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Dass Franz Grillparzer mit Beethoven verkehrte, selbst auch komponierte, ist hinter dem Bild verschwunden, das wir von ihm als Dramatiker haben, nicht aber, dass wir sein Drama „König Ottokars Glück und Ende“ der Kaiserin verdanken. Gudrun Braunsperger erzählt, was die eben erschienene Selbstbiographie Grillparzers offenbart.

Franz Grillparzer (1791-1872)

Ein stiller Rebell

Die wiederholte Aufforderung der Akademie der Wissenschaften an Franz Grillparzer, über seine Lebensumstände zu berichten, und zwar unter politischen Bedingungen, unter denen ein künstlerischer Weg mehr aufgehalten als gefördert wurde, enthält eine bittere Ironie: Später wird der Dichter seine „Selbstbiographie“ mit folgender Äußerung kommentieren: „Unter Kaiser Franz musste jeder Literator, wenn nicht vernichtet, so doch verkümmert werden“.

Die Rezeption seines Werks, das für Vereinnahmung und Missdeutung so anfällig scheint, findet ihre Entsprechung in einer an Blockaden und Widrigkeiten reichen Künstlerbiographie, die sich allen Rückschlägen zum Trotz unbeirrbar und unaufhaltsam entfaltet hat.

Von Hindernissen ist der Weg der geistigen und künstlerischen Entwicklung des Dichters von früh an gesäumt. Als Kind fühlt er sich zur Musik hingezogen, ist aber nicht vom Klavierspiel, das er erlernen soll, sondern von der Geige fasziniert: der Bub bringt sich das Geigenspiel mit der Violine des jüngeren Bruders selbst bei, ohne dass sein Talent erkannt wird. Unglückliche Umstände, ein nachlässiger Hauslehrer und ein verzögerter Start in einer öffentlichen Lehranstalt behindern seine Schulbildung, die lückenhaft bleibt. Am Gymnasium wird ihm sogar das Ohr für den Vers abgesprochen.

Von all dem berichtet er gleichmütig und geradezu mit Verständnis für die Versäumnisse, unter denen er zu leiden hatte, und er zeigt sich bemüht, den Verursachern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Zum Beispiel dem Vater, einem Rechtsanwalt, dessen in sich gekehrte Strenge den Ältesten gerade deshalb besonders hart trifft, weil sie die Liebe zum Favoriten unter den Geschwistern in verklemmt-ungeschickter Form zu kaschieren sucht.

Aufrichtig und bescheiden

Es ist die Geschichte eines Cyrano de Bergerac. In seinem Urteil schont Franz Grillparzer sich selbst ebenso wenig wie seine Umgebung, bleibt dabei jedoch gleichermaßen geradlinig und aufrichtig wie demütig und bescheiden. Diese Wesenszüge stürzen ihn, was die Verfolgung eigener Interessen betrifft, in seinem Privatleben und auf dem beruflichen Weg einer österreichischen Beamtenlaufbahn in fortdauernde Ambivalenzen zwischen Redlichkeit der eigenen Natur gegenüber einerseits und Schwierigkeiten und Missgeschicken, die sich daraus ergeben, andererseits.

Nach dem frühen Tod des Vaters muss der Sohn als gelernter Jurist für den Lebensunterhalt der Mutter und der jüngeren Geschwister sorgen. Er wechselt von der Stelle eines unbesoldeten Praktikanten an der Hofbibliothek über die Zollbehörde ins Präsidialbüro des Finanzministeriums, wo er sich die Chance zu einer perspektivenreichen Beamtenkarriere selbst verstellt. Die mit seinem Amt verbundene Verpflichtung, am gesellschaftlichen Leben seines obersten Vorgesetzten teilzunehmen, widerstrebt ihm nämlich zutiefst.

So zurückhaltend und zurückgezogen sein Wesen auch war, man kannte den österreichischen Dichter bald über die Grenzen Wiens und auch der deutschsprachigen Literatur hinaus. Byron, mit dem Grillparzer auf seiner Italienreise 1819 in Venedig eine persönliche Begegnung ums Haar verpasst hatte, Byron also sollte zwei Jahre später in seinem Tagebuch notieren: „Grillparzer – a devil of a name, to be sure, for posterity, but they must learn to pronounce it.“ Auf seinen Reisen durch Deutschland, nach Paris und London hatte der Träger des Teufelsnamens Kontakt mit einer Reihe bedeutender Zeitgenossen, unter ihnen die romantischen Dichter Ludwig Tieck, Friedrich de la Motte-Fouqué und Ludwig Uhland. Georg Friedrich Hegel, für dessen philosophisches System sich Grillparzer zwar nicht zu erwärmen vermochte, schätzte er aber als Mensch umso mehr. In Berlin wurde er in den Kreis um Rahel von Varnhagen eingeführt, in Paris, wo er 1836 Alexandre Dumas, den Komponisten Giacomo Meyerbeer, Heinrich Heine und Ludwig Börne traf, wurde seine Ankunft sogar in der Presse registriert.

