besser ist, solchen Schülern, also denen mit diesem großen Makel, diesem unsäglichen Migrationshintergrund, vorgefertigte Gedichtzeilen aus grammatikalisch korrekten deutschen Sätzen vorzulegen, die sie jeweils ein wenig ergänzen können, indem sie hier mal ein Adjektiv hinzufügen, dort mal ein Akkusativ-Objekt (und wie viele von uns wissen noch, was genau ein Akkusativ-Objekt ist?) … So lernen die Kinder trotz ihres Migrationshintergrundes vielleicht endlich richtiges Deutsch. Vielleicht tun sie das, kreativ sein, schreiben lernen sie so aber mit Sicherheit nicht.

Wie viel Deutsch muss man können?

Und warum das alles, warum diese Geschichten? Weil es immer wieder schockierend ist zu beobachten, was für Erwartungen in diesem Land beim Thema Sprachkenntnisse herrschen. Erst einmal vorweg: Ja, auch ich finde, wer in diesem Land lebt, wer zu diesem Land gehört, wer zu diesem Land (wirtschaftlich) beiträgt, wer Teil des Landes ist, muss die deutsche Sprache können. Nicht beherrschen, sondern können. Die Definition von „können“ variiert, sie darf, sie muss auch variieren, weil wir unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen, Fähigkeiten, Lebensläufen, Lernmöglichkeiten, auch Ansprüchen sind. Und das ist im Übrigen gut so. Wie viel Deutsch muss meine Großmutter können, die mit 75 Jahren hierherkam, zu alt, um hier noch zu arbeiten? Sie ging gerne und viel spazieren und lernte bei ihren Spaziergängen im Wäldchen nebenan andere ältere Leute kennen, mit denen sie sich teils auf Jiddisch, teils mit Händen und Füßen, teils durch ein freundliches Lächeln unterhielt. Reicht das nicht, muss sie Goethe im Original lesen können? Sie hat ihn auf Russisch gelesen, sie hat Faust gelesen, was schon mehr ist, als viele Ursprungsdeutsche von sich sagen können. Meine Eltern hingegen, die im Alter von 52 und 46 Jahren den Schritt der Auswanderung gewagt haben, und wagen ist hier wirklich der richtige Begriff, haben hier nicht nur seit ihrer Ankunft gearbeitet, also Steuern bezahlt, sondern immerhin so viel Deutsch gelernt, dass sie sich auch in einem deutschen Freundeskreis bewegen, eine seriöse deutsche Tageszeitung abonnieren und möglicherweise zu den größten Patrioten gehören, die dieses Land je haben wird. Ich bin in den letzten Jahren nicht mehr viel mit meinen Eltern unterwegs gewesen, aber fast jedes Mal, wenn ich es war, konnte ich, wenn sie auf andere Menschen trafen – Kellner, Verkäufer, Sitznachbarn im Zug, wen man im Alltag eben so an Fremden trifft –, etwas spüren, was mir nicht behagte, was zu benennen mir schwerfällt. Es ist nie etwas vorgefallen, etwas, das man als eine ausländerfeindliche Handlung bezeichnen könnte. Es ist einfach die Art, der Tonfall, in dem zum Beispiel die Schuhverkäuferin reagiert, wenn meine Mutter sie um eine andere Größe bittet. Es steckt zwischen den Zeilen, es lässt sich nicht beschreiben, schon gar nicht festhalten, aber es tut weh. Vielleicht kann man es so zusammenfassen: Hätte ich in meinem akzentfreien Deutsch nach einer anderen Schuhgröße gefragt, wäre ich freundlicher, zuvorkommender, respektvoller behandelt worden; das ist das Gefühl, das bleibt. Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt, um mal eine abgegriffene Metapher zu verwenden, in mir den Wunsch weckt, nach dem Schuhkauf im Café den Kaffee für alle bestellen zu wollen, weil ich akzentfrei Deutsch spreche, weil ich damit so gut kaschieren kann, wer ich eigentlich bin. Das ist ein Wunsch, auf den ich nicht stolz bin, den ich aber immer wieder verspüre, wenn ich meine, von Menschen, die mich nicht kennen, als Ausländerin abgestempelt zu werden. Oder warum lasse ich Die Zeit auf dem Tischchen im Zug liegen, wenn ich ein russisches Buch zum Lesen hervorhole? Warum habe ich Angst, dass mein Sitznachbar, mit dem ich kein Wort geredet habe und nie ein Wort reden werde, vielleicht außer „Darf ich mal vorbei?“, denken könnte: Oh, komische Buchstaben, was für eine Ausländerin sitzt denn da neben mir? Mag sein, dass das alles nur in meinem Kopf stattfindet, der Sitznachbar mich noch nicht einmal wahrgenommen hat, aber was da in meinem Kopf stattfindet, kommt nicht von ungefähr, sondern vom Nachgeschmack. Der Nachgeschmack bleibt noch länger wohl bei meinen Eltern, nicht nur bei ihnen, sondern bei Tausenden jener, die sich nach ihrer Einwanderung in dieses Land – nach den ihnen eigenen Möglichkeiten – so viel Mühe gegeben haben, das neue Zuhause, die Bräuche zu begreifen, die Sprache zu lernen. So gut es ihnen eben gelang. Der Nachgeschmack bleibt, und mein Vater, der sehr gerne essen geht, tut es manchmal nicht, um nicht auf Deutsch bestellen zu müssen, und meine Mutter ruft mich regelmäßig an, um mich nach der Aussprache bestimmter Worte zu fragen, die zu benutzen sie gedenkt: „Ich will ein Fondue-Gerät verschenken. Wie spricht man Fondue genau aus?“, und dann übe ich am Telefon mit ihr, ehe sie losgeht und dann doch undeutlich oder eben einfach mit Akzent spricht, und der Ton, in dem die Verkäuferin dann antwortet:

