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Diejenigen, die von der Schöpfung an den Rand gedrängt wurden, oder schlichter: die, die nicht in das Denken und Meinen der Mehrheit passen und deshalb zu Weltfremden werden, hat der Philosoph Peter Strasser zum Thema seines Buches „Idioten des Absoluten“ gemacht. Hier ist ein Auszug.

Essay

Die Schöpfung ist kein Werk der Liebe

Als der Berichterstatter (ich) noch ein Kind war, da wurde er des Öfteren „Idiot“ geschimpft. Das tat weh, war grausam einem Menschenwesen gegenüber, dessen Auffassungsgabe komplexerer Umstände nicht die schnellste zu sein schien und dessen Hände und Füße nicht immer jene Behändigkeit zeigten, die man glaubte, vom intelligenten Durchschnitt erwarten zu dürfen.

Es gab die geborenen Genies, und auch wenn man selbst bisher noch keinem begegnet war, so war es eben deshalb besonders demütigend, in Verstärkung der üblichen Idioten-Schmähung, „geborener Idiot“ geschimpft zu werden. Denn das bedeutete nicht nur, dass man sich als unfähig erwies, an die Weltläufigkeit und das Geschick der anderen anzuschließen; es war in der expliziten Schmähung mit einbeschlossen, dass einem die Welt selbst – die Schöpfung, wie sich die humanistisch Gebildeteren, die religiös Musikalischen unter den Schmähenden gerne ausdrückten – an den Rand gestellt hatte.

Wen immer die Schöpfung an den Rand stellte, den stellte sie gleichsam in den Winkel. „Ins Winkerl stellen“, das war ja eine österreichische Abstrafung für schulische und häusliche Vergehen. Wer im „Winkerl“ stand, hatte gegen die Gesetze der ewigen Ordnung verstoßen, denn alle bürgerliche Ordnung war ewig oder hatte jedenfalls dies an sich: eine Ableitung aus dem Naturgemäßen und daher Natürlichen und also Gottgewollten zu sein, das jede Abirrung so oder so bestrafte.

Der Idiotenschmähung, die der Berichterstatter als Kind noch an sich selbst erlebte, war nicht gleichzusetzen mit einer ärztlichen Diagnose, welche eine angeborene Geistesschwäche, der oft ein körperliches Gebrechen beigemengt war, emotionslos („wertfrei“) konstatieren mochte. Es trat gewissermaßen der Vorwurf hinzu, als das „Geschöpf“, das man war, dem natürlich geforderten Durchschnitt durch Zurschaustellung und Praktizierung einer Abweichung ins Blöd-Sinnige begriffsstutzig oder sogar widersetzlich Vorschub zu leisten.

Hier schwang eine Irritation nach, der zufolge es nicht „natürlich“ war, mittels des Gedankens von der Gleichheit aller Menschen nun alle in den Rang versetzt zu haben, auf die einst, im griechischen Gemeindenken, der Begriff des idiotes am ehesten zutraf: des Homo Sapiens, der sich schlicht einfügte in die gesellschaftliche Hierarchie, die noch ein göttergefälliges Oben und Unten kannte. Dass fortan alle, ob mit Reichtum, ob mit natürlichen Gaben oder aber Ämtern ausgestattet, formaliter gleich sein sollten, konnte die altüberkommene Evidenz nicht verdrängen, dass es substanziell Abweichler gab, auf die man mit dem Finger zeigen sollte. Doch ein derart abschätziges Gebaren war nun, unter dem Vorzeichen rechtlicher Gleichheit, nur zu dulden, falls es dahinter noch eine Art natürlicher – und damit naturrechtlicher – Ordnung der Dinge gab. Aber gab es sie denn?

Freilich, man brauchte als Idiot, der „begriffsstutzig“ gegen die Umwelt anstand, nicht einfach ein schlichter „Depp“, ein „Trottel“ oder sonst wie mental „unterversorgt“ zu sein. In der Idiotenseele ging irgendetwas Aufsässiges zu Werke. Deshalb die Kopfnüsse und Ohrfeigen, die zu verabreichen jedenfalls nicht schaden konnte, wenn sie schon nichts nützen mochten. Man ließ damit immerhin erkennen, dass man die eigentümlich hartnäckige Widersetzlichkeit bemerkt hatte, die dem Idioten eignete.

Geistesabwesend, begriffsstutzig

Nicht umsonst drehte sich das Urteilsrad um 180 Grad, seitdem der Existenzialismus das Sagen unter der geistigen Avantgarde hatte. Dass einer der Idiot der Familie sein konnte, wurde nun, von Jean-Paul Sartre auf Gustave Flaubert gemünzt (die Bände des L’Idiot de la famille erscheinen 1971/72), zum Titel einer Auszeichnung, die das späterhin schreibwütige Genie gegen die „idiotischen“ bürgerlichen Erziehungsdressuren ins Recht setzte. Immerhin: Flaubert konnte mit sieben Jahren noch nicht lesen! Da meine eigene Erziehung – die Erziehung desjenigen, der sich hier die Rolle des Berichterstatters anmaßt –, keine bürgerliche, geschweige denn gutbürgerliche war, traf mich der Vorwurf des Idiotismus in einer durchaus vulgarisierten und daher weniger verletzenden Form.

Der Schmähung war die Spitze abgebrochen, wenn es um meine Geistesabwesenheit, meine Begriffsstutzigkeit, meine Weltfremdheit ging. Irgendwie passte ich nicht dazu – wozu dann wiederum passte, dass das erste Wort, das ich sprach, „Ameise“ gewesen sein soll, und zwar beim Anblick einer Ameise, deren Lauf über ein Fensterbrett und entlang der angrenzenden kleinen Mauer ich, in tranceartiger Faszination, eine langen Moment lang unbeweglich verfolgte.
Der Berichterstatter in mir nimmt an, dass es sich dabei um einen halberfundenen biographischen Mythos handelt, da dem Kind vor dem Ameisen-Moment des Vor-sich-hin-Sprechens wohl andere Wörter geläufig sein mussten, die es allerdings nur sporadisch und gleichsam wider Willen aussprach: „Oma“, „Mama“ (eine Person namens „Papa“ gab es nicht). Verspätet – und dann aber wie zum Ausgleich des frühen Mangels – lernte das Kind umso rascher sprechen und wurde frühzeitig, was man damals noch eine Leseratte nannte. Wenn man das Gebaren dieses Kindes späterhin „idiotisch“ schimpfte, so schien die Umwelt wohl zu wissen (und die rundum besorgte kleine Familie der beiden Frauen und einer Großtante sowieso), dass es sich dabei mehr um einen Tadel als um die Zuschreibung eines Geisteszustandes, eines intrinsischen mentalen Defekts, handelte. Dabei schien allerdings der gleichsam „passive Widerstand“ gegen das altersüblich Weltläufige (brav sein, schlimm sein, neugierig und verbockt) besonders zu provozieren.

Das Idiotische meiner frühen Jahre zeigte sich in einer Art Geistesabwesenheit, die nicht wenige Kinder auszeichnet, falls man sie lässt. Sie leben, wie es in stets leicht besorgten Elternkreisen unter Anleitung entwicklungssachkundiger Pädagogen heißt, „in ihrer eigenen Welt“. Nicht in der Welt der durchschnittlichen Allgemeinheit zu leben, könnte Anzeichen einer Genialität sein (die nicht selten mit einer autistischen Neigung einhergeht); viel öfter zeigt sich darin jedoch ein Hang, mit dem Erwerb heute erfolgversprechender Lebenstechniken (soft skills) nicht zu Rande zu kommen, wozu eine gewisse Unfähigkeit zur flüssigen Verwendung von Alltagsbegriffen hinzutritt. Das sind erste Anzeichen eines Idiotismus, der keiner Geistesschwäche entspringt, sondern ein gestörtes Verhältnis zur Umwelt, ja zur Welt überhaupt verrät.

Schönheit und Würde

Gestört, ja, aber auf welche Weise gestört? Dem Kind, dessen erstes Wort „Ameise“ gewesen sein soll, war naturgemäß nicht bewusst, dass sich diese Frage überhaupt stellen ließ. Später begann sie ihm zur Grübelfrage der eigenen Existenz zu werden. Andere waren anders, auch was das Idiotischsein betraf. Einer vermochte im vierten Schuljahr „Otto“ nicht richtig von hinten nach vorne zu buchstabieren (während er die Buchstabenreihe von vorne nach hinten längst auswendig gelernt hatte), oder er fand es immer noch unfasslich, zehn Finger zu besitzen, weil an seiner einen Hand fünf davon abzählbar waren, während an seiner anderen Hand ebenfalls nicht mehr als fünf gezählt werden konnten. Ich hatte einen Klassenkameraden, dem derlei Ungeschick immer wieder einmal widerfuhr, im Angesicht der bisweilen aufseufzenden, achselzuckenden „Frau Lehrerin“, während die Klassengemeinschaft schadenfroh feixte.

Dieser mein Klassenkamerad war wirklich ein wenig dumm – dumm auf die schlichte Weise. Aber was uns eigentümlich „im Geiste“ zusammen sein ließ, waren die Begründungen, die er, der „Klassentrottel“, mir auf dem gemeinsamen Heimweg für sein offensichtliches Versagen gab. Dass „Otto“ von hinten nach vorne gelesen ebenfalls „Otto“ heißen sollte, schien ihm doch allzu seltsam, als dass es wirklich (er sprach das Wort „wirklich“ regelrecht pathetisch aus) wahr hätte sein können. Was nun die zehn Finger seiner beiden Hände betraf, nämlich seiner linken und seiner rechten, gab er mir zu bedenken, dass man ihm andauernd wissen ließe, er habe „zwei linke Hände“. Wenn ich ihm daraufhin lachend erwiderte, selbst wenn er zwei linke Hände hätte, müsse die Zahl seiner Finger trotzdem eine Zehn ergeben, dann trumpfte er mit der Gegenfrage auf, wie ich – oder sonst einer auf der Welt, zum Beispiel die Frau Lehrerin – zu einer solchen Schlussfolgerung käme, da er in Wirklichkeit (und er sprach die Wendung „in Wirklichkeit“ pathetisch aus) gar keine zwei linken Hände besäße.

Kein Zweifel, die „Wirklichkeit“ meines Klassenkameraden war ganz und gar originell, auch voller Geist – ein Umstand, den die anderen bloß deshalb nicht zu schätzen wussten, weil er nicht zu dem Regelwerk der Vernunft passte, mit dem man sich im Schul- und Normalbetrieb die Welt „aneignete“, um sich fürs sogenannte Leben zu präparieren.

Gewiss, man sollte die schlichte Dummheit nicht dafür belobigen, dass sie sich außerstande zeige, ebenjene Leistungen des Normalverstandes zu erbringen, die für Leute, die nicht dumm sind, zu den üblichen unspektakulären Fertigkeiten – nicht mehr und nicht weniger – gehörten. Doch obwohl ich ein guter Schüler sein wollte und jene bewunderte (wenn auch mit einem Schuss Verachtung, von der ich damals nicht wusste, woher sie kam), für die es das Natürlichste war, dass „Otto“ „Otto“ hieß, von welcher Seite her auch gelesen, oder dass fünf und fünf gleich zehn ergab – obwohl ich also den Durchschnittssinn für das Offensichtliche als durchaus nacheifernswert empfand, hegte ich eine tiefe Sympathie für das Versagen meines Klassenkameraden. Denn ich wusste durch unsere vertraulichen Gespräche am Nachhauseweg und in stillen Winkeln, wo uns – wie ich heute sagen möchte – der Lärm des Heidegger’schen „Man“ nicht störte, dass sich hinter dem Versagen eine neue Dimension öffnete, eine andere Welt, die beileibe nicht fürs Leben zurüstete, aber doch eine eigene Schönheit und Würde besaß.

Darin konnte ich mich, ohne dass ich damals in der Lage gewesen wäre, die Sache auszudrücken, mich selbst bespiegeln. Im Versagen meines dummen Klassenkameraden, dem meine eigene Dummheit um nicht viel nachstand – immerhin durfte ich mich überlegen fühlen (keine sympathische Einstellung!) –, fand ich ein Stück jener Weltfremdheit vor, die mich bald schon nicht mehr loslassen würde, wenn ich mit den anderen und ihren „Verhältnissen“ konfrontiert wurde. Ich würde fortan vor der Mauer neben dem Fensterbrett stehen, einem Weltinventar, das sich für das Kind bald schon in Zaubergärten, Heldenburgen oder im „dunklen Tann“ wiederfand – der kleinen Mauer, über die hin einst selbstvergessen jene Ameise gelaufen war, die ich selbstvergessen beim Namen genannt hatte.

Ohne den inneren Antrieb, dem diese meine Ameise folgte, zu kennen, geschweige denn eine Ahnung zu haben von ihrer chemischen Ausrichtung auf ihr Volk, das sich irgendwo unter den Mauerritzen bewegte, war es gewesen, als ob ich, im Anblick des übers helle Fensterbrett und die sonnige Mauer eilenden Tierchens, plötzlich mit offenen Augen die Augen aufschlüge. Ich sah in meiner Ameise, ihrem Laufweg mit dem Finger zart nachfahrend, die Ameise, die jeder andere auch sehen konnte; nur war mir im Anblick dieses kleinen lebendigen Wesens plötzlich dessen Geheimnis eindringlich geworden. Das lässt sich kaum anders sagen.

Später würde der Heranwachsende in philosophischen Werken, die er nur bruchstückhaft verstand, vom „Sein“ und vom „Absoluten“ reden hören – und der von den großen Wörtern zumeist gelangweilte Student der Philosophie würde an jenes Wort zurückdenken müssen, das angeblich , außer „Oma“ und „Mama“, sein erstes gewesen war: AMEISE.

Weil sich in jener selbstvergessen eilenden Ameise das Schauen und das Wort miteinander zu vereinen schienen, wuchs mir ein neuer „Sinn“ zu. Die Geistesabwesenheit damals, vor jenem Tierchen, war die mir höchstmöglich erreichbare Fülle des Geistes: eine Art Geistlichkeit – und die darin keimende Weltfremdheit war jene aufkeimende Paradieses-Sehnsucht, die erst jenes Verhältnis zu den Dingen stiftete, das mich über alle Schrecken der kleinen und großen Welt hinweg – „trotz allem“ – welteingeborgen und welteinverständig sein ließ.

Und es ist gut

Hier und jetzt fühlt sich der Berichterstatter in mir herausgefordert. Man soll sich nicht mit den ganz Großen, den Hochinspirierten messen. Es gibt den heiligen Narren, wie ihn Dostojewskij in seinem Idioten (1868), dem Fürsten Myschkin, gestaltet hat.

Natürlich leidet Myschkin an akkurat jener Krankheit, die in vielen archaischen Kulturen und bei uns, noch bis ins Mittelalter und darüber hinaus, als „heilig“ galt. Die Symptome der Epilepsie, die mit Gliederreißen, Schaum vorm Mund, verdrehten Augen, Glossolalie und Starrkrämpfen einhergehen, verleihen der Person einen physiognomischen Ausdruck, der, bevor man es besser wusste, als „Besessenheit“ gedeutet wurde. Ein übersinnliches Wesen – mag sein ein böser Dämon – hat vom Menschen Besitz ergriffen und in seiner Seele Wohnstatt genommen.

Aber es gab auch die außergewöhnlichen Vorfälle, die sich im Tempel oder einer Kirche ereignen konnten, namentlich während der Liturgie. Ein Gläubiger bricht aus der Menge aus oder stürzt aus der Kirchenbank, fängt an zu zittern, sich zu winden, zu stammeln und womöglich mit „fremden Zungen“ zu reden; es kann aber auch eine „Botschaft“ sein, die jeder versteht. In solchen Momenten scheint es, als ob sich eine höhere Macht, womöglich Gott selbst, einer endlichen Seele bemächtigt hätte, um durch den Köper, in dem sie anwest, zur Gemeinde zu „sprechen“. Der derart auserwählte Mensch weiß hintennach meist nicht, was mit ihm geschah – jedenfalls geschah ihm etwas Außergewöhnliches, das die Menge erschauern und frohlocken, zugleich zurückprallen und in Entzücken verfallen lässt. Das Göttliche war soeben realpräsent!

