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Das Stück „Rosas danst Rosas“, das Anne Teresa De Keersmaeker 1983 entwarf, ist heute ebenso aufregend, wie es zur Zeit seiner Entstehung war. Die Wiederaufnahme ist im Wiener Odeon zu sehen. Die Stuttgarter Oper zeigt Kirill Serebrennikovs unvollendete Inszenierung von „Hänsel und Gretel“. Thomas Rothschild hat beide Aufführungen besucht.

Bühne

Das Fertige und das Fragment

Es gehört am Sprechtheater nicht zu den üblichen Gepflogenheiten, eine gelungene Inszenierung nach Jahren in veränderter Besetzung zu reanimieren. Im Tanztheater ist das nicht ungewöhnlich. Eine Choreographie ist nicht unbedingt an bestimmte Interpreten gebunden, und erst recht hat sie kein Verfallsdatum, das sie dem Verdikt des Musealen aussetzt. Das Stück „Rosas danst Rosas“, das Anne Teresa De Keersmaeker 1983 nun ja: für ihre Truppe namens Rosas entwarf, ist heute ebenso aufregend, wie es zur Zeit seiner Entstehung war. Es ist wohl, neben den Stücken zur Musik von Steve Reich, das Beste, was die belgische Choreographin erfunden hat. In einem Special von ImPulsTanz, dem größten Tanztheaterfestival Europas, war nun die Wiederaufnahme dieses Meisterwerks zu sehen, im kuriosen Wiener Odeon, der Heimat des Serapionstheaters in einem überdimensionierten ehemaligen Börsengebäude.

Rosas danst Rosas © Anne Van Aerschot
Rosas danst Rosas © Anne Van Aerschot

„Rosas danst Rosas“ besteht aus vier „Sätzen“. Im ersten, stummen Teil liegen die vier Tänzerinnen bäuchlings auf dem Boden. Das flache Licht schneidet Streifen aus dem Dunkel, die den Oberkörpern den Anschein verleihen, als wüchsen sie aus der Spielfläche hervor. Der zweite Teil findet im Sitzen statt. Eine begrenzte Zahl von Posen wird in mathematischer Strenge eingenommen, vergleichbar den Permutationen in der konkreten Poesie oder den Mustern bei Piet Mondrian. Im dritten und vierten Teil dann nähert sich die Choreographie den traditionelleren Vorstellungen von Bühnentanz an. Ruckartige kontrastieren mit gleitenden Bewegungen, Solistinnen mit dem Resttrio. Schon in dieser frühen Arbeit von De Keersmaeker prägt sich der typische angewinkelte Arm mit der zur Faust geballten Hand ein. Man muss das Gedächtnis der Tänzerinnen, die sich mehr als eineinhalb Stunden ununterbrochen im Blickfeld befinden, ebenso bewundern wie ihre Kondition.

Wollte man „Rosas danst Rosas“ (ideologie)kritisch beurteilen, könnte man einwenden, dass das Stück die Schönheit der Ordnung und des Konformismus feiere. Gegen Ende gibt es ein kurzes Stocken in der repetitiven Musik, aber keine „Störungen“ der Choreographie. Die sperrt sich gegen jeden Hauch von Anarchie.

Nach der Wiederbelebung des Fertigen – das Unfertige als politisches Bekenntnis.

In jüngster Zeit häufen sich die Übertragungen von Opernaufführungen, namentlich aus der Metropolitan Opera New York, in Kinos weltweit. Das erzeugt die Illusion von synchroner Anwesenheit. Eine Illusion ist es, weil die räumliche Präsenz lebendiger Musiker und Sänger bei aller technischen Perfektion nicht zu ersetzen ist. Die Stuttgarter Oper geht aus gegebenem Anlass den umgekehrten Weg. Sie zeigt einen Film zu „live“ gespielter und gesungener Musik. Der Film wurde für die Musik gedreht, nicht, wie bei Filmmusik, die Komposition für den Film geschrieben. Das Orchester sitzt gut sichtbar auf der Bühne, über ihm hängt die Filmleinwand, und die Sänger agieren größtenteils vorne an der Rampe.

Szenenfoto „Hänsel und Gretel“, Oper Stuttgart: Thomas Aurin

Der Anlass für dieses ungewöhnliche Arrangement ist der anhaltende Hausarrest, den die russische Justiz dem vorgesehenen Regisseur Kirill Serebrennikov aufgebrummt hat. Der Film – das Märchen von Hänsel und Gretel in die ehemals deutsche Kolonie Ruanda verlegt, von wo sich die hungernden Kinder ins Lebkuchenhaus Stuttgart verirren – gehört zu Serebrennikovs Konzeption. Er hat ihn fast fertig gestellt. Die Regie für die Bühne, insbesondere die Hexenszene, die im Film ausgespart wurde, konnte er nach seiner Verhaftung nicht mehr ausführen. Statt Humperdincks „Hänsel und Gretel“ aber, wie in ähnlichen Fällen üblich, abzusetzen oder durch einen Ersatzregisseur fertig stellen zu lassen, hat sich die Leitung der Stuttgarter Oper entschlossen, die unfertige Inszenierung – im Wesentlichen also den Film und eine halbszenische Aufführung – zu zeigen, mit Hinweisen auf die Situation des Regisseurs zu ergänzen, und der Erfolg gab ihr künstlerisch, vor allem aber politisch recht.

Die Stuttgarter Oper hat sich bisher nicht mit spektakulären politischen Statements hervorgetan. Hier aber demonstriert sie, dass Unrecht und Verfolgung nicht stillschweigend hingenommen werden dürfen und dass ein Künstler nicht einfach ersetzt werden kann wie ein Papiertaschentuch. Weiterhin besteht das Angebot an Serebrennikov, die Arbeit abzuschließen, sobald die äußeren Umstände das erlauben. Es wäre allerdings unfair, wenn man angesichts dieser Umstände vergäße, die grandiosen sängerischen Leistungen von Diana Haller und Esther Dierkes in den Titelrollen zu erwähnen. Sie sind für sich genommen einen Besuch des Opernabends wert, der ein Fragment bleiben musste. Man kann das auch als einen Sieg der Kunst über politische Willkür interpretieren.

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erstellt am 23.10.2017

Daniel Kluge (Die Knusperhexe). Szenenfoto „Hänsel und Gretel“, Oper Stuttgart: Thomas Aurin

Tanz

Rosas danst Rosas

Choreografie Anne Teresa De Keersmaeker
Performance Rosas

Odeon Wien

Oper

Hänsel und Gretel

Von Engelbert Humperdinck

Regie Kirill Serebrennikov
Musikalische Leitung Georg Fritzsch, Willem Wentzel

Altersempfehlung für Familien: Ab 8 Jahren

Oper Stuttgart