„Ich habe Sie nicht verstanden. Was wollen Sie?“, hat nichts mehr mit ihrem anfänglichen, automatisierten und wahrscheinlich deshalb extrafreundlichen „Was kann ich für Sie tun?“ zu tun, weil die Herablassung nicht zu überhören ist und wieder einen Nachgeschmack hinterlässt. Und der Nachgeschmack mehrt sich, bis man einmal ausspucken möchte oder den Mund spülen, weil es zu unangenehm wird.

Wenn man nicht perfekt oder schlecht oder schlechter als jemand anders oder mit Akzent Deutsch spricht, ist man dann ein schlechterer Mensch? Ein Mensch zweiter Klasse? Manchmal fühlt es sich so an.

Wann haben Sie zuletzt eine Sprache gelernt?

Ich habe eine Weile in Jerusalem gelebt, und als ich dort ankam, reichte mein Hebräisch gerade einmal, um Falafel zu bestellen und mit Taxifahrern über den Fahrpreis zu verhandeln. Später begann ich einen Sprachkurs, den ich nicht beendete, ich schnappte wichtige Wortfetzen bei meinen Mitbewohnern auf, ich redete auf die Taxifahrer ein, ich versuchte, die Boulevardzeitung zu lesen, und übte meine Pantomimefähigkeiten, wenn mir Begriffe fehlten. (Ich sprach und verstand definitiv um einiges schlechter Hebräisch als meine Eltern Deutsch.) Und permanent wurde ich für meine Sprachkenntnisse gelobt. In diesem Lob steckte keine Überraschung darüber, keine Herablassung, die Israelis stellten es vielmehr fest. Wie gut ich mich ausdrücken würde, wie schnell ich die Sprache gelernt hätte (gelernt, als abgeschlossene Handlung bereits, obwohl ich in jedem meiner Sätze mindestens einen Fehler machte und nur im Präsens sprach, weil mir die anderen Zeitformen fehlten), bewunderten mich die Menschen, denen ich begegnete, weil die Israelis was? verlogener, unehrlicher sind? Wenn jemand in den USA davon spricht, dass jemand Englisch kann, ist damit immer das hochgestochene Englisch eines Professors der englischen Literatur aus Harvard gemeint?

Deutsch können sollen die Zuwanderer, wird immer wieder gefordert, dieser Forderung schließe ich mich an, aber wo beginnt Deutsch können?

