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Im Frühjahr 2017 erschien Graeme Macrae Burnets Thriller „Sein blutiges Projekt“ in deutscher Übersetzung. Im Herbst folgte „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“, ein intelligenter Kriminalroman und eine Hommage an den französischen psychologischen Krimi in Georges Simenons Tradition. Kirsten Reimers ist sehr angetan.

Buchkritik

Unter Beobachtung

In der kleinen, wenig ansprechenden elsässischen Stadt Saint-Louis im Dreiländereck von Frankreich, Deutschland und der Schweiz verschwindet die 19-jährige Adèle Bedeau, die im etwas glanzlosen, wenig ansprechenden Restaurant de la Cloche als Kellnerin gearbeitet hat. Es fehlt jegliche Spur, der ermittelnde Kommissar Georges Gorski hat keinerlei Ansatzpunkt, die Nachforschungen stocken – was Gorski an einen alten Fall erinnert, an dem er vor Jahren gescheitert ist.

Einzig seltsam ist das Verhalten von Manfred Baumann, Stammgast im Restaurant, ein Gewohnheitsmensch mit festen Ritualen, eigentlich völlig unauffