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Die Legende mit dem Hammer an der Schlosskirche zu Wittenberg war sicher wirkungsmächtiger als jede historische Wahrheit. Martin Luthers Vorschläge „wider das Ablas“ aber war eine Anzeige wegen kirchlichen Betrugs. Drei nationale Ausstellungen zum Reformationsjubiläum hat Harry Oberländer besucht und Bedenkenswertes gesehen.

Ausstellungen zum Reformationsjubiläum

Der Hammer

Ohne den Hammer kommt das Reformationsjubiläum nicht aus. www.3xhammer.de heißt die Website der „Drei Nationalen Sonderausstellungen“, die noch bis 5. November in Berlin, Wittenberg und Eisenach zu sehen sind und „Die volle Wucht der Reformation“ nachvollziehbar machen. Martin Luther nämlich hatte, wie sein Schreiber, der Theologe Georg Röhrer, später notierte, seine 95 Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen. Ob Röhrer damit die historische Wahrheit festgehalten oder eine Legende begründet hat, ist ziemlich unwichtig: Mit diesen Thesen von 1517 und Luthers Weigerung, sie vor dem Reichstag in Worms 1521 zu widerrufen, hat „der letzte große Mönch, den Europa gesehen hat“ (Egon Friedell) die Welt verändert.

Der Berliner Luther Effekt

Die drei Ausstellungen in Berlin, Wittenberg und auf der Wartburg über Eisenach behandeln unterschiedliche Aspekte des schier unendlichen Themas. Im Gropiusbau in Berlin zeigt das Deutsche Historische Museum unter dem Titel Der Luther Effekt vor allem die Verbreitung und Wirkungsgeschichte der Reformation in Europa und der Welt. Der zentrale Lichthof des Gropiusbaus wird dabei durch eine sehr passende und beeindruckende Licht- und Klanginstallation von Peter Kuhn in der Form einer Doppelhelix beherrscht. Das ist die Struktur einer DNA, ohne die kein Krimi heutzutage mehr auskommt und die insofern auch als Portal zu einer Ausstellung über jedes historische Thema sehr geeignet ist. Eine zusätzliche symbolische Deutung, die die vertikalen Grenzen dem Katholizismus und die horizontalen dem Protestantismus zuordnet, hat diese Skulptur eigentlich nicht nötig. Denn wenn wir 500 Jahre auf Ereignisse zurückblicken, die uns noch immer beschäftigen, dann sind Genetik (die Vererbung biologischer Eigenschaften) und Genesis (Schöpfung und Schöpfungsgeschichte im Tanach und dem Alten Testament) nicht nur sprachlich enge Verwandte.

Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625/1650 © Deutsches Historisches Museum

Luther im Kreis von Reformatoren wie Zwingli und Calvin, aber auch flankiert von John Wycliff und Johannes Hus: Ein niederländisches Gemälde aus dem 17. Jahrhundert steht dafür, dass die Berliner Ausstellung einen Weitwinkel öffnet, der seinen Ausgang bei der Gesamtheit der reformatorischen Bestrebungen in Europa nimmt, um dann auch die USA, Afrika und Asien ins Blickfeld zu rücken. Unter den Exponaten besonders berührt haben mich dabei zwei Ofenkacheln, die 2008 in Litauen ausgegraben wurden und die Anführer der „Kommune der Wiedertäufer“ in Münster im Porträt zeigen. Jan van Leiden und Bernhard Knipperdolling wurden 1536 nach der Rückeroberung der Stadt durch die Truppen des Fürstbischofs Franz von Waldeck grausam hingerichtet. Ihre Leichen wurden in eisernen Körben am Turm der Lambertikirche aufgehängt zur Schau gestellt. Die Körbe sind dort noch heute zu sehen.