Wann haben Sie zuletzt eine Sprache gelernt? Oder konkreter formuliert: Wann haben Sie zuletzt eine Sprache gelernt, während Sie gleichzeitig versuchten, sich in einem Ihnen komplett fremden Land zurechtzufinden, Ihre Familie zu ernähren, Ihren Kindern trotz des permanenten eigenen Unsicherheitsgefühls Selbstsicherheit und Stabilität zu vermitteln? Wir, all diejenigen, die seit ihrer Schulzeit keine neue Sprache mehr ge-, geschweige denn erlernt haben, vergessen beizeiten, wie schwer das ist. Erst recht, wenn man schon älter ist oder gerade dabei, sich ein komplett neues Leben aufbauen zu müssen. Das Erlernen einer neuen Sprache ist ein immerwährender Prozess, der möglicherweise nie aufhört, selbst für Muttersprachler nicht, da man den Wortschatz immer wieder erweitert. Ich zum Beispiel habe vor ein paar Wochen das Wort „Stollen“ gelernt, nicht im Zusammenhang mit Weihnachten, sondern im Zusammenhang mit Schuhen, Fußballschuhen. Ich lernte es während eines Spiels mit Freunden, bei dem man die zu erratenden Begriffe zeichnen musste, und ich bekam „Schuhstollen“ als Begriff und wusste nicht weiter, was den Sohn unserer Freunde schockierte und mich in seinen Augen wahrscheinlich herabsetzte. Ich bin ein Mädchen, ich spiele nicht Fußball, meine Söhne sind zu klein, um Fußballschuhe haben zu wollen, der Begriff und ich, wir sind uns bisher nicht über den Weg gelaufen, ich hätte bis zu diesem Zeitpunkt die Stollen als „die Dinger an den Fußballschuhen“ bezeichnet, wäre das ein Problem gewesen? Oder nicht, weil ich „die Dinger an den Fußballschuhen“ akzentfrei aussprechen kann? Wo beginnt Deutsch können? Soll ich mir wieder Vokabelkärtchen schreiben, wie damals in der Schule im Lateinunterricht? Werden mir meine Autorenpreise nun aberkannt? Ich merkte mir „Schuhstollen“, speicherte das Wort im Kopf bewusst ab, so wie ich das in meiner Anfangszeit in Deutschland täglich mehrmals getan habe. Mein zweiter deutscher Satz hieß: „Ich möchte mit deutschen Kindern Freundschaft halten.“ Den Satz hatte ich direkt aus dem Russischen mithilfe eines sowjetischen Wörterbuchs übersetzt. Ich war wild entschlossen, Deutsch zu lernen und deutsche Freunde zu finden. Solchermaßen sprachlich ausgerüstet, machte ich mich auf den Weg zum nächstgelegenen Spielplatz. „Ich möchte mit deutschen Kindern Freundschaft halten. Ich spreche Deutsch, aber nicht sehr gut“, erklärte ich den Kindern, die schaukelten und auf Klettergerüsten herumturnten. Sie zeigten keinerlei Interesse an mir, und in meiner Verunsicherung zog ich mich zurück auf die Wiese, auf der mein Bruder mit ein paar neuen russischsprachigen Bekannten sprach. Was ich hier machen würde, wollten sie wissen, ich war jünger und hatte dort nichts zu suchen. Ich wolle mich mit deutschen Kindern anfreunden, erklärte ich und zeigte auf den Spielplatz. „Das sind doch Türken, gar keine Deutschen!“, lachte mich einer von ihnen aus.

