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Donaueschingen ist im Herbst die Pilgerstätte aller, die – unverbesserlich – an neuer Musik interessiert sind. Zwischen Konservativen, für die das Neue schon so klingen sollte wie das Alte, und den Stürmern und Drängern, die Musik überhaupt für gestrig halten, suchen die Neugierigen nach Klangkunst, die Zeitspannung reflektiert. Hans-Klaus Jungheinrich war unter ihnen und hat neue Tendenzen beobachtet.

Donaueschinger Musiktage 2017

Abgeschlagene Zöpfe, abgeschlagene Köpfe

Im herbstlichen Donaueschingen treffen sich viele Bekannte, und manchmal wechselt man lieber auf die andere Straßenseite, aber meistens kommt es zu einem kurzen Anhalten mit naheliegendem Gedankenaustausch. „Auffällig, wie sich Emanuel Nunes in seinem Vokalstück bei Stockhausens ‚Stimmung‘ bedient hat“. Zustimmendes Kopfnicken „Meadowcrofts Orchesterstück, der reinste ‚Star Trek‘-Sound“. Die beiden Wohlinformierten in vollem Einverständnis. „Wie spannend Misato Mochizuki die ‚Historie du Soldat‘ auf Japanisch erzählt!“ Aber ja doch, eine durchaus passende Assoziation. So sortiert sich aus dem Magma der Eindrücke schon Etliches, und das aktuelle Wochenende der neuen Musik an Donauquelle und östlichem Schwarzwaldrand bekommt im Bewusstsein der Besucher erste Konturen.

Zu den Konstanten der Musiktage gehört die Überfüllung. Als prominentestes deutsches (wenn nicht europäisches) Forum seiner Art verdient Donaueschingen die Signatur „Bayreuth der neuen Musik“. In der fränkischen Wagnerstadt treffen sich vorwiegend Ältere, Betuchte, der Machtelite Zugehörige. In Donaueschingen bilden Jugendliche, viele von weither anreisend, die neben den oft bejahrten professionellen Habitués und Funktionären (sie demonstrieren das Altern der neuen Musik nur allzu deutlich) den Hauptanteil des Publikums. Um den Interessentenzustrom braucht sich diese weitgehend vom Südwestrundfunk (SWR) getragene Veranstaltung keine allzu großen Sorgen zu machen. Die Begeisterung für avanciertes Komponieren mag insgesamt ein krass minoritäres Kulturphänomen sein: Für die Existenz dieses Musikfests würde es allemal noch reichen. Ein ewiges „Weiter so“ wäre freilich gerade in diesem Fall programmatisch widersinnig. Ehe die heutigen Musikstudenten selbst zu eisgrauen Donaueschinger Gewohnheitspilgern geworden sind, ist wohl noch manches an Veränderung fällig und richtig.

Anything goes

Ein Wechsel der künstlerischen Leitung ist dafür probater Anlass. Björn Gottstein ist 2017 im zweiten Jahr federführend, und klar zeichnet sich schon ab, wie sich mit ihm die Dinge weiter entwickeln könnten. Darf man sagen, dass er auch dabei ist, hier alte Zöpfe abzuschlagen? Der auffälligste war, dass bis vor kurzem alle Novitäten einem halbwegs bestimmbaren kompositionstechnischen Standard zu entsprechen hatten. Nicht ganz zu Unrecht sprach man vom „Donaueschinger Stil“. Ungeschriebenes Gesetz war immer noch die Boulez-Formel, Neukomponiertes dürfe nicht hinter den „Materialstand“ Weberns zurückfallen. Die Verinnerlichung dieses Dogmas erbrachte, übertrieben formuliert, vielfach den Anschein von freudloser Uniformität. Was als Qualitätsschwelle gedacht war, zeigte sich nach und nach als Freiheitsbeschneidung. Also stattdessen ein beherztes „Anything goes“. Lieber ärgerliche Wechselbäder als die Langeweile einer im Laufe der drei Tage immer gleichmütiger absolvierten gähnenden Akzeptanz. Das ist natürlich kein korrekter Erinnerungsrückblick, aber eine Schlagseite dazu gab es. Wenn sich, gerade im Zusammenhang mit dem Rundfunk, Veränderungs- und Reformabsichten kundtun, ist jedoch erhöhte Aufmerksamkeit gefordert: Geht es dabei eventuell um die Eliminierung wichtiger künstlerischer Freiräume, um den Vormarsch kommerzbesessener Kulturindustrie? Zu hoffen, dass Gottstein die Gratwanderung zwischen Verknöcherung und seichter Quotenanbiederung schafft. Der Donaueschinger Jahrgang 2017 weckte größere Erwartungen.

