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Thomas Rothschild denkt über „Political Correctness“ und den zunehmenden Ruf nach Verboten nach, den er als Ausdruck von Schwäche sieht.

Kontrapunkt

Argumente statt Verbote

Als vor mehr als einem Jahrzehnt der Begriff der „Political Correctness“ über den Atlantik nach Europa herüberschwappte und in Deutschland durch den „Gutmenschen“ ergänzt wurde, war er ein Kampfbegriff der Rechten, die sich vorgenommen hatte, all das zu diskreditieren, was man früher „Anstand“ oder „Moral“ genannt hatte. Die Süffisanz der Verächter von „Political Correctness“ richtete sich kaum je gegen die Mächtigen, dafür aber meist gegen Artikulationsbehinderte und Wehrlose. Sie signalisierte die Wiederkehr eines camouflierten Herrenmenschentums, der mehr oder weniger festen Überzeugung, dass es allgemein verbindliche Moralmaßstäbe nicht gebe und nicht geben dürfe und dass dem Genie – also einem selbst – erlaubt sei, was anderen nicht zustehe. Der „gute Mensch“ erschien allein durch die ironische Bezeich­nung ins Unrecht gesetzt. Die Koketterie mit dem Tabubruch, den Asylantenjäger und Briefbombenverschicker längst in die Tat umge­setzt hatten, mochte die Nerven wirkungsvoller kitzeln als etwa die erneu­te Beschwörung einer neofaschistischen Gefahr.

Wer sieht, wie lebendig der Rassismus in den USA, dem Herkunfts­land der „Political Correctness“, nach wie vor ist, wie sehr er in Europa zunimmt, der bevorzugt allemal Überempfindlichkeit, ein paar im Einzelnen ärgerliche Überreaktionen gegenüber mangelnder Sensibilität und Gleichgültigkeit. Was ist gewonnen, wenn man Weißen erlaubt, Afroamerikaner Neger zu nennen, wenn diese nicht so genannt werden wollen, oder wenn man Homosexuelle als Schwule bezeichnet, ehe sie sich selbst so nennen und sich nicht gekränkt fühlen, wenn andere dieses Wort übernehmen?

Aufs Konto der „Political Correctness“ gebucht und bekämpft wur­den ausschließlich linke Positionen. Die Tabus der Rechten sind – und das ist von Belang – aus der Kritik derer, die sich oft selbst einst zur Linken zählten, ausgenommen. Wer auf die Gefühle von Farbigen, Schwulen oder Behinderten Rücksicht nimmt, wird heute selbst zum Gespött der PC-Austreiber. Darauf sollten wir uns doch einigen können: dass Moral nicht lächerlich ist, dass es ehrenwert ist, sich für Andere einzusetzen, wo ihnen Unrecht geschieht, dass man sich nicht irre machen lassen sollte im längst nicht zu ende geführten Kampf gegen rassische, geschlechtliche und andere Diskriminierung, dass Nächstenliebe und Solidarität einander nicht nur nicht ausschließen, sondern Varianten ein und derselben Haltung sind, dass wir Verantwortung tragen für die Erniedrigten und Beleidigten, die Verhungernden und die wachsende Zahl der unterm Existenzminimum Lebenden.

Man ruft nach Verboten

Die Forderung nach dem, was zunächst die Gegner „Political Correctness“ nannten, fand auf einer argumentativen Ebene statt. Man wollte hinweisen auf Verhaltensmuster und Sprachgepflogenheiten, die Schwächere verletzten, diskriminierten und ausgrenzten. In jüngster Zeit aber hat, meist mit ehrwürdigen Motiven, eine Entwicklung stattgefunden, die nicht nur ambivalent, sondern höchst gefährlich ist: Man ruft nach Verboten. Man wendet sich an mächtige Instanzen, damit sie verhindern mögen, was einen stört. Ein Gedicht an der Wand einer Hochschule, das als sexistisch interpretiert wird, soll entfernt werden. Ein Verlag, der rechtsradikale Propaganda verbreitet, soll auf einer Buchmesse keinen Stand haben dürfen. Vertreter von tatsächlich unappetitlichen politischen Ansichten sollen Redeverbot erhalten.

Dieser Ruf nach Verboten ist ein Ausdruck von Schwäche. Er ertönt, wo man sich nicht mehr zutraut, mit Argumenten etwas ausrichten zu können. Er ist der scheinbar bequemste, in Wahrheit aber dümmste Versuch, aus der Welt zu schaffen, was einem missfällt.

Vor allem aber ist er kurzsichtig. Verbote ausführen können nur jene, die dazu die Macht haben. Das sind im Wesentlichen die staatlichen Organe. Woher nimmt man die Sicherheit, dass die auf Seiten derer stehen, die Verbote fordern? Die Geschichte sollte uns eines Besseren belehren. Wer in der Weimarer Republik gehofft hatte, dass die Polizei ihn vor prügelnden SA-Horden schützen würde, musste sich auf bittere Weise vom Gegenteil überzeugen lassen.

Wenn erst einmal das Mittel des Verbots, das bisher als Kennzeichen totalitärer Systeme galt und den Vorstellungen von Demokratie widersprach, als politische Strategie akzeptiert, als normal angesehen wird, wächst die Gefahr, dass es gegen jene angewandt wird, die es heute einfordern.

Das ist keine bloße Spekulation. Die Linke gehörte stets zu den ersten Opfern, wo Verbote die demokratische Auseinandersetzung ersetzten. Will man im Nachhinein KPD-Verbot oder Radikalenerlass rechtfertigen?

Die Verbotsforderung verschafft jenen, die man zum Schweigen bringen möchte, eine Beachtung, die man gerade verhindern wollte, und einen Märtyrerstatus, der, wenn nicht Sympathie, so doch Mitleid weckt. Nebenbei erschwert das Verbot die Wahrnehmung von deren Absichten und Plänen. So skeptisch man gegenüber der Überzeugungskraft der besseren Argumente sein mag: sie sind die einzige Chance. Ohne Argumente, mit Verboten macht man jene stark, deren Einfluss man bekämpfen möchte. Der Kampf muss der Stärkung der demokratischen Öffentlichkeit gelten, mitsamt den Widerwärtigkeiten, die sie sichtbar macht. Mit Verboten wurde auf die Dauer noch nie etwas erreicht. Warum sollte das künftig anders sein?

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erstellt am 30.10.2017