Eine Sprache zu lernen ist ein Prozess, der seine Zeit braucht, das ist nun einmal so. Ich las die Verpackungen von Lebensmitteln und fand langsam heraus, dass Spaghetti, Tortellini, Fusili und Rigatoni Nudeln sind. Ich achtete darauf, wann genau die Menschen „ade“ sagten, sie schienen es anstelle von „tschüss“ einzusetzen, das ich schon kannte; das merkte ich mir. Was ich nicht einzuordnen wusste, aber öfter hörte, versuchte ich im Wörterbuch zu finden, was nicht einfach war, weil ich ja meistens nicht wusste, wie man das Gehörte buchstabierte. Mein Grundschullehrer begann seine Sätze gerne mit einem „und zwar“, ich suchte im Wörterbuch danach und fand es nicht – ich buchstabierte es als „uns war“ und war verwirrt, weil „uns war“ am Anfang eines Satzes keinen Sinn zu ergeben schien. Nach einer Weile sprach ich scheinbar problemlos Deutsch, ich war ja auch noch ein Kind von noch nicht einmal zwölf Jahren, während die Maschinerie in meinem Kopf niemals stoppte: Ich sammelte Redewendungen, sog Aussprachen in mich ein, übte zuhause den Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen. Mein schwierigstes Wort war „Ofenkartoffel“, weil ein kurzes „O“ auf ein langes folgt. Mein Bruder, der schon älter war, nahm an einem Sprachkurs der Otto-Benecke-Stiftung in einer anderen Stadt teil und zog bei uns aus; wenn er uns besuchte, erzählte er, dass sein Mitbewohner und er sich in der Wohnung das Russischsprechen verboten hätten, weshalb sie nun auf den Balkon gingen, wenn ein längeres oder komplizierteres Gespräch zu führen war. Eine Freundin hatte jahrelang an jeden Gegenstand in ihrem spärlichen Zimmer, sogar an manche Besteckteile und die Zahnbürste kleine Zettelchen gehängt, auf denen der deutsche Begriff dafür stand. Sprachenlernen ist ein Prozess, ein Prozess, der einigen leichter und anderen schwerer fällt, ein Prozess, für den man nicht immer Zeit hat.

Deutsch lernen hat keiner verlangt

Die Einwanderung nach Deutschland begann mit dem Anwerbeabkommen von Arbeitskräften in den sechziger Jahren. Deutschland lud Gastarbeiter ein, aber die Gastarbeiter, die nach Deutschland kamen, lebten nicht in Deutschland, sie lebten in einer Art Niemandsland. Es war ein Land, in dem man arbeitete und schlief, für mehr hatte man nicht die Kraft. Es war ein Land, in dem man keine Fragen stellte, nicht sich selbst und nicht den anderen, schon gar nicht die Frage, ob und wann es sinnvoll wäre, die deutsche Sprache zu erlernen, die Sprache des Landes, in dem sich dieses Niemandsland irgendwie befand. Und hätten sie gefragt, dann wäre die Antwort ein eindeutiges Nein gewesen, wozu denn auch, sie waren zum Arbeiten eingeladen worden, wie der ihnen verliehene Name schon sagte, nicht um die Sprache zu lernen. Weshalb in den Schulen bis in die siebziger Jahre so genannter muttersprachlicher Ergänzungsunterricht für die Kinder der Gastarbeiter angeboten wurde, damit diese in der Heimat keine Schwierigkeiten hätten, wenn ihre Eltern wieder zurückkehren würden dahin, woher sie gekommen waren, dahin, wohin sie gehörten. Sprachkursangebote gab es keine, wozu denn auch? Arbeiten, Geld verdienen, zurückgehen, ein Abkommen, von dem beide Seiten profitieren. Das Sprachenlernen hat keiner verlangt.

Und als dann nicht alle zurückgingen, und in den Siebzigern wiederum Forderungen lauter wurden, wer hier lebe, müsse auch die hiesige Sprache beherrschen? Nun, zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch die Gastarbeiter hier – auf ihre Weise – eingelebt, sich das an Sprache angeeignet, was sie brauchten, um sich in ihrem Alltag zurechtzufinden, aber auch eine Art eigene Infrastruktur aufgebaut, innerhalb derer sie sich frei in ihrer Muttersprache bewegen konnten. Meist hatte man im Freundeskreis jemanden gefunden, der bei wichtigen Terminen übersetzen half, man brachte einander Deutsch bei, jeder steuerte die Brocken bei, die er sprach, man gab auch die Fehler einander weiter, bis eine Sprache entstand, mit der man sich zurechtfand, sich in seiner inzwischen nun neuen Heimat einigermaßen wohl fühlte. Und sich daran gewöhnte, sowohl an die Sprache als auch an das neue Zuhause. Eine griechische Freundin, die Tochter einer Gastarbeiterin, erzählte mir, dass in den griechischen Kreisen, in denen sie verkehrte, die so genannte Invalidenkarte, eine Fahrkarte für Menschen mit einer Behinderung, „Vanillekarte“ hieß. So hatte es einer gehört und verstanden, so hatten es andere aufgegriffen und weitergegeben. Es bedeutete nicht, dass man nicht wusste, was die Invalidenkarte war oder wie man sie beantragte. Sie hieß nur anders, Vanillekarte eben. Wer zwei Jobs hatte, hatte wiederum „eine Extra“, „ich gehe zur Extra“ konnte man dann stolz oder müde verkünden, man kam zurecht.