Die reformatorischen Bewegungen, soweit es die Täufer, Zwingli, die Calvinisten, die Anglikaner oder auch die katholische Gegenreformation angeht, sind sehr knapp dargestellt. Vielmehr beschäftigt sich die Berliner Ausstellung mit dem Luthereffekt in Schweden, den USA, in Tansania und Korea. Ich greife Schweden als Beispiel heraus. Die Reformation in Schweden hatte für die europäische Geschichte eine besondere Bedeutung. Das bevölkerungsarme Schweden wurde im 16. Jahrhundert noch von der dänischen Krone regiert, Befreiungskampf und die Bildung einer schwedischen Nation fielen mit der Reformation zusammen. In den Jahrzehnten danach wurde Schweden zu einer lutherischen Großmacht. Gustav II. Adolf griff als „Löwe aus Mitternacht“ in den Dreißigjährigen Krieg ein, sein Machtanspruch ist in Berlin in der Skulptur eines Kriegers verkörpert, der zum Figurenschmuck der Wasa gehörte, das Kriegsschiff, das auf seiner Jungfernfahrt 1628 im Hafen von Stockholm sank und erst 1961 geborgen wurde. Auch eine Kanone mit einem ledernen Rohr ist zu sehen und ein Koller aus Hirschleder, den der Feldherr im schwedisch-polnischen Krieg getragen hatte. Sein Tod auf dem Schlachtfeld von Lützen machte ihn vollends zum „protestantischen Heiligen“. Ein Barockgemälde aus dem Stockholmer Nationalmuseum zeigt ihn hoch zu Ross in Harnisch mit Feldherrenstab. Umschwebt von Engeln mit Posaunen und Lorbeerkränzen schützt er das Recht und das reine Gotteswort, das in Gestalt einer aufgeschlagenen Bibel vor ihm liegt.

Dass die schwedische Kirche danach die Konversion der Königin Christina, Gustav Adolfs Tochter, zum Katholizismus verkraften konnte, lag daran, dass der Reichstag von Uppsala schon 1593 den Schutz des lutherischen Bekenntnisses im Krönungseid der schwedischen Herrscher festgeschrieben hatte. Die orthodox-lutherische Staatskirche Schwedens überwachte im 17. und 18. Jahrhundert mit katechistischen Hausverhören und Visitationen die Rechtgläubigkeit der schwedischen Untertanen. Schandbänke und Schandpfähle dienten auf öffentlichen Plätzen in Städten und Dörfern der Durchsetzung rigider Moralvorstellungen.

Ebenso gewaltförmig war eine Zeit lang das Vorgehen gegen die Sámi, die indigenen Bewohner Lapplands, die sich zwar leicht zum Christentum bekehren ließen, ihre indigene schamanische Religion aber gleichzeitig beibehielten.

Trailer: Ingmar Bergmans Film Fanny und Alexander(1982)

In Ingmar Bergmans Film Fanny und Alexander (1982) ist der Bischof Vergerus der Repräsentant einer protestantisch-puritanischen Hölle, ein Bischofshaus mit kargem gotischem Mobiliar, die Fenster vergittert, in der an den Kindern die teuflisch schwarze Pädagogik einer sinnenfeindlichen asketischen Ideologie exekutiert wird. Einen ebenso kritischen Blick auf den Protestantismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts lieferte Michael Haneke 2009 mit dem Spielfilm Das weisse Band. Der Film endet mit Luthers Kampfchoral „Eine feste Burg ist unser Gott“ als Auftakt zum 1. Weltkrieg. Beiden Kritikern des obrigkeitsstaatlichen Protestantismus, Ingmar Bergman und Michael Haneke begegnet man in der Lutherausstellung in Wittenberg 95 Schätze 95 Menschen.

Das schwarze Kloster in Wittenberg

Zu den 95 Menschen, die die Wittenberger Ausstellung im zweiten Stock des Augusteums, zeigt, gehören so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Karl May und Friedrich Nietzsche, Martin Luther King und Albrecht Dürer, Martin Buber und Joseph Ratzinger, Thomas Mann und Elisabeth Noelle-Neumann, Dietrich Bonhoeffer und William Shakespeare. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie sich auf individuelle und oft auf intensive Weise mit Luther auseinandergesetzt haben. So entsteht, geordnet nur unter den Titeln „Zusammenleben, Weltlichkeit, Innerlichkeit“ ein enormer Resonanzraum.

Dass die Hugenottin Marie Durand, die von 1732 bis 1768 in Südfrankreich eingekerkert war, dabei ist, verwundert nicht. Auch der Protestantismus hatte Märtyrer, und Marie Durand weigerte sich standhaft, ihrem Glauben abzuschwören. Sie ritzte das Wort Resister in die Mauern des Tour de Constance in Aigues-Mortes (Gard). Dass Hugo Ball dabei ist, der Mitbegründer des Dadaismus, verwundert schon eher. Den Sohn eines katholischen Schuhfabrikanten aus Pirmasens hatte der Schock des 1. Weltkriegs in die Emigration getrieben. Die Analyse der Kriegsschuld führte ihn über den preußisch-wilhelminischen Obrigkeitsstaat bis zu Luther. Dessen Bruch mit der radikalen Fraktion der Reformation, mit Thomas Müntzer und den aufständischen Bauern, war für Ball einer der Hauptpunkte seiner Kritik an Luther. Schlucken und tief durchatmen musste ich allerdings, als ich auch dem Nazi Julius Streicher begegnete, dem Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts Der Stürmer, der sich als Angeklagter im Kriegsverbrecherprozess von Nürnberg auf Luther berief: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank.“