Hier hält der Berichterstatter, halte ich inne. Denn in meinen seelentiefen Momenten kommt es mir vor, als sei ich ein Idiot Gottes. Doch ich glaube nicht an Gott, wenn dazu nötig wäre, sich den Heiligen Schriften glaubend anzuvertrauen, die Heilige Messe zu besuchen oder regelmäßig zu beten. Natürlich habe ich keine Antwort auf die Frage, wie Gott all das Böse und das Leiden in der Welt zulassen konnte. Vor allem aber habe ich, nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit religionsphilosophischen Themen keine Ahnung, welche Bedeutung dieser Begriff – „Gott“ – eigentlich haben sollte. Alle Attribute, die Gott zugeschrieben werden, überdehnen jene Vollkommenheitsbegriffe, die wir auf menschliche und menschenmögliche Tugenden anwenden. Das beginnt bei der Liebe, die Gott sein soll, unbeschadet all der Lieblosigkeiten gegenüber uns, den Geschöpfen, denen wir ohne unser Verschulden unterliegen; und es endet bei der Vorstellung eines allgerechten Gottes, der gerade die Ungerechten – die menschlichen Teufel und Skrupellosen – meist ungeschoren davonkommen lässt. Hinzu kommen die üblichen Rätsel, die sich für den Ungläubigen als hässlicher Unsinn mit dem Gottesbegriff verbinden: Wie soll man sich einen „reinen Geist“ vorstellen, zumal einen, der, ort-los, in die Materie nicht nur hineinwirkt, sondern sie aus dem Nichts erschaffen hat? Etc. pp.

Der seelentiefe Moment, von dem ich sprach (und von dem ich spreche) ist also jener Moment, in dem sich das „etc. pp.“ schon deshalb erübrigt, weil die Fragen, die um Existenz und Wesensart Gottes kreisen, zwar weiterhin da sind und den Verstand quälen. Doch in der Anschauung der Dinge, die zu all diesen Fragen Anlass geben mögen, tut sich eine paradoxe Gewissheit auf, die sich mit absoluter Autorität zu Wort meldet. Es ist eine Gewissheit der Seele, die ihrer Geschöpflichkeit und der darin enthaltenen Paradieses-Sehnsucht nicht wehren kann, gegen alle Einsprüche des Verstandes, der nicht müde wird, mich von der Sinnlosigkeit der Welt, ja, um mit Cioran zu sprechen, von der Verfehltheit der Schöpfung (falls man das Wort verwenden möchte) zu überzeugen: Es ist, wie es ist, und deshalb gut.

Der Berichterstatter in mir ist sich keineswegs sicher, ob es in unserem Säkulum mehr ist als eine schöne, indessen vollends antiquierte Geste, von der „Seele“ zu reden. Denn damit werden Themen wie Unsterblichkeit, Transzendenz und das Fortleben nach dem Tode mitgeführt, ob der gottlose Seelenfreund (ich) dies nun möchte oder nicht. Ich gestehe, dass ich solche Bedenken gut – allzu gut? – verstehe. Doch es gibt einen Punkt, an dem mich meine schiere Fähigkeit, mit der Welt „da draußen“ in Kontakt zu treten, überwältigt. Es muss, so sagt mir weniger mein analytischer Verstand als meine Alltagsekstase, das heißt, mein schlichtes Bei-den-Dingen-Sein, dass es hier, im Wesensgrund, nicht um bloße Sinnlichkeit geht, sondern um etwas, was darüber hinaus liegt: um eine Quelle, aus der alles stammt, auch meine Begabung, in meinem Gehirnhöhlengefängnis nicht eingeschlossen zu sein wie die Auster in ihrer Schale. Es ist die Wahlverwandtschaft zwischen mir und den Dingen, die mich von meiner Seele als einem Scheinfüßchen des Absoluten, eben der göttlichen Quelle, von der ich nichts weiß und wissen kann, sprechen lässt. In diesem Sinne bin ich, der Gottlose, tatsächlich ein Idiot Gottes, der nicht nach mehr Wissen, sondern nach mehr Unschuld in seinem Blick auf die Welt strebt.

Die Nähe zur Schöpfung

Idioten Gottes zeichnen sich durch eine – man möchte sagen – kindliche Unschuld des Geistes aus (auch wenn es, realistisch gesehen, keine kindliche Unschuld gibt). Gewisse Fragen scheinen ihnen nicht in den Sinn zu kommen. Nicht, weil sie die Frage nicht verstünden, so wie man ein intellektuelles Spiel versteht; aber es sind keine Fragen, die für den Glauben Relevanz haben könnten. Warum? Darauf weiß der Idiot Gottes ebenso wenig eine Antwort wie das Kind, das seinen Vater liebt, obwohl dieser, ein Grobian und Nichtsnutz, der kindlichen Liebe nicht wert zu sein scheint.