Als Gerasimos nach Deutschland kam, war er zu jung, um sich Gedanken zu machen. Er wollte weg, weg von der griechischen Militärdiktatur, weg von dem eintönigen Leben, das er auf dem Schiff führte, auf dem er arbeitete. Er war 23 Jahre jung, und als zwei Freunde vorschlugen, zum Arbeiten nach Deutschland zu gehen, weil mit Deutschland ein Anwerbeabkommen existierte, da sagte er Ja und landete hier. Heute sagt Gerasimos über diese Zeit: „Schwierige Zeiten. Sprache nicht gekannt.“ So spricht er, abgehackt, nicht immer verständlich, häufig fällt ihm eine Vokabel nicht ein, dann wiederholt er einfach die Zusammenfassung: „Schwierige Zeiten.“ Schwierige Zeiten waren das, weil Deutschland nicht nur und wahrscheinlich gar nicht eine Abenteuerreise war, sondern harte Arbeit. Drei-Schichten-Dienst bei Siemens, jeden Tag, im Akkord. Wenn er nicht arbeitete, schlief er. Wenn sie nicht arbeiteten, schliefen sie. Sie, die Gastarbeiter, die wir, wie der Name schon sagt, als Gast einluden, hier zu arbeiten, nicht, um Deutsch zu lernen. Aber wer erinnert sich heute noch daran?

Gerasimos jedenfalls arbeitete im Akkord, drei Schichten, und zwischen den Schichten schlief er, und als er nicht mehr konnte, suchte er sich eine Arbeit in München bei BMW, weil er gehört hatte, dass es dort einfacher sein würde, war es aber nicht. Oder in Gerasimos’ Sprache formuliert: „Wenn du arbeiten musst, ist das Leben so. Schwierige Zeiten.“ In den Fabriken verständigte man sich irgendwie, wie, kann er auch nicht erklären, „aber keine Probleme gehabt“. Meist habe es in jeder nationalen Gruppe jemanden gegeben, der gedolmetscht habe, einen Türken, einen Griechen, einen Italiener mit brauchbaren Deutschkenntnissen, notfalls kommunizierte man mit den Händen, auch die Vorarbeiter taten das; man unterschied nicht zwischen den einzelnen Gastarbeitergruppen. Alle arbeiteten, alle schliefen, wenn sie nicht arbeiteten, man kommunizierte mit seinen paar Brocken Deutsch, Händen und Füßen, das reichte aus, wenn Sympathie vorhanden war.

»Wenn du in einem Land bist, brauchst du die Sprache«

Es ist nun fast zwanzig Jahre her, dass er mit seinen Freunden nach Deutschland kam – ohne Familie, ohne Sprachkenntnisse, ohne Wissen über Deutschland. Heute hat er eine deutsche Frau, zwei Kinder, er arbeitet immer noch, im Sommer fährt er nach Griechenland, wie fast alle Griechen, die hier leben, wo es warm und schön ist. Zu keinem Zeitpunkt hat er die bewusste Entscheidung getroffen, für immer in Deutschland zu bleiben, es kam einfach so, würde er sagen, in einem Jahr hat er es aus dem Grund nicht geschafft, zurückzugehen, in dem nächsten aus einem anderen. Inzwischen wuchsen die Besitztümer in Deutschland, Möbel, ein Auto, aber auch die Zahl der Freunde wuchs, die Kenntnisse über, die Zuneigung zu diesem Land. Manchmal denkt er noch daran, zurückzugehen, also für immer in die Wärme und die Heimat zurückzugehen, so wie die meisten Gastarbeiter diesen Gedanken manchmal in ihren Köpfen aufblitzen sehen, aber er hat zwei Kinder, er hat eine Frau und seine Arbeit, und er hat das Griechische Haus in München, in dem er viel seiner spärlichen Freizeit verbringt. Da, wo die Griechen Münchens sich treffen, wo sie unter sich sind und die Sprache sprechen, die sie mit der Muttermilch aufgesaugt haben. Einer von ihnen sitzt an der Theke, lässt sich seine Souvlaki schmecken und liest die Münchner Abendzeitung. So ist das nun mal.

