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Am Beispiel von Randy Newman zeigt Thomas Rothschild, dass Lieder – nicht nur Chansons, nicht nur die Verse deutschsprachiger Liedermacher, nicht nur die canzoni italienischer Cantautori, sondern auch die Texte englischer und amerikanischer singer-songwriter – hochwertige Literatur sein können.

Kontrapunkt

Ein Song als Literatur

Als Bob Dylan den Nobelpreis bekam, rümpften viele Kritiker, insbesondere jene, die sich mit ihren Prognosen wieder einmal blamiert hatten, die Nase: Was Dylan produziere, Songs nämlich, sei doch keine Literatur. Als ich in einer Jury Joan Baez für einen Literaturpreis vorschlug, belehrte auch dort eine damals maßgebliche Kritikerin, die inzwischen als Verlagsleiterin entscheidet, was veröffentlicht werden soll und was nicht, Baez sei eine Sängerin und keine Dichterin. Dem gegenüber steht die Überzeugung, dass Lieder – nicht nur Chansons, nicht nur die Verse deutschsprachiger Liedermacher, nicht nur die canzoni italienischer Cantautori, sondern auch die Texte englischer und amerikanischer singer-songwriter – hochwertige Literatur sein können.

Auf der jüngsten CD von Randy Newman „Dark Matter“ befindet sich dafür ein großartiger Beleg. Der Song „Lost Without You“ ist ein Drama in Miniaturformat, eine Dichtung in der doppelten Bedeutung von Poesie und Verdichtung. Ganz ohne die Ironie oder den Sarkasmus, die man bei Randy Newman erwartet, ist dieses kleine, eher sentimentale Kunstwerk jedenfalls ohne Abstriche ernst gemeint. Hier der Text:

Even if I knew which way the wind was blowing
Even if I knew this road would lead me home
Even if I knew for once where I was going
I'm lost out here without you

Rocking the baby by that window there
Planting tomatoes in the yard
Naked by the mirror putting up your hair
Baby, it's hard

When the kids came to see you for the last time
I told them not to bring the children
The husbands, or the wife
I said, „Just the blood this time. Just the blood.“
They asked to be alone with you
So I left them alone, but I didn't go far

They said, „Has he been drinking again?
He stumbled at the door
He can't take care of himself, Mama
We can't do this anymore.”

You said, „Hush up, children
Let me breathe
I've been listening to you all your life
Are they hungry, are they sick?
What is it they need?
Now it's your turn to listen to me

I was young when we met
And afraid of the world
Now it's he who's afraid
And I'm leaving

Make sure he sleeps in his bed at night
Don't let him sleep in that chair
If he holds out his hand to you, hold it tight
If that makes you uncomfortable
Or if it embarrasses you
I don't care.“

Even if I knew which way the wind was blowing
Even if I knew this road would lead me home
Even if I knew for once where I was going
I'm lost out here
Baby, I'm lost out here
I'm lost out here without you

Man mag an das Theaterstück der Saison denken, an „August: Osage County“ von Tracy Letts, das deutsch auch unter dem Titel „Eine Familie“ landauf landab gespielt wird, oder an jene Szene aus Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, in der Linda Loman die Söhne um Verständnis für ihren Vater bittet, oder auch an Michael Hanekes genialen Film „Amour“.

Es beginnt, nach drei parallel gebauten Versen mit Volksliedcharakter, mit dem Monolog eines Mannes, der um seine sterbende Frau trauert und auf die denkbar einfachste Weise erklärt, dass er ohne sie nicht zurecht kommen wird. Es folgen Impressionen, offenbar aus der Erinnerung. Der Mann bittet seine erwachsenen Kinder, diesmal, bei ihrem letzten Besuch, ohne die Familien zu kommen. Sie wollen allein mit der Mutter sprechen. Der Mann zieht sich zurück, belauscht aber das Gespräch der Kinder mit der Sterbenden.

Nun wechselt die Perspektive. In einem Dialog machen sich die Kinder Sorgen um den hilflosen Vater. Ihre Wortwahl zeigt wenig Einfühlung. Die Mutter fordert die Kinder auf, ihr, die sich ein Leben lang um sie gekümmert hat, zuzuhören. Es ist die Schlichtheit des Auftrags, was berührt. Die Kinder sollen darauf achten, dass der Vater im Bett und nicht auf dem Sessel schläft, und sie sollen seine Hand fest halten, auch wenn sie das verlegen macht. Das klingt, als nähere sich der Vater der Altersdemenz, aber vielleicht ist es wirklich nur die Auswirkung des bevorstehenden Todes der Frau, mit der er ein Leben verbracht hat.

Danach spricht wieder der Vater. Die erste Strophe wird erweitert wiederholt. Am Schluss steht der resignative Satz: „Ich bin hier heraußen verloren ohne dich.“

Das ist große Literatur. Wie ein Gedicht von Ungaretti. Kein Wort zu viel. Vollendet in der Form. Den Rest tut die Musik und Randy Newmans Sandpapierstimme.

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Kommentare


Michael Behrendt - ( 02-11-2017 12:18:57 )
Feine Analyse, stimme in allen Punkten zu, nur in einem nicht: Meines Erachtens findet in der Mitte KEIN Perspektivwechsel statt. Der Mann/Vater spricht durchgängig, er gibt im Mittelteil einfach wieder, was er an der Tür belauscht hat, und leitet es auch ein – „They said“ und „You said“. Wie auch immer: Dass Songtexte Literatur sein können, war und ist Fakt. :-)

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erstellt am 27.10.2017

Randy Newman
Dark Matter
CD
Nonesuch Records, 2017

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