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Anselm Weber inszeniert am Schauspiel Frankfurt das Hochamt des antifaschistischen Widerstands, die Theaterfassung von Anna Seghers einst berühmtem Roman „Das siebte Kreuz“. Und er macht daraus, mit einigem Erfolg – eine Fluchtgeschichte. Der Beifall war nicht stürmisch, aber doch kräftig. So darf man von einem zwar klassisch abgefederten, nicht eben tollkühnen, aber doch gelungenen Neustart sprechen, meint Martin Lüdke.

Theater

Entkernt und frisch aufgekocht

Antifaschismus: ausgefallen. Die Heroen des Widerstands in ihrem heldenhaften Kampf gegen die Nazis: ausgefallen. Der Triumph des Widerstands: ausgefallen.

Dieser Triumph über Hitlers Schergen, das – leere – siebte Kreuz, an das auch der siebte geflohene Häftling geschlagen werden sollte, nachdem sechs seiner Genossen bereits wieder eingefangen, totgeprügelt und dann gekreuzigt worden waren, dieser Triumph wurde in einem Nebensatz eher leise weggehüstelt als vollmundig ausgekostet. Das siebte Kreuz im Lager Westhofen, wie Anna Seghers das Konzentrationslager Osthofen, in der Nähe von Mainz in ihrem Roman nannte, das blieb leer. Und wurde mit jedem Tag, den es leer blieb, immer mehr zur Blamage. Dem letzten Flüchtling, Georg Heisler, gelang die Flucht. Seine toten Kameraden, die einer nach dem anderen ans Kreuz geschlagen worden sind, zur Abschreckung für die Lagerinsassen und als Geste des Triumphs für den Lagerkommandanten, die Toten wurden so zu Märtyrern, das letzte, das siebte Kreuz zum Menetekel für die Nazis, und damit zum Zeichen des Sieges für den antifaschistischen Widerstand. Was als Demütigung für die Gefangenen gedacht war, wurde zur peinlichen Blamage für die Nazis.

Szenenfoto „Das siebte Kreuz“, Schauspiel Frankfurt: Thomas Aurin

Von alledem ist nichts zu sehen. Anselm Weber hat Anna Seghers’ Vorlage auf eine Fluchtgeschichte reduziert. Wirkungsvoll und konsequent. Wer die Vorlage, den Roman, nicht kennt, und das dürften heutzutage nicht wenige sein, der wird auch nichts vermissen. In den heißen Zeiten des kalten Krieges hatten sich die westdeutschen Kulturkämpfer auf die Stalin-Preisträgerin regelrecht eingeschossen. Nur Mainz, ihre Heimatstadt, stand, allerdings gegen mächtigen Widerstand, der späteren Ehrenbürgerin zur Seite. Allen voran der damalige, dafür schwer angefeindete Kulturdezernent Keim. Schnee von gestern. Gewiss doch. Zudem lässt sich alter Schnee schlecht aufwärmen. Sabine Reich und Weber haben also die Vorlage regelrecht entkernt und neu ausgerichtet.

Szenenfoto „Das siebte Kreuz“, Schauspiel Frankfurt: Thomas Aurin

Aus dem Dunkel heraus: eine Gruppe von sechs, dicht beieinander stehenden Menschen. An ihrer Spitze ein schwarzer Sänger, Thesele Kemane, Bassbariton, der sieben Lieder aus Schuberts Winterreise singt. Für die sieben Tage, die Georgs Flucht dauert. Die Gruppe dient mal als Chor, mal teilt sie sich auf. Einzelne treten hervor, spielen ihre Rolle, während die anderen im Hintergrund an einer Art Wand stehen, warten und wieder hervortreten. In strenger Choreographie.

Am Anfang also die Gruppe. Dunkle Gestalten, dicht beieinander. Zwischen ihnen, zu ihren Füßen bewegt sich etwas. Eine Art Bündel, hell, verschmutzt. Allmählich erkennbar als ein Mensch, der sich kraftlos langsam, quälend mühsam aus ihnen herausschlängelt, und dann, nachdem die anderen zurückgetreten sind, allein, zusammengekrümmt liegen bleibt. Georg Heisler. Aus dem offenbar nahem Lager ertönt das Geheul von Sirenen. Georg liegt flach auf dem Boden. Er berichtet, was geschieht. Wachleute auf der Suche nach den Flüchtigen. Das, wie eigentlich alle Handlung, wird berichtet. Von Georg selbst. Von den anderen, in wechselnden Rollen.

Es ist eine Art episches Theater, das hier wiederbelebt wird. Brecht sei Dank! Es bedarf keiner Requisiten, keiner Schauplätze. Der Sumpf vor dem Lager, der Weg nach Mainz, die (berühmte) Szene im Mainzer Dom, der Weg über die Dörfer nach Frankfurt, Straßen, Häuser. Alles spielt sich auf der kahlen, leeren Bühne ab. Wenn Georg an einer Tür klingelt, dann streckt er den Daumen aus. (Die Pointe dabei ist: Mit dem „Siebten Kreuz“ wird ein Stück gespielt, das im Rhein-Main-Gebiet, ja vor allem in Frankfurt spielt, und nichts, aber auch gar nichts davon erkennen lässt.)