Micha Brumlik hat schon im Oktober 2015 Streichers Zitat „schlüssig“ genannt und die kritische Auseinandersetzung mit Luthers Judenfeindlichkeit gefordert: „Martin Luther war ohne jeden Zweifel ein theologisches und sprachschöpferisches Genie sowie ein bedeutender politischer Denker, eine Figur von welthistorischer Wucht wie nur wenige seinesgleichen. Dass der von ihm wieder stark gemachte Gegensatz von ‚Evangelium und Gesetz’ – hier die in Christus erfahrene Gnade, dort die Härte der in der Tora angedrohten Weisungen – den christlichen Antijudaismus weiter verstärkte und zuspitzte, wird dadurch, dass er in einer frühen Schrift feststellte, dass Jesus ein geborener Jude war, keineswegs gemildert.“ (Jüdische Allgemeine, 29.10.2015) Dem Antijudaismus Luthers, der mit zunehmendem Alter immer hemmungsloser wurde, wollten die Ausstellungsmacher offensichtlich nicht ausweichen.

Tod in einer Mönchskutte, eine Lindenholzskulptur aus dem 15. Jahrhundert, Foto: Thomas Bruns

Die 95 Schätze, die in Wittenberg gezeigt werden, vermitteln durch ihr Arrangement auch einen Eindruck von der bedrückenden Enge des mittelalterlichen Lebens, den Schrecken und die Angst, die die Gegenwärtigkeit von Jenseits und Hölle auslösten. Gleich am Eingang begegnen einem da der Tod in einer Mönchskutte, eine Lindenholzskulptur aus dem 15. Jahrhundert, eine Prozessionslaterne, mit der die Priester sich auf den Weg zu den Sterbenden machten, Gemälde mit Darstellungen des Jüngsten Gerichts, ein vergoldetes Reliquiar aus Bergkristall mit Knochen zweier Heiliger. Dazu hört man den Glockenschlag einer der Erfurter Domglocken. Man versteht etwas besser, warum die Menschen der damaligen Zeit viel Geld in Ablassbriefe investierten, gegen deren schwunghaften Handel Luthers 95 Thesen gerichtet waren. Einer ihrer Nutznießer, der Kardinal Albrecht von Brandenburg, ist auf einem prächtigen Gemälde aus der Cranachschule zu sehen. Die Cranachs, vor allem der Ältere, sind mit zahlreichen Werken in alle drei Ausstellungen vertreten, am wenigsten in Berlin, aber sehr stark auf der Wartburg, vor allem aber in Wittenberg. Hier sind es nicht nur die bekannten Porträts Luthers, seiner Eltern und Mitstreiter, sondern auch eine hinreißende Venus mit Amor als Honigdieb. Das Gemälde ist pro forma als Warnung vor der Erotik getarnt, die Schmerzen der Liebe können größer sein als die Bienenstiche, die Amor sichtlich plagen. Bemerkenswert schön ist auch die Heilige Elisabeth von Thüringen, eine Skulptur aus dem frühen 16. Jahrhundert. Luthers Ablehnung der Heiligenverehrung war so eindeutig nicht: Auf der Wartburg verfasste er 1522 eine Weihnachtspostille, in der er das radikale soziale Handeln und die Abkehr der Landgräfin von höfischem Prunk als Gegenbild zum Papsttum seiner Zeit deutete.

Vom Lutherhaus, dem ehemaligen schwarzen Kloster der Augustinermönche, in dem Luther seit 1524 mit seiner Familie lebte und das heute das reformationsgeschichtliche Museum beherbergt, führt ein gerader und nicht sehr weiter Weg ans andere Ende Wittenbergs zur Schlosskirche. Dort sind die Thesen mittlerweile Teil eines Portals aus Gusseisen. Die preußische Schenkung Friedrich Wilhelms IV. aus dem Jahr 1858 („Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte“ – Ernst Moritz Arndt) hat verschiedene Zerstörungen und Renovierungen überstanden und ist laut BILD videoüberwacht, seit sich Max Uwe Jensen (Dänemark) 2016 hier nackt auszog und dazu ausrief: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“