Zehn Jahre zuvor hatte der 77-jährige Goethe Grillparzers „Sappho“ in seinen Schriften Reverenz erwiesen. Die persönliche Begegnung mit dem hochverehrten Dichterfürsten in Weimar, die kurze Zeit später stattfand, erschütterte und desillusionierte den Jüngeren jedoch zunächst. Zwar kann das nächste kurze Zusammentreffen diesen Eindruck wieder zurechtrücken, aber nun hindern den Zögerer und Zauderer übergroße Selbstzweifel, einer weiteren Einladung zu einer persönlichen Aussprache zu folgen.

Literaturfeindliche Bedingungen

Seine Reise nach Deutschland im Jahr 1826 habe neben dem Charakter der „echt-katholischen Reliquienandacht“, wie Franz Grillparzer selbstironisch bemerkt, auch den Zweck gehabt, sich umzusehen, „ob da vielleicht ein Ort sei, wo man ungestörter der Poesie nachhängen könne als in dem damaligen Wien“. Die Bedingungen, die er als Dramatiker in der politischen Kultur des Vormärz vorfand, waren literaturfeindlich, und brachten den Dichter in einen innerlichen Konflikt.

Mit den herrschenden Verhältnissen Reine gekommen ist Grillparzer vermutlich nie. Nicht einmal die Stoffwahl aus der österreichischen Geschichte war Garantie dafür, dass seine Dramen die Zensur passieren konnten. Als Intellektueller der Aufklärung verhandelte er auf der Bühne Themen wie Macht und Herrschaft, Geschlechtergerechtigkeit und die Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur und suchte nach gesellschaftspolitischen Maßstäben für eine verbindliche Ethik, damit war er dem Metternich-Regime per se suspekt. Der vorauseilende Gehorsam der Untergebenen besiegelte ein geistiges Klima.

Franz Grillparzer machte die bittere Erfahrung, auf Schritt und Tritt in seinem Schaffensdrang beschränkt zu werden. „König Ottokars Glück und Ende“ wurde zuletzt durch eine glücklich Fügung aus jener Schublade der Zensurbehörde befreit und auf die Bühne gebracht, und zwar durch die zufällige Intervention der Kaiserin höchstpersönlich. Die gebildete Herrscherin suchte nach einem interessanten Manuskript und zeigte sich erstaunt darüber, dass das ihrer Meinung nach patriotische Stück so verkannt worden sei.

Ein andermal wird Grillparzer zum Polizeipräsidenten, dem Grafen Sedlnitzky gerufen. Mit großem Beifall war soeben „Ein treuer Diener seines Herrn“ uraufgeführt worden, ein Stück, das anlässlich der Krönung der Kaiserin als Königin von Ungarn entstanden war.

Zu Unrecht ist das dominierende Bild eines verbitterten und einsamen alten Misanthropen vorherrschend geblieben. Franz Grillparzer war ein stiller Rebell gegen den Strom seiner Zeit, der seine künstlerische Berufung mit zähem Willen verfolgte: „Sooft ich mir das Widerstrebende scharf begrenzen konnte, sowie im Ablehnen des Schlechten und im Beharren auf der Überzeugung habe ich früher und später eine Festigkeit bewiesen, die man freilich auch Hartnäckigkeit nennen könnte.“

Die Persönlichkeit dieses österreichischen Dichters, der von sich mit bescheidenem Selbstbewusstsein sagte, dass er, wenn auch mit Abstand, zu den Besten zähle, die nach Goethe und Schiller gekommen seien, jene Persönlichkeit ist ebenso zwiespältig wie das Urteil der Nachwelt. Er selbst war der erste, der darum wusste.
1856, ein Jahr nach Entstehen seiner Selbstbiographie, wurde er als Direktor des Hofkammerarchivs pensioniert. Sein Nachfolger fand an seinem Schreibtisch folgenden Vierzeiler:

Hier sitz ich unter Faszikeln dicht,
Ihr glaubt, verdrossen und einsam –
Und doch vielleicht – das glaubt ihr nicht:
Mit den ewigen Göttern gemeinsam.

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erstellt am 20.10.2017

Franz Grillparzer, Lithografie, 1841
Franz Grillparzer, Lithografie, 1841

Franz Grillparzer
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