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Textland

Wege in den Untergrund

Katrin Bursegs „In einem anderen Licht“ erzählt von einer späten Abrechnung. Die Zeche wurde in den Siebzigern gemacht und Jahrzehnte nicht beglichen.

„Ein Kilo Vergangenheit“ begleiten Miriam und Max nach Angeln. Die Halbinsel zwischen der Flensburger Förde und einem Meeresarm ist Drachenfliegerland. Die Mutter hat einen Animateur für den Sohn gebucht, beide stecken in der Trauer um Max‘ Vater Gregor. Den Kriegsfotografen traf ein Querschläger. Nun bietet sich Drachenbauer Bo als Verehrer und Ersatzvater an. Zugleich recherchiert Miriam die Lebensgeschichte der hanseatisch temperierten Wohltäterin Dorothea Sartorius. Außerdem bereiten die Witwen gemeinsam die Verleihung des Sartorius-Preises für Zivilcourage vor. Angeln wird zum Schauplatz einer Entzauberung. Die Mäzenatin war nicht immer dem Weltlichen so entrückt und über den Wolken schwebend wie im Jetzt des Geschehens. Sie verliert ihren Nimbus an eine Vergangenheit als Groupie von Brian Jones und Rampensau auf Butterfahrtniveau. Doch ist da noch mehr.

In „… Licht“ scheppern die Koinzidenzen. Alles hängt mit allem schicksalsmächtig und familiär zusammen. Kein loser Erzählfaden lässt den Leser hängen. Katrin Burseg schreibt wie eine zeitgenössische Françoise Sagan so kaprioziös. Sie fährt offen, die Melancholie fährt mit. Jedes Ziel erweitert den Horizont. Jeder Garderobenwechsel, jede Quiche und Birnenspalte so wie jeder Bistrokäseteller verdienen Erwähnung. Überall lauern potentielle Liebhaber wie arabische Scharfschützen oder Caféchefs (mit Arc de Triomphe Nasen) und reichen der blühenden Witwe ein Glas vom Besten. Voilà mon amour. Miriam lebt ein kalorienbewusstes Leben am Proseccolimit. Durch diese Hochglanzfolie diffundieren das Olympia-Attentat von Zweiundsiebzig und der Deutsche Herbst von Siebenundsiebzig in den Formaten biografischer Brüche/brüchiger Biografien. Das „Kilo Vergangenheit“ im Gepäck der Journalistin ist eine Doktorarbeit über die Rote Armee Fraktion. Es wird noch spannender.

Gregor war keiner von denen. Die am Limit leben müssen, um sich zu spüren. Er glaubte an die Wahrheit der Fotografie unter extremen Bedingungen. Obwohl doch die Wahrheit im Krieg immer zuerst stirbt und selbst Robert Capas „Loyalistischer Soldat im Moment des Todes“ gestellt worden sein könnte und womöglich noch nicht einmal von Capa. Gregors Madonna war eine Kurdin mit grünen Augen in der Uniform der Hoffnung auf nationale Selbstbestimmung.

Dorothea ist keine. Der das Leben mit Zweiundsiebzig nichts mehr zu sagen hat.

Miriam ist keine. Die als Witwe eines Helden keusch werden möchte. Miriam besucht eine Greisin, die von Vergeltung träumt und von Verrat erzählt. Sie weiß: „Der Tod hat nicht das letzte Wort.“ Miriam trifft eine Nonne, die alles weiß. Plötzlich ist man in einem Krimi, als würde eine Übertragung der Fashion Week zum Tatort.

„Fragen Sie Dorothea nach Marguerite“, wird Miriam anonym geraten. Ich rate Ihnen, lesen Sie das Buch.

Katrin Burseg, In einem anderen Licht, Roman, List, 314 Seiten

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erstellt am 19.10.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.