Emilio Pomàrico dirigiert das SWR Vokalensemble und das Remix-Ensemble, Foto: SWR / Ralf Brunner

Ein „Zopf“ vielleicht auch der bisweilen fast auf einen Uraufführungsmarkt reduzierte Charakter dieses Festivals. Zwar gab es stets die eine oder andere Reminiszenz an einen „Altmeister“ der Avantgarde; diesmal ergab sich daraus aber ein bedeutender programmatischer Pfeiler. So wurde ein Konzert dem 2012 verstorbenen portugiesischen Komponisten Emanuel Nunes gewidmet, der auch in der Phase des Serialismus seinen eigenen Weg ging und vor allem dramatisch aufgeladene großformatige Klangtableaus konzipierte. Eines davon, „Un calendrier révolu“ für 14 Instrumente, zog er aus unerfindlichen Gründen zurück und gab es erst kurz vor seinem Tode frei, so dass das knapp einstündige Werk von 1968/69 erst jetzt in Donaueschingen seine Uraufführung erlebte (mit dem Remix-Ensemble unter Leitung von Emilio Pomàrico, der auch Nunes‘ A-cappella-Stück „Minnesang“ mit dem SWR-Vokalensemble zu Gehör brachte, eine ebenso leidenschaftliche wie diskrete Annäherung an Texte mittelalterlicher und neuerer deutscher Mystiker).

Geradezu bezaubernd war die Begegnung mit einem neuen zyklischen Klavierwerk des 88-jährigen Amerikaners George Crumb, den „Metamorphoses“, Book 1, zehn musikalischen Bildbeschreibungen à la Mussorgskij, die ganz unprätentiös und naiv, aber auch mit raffinierten Klangmitteln des (verstärkten und präparierten) Instruments das Gemalte „nacherzählen“, wobei sich der Bezug auf Jasper Johns‘ Arbeit „Perilous Night“ als besonders komplex erweist, weil sich Johns seinerseits an einer Komposition von John Cage orientierte. Die Interpretin Margaret Leng Tan zeigte sich als Virtuosin eines immer wieder auch „unkonventionellen“ Klavierspiels (im Inneren des Flügels), mit dem kurios kindertümlich zwitschernden Toy Piano und apartem Stimmeinsatz, etwa, wenn sie mehr wimmernd als krächzend die Krähen im Kornfeld Van Goghs zu imaginieren hatte.

Anti-Streichquartette

Zu den schattenhaftesten, unbekanntesten „Altmeistern“ der Avantgarde muss man den 1937 geborenen Michael von Biel rechnen, der das Komponieren schon früh aufgab, um bei Joseph Beuys zu studieren und sich jahrzehntelang nur der Bildenden Kunst zuzuwenden, bevor er über die Improvisation neuerlich zur Musik zurückkehrte. Legendär wurden die beiden aus den frühen 1960er Jahren stammenden Streichquartette von Biels, die auf Helmut Lachenmann starken Einfluss ausübten. Es sind fulminante Anti-Streichquartette, exzentrisch und radikal in ihrem Bestreben, traditionelle Tonerzeugung zu vermeiden und einen Katalog, auch so etwas wie ein Pandämonium unterdrückter, zerstörter, gequetschter, quietschender, depravierter, destruierter, derangierter Klänge und Geräusche zu erstellen. Das nur fünf Minuten dauernde 2. Quartett wurde diesmal Teil einer ominösen Inszenierung, die Laurent Chétouane mit dem Solistenensemble „Kaleidoskop“ konzipierte und realisierte.

Seitlich im Vorderteil des Konzertsaals öffnet sich ein großes Tor, und ein geschlossener Lastwagen wird rückwärtsfahrend in den Raum manövriert. Aus dem Inneren des Lastwagens ertönt das Streichquartett. Nach dessen Ende öffnet sich die Rückklappe des LKW, und 14 Personen steigen aus, sehen sich rat- und hilflos um, gehen ein paar Schritte und bewegen sich nach und nach etwas freier im Raum. Ihrer Kleidung und ihrem Verhalten nach sind es Flüchtlinge, aber anstatt von Reisegepäck tragen sie Instrumentenkoffer, aus denen sie nach und nach ihre Geigen, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe auspacken und, in einer Reihe hintereinander stehend mit den jeweils am Rücken der vorderen Person befestigten Notenblättern, zu spielen beginnen – im Verlauf von gut einer Stunde drei minimalistische Stücke für 14 Streicher, wobei es zu Wanderungen durch den ganzen Raum und zu Verschiebungen und Vermischungen mit dem Publikum kommt. Die Performance hat den sinnfälligen Titel „Transit“ und wirkt besonders in der Anfangsphase als auf unspektakuläre Weise verstörender Reflex auf das Flüchtlingsthema; freilich kann das zunächst Befremdende oder gar Beklemmende nicht recht durchgehalten werden, und bald überwiegt der freundlich-chaotische Status einer gruppendynamisch leicht gelähmten Klangberieselung.