Dostojewskijs Myschkin gebärdet sich allzu vertraulich, er ist nicht fähig, mit der durchschnittlichen Gemeinheit seiner Umgebung mitzuhalten, was ihn manchmal zu hysterisch wirkenden Ausbrüchen im akkurat falschen Moment nötigt. Und auch in der Liebe verfügt er nicht über jene Fähigkeit, die man in solchen Dingen erwartet. Einerseits durchschaut er zu viel, er blickt ins Herz seiner Herzensdame, andererseits ist er nicht in der Lage, eine erotische Werbung mit dem nötigen Realitätssinn und der erforderlichen Courage aufzubauen, die man von einem anständigen „Kerl“ erwartet. Das rührt das Herz der Frauen, führt aber zu nichts oder gar zu irgendeiner Kalamität, welche die Sache nur noch schlimmer macht, als sie es jemals hätte sein müssen.

Dennoch ist Myschkin von Dostojewskij als Figur konzipiert, die eine „Jesusähnlichkeit“ aufweist, wenn es darum geht, sich um die anderen ohne Ansehen der eigenen Person zu kümmern. Es ist eine spezifische Form der Schwäche, die den epileptischen Fürsten, trotz all seiner profanen Schwächen, zu einer ungewöhnlich vorbildlichen Gestalt macht und ihn dadurch aus dem Normalbetrieb des Lebens heraushebt. Die Kunst des Dichters ist ganz und gar darauf gerichtet, den hinfälligen, von Leiden innerlicher und äußerlicher Art, vor allem aber seiner unverständigen Umwelt geplagten Menschen als einen Weltfremden darzustellen, dessen „Fremdheit“ zugleich Ausdruck einer Nähe zur Welt als Schöpfung ist.

Die Welt als Schöpfung betrachtet – sie unterliegt einem großen, vielleicht dem größten Als-ob: In Myschkin regt sich etwas Absolutes, ein Erlebniselement, so, „als ob noch alles gut werden könnte“. Und es ist seiner Gestalt, wie verkrüppelt auch immer, eingeschrieben, dass da eine radikale Hoffnung, die radikalste, sich auf einen unendlichen Horizont richtet, der aber nicht bloß ein Hirngespinst ist, sondern sich als Bedingung allen Menschseins erweist. Der Berichterstatter in mir hält mir, dem angemaßten Idioten Gottes, eine Geschichte entgegen, die einst einem renommierten französischen Satirejournal zu entnehmen war.

In jener Geschichte geht es gerade nicht um die Wiederkunft Jesu als Mahnung an die Welt, und zwar als eine Liebesmahnung, welche die Herzen der Menschen sprachlos erblühen lässt, sodass der Großinquisitor – wie in der Episode aus den Brüdern Karamasow dargestellt – sich nicht anders zu helfen weiß, als Anstalten zu treffen, um den wiedergekehrten Sohn Gottes hinrichten zu lassen. Jesu Liebesbotschaft ließe die Autorität der Kirche samt dem Prunk und der Gloria, der geballten Macht ihrer Diener als überflüssig erscheinen – Immanuel Kant sprach dann grobianisch von „Aftergaube und Fetischdienst“.