Gerasimos sagt: „Wenn du in einem Land bist, brauchst du die Sprache“, und er sagt auch: „Wenn ich ein Wort höre und nicht verstehe, dann ist schlimm“, und zur Selbstberuhigung sagt er dann noch: „Aber bayerischer Dialekt versteht niemand.“ Gerasimos spricht Griechisch und ein Deutsch, das sein eigenes ist, nicht wahnsinnig viel, aber auf jeden Fall genug, genug für ihn. Er lebt seit zwanzig Jahren hier, und er tut das gerne.

Andrej lebt „erst“ seit elf Jahren in Deutschland und war, als er sich entschloss, aus Russland auszuwandern, bereits 62 Jahre alt. In seinem früheren Leben, „dort“, hatte er als Ingenieur gearbeitet, Sprachen waren noch nie seine Stärke gewesen, schon in der Schule und an der Universität fiel ihm alles Sprachliche schwer. „Natürlich habe ich versucht, Deutsch zu lernen, habe einen Kurs gemacht, zuhause gebüffelt, nur im Kopf ist nichts geblieben“, sagt er in schönstem Russisch. Er sagt es mit einem Lächeln, es macht ihm nichts, seine Frau spricht „ganz gut“ Deutsch, das ist ihre Domäne. Sie schreibt die Briefe, er trägt sie zur Post. Komplexe hat auch Andrej nicht. Er hat zuhause seinen Computer und ein Stadtviertel weiter seine Enkel, einen kleinen Garten hat er auch, dort werkelt er bei gutem Wetter herum. Sein Zuhause ist „jetzt hier“, und wenn er sagt, dass er die Sprache nicht spricht, dann stimmt das nicht ganz, er versteht viel, und statt des russischen „Ой, чёрт!“, sagt er nun, wenn ihm etwas herunterfällt, „Scheiße“.

Jeder spricht die Sprache auf seine Weise, und die Erwartung, dass beispielsweise Kinder, die aus welchen Gründen auch immer, mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen sind, das Deutsche beherrschen oder in seiner Perfektion in einer Geschwindigkeit lernen müssten, die allenfalls Genies zu eigen ist, ist nicht nur unrealistisch und anmaßend, sondern auch entmutigend. Warum begegnet man Schülern, deren Deutsch nicht akzent- und nicht fehlerfrei klingt, mit einer Vorsicht, hinter der sich meistens auch eine gewisse Geringschätzung verbirgt? Wo ist das Vertrauen in die Lernfähigkeit und die -freude kleiner Menschen geblieben, das Vertrauen, dass sie in Geschichte und in Biologie, für die sie ebendieses Deutsch brauchen, schon noch aufholen werden? In der ihnen eigenen Geschwindigkeit eben? Nichts zerstört diese Lernbegierde mehr als Kommentare wie diese: „Ach, das werden sie nicht schaffen, die können ja noch nicht mal richtig Deutsch.“ Ein Kommentar, den ich in meinen Schreibwerkstätten nicht nur einmal hörte. Und daran erinnere ich mich noch selbst: Egal, wie wenig man noch (!) von der Sprache versteht, das zwischen den Zeilen Gesagte, das Abwertende versteht man immer. Erst recht als Kind. Ich erinnere mich sehr wohl daran, wie in der ersten deutschen Klasse, die ich jemals und insgesamt zwei Monate lang bis zu den Sommerferien besuchte und danach wiederholen sollte, Geld für irgendetwas gesammelt wurde. Ich sah das bereits eingesammelte Geld, ich kapierte, dass alle Zwei-Mark-Münzen gaben, das „irgendetwas“ verstand ich nicht. Verstand auch nicht den Monolog, den man mir zu diesem Thema hielt, sehr wohl aber das abwertende „Ach, lass sie doch, versteht sie eh nicht“, das jemand, der die Szene beobachtete, von sich gab und mich damit ausschloss. Mir, die ich in Gedanken bereits zuhause meine Schatulle, ein Sparschwein-Ersatz, mit meinem ersten deutschen Taschengeld plünderte, das Gefühl vermittelte, ach du, wer braucht dich schon. Wenn ihr aber nicht wollt, dann will ich auch nicht. Ich war elf Jahre alt.