„Codec Error“ von Alexander Schubert, Foto: SWR / Ralf Brunner

Bei den beiden Orchesterkonzerten legte man naturgemäß normalere Maßstäbe an Werkqualiten oder persönliche Handschriften an. Bunita Marcus offerierte in „White Butterflies“ für Posaune und Streicher eine sanft säuselnde – nun ja, Christkindlemusik. Provokanter das sinistre Großfilm-Soundscape „The News in Music“ von Thomas Meadowcroft, pendelnd zwischen pompöser Star-Trek-Kulisse und geschäftig-wieseliger Mickey-Mäusigkeit; drolligerweise verstrickte sich die Partitur dann in das franselige, gleichsam unentschlossene Ausprobieren schwebend-wolkenhafter Schlussakkorde, die kein Ende finden wollten und dem flotten Flop sozusagen eine riesig lange Schleppe hinzufügten. Enttäuschend das seltsam unberedte, ja inhaltslose Violoncellokonzert „Guardian“ von Chaya Czernowin (einer angesagten, vielgefragten Auftragskomponistin) mit der nur selten zu stärkeren, dann meist kratzigen Impulsen animierten Solistin Séverine Ballon und einem wenig beschäftigten SWR-Symphonieorchester unter Leitung von Pablo Rus Broseta. Umso mehr gab es kollektiv zu brillieren in „Ez-ter“ (Es-Raum) von Márton Illés, seriös auch im Sinne des früheren Donaueschingen als eine geschickt vielerlei Möglichkeiten linearer Strukturierung ausmessende Studie.

Bernhard Langs „DW28…Loops for Davis“ war Schwerstarbeit für den mit vollem Körpereinsatz spielenden Bassklarinettisten Gareth Davis. Das rasante Stück hätte auch gut in das spezielle Donaueschinger Jazzkonzert gepasst, bei dem diesmal die Frauen (etwa die beiden wunderbaren Pianistinnen Christina Wodraschka und Betty Hovette) das Sagen hatten, was sich auch als generelle Donaueschingen-Zukunftsaussicht abzuzeichnen scheint. Dezidiert machohaft wirkte indes Alexander Schuberts stroboskopisch rhythmisierte Überrumplungsorgie „Codec error“, so etwas wie eine klirrende Hardcover-Variante von Heiner Goebbels. Dass in der männlich geprägten japanischen Kultur auch Frauen vom Faszinosum Gewalt berührt sind, zeigte Misato Mochizukis Uraufführung „Tetes“ für Rezitator und Ensemble – haarsträubende Begebenheiten mit abgeschlagenen Köpfen in einer auch instrumental-narrativ eher rituellen als ironischen Einkleidung. Im selben Konzert des Ensemble Musikfabrik gab es mit „Lessons in Darkness“ des Norwegers Eivind Buene die klangimaginativ vielleicht überzeugendste, formal umrissstärkste Uraufführung dieses Donaueschingen-Jahrgangs.

Anonymer Klangbrei

Ein markanter Programmpunkt ist immer die Überreichung des Karl-Sczuka-Preises „für akustische Spielformen“, also für ein Exempel authentischer Radiokunst. Ihn gewann diesmal der umtriebige Medienkünstler Olaf Nicolai für sein (für die documenta 14 und den Deutschlandfunk produziertes) Hörspiel mit dem Rimbaud-Titel „In the woods there is a bird“. Das Klang- und Geräuschmaterial der 31-minütigen Etüde bilden (von Reportern erbetene) Klangaufnahmen mit O-Ton von Demonstrationen aller Art und aus aller Welt. Was als politisch virulente, inhaltlich bestimmte Dokumentation eines gegen offizielle Institutionen und staatliche oder privatwirtschaftliche Ordnungskräfte gerichteten Bürger- und Gemeinsinnes darstellbar wäre, wird hier aber entqualifiziert als durchweg anonymer und amorpher Klangbrei, der weniger ein „poetisches“ Oszillieren zwischen Bedrohung und Empathie hervorruft als an den hundsgewöhnlichen politischen Quietismus appelliert. Die Wörter Trump, Hamburg oder Klimaerwärmung kamen mitnichten vor. Als einzig konkret bestimmbares Element war der Schweizer Anruf „Z’ruck“ identifizierbar, der wohl aus einer Davos-Reportage stammte. Da wird denn auch in der Urteilsbegründung der Jury (Vorsitz: Christina Weiss) die alte Ortega y Gasset-Kiste wieder aufgemacht: „…zuhörend gerät man in ein akustisches Spannungsfeld aus kollektiver Gewalt und individueller Verletzlichkeit“. Es war ausgerechnet der moderierende Rundfunkmann Walter Filz, der es vorwitzig riskierte, notfalls hart an der political correctness vorbeizuschrammen und im anschließenden Podiumsgespräch die Beteiligten auf politisches Engagement festlegen zu wollen. Aber nein, keiner von der Jury und schon gar nicht der Autor wollten anbeißen. Ärgerlich.

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erstellt am 24.10.2017

Margaret Leng Tan in Donaueschingen, Foto: SWR / Ralf Brunner
Margaret Leng Tan in Donaueschingen, Foto: SWR / Ralf Brunner

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