Wie Gott in Frankreich

Daraus macht die Satire ein Lehrbeispiel der Weltfremdheit des Christentums. Jesus kommt – folgen wir der zu Beginn des 20. Jahrhunderts prominenten Zeitschrift L’Assiette au Beurre (es handelt sich um die Nr. 106, der bebilderte Sketch ist Redemptio überschrieben) – im Sonderzug erster Klasse in Paris an, man hat ihn irgendwie dahinein verfrachtet. Er wird pompös empfangen, die höchsten Kirchenfürsten sind herbeigeeilt, um ihn, dem König der Könige, zu huldigen. Als Jesus aus dem Zug steigt und das Heer der Autoritäten und Zelebritäten und dahinter das Volk sieht, das ihm huldigt, versteht er’s nicht. Das ist die stehende Wendung der Satire: „Le Christ ne compris pas …“ Man führt Jesus im Triumph in den Bischofspalast, wo er eine reichlich gedeckte Tafel und ein luxuriös ausgestattetes Schlafzimmer vorfindet. Er versteht nicht. Nachts stiehlt er sich davon, um an den Rand der Stadt zu gehen, hinein in die Armenviertel, wo er auf die Leute trifft, denen er die Frohbotschaft zu bringen gedenkt. Aber man hält ihn für einen Verrückten und jagt ihn davon. Was soll das Gerede davon, dass sich auch die Lilien auf dem Felde nicht um ihre Zukunft zu bekümmern brauchen, wo sie doch unter Gottes Himmel lebten und dessen Liebe teilhaftig seien? Was soll bei hungrigem Magen das Gerede von der Unbesorgtheit? Jesus versteht nicht. Er enteilt auf einen einsamen Hügel, wo er sitzt und weint. „Le Christ ne compris pas…“

Man mag diese Geschichte als einen ironischen Kommentar zur christlichen Welt- und Lebensauffassung verstehen. Dann ergibt sich als Konsequenz, dass derjenige, der auf der einen Seite keinen Sinn für die menschlichen „Realitäten“ hat, die sich in Form von Machtstreben und Luxusbegierde äußern, auf der anderen Seite dem Verlangen der Armen nach einem satten Magen, geschweige denn sozialer Gerechtigkeit, verständnislos gegenüberstehen wird. So einer, ließe sich sagen, leidet an einem Defekt, dessen Arglosigkeit sich mit einer Herzlosigkeit für die Leidenden paart, verdeckt durch das ständige Gerede von der allumfassenden Liebe Gottes.

Doch obwohl auf diese handfeste Weise zu reden, möglicherweise einen wunden Punkt der Weltfremdheit trifft, übersieht er – was immer der Berichterstatter in mir an abträglichen Fakten aufzuzählen wüsste –, dass der weinende Jesus kein Zeichen dafür abgibt, nicht zu begreifen, worin menschliches Leiden bestehe. Es ist ja keineswegs der Fall, dass der weltfremde Mensch nicht wüsste, was es heißt, hungern und elend sein zu müssen; dass ihm das Mitgefühl für die Armen und Ausgebeuteten fehlte, für die Kranken und Sterbenden im Staub. Worüber also weint Jesus?

Nun, ich meine, dass die Satire mehr preisgibt, als ihr vielleicht lieb sein mag. Denn sie zeigt bloß, dass Jesus, der nicht gekommen ist, die Welt politisch in Ordnung zu bringen (er ist kein Revolutionär, er ist der „Menschensohn“), auch nicht versteht, warum einer, der zuinnerst erfüllt ist von der Liebe zur Schöpfung, dann von den Geschöpfen erfahren muss, wie wenig die Liebe auszurichten vermag. Was die Satire sagen will, ist vielmehr, dass sich Gott vor seiner eigenen Schöpfung zum Idioten macht, wenn er in ihr ein Werk der Liebe erkennen möchte.

Es ist genau jene Haltung, welche der Weltfremdheit eignet. Das gibt Anlass zu schlussfolgern, dass der Weltfremde sich aus den Realitäten wegträumt; er lebt, wie der Realist zu sagen pflegt, „in seiner eigenen Welt“. Dabei übersieht der Realist allerdings, dass „sich in der Welt fremd zu fühlen“, eben einschließt, den Fakten nicht unberührt gegenüberzustehen. Man fühlt sich in der Immanenz des Endlichen gefangen. Man fühlt, dass hier nicht die Heimat des Menschen sein kann. Die Seele ist in der Materie und ihrer bösen Sinnlichkeit gefangen. Man sehnt sich zurück, möchte wieder aus dem Kerker entlassen werden, und hat doch kein Zuhause vor Augen als eben jene Welt, welche die unsere ist. Das lässt den Weltfremden zum „Idioten Gottes“ werden.

Auszug aus: Peter Strasser, Idioten des Absoluten. Über das Weltfremde in uns. S.67-77: „Le Christ ne compris pas“
Mit freundlicher Genehmigung © Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2017

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erstellt am 31.10.2017

Peter Strasser
Idioten des Absoluten
Über das Weltfremde in uns
Kartoniert, 133 Seiten
ISBN-13: 9783770562596
Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2017

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