Georg leidet und kämpft

Gleichwohl kommt Spannung auf. Georg (Max Simonischek) leidet, kämpft mit sich, mit seinem Durchhaltevermögen. Man leidet – und hofft – mit ihm. Christoph Pütthoff und Michael Schütz, unter anderem als zwei proletarische Kampfgenossen Georgs unterwegs, zeigen glaubhaft etwas von jener Solidarität, die Anna Seghers, mehr Gefühls-Kommunistin als theoretisch versierte Marxistin, lebenslang inspiriert hat.

Simonischek, der lange Lulatsch, fällt mehr in sich zusammen. Er schleppt sich mühsam durch die Gegend, oft verzweifelt. Doch er weiß, besser in der Freiheit verrecken als im Lager zu Tode gequält zu werden. Man spürt sein Elend.

Schon auf dem Weg nach Mainz gelingt es ihm, einem Schüler die Jacke zu klauen. Später kann er diese Jacke dann sogar mit einem Verrückten gegen dessen Pullover tauschen. So fällt er nicht mehr gleich als entlaufener Häftling auf. Er hat, aus der Zeit vor seiner Haft, noch einige Adressen. Die klappert er nun ängstlich und vorsichtig ab. Das Netz der Helfer ist dünn geworden. Misstrauen herrscht allerorten. Angst, in eine Falle zu tappen. Es ist die Zeit kurz vor Beginn des Krieges. Die Nazis haben ihre Herrschaft konsolidiert. Der Widerstand ist gebrochen. Es ist schwer, fast unmöglich, da durchzukommen.

Die Häftlinge werden alle wieder eingefangen. Aber nichts davon ist zu sehen. Einiges zu hören. Vom Tod des Akrobaten wird sogar ausführlich berichtet. Nur, das sehen wir, Georg fehlt. An sechs Kreuzen hängen die Toten, wird erzählt. Das siebte Kreuz bleibt leer, wird erzählt. Sieben lange Tage lang. Georg schlägt sich durch. Helfer verschaffen ihm die Möglichkeit zur Flucht aus Deutschland heraus. Er wird neu eingekleidet, mit einem gefälschten Pass versehen. Er muss zurück nach Mainz. Auf einem Lastkahn, an der Mainzer Rheinbrücke, erreicht er (sozusagen) das rettende Ufer. Über die holländische Grenze gelangt er schließlich ins Exil.

Max Simonischek, „Das siebte Kreuz“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Thomas Aurin

Worte. Nur Worte. Nichts passiert. Es wird gesprochen. Mal im Chor. Mal von einzelnen Sprechern, die verschiedene Rollen ‚spielen’, das heißt sprechen. Es wird gesungen, die „Winterreise“ von einem schwarzen Sänger. Einzelne Personen treten hervor und wieder zurück. Georg schleppt sich über die leere Bühne. Oder er liegt irgendwo herum. Oder er spricht. Berichtet von dem, was ihm, was überhaupt geschieht. In der kargen Umgebung entstehen starke, beeindruckende Bilder. Die entstandene Spannung hält sich, ja steigert sich noch.

Szenenfoto „Das siebte Kreuz“, Schauspiel Frankfurt: Thomas Aurin

Anna Seghers lebte noch in Frankreich, als sie ihren Roman konzipierte und schon zu großen Teilen auch schrieb. Inspiriert von solchen Legenden aus dem Widerstand. Fertig geworden ist „Das siebte Kreuz“ dann in Mexiko. Und berühmt geworden ist es, als das Buch in den USA von einem Buchclub zum Buch des Monats proklamiert wurde. Weltberühmt schließlich durch die Hollywood-Verfilmung mit Spencer Tracy in der Rolle des Georg Heisler.

Als Anna Seghers aus dem mexikanischen Exil nach Ostdeutschland zurückkehrte, wurde sie bald zur Hausheiligen der DDR. Fast unantastbar. Und entsprechend im Westen zum Feindbild. Wie gesagt: Schnee von gestern. Ihr Roman „Das siebte Kreuz“ ist und bleibt ein Monument der deutschen Literaturgeschichte. Warum man es entkernen und als Flüchtlingsdrama auf die Bühne bringen muss? Ganz klar ist mir das nicht geworden. Mit dem gegenwärtigen Flüchtlingselend hat es nicht viel mehr zu tun als der amerikanische Präsident Trump mit der Merkelschen Willkommenskultur. Vielleicht Lokalpatriotismus? Weil die Geschichte in unserer Gegend spielt? Vielleicht hat Anselm Weber auch vor der Premiere, in einer als „Einführung“ deklarierten Veranstaltung, darüber Auskunft gegeben? Ich weiß es nicht. Denn wir, zwei Kollegen und ich, wurden nicht zugelassen. „Nur für XXXL-Abonnenten“ – so hat der Intendant ausrichten lassen. „Klassengesellschaft“ – hätte Anna Seghers gesagt.

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erstellt am 30.10.2017

Szenenfoto „Das siebte Kreuz“, Schauspiel Frankfurt: Thomas Aurin

Theater

Das siebte Kreuz

Von Anna Seghers

Regie Anselm Weber
Bühne Raimund Bauer
Kostüme Irina Bartels

Besetzung Max Simonischek, Thesele Kemane, Paula Hans, Olivia Grigolli, Christoph Pütthoff, Wolfgang Vogler, Michael Schütz

Schauspiel Frankfurt