Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Sie war Malerin und Naturforscherin, aber auch eine regelrecht selbständige Frau – und als solche war Maria Sibylla Merian ihrer Zeit, der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, voraus. Zu Merians 300. Todestag zeigt das Frankfurter Städel Museum ihre Blumenbilder und -bücher im Kontext der traditionellen Blumenmalerei. Stefana Sabin hat die Ausstellung besucht.

Ausstellung

Blumen und Schmetterlinge

Jacobus Houbraken nach Georg Gsell: Bildnis Maria Sibylla Merian, um 1717, Kupferstich, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum
Maria Sibylla Merian, um 1717

„Es gibt überall Blumen für die, die sie sehen wollen“ – steht in großen Lettern an der Wand in der jetzigen Matisse/Bonnard-Ausstellung im Frankfurter Städel. Tatsächlich finden die, die sie sehen wollen, die schöneren Blumen in der Graphischen Sammlung des Städel, die in Kooperation mit dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin zum 300. Todestag von Maria Sibylla Merian eine wunderbare Sonderausstellung ihrer Blumenbilder und -bücher präsentiert – und sie wie nebenbei als eigeständige und eigenwillige Naturforscherin zeigt. Denn Maria Sibylla Merian, die 1647 in Frankfurt geboren war und dort aufwuchs, wurde von ihrem Stiefvater, dem Blumenmaler Jacob Marrel, gefördert und von einem seiner Schüler unterrichtet. Zu ihrer malerischen Begabung – schon mit elf konnte sie Kupferstiche herstellen! – kam eine besondere Beobachtungsgeduld. Sie züchtete Raupen und hielt ihre Metamorphosen detailgetreu in einem Skizzenbuch fest – und ergänzte die traditionellen Blumenbilder mit Darstellungen aller Entwicklungsstadien eines Schmetterlings.

Die Frankfurter Ausstellung eröffnet mit einem Rosenbild, auf dem diese Stadien dargestellt sind: auf einem Blatt krabbelt eine Raupe, auf der Blüte liegt die Puppe, links im Bild fliegt der Falter. Die Aquarellzeichnung, die von Johann Georg Grambs um 1800 fürs Städel angekauft wurde, stammt aus dem Raupenbuch, jener Sammlung von Darstellungen von Raupen, Puppen und Schmetterlingen, die Merian 1679 veröffentlichte. Ihre Darstellungen waren in mehrfacher Hinsicht besonders: weil sie die Schmetterlingsart auf einer ihr entsprechenden Nahrungspflanze zeichnete und somit das bis dahin unbekannte Verhältnis von Pflanzen und Insekten vorführte, und weil ihre Zeichnungen eine Detailgenauigkeit aufwiesen, die über das Künstlerische ins Biologische reichte.

Merian züchtete Raupen, und in Nürnberg, wohin sie mit ihrem Mann übersiedelte, sammelte sie Schmetterlinge und andere Insekten. So gilt Maria Sibylla Merian denn auch als Wegbereiterin der modernen Entomologie – und die Ausstellung präsentiert die Naturforscherin anhand ihrer Blumenmalerei. Anders als die Blumenmaler ihrer Zeit – Martin Schongauer (ca. 1445–1491), Georg Flegel (1566–1638) und Georg Hoefnagel (1542–1600/01) – verlieh Merian ihren dekorativen, scheinbar gefälligen Bildern eine sachliche Dimension, indem sie darin naturgetreue, geradezu wissenschaftliche Details ausführte. Das wird besonders deutlich in ihrem Hauptwerk über die Insekten von Surinam, wohin sie in Begleitung ihrer Tochter eine ausgedehnte Studienreise unternahm. Metamorphosis insectorum Surinamensium erschien 1705 als Prachtband – ein Exemplar ist in der Ausstellung zu sehen, ja zu bewundern! Das Besondere daran waren nicht nur die exotischen Pflanzen und Tiere, die Merian abbildete, sondern vor allem die bis dahin unbekannten Details über die Lebensweise der jeweiligen Arten, die sie in Surinam zusammengetragen hatte. Das Buch wurde zu einem Bestseller im damaligen Europa – und gilt bis heute als Standardwerk.

„Wenn je ein Frauenzimmer lebte, welches auf einen bleibenden Ruhm und innige Hochachtung mit Recht Anspruch machen konnte,“ so schrieb 1800 der Universalgelehrte Friedrich Hirsching in seinem Historisch-literarischen Handbuch berühmter und denkwürdiger Personen, „so ist es die berühmte Maria Sibylla Merian.“ Die Städel-Ausstellung bestätigt diese Einsicht – und der Katalog bietet eine kunstgeschichtliche Verortung einer bedeutenden Künstlerin.

Die Schau nimmt ihren Titel ernst, insofern als sie auch die Tradition der Blumenmalerei zeigt: Vorläufer der Merian und ihre Zeitgenossen werden mit ausgesuchten Werken ebenso wie ihre Nachfolger vorgestellt. So sind der berühmte „Hortus Eystettensis“ des Nürnberger Apothekers Basilius Besler (1561–1629) und Johann Walters Florilegium des Grafen Johannes von Nassau-Idstein (1651 und 1672) zu bewundern.

Die Präsentation dieses Florilegiums ist eine kleine Sensation. Die beiden prächtigen Alben mit „hundert und dreißig Blättern Blumen, auf Pergament in Deckfarben gemalt“ waren die erste Erwerbung für die Sammlung von Zeichnungen, die Städel 1817 dem Museum stiftete, aber sie wurden den Beständen der Bibliothek zugeordnet und gerieten danach in Vergessenheit. Erst vor wenigen Jahren wurden die Alben, die in ihren originalen Einbänden – roter Samt und vergoldete Beschläge – erhalten sind, an die Graphische Sammlung übergeben und dort kunsthistorisch mit dem prunkvollen Garten des Grafen von Nassau-Idstein und mit dessen Auftragswerk an Johann Walter in Zusammenhang gebracht. Nun wird dieses Florilegium zusammen mit einer zeitgenössischen Ansicht des berühmten Gartens von Idstein zum allerersten Mal gezeigt.

So bietet diese Ausstellung nicht nur ein Wiedersehen mit den Merianschen Blumenbildern und Insektendarstellungen, einen Überblick über die Tradition der Blumenmalerei, der sie zuerst verpflichtet war und die sie dann auf geradezu wissenschaftlicher Weise weiterentwickelt hat, sondern durch die Wiederentdeckung des Idstein-Florilegiums auch einen Beitrag zur Geschichte des Städel.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 03.11.2017

Maria Sibylla Merian (1647–1717): Buschrose mit Miniermotte, Larve und Puppe, nach 1679 Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum

Ausstellung in Frankfurt

Maria Sibylla Merian und die Tradition des Blumenbildes

11. Oktober 2017–14. Januar 2018

Städel Museum

Maria Sibylla Merian (1647–1717): Kupferglucke mit Raupen und Kokon, nach 1679 Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum