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Das Streichquartett gilt als die bedeutendste Kammermusikgattung. Mozart und Beethoven führten es zur Vollendung, Schubert in ungeahnte Abgründe, die Brahms und Dvorák vertieften. Im 20. Jahrhundert wurden Schönberg, Bartók und Schostakowitsch Großmeister der Quartettkunst. Hans-Klaus Jungheinrich stellt neue CD-Aufnahmen aus der edlen Welt der Streichquartett- und Kammerkünste vor.

CD-Empfehlungen

Vier – mehr oder weniger

So ganz ist die musikalische „Leitkultur“ des alten Europa offenbar doch nicht vom Christentum geprägt. Denn nicht die göttliche Trinität (sowieso eine dogmatische Erfindung des frühen Mittelalters) erlangte im Tonsatz eine zahlensymbolische Verbindlichkeit, sondern, nach und nach beinahe orthodox, die Vierstimmigkeit – ungefähr der „Natur“ der menschlichen Stimme folgend, die sich am leichtesten jeweils zweifach einteilen ließ (in Sopran, Alt, Tenor, Bass). Diese trotzdem eher willkürliche Maßnahme geriet allmählich fast zu einer „heiligen“ Sache, etwa in der mystisch grundierten Choralsatzweise von J. S. Bach, auf die sich Joseph Haydns folgenreiche Hochentwicklung der Streichquartettkunst aus einiger Entfernung bezog. Der seinerseits ähnlich fromme Haydn hatte dazu noch das gleichsam aufgeklärte Argument einer rationalistischen Klassizität: Im Viererduktus offenbarte sich, anders als in holpriger Dreisamkeit, eine Ebenmäßigkeit, die der idealen Balance zwischen Einfachheit und Reichtum, mithin einer optimalen Zweck/Mittel-Relation, entsprach. Triobesetzungen waren hinfort eine minoritäre Erscheinung – oder sie wurden klar der Dreistimmigkeit entzogen durch Einsatz des komplexen Partners Klavier; das Streichquartett avancierte dagegen als eine besonders reine und beredte Kammermusikgattung zur Instanz ehrgeizigster, eminentester kompositorischer Bewährung. Mozart und Beethoven führten es zu weiterer Vollendung, Schubert in ungeahnte Abgründe, die Brahms, Dvorák und Hugo Wolf spätromantisch vertieften. Verdis, Debussys und Ravels singuläre Streichquartette machten evident, dass diese edle Kunst kein mitteleuropäisches Privileg war. Schönberg, Bartók und Schostakowitsch wurden im 20. Jahrhundert Großmeister der Quartettkunst.

Robert Volkmann (1815-1883)
Robert Volkmann (1815-1883)

Der großzügige Blick entlang der Musikgeschichte aber geht über viele Einzelheiten hinweg. Dieser „Ungerechtigkeit“ zu wehren, ist seit langem die Passion des Produzenten Burkhard Schmilgun und seines cpo-Labels. Eingedenk der bedauerlichen Tatsache, dass Quartettabende „live“ im Konzertbetrieb ziemlich an den Rand gedrängt und quartettistische Hausmusiktreffen verschwunden sind (wo fände man noch gebildete Ärzte und Apotheker?), offerierte er bereits staunenswerte vergessene Schätze auch aus dem Kammermusikbereich. Immer wieder einmal gibt es dabei Entdeckungen, die diese hochsinnige Bezeichnung verdienen; dazu möchte man nun auch die 3-CD-Kassette mit Robert Volkmanns Streichquartetten, komplettiert mit zwei Klaviertrios, rechnen. Volkmanns Lebensspanne (1815-1883) trifft sich fast genau mit derjenigen seines sächsischen Landsmannes Richard Wagner. Seine Art der Musikalität ist freilich völlig anders und am ehesten mit der weltmännisch-eleganten Urbanität Mendelssohns zu vergleichen. An eines von dessen „Liedern ohne Worte“ könnte man denken beim populär-feinsinnigen Kopfsatz-Hauptthema des 6. Quartetts. Fesselnd auch der Einstieg des 1.Quartetts mit dem späterhin klug leitmotivisch verwendeten (aber nicht zu Tode gerittenen) „verminderten Akkord“, der in der Musik des 19. Jahrhunderts, auch beim frühen und mittleren Wagner, ja oft so klischeemäßig verschlissen wurde. Volkmann hinterließ, wie Alexander Zemlinsky und Béla Bartók, sechs Streichquartette, und auch diesem Hexameron gebührt das Prädikat einer den tonsprachlichen Radius des Autors überzeugend ausschreitenden Meisterlichkeit. Thematische Plastizität und artifizielle Durchführung korrespondieren miteinander und ermöglichen einen gewinnenden Höreindruck. Und auch die beiden Interpretenteams arbeiten meisterlich: das Mannheimer Streichquartett, das Beethoven Trio Ravensburg. Soll man da noch spielverderberisch an den Brechtsatz „Aber etwas fehlt…“ denken? In all diesen wunderschönen, bald kühl-klassischen, bald biedermeierlich-intimen, gelegentlich auch beethovensch-grimmig über den Tisch hauenden quartettistischen Ereignissen bleibt der ganz und gar eigensprachlich-originale Volkmann doch immer ein wenig verborgen oder unsichtbar. Tragische Einsicht: Meisterschaft reicht nicht; erst die exorbitante Personality sichert das Weiterleben eines Künstlerœuvres (mit griffigen Merkmalen wie Schumanns Wahnsinn, Tschaikowskijs Schwulsein oder Schostakowitschs allzu berechtigter Paranoia). Wie manche ähnliche Künstlerformate, hatte auch Volkmann irgendwie eine ernüchterte Sicht auf seine musikhistorische Position, wenn er klagte, die einen sähen ihn als Gestrigen, die anderen als Zukünftigen, er aber wolle doch nur der Volkmann sein. Meinte er etwa auch: der populäre Volks-Mann?

Nationalheld und Originalgenie

Um Michail Glinkas Stellung in der russischen Musikgeschichte gab es nie Zweifel: Auch die miteinander verfeindeten Spätergeborenen wie Tschaikowskij und der Zirkel um Mussorgskij und Balakirew feierten ihn einhellig als Nationalheros und Pionier. Die Verehrung gründete sich vor allem auf die Oper „Iwan Sussanin“. In seiner Kammermusik lässt er dagegen überdeutlich werden, dass sich der große Teil der älteren russischen Kunstausübung in vornehmen Adelssalons abspielte. Gepflegte Unterhaltsamkeit in klassizistischen Bahnen atmet das vom Consortium classicum ansprechend musizierte Septett, und das Trio Pathetique kredenzt trotz seines Namens eher konventionssteife Expressivität. Wenn die Harfe und das Phantasieren über italienische Opernmelodik hinzukommen, ist das Damenprogramm perfekt. Da hat Dmitri Kabalewski bessere Karten, als slawisches Originalgenie durchzugehen. Doch darf man bei den beiden vom Stenhammar-Quartett brillant intonierten 0pera 8 und 44 nicht vergessen, dass diese Viererbandenmusik aus der Mitte nicht des 19., sondern des 20. Jahrhunderts stammt und, wie das meiste aus Kabalewskis Hand, geschmeidig sich den „volksnahen“ Geboten des sozialistischen Realismus angepasst zeigen wollte. Immerhin entstand dabei wenigstens keine öd hohltönende Spruchbandmusik. Mit seinem Namen Vogler-Quartett nennt sich ein potentes Viererteam nach dem beteiligten Dresdner Violoncellisten und nicht wie meist nach dem geigerischen „Primarius“, der vor allem in der Streichquartett-Frühzeit ein merklich abgehobener primus inter pares war. Das gilt für Antonin Dvoráks gehaltvoll-artifizielle Kammermusik, hier die Quintette opus 81 und 97, selbstverständlich nicht mehr.

Die beiden eben erwähnten Dvorák-Werke erweitern den Quartettrahmen durch ein zusätzliches Instrument (eine zweite Bratscher bzw. das Klavier). Die Vergrößerung eines Kammermusikstückes ins Kleinorchestrale riskiert die wie ein Solistenensemble agierende „Taschenphilharmonie“ unter Leitung von Peter Stangel, indem sie Anton Bruckners Streichquintett, sein einziges nennenswertes Kammermusikwerk, gewissermaßen dem bei diesem Komponisten gewohnten symphonischen Habitus annähert. Das Umgekehrte geschieht mit der Reduktion des Kopfsatzes aus der Fragment gebliebenen 10. Symphonie von Gustav Mahler, der jetzt noch kahler und „zeichnerischer“ anmutet, geradezu wie eine Kammersymphonie des späteren Schönberg. Die Crossover-Neuerscheinung „Secret Places“ mit den jungen beiden Violinisten Marie Luise & Christoph Dingler passt vielleicht nicht so ganz in eine Reihe seriöser Kammerzelebritäten, aber man könnte sie durchaus als „Klassik light“-Variante genießen wie Thais-Meditation oder Hummelflug (beides figuriert hier nicht), und man registriert nicht ohne zustimmendes Schmunzeln, dass längst auch die Rezepturen der „minimal music“ in diese zeitgemäße Art von Divertissement-Kunst Eingang gefunden haben.

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erstellt am 20.10.2017

Robert Volkmann
Sämtliche Streichquartette & Klaviertrios
Mannheimer Streichquartett, Beethoven Trio Ravensburg
4 CDs
cpo, 2017

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Michail Glinka
Kammermusik
Consortium Classicum
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Streichquartette Nr. 1 & 2
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Secret Places
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Hänssler Profil, 2017

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