»Ich bin Migrant, aber trotzdem gut«

Wenn ihr uns aber, statt etwas Geduld aufzubringen, auf die Hauptschule abschieben wollt, und abschieben ist hier wahrscheinlich der richtige Begriff, das weiß jeder, der in den vergangenen Jahren eine betreten hat (Ausnahmen ausgenommen), dann wollen wir auch nicht. Wie sollen Schüler Interesse und Lernwillen zeigen, wenn die Lehrerin beispielsweise an die Tür ihres Klassenzimmers eine Karikatur hängt, deren Botschaft lautet: Ich kann nicht mehr mit euch Kindern, ich brauche Ferien, jetzt sofort. Wie, wenn zum Beispiel ein Lehrer im Unterricht sagt: „Noch drei Stunden, die ich mit euch ausharren muss!“ und das offensichtlich auch genau so meint. Momentaufnahmen, die ich aus Besuchen in Hauptschulen mitgenommen habe. Warum werden Kinder, die untereinander eine andere Sprache als Deutsch oder auch nur ein etwas anderes Deutsch sprechen, erst einmal argwöhnisch beäugt? Mit Zurückhaltung, mit Vorsicht, abschätzig gar? Als könnten sie von Haus aus weniger, als wären sie ein bisschen weniger wert? Eine gute Freundin, deren Kinder die internationale Schule besuchen, sagte, während wir über Nachwuchs und Schule im Allgemeinen sprachen, nicht über Migration als Problem und auch nicht über die Schwächen des deutschen Bildungssystems, ganz nebenbei: „Ich bin sehr froh, dass sie nicht permanent diesen Migrantendruck haben, zeigen zu müssen: Ich bin Migrant, aber trotzdem gut.“ Warum denn „trotzdem“?

Deutsche Eltern, Deutsch im Sinne von Urdeutsch, investieren mit steigendem Einkommen und Bildungsgrad, was hierzulande ja miteinander einhergeht, immer mehr Geld in die Fremdsprachenkenntnisse ihrer Sprösslinge. Kinderkrippen, in denen Säuglinge schon einmal Chinesisch hören, damit der Sprachklang ihnen nicht fremd bleibt, Kindergärten, in denen Englischunterricht genauso zum täglichen Programm gehört wie das Mittagessen, sprießen aus dem Boden wie Pilze nach Regen. Phorms-Schulen, in denen der Unterricht bilingual, Deutsch und Englisch, stattfindet, können sich trotz hoher Gebühren vor Anmeldungen nicht retten und führen seitenlange Wartelisten. Ein Auslandsjahr während der Schulzeit, ein weiteres im Studium gehören heutzutage im Bildungsmilieu zur Normalität. Mit der Begründung: Damit sie eine andere Sprache lernen, damit sie eine andere Kultur kennenlernen. Ein wunderbarer, lobenswerter Ansatz, der den meisten sicherlich guttut. Das alles kostet Geld, viel Geld zumeist.

Manche Eltern haben nicht das Geld, dafür aber das Glück, ihren Kindern von zuhause aus eine Sprache, die Kenntnisse über eine Kultur mitzugeben, die nicht diejenige ist, auf die ihr Nachwuchs im Kindergarten, in der Schule, im Fußballverein trifft. Das ist ein Geschenk, ein großes Geschenk, sowohl für die Charakterbildung eines Menschen an sich, als auch insbesondere in unserer globalisierten Welt für die Zukunft. Warum aber erntet man in Deutschland mehr Bewunderung für einen Satz wie „Meine Tochter war ein halbes Jahr in Südamerika und hat dort Spanisch gelernt“ als für den folgenden: „Mein Sohn spricht zuhause Türkisch, weil meine Familie aus Antalya kommt“?