Auf dem Weg dorthin kommt man an der Stadtkirche vorbei, an der ein antijüdisches Relief aus dem 13. Jahrhundert hängt, die Judensau. Sie sollte verschwinden, um die Harmonie der Reformationsfeierlichkeiten nicht zu stören, so forderten es jedenfalls weltweit besorgte Bürger. Der Stadtrat sagte nein, und das ist, meine ich, gut so. Denn die um Korrektheit bemühten Christen, Juden und anderen Mitmenschen übersehen, dass Geschichtsklitterung in Form von Retuschen, sei an historischen Photos oder an historischen Gebäuden, das Gegenteil der guten Absichten bewirkt: Ein steinernes Dokument des mittelalterlichen Antijudaismus verschwindet im Museum und wird zur Fußnote. Immerhin gibt seit 1988 einen Kommentar, eine Bodenplatte mit einem sehr gelungenen Text von Jürgen Rennert: „Gottes eigentlicher Name / der geschmähte Schem-ha-Mphoras / den die Juden vor den Christen für unsagbar heilig hielten / starb in sechs Millionen Juden / unter einem Kreuzeszeichen.“ Die „Brisanz der Thematik“ vermerkt auch der Katalog der Luther-Ausstellung auf der Wartburg, wo eine Nachbildung der Wittenberger Judensau ausgestellt wird.

Mit dem Teufel auf der Wartburg

Auf dem Weg von Wittenberg zur Wartburg, wenn auch nicht auf dem schnellsten, liegen Luthers Geburts- und Sterbeort Eisleben und Mansfeld, wo er aufwuchs. Die beiden Städte haben Luthermuseen, Eisleben sogar zwei, ein Geburts- und ein Sterbehaus. In Mansfeld gibt es außerdem noch eine einheitliche Burganlage, die gleich drei Schlösser nebeneinander enthält, die sich Vorderort, Mittelort und Hinterort nennen. Seit der Erbteilung von 1501 waren die drei Linien der Mansfelder Grafen so zerstritten, dass sie Luther zur Schlichtung herbeirufen mussten, der gleich darauf in Eisleben starb. Die Mansfelder waren im Kampf gegen die aufständischen Bauern in der Schlacht von Frankenhausen die härtesten Hunde. Mehr dazu findet man am Ort des Geschehens in Bad Frankenhausen, wo die DDR ein monumentales Gedenkpanorama errichten ließ, an dem Werner Tübke mit seinem Team von 1976 bis 1987 gearbeitet hat. Am 14. September 1989 wurde es feierlich eröffnet. Mit dem 9. November 1989 ging die DDR gleich darauf unter, das Panorama des Bauernkriegs ist zum Glück immer noch da. Golo Mann, der es schon 1987 sehen durfte, urteilte darüber: „Wer unter jener Kuppel auf dem Frankenberg steht, dem Gemälde ohne Anfang, ohne Mitte und ohne Ende, der Schau, in welcher Symbole wie der berstende Turm von Babylon oder ein Regenbogen hoch über dem Schlachtengewimmel sich mit historischen Figuren versöhnen, dem wird die Zaubermacht der Kunst für einen Moment alle Theorie als grau in grau erscheinen lassen.“ (FAZ, 29. Mai 2014)

Auf die Wartburg über Eisenach geht man am besten zu Fuß. Natürlich hat auch Eisenach ein sehenswertes Lutherhaus, auch über Eisenachs Marktkirche steht in Stein gemeißelt „Ein feste Burg ist unser Gott“, und außerdem ist Eisenach die Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs. Wenn man vom Markt durch die Lutherstraße zum Bachhaus geht, kommt man unweigerlich an einer Tafel vorbei, die daran erinnert, dass Eisenach wie auch Mansfeld, ein Zentrum der Arbeiterbewegung waren. „An dieser Stelle stand der Gasthof zum fröhlichen Mann. Hier sprach am 16. Oktober 1896 AUGUST BEBEL“. Und wenn man dann nach einer halben Stunde bergauf auf der Wartburg ankommt, begreift man, dass auch die Geschichte, die im Grunde genommen von einer Kette von Katastrophen handelt, eine fröhliche Wissenschaft sein muss. Denn das, wovon sie handelt, haben wir immer schon hinter uns.

Die Lutherstube auf der Wartburg, Foto: Harry Oberländer

Luther grüßte mich jedenfalls mit dem Hammer. Man kann es verstehen, denn das Historiengemälde von Ferdinand Pauwels („Hat da jemand Schinken gesagt?“) wurde 1872 eigens für die Wartburg gemalt, die an sich und für sich selbst ist ein sehenswertes Kunstwerk ist. Sie bietet nach allen Seiten einen grandiosen Blick über die bewaldeten Höhen Thüringens, sie ist in heutiger Gestalt ein Werk mehrerer Jahrhunderte und so, wie Großherzog Karl Alexander sie im 19.Jahrhundert herrichtete, mehr der romantische Traum einer mittealterlichen Burg als diese Burg selbst. Der berühmte Sängerkrieg hat hier so nie stattgefunden, aber wenn, dann wäre das zwischen 1190 und 1216 gewesen. Die schon erwähnte Elisabeth von Thüringen, die Luther so sehr verehrte, dass er sein Bier aus einem Becher trank, in der Friedrich der Weise ihre Reliquien aufbewahrt hatte, stieg hier den Berg hinab, um den Armen und Kranken ihre Almosen zu reichen, Martin Luther wurde hier nach dem Reichstag von Worms versteckt und übersetzte die Bibel, der Täufer Fritz Erbe saß hier von 1540 bis zu seinem Tod 1548 ungebrochen im Turm bei Finsternis und Kälte, die Burschenschaften trafen sich hier, und Moritz von Schwind steuerte für den Mythos zwischen 1854 und 1856 mehrere Räume mit Fresken aus, dessen größtes der Sängerkrieg im Festsaal ist. Die Wartburg als Ort der Ausstellung „Luther und die Deutschen“ ist damit zugleich Ausstellungsobjekt. Als „Reich der Vögel“ hat Luther sie beschrieben, und natürlich ist die Lutherstube, in der Luther mit seiner Bibelübersetzung nicht nur die Reformation, sondern auch die Entwicklung der deutschen Sprache voranbrachte, ein Ziel aller Wartburgbesucher. So sehr der Tintenfleck Legende ist, so wenig Zweifel gib es daran, dass Luther zum Teufel ein kommunikatives Verhältnis pflegte. So sehr Luther den alttestamentarischen Gott des Gesetzes gefürchtet hatte, so wenig machte der Teufel ihm zu schaffen, den er als unterlegenen nächtlichen Gesprächspartner im Griff hatte.

In der Ausstellung wird noch einmal die Geschichte der Reformation und ihrer Rezeption bis in die Gegenwart erzählt. Kirche, Papst, das Heilige Römische Reich sind Ausgangspunkt der Chronologie, die über den Dreissigjährigen Krieg und Luthers postromantisches Nationalheldentum bis in die Gegenwart reicht. Man kann sich dabei am Original der Bannandrohungsbulle ebenso erfreuen, wie an Originalhandschriften Luthers oder an Caspar David Friedrichs Gemälde von Huttens Grab. Morgenlicht fällt in die Ruine einer gotischen Kirche. Luther und Bismarck unter der deutschen Eiche, von diesem Holzschnitt aus dem Jahr 1917 ist es dann nicht mehr weit bis zu den Deutschen Christen und der Parole Mit Luther und Hitler für Glauben und Volkstum. Dabei nimmt die Rezeption Luthers in der DDR großen Raum ein, und auf diesem Wege kommen auch Müntzer, die Wiedertäufer von Münster und die Schlacht von Frankenhausen zur Darstellung – in einer großformatigen dramatischen Vorfassung Tübkes zu seinem Bauernkriegspanorama. Sie lässt erkennen, wie stark Tübke sich von Malern der frühen Neuzeit wie Hieronymus Bosch oder Albrecht Althofer inspirieren ließ.

Wenn am 31. Oktober 20017 der Reformationstag wieder einmal und ausnahmsweise Feiertag ist, dann wird das Reformationsjubiläum so gut wie vorbei sein. Die Ausstellungen sind noch bis zum 5. November zu sehen. Schon schaut Karl Marx um die Ecke, der mit seinem 200. Geburtstag 2018 dran ist. Es wird dann vermutlich weniger vom Gewissen und aktivem Glauben die Rede sein als von Kapital und dem Recht auf Arbeit. Dem hatte Marxens Schwiegersohn Paul Lafargue 1880 „Das Recht auf Faulheit“ entgegengestellt. Immer wenn wir sehen, wie viel Neues Reformationen und Revolutionen in die Welt bringen, übersehen wir, dass immer auch etwas verloren geht. Egon Friedell beendete das Reformationskapitel in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit (1927 -1931) mit einem Lob des Müßiggangs und der Kontemplation, das er der „protestantischen Ethik“ entgegensetzt. „Selig sind die Stunden der Untätigkeit, denn in ihnen arbeitet unsere Seele.“

Randnotiz

Auf seiner Reise zu den drei nationalen Ausstellungen zum Reformationsjubiläum stieß Harry Oberländer in Wittenberg auch auf dieses Werbeplakat.

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erstellt am 27.10.2017

Luther, augenzwinkernd, in Eisenach. Foto: Harry Oberländer

Luther auf der Wartburg, Foto Harry Oberländer
Luther auf der Wartburg, Foto Harry Oberländer
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