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Textland

Zweckloser Widerstand

Grauenhaft gut erzählt, aber schwer erträglich – „Koslik ist krank“ – Julia Rothenburgs erster Roman erzählt, wie ein Mann zu einem Käfer wird, der seinen Panzer verliert

René Koslik hatte einen Anfall. Aber sonst geht es ihm gut. Seine Krankengeschichte tut trotzdem weh wie quietschende Kreide. Quietschende Kreide aktiviert die Amygdala genauso wie Angstschreie. In Julia Rothenburgs Debüt „Koslik ist krank“ verwandelt sich das Geschrei in abwiegelnde, beschwichtigende, herunterspielende Gebärden und Bemerkungen. Koslik, ein Breisgauer in seinen Vierzigern, der an der Freiburger Volkshochschule Kurse gibt und sich in Akten der Selbstbegnadigung soweit heruntergewirtschaftet und abgefunden hat, dass nur noch über ihm viel ist, dreht frei in den Mühlen eines Klinikalltags. An Schwellen zur Panik strebt er in den Ruheraum seiner stillschweigenden Existenz zurück und verirrt sich unterwegs auf den Krankenhausfluren wie in einem Labyrinth. Seine Mobilität erschöpft sich in Aktivitäten, die vor Sandkübeln voller Kippen und automatisch schließenden Türen enden.

„Na, kann ich helfen?“ fragt der Pfleger … (es) ist der Mausgesichtige“.

Koslik fühlt sich nicht (krank) und will bloß nach Hause. Das gestattet man ihm nicht. Er verliert seine Selbstbestimmung in einem scheinbar nachgiebigen und kooperativen System. Alles scheint zu seinem Besten geregelt und tadellos in Funktion. Es hält ihn aber wie einen Gefangenen fest. Eine Verlegung erfolgt unter Aufsicht von Pflegern, die wie Wärter auftreten.

Die Beobachtung des Probanden lehrt, dass Bescheidenheit keine Auswege bietet. In den Fängen einer qualligen Verwaltung wird Koslik zum Beifang der Langeweile anderer. Zumal Frank knöpft sich Koslik ständig vor. Die Kranken kennen sich von früher. Frank fasziniert der mit zunehmender Wehrlosigkeit verbundene Niedergang des anderen. Koslik war mal ein „harter Brocken“. Nun taugt sein Repertoire nichts mehr. Jede Verteidigungsanstrengung zieht einen negativen Bindungsknoten fester. Dazu kommt das schlechte Essen, als Fortsetzung einer Entmündigung mit anderen Mitteln.

Koslik lernt Zustände kennen, die er lange zu vermeiden wusste. Die Imperative seines Seelenfriedens ergeben sich stärkeren Kräften. Eine psychische Disruption bricht ihn auf. Er müsste noch mal von vorn anfangen mit sich. Nur wozu?

„Er muss hier weg, denkt er und will losrennen, dann fällt ihm wieder ein, dass er nirgendwohin kann. (Ihm) bleiben nur die Gänge, das Treppenhaus.“

Julia Rothenburg, Koslik ist krank, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 255 Seiten

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erstellt am 26.10.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.

Julia Rothenburg, Foto: privat
Julia Rothenburg, Foto: privat