Vor ein paar Jahren verbrachte ich einige Zeit in Kanada, wo es unter Studenten nichts Cooleres zu geben schien, als neben Englisch eine zusätzliche Sprache zu beherrschen. Wer nicht über diese Fähigkeit verfügte, griff auf seinen Stammbaum zurück und verwies darauf, dass seine oder ihre Großmutter ganz sicher aus Italien oder Polen oder Argentinien stammte. Ist es hier anders, weil wir – oder einige von uns – immer noch nicht zugeben wollen, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland ist, es schon war, bevor wir diesen Begriff so ausführlich auf sein Pro und Contra hin diskutierten? Wenn wir doch irgendwann zu dieser Einsicht gelangt sein werden, wird sie vielleicht – ein bisschen Optimismus schadet ja nicht – dazu führen, dass ein Kind, das mit seiner Großmutter, die es von der Schule abholt, nicht Deutsch spricht, sondern eine andere Sprache, nicht mehr skeptisch beäugt, sondern sogar ein wenig beneidet wird? Nicht, weil Neid ein positives, wünschenswertes Gefühl wäre, sondern weil sein Vorhandensein in diesem Zusammenhang die Einsicht demonstrieren würde, dass das Beherrschen einer weiteren Sprache etwas Wundervolles, Erstrebenswertes und eben Beneidenswertes ist. Unabhängig davon, ob sie bei einem teuer bezahlten Auslandsaufenthalt, in einer Privatschule, vom Au-pair-Mädchen oder eben von der Großmutter auf dem Nachhauseweg von der Schule erlernt wird. Nicht nur, weil sie einem im späteren Leben, im Beruf viele Türen öffnen werden, sondern auch deshalb, weil sie uns allen einen anderen, einen neuen Blickwinkel auf die Dinge ermöglichen. Nichts erleichtert mein Leben mehr, wenn ich in Sorge über etwas verfalle, mich in Gedanken hineinsteigere, als kurz aus meinem deutschen Ich hinaustreten zu können und die Situation aus einem russischen Blickwinkel heraus zu betrachten. Mich zum Beispiel ganz banal frage, ob ich noch einmal zum Supermarkt rennen soll, um Käse für die Gäste zu kaufen, den ich nach dem Essen servieren könnte, obwohl ich eigentlich keine Zeit dafür habe. Aus dem russischen Blickwinkel heraus aber spielt Käse keinerlei Rolle, erst recht nicht als ein Extra-Gang nach dem Nachtisch, serviert auf einem Extrateller mit nichts weiter als Weintrauben, um diesen im Übrigen noch nicht einmal ursprünglich deutschen Brauch auch mal mit russischen Augen zu beschreiben. Und sofort verfliegt der Stress, weil auch der Druck plötzlich so absurd erscheint, trotz Regens und Zeitmangels noch einmal wegen einer Käseauswahl das Haus verlassen zu müssen. Es ist ein banales Alltagsbeispiel, aber unser Leben besteht nun mal weitgehend aus banalem Alltag. Diesem mit zwei Sprachen und zwei Kulturen zu begegnen, ist eine Chance, ein Geschenk und eine Freude, die nicht dadurch gemindert wird, gemindert werden darf, dass diese zweite Sprache und Kultur einem von Kindesbeinen an, von den Eltern mitgegeben wurde, anstatt mühsam erlernt worden zu sein.

Lasst uns nicht vergessen, dieses Gefühl auch den Kindern zu vermitteln, nicht den problematischen Migrantenkindern, sondern Kindern, die eine Bereicherung für sich und andere in sich tragen. Und lasst uns abschließend, wenn es denn sein muss, auch Käse essen.

Aus: Lena Gorelik, „Sie können aber gut Deutsch!“.
Mit freundlicher Genehmigung © Pantheon Verlag, München 2012

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erstellt am 05.11.2017

Lena Gorelik, Foto: Charlotte Troll
Lena Gorelik, Foto: Charlotte Troll
Der Essay stammt aus:

Lena Gorelik
„Sie können aber gut Deutsch!“
Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft
eBook (epub)
ISBN: 978-3-641-05675-9
Pantheon Verlag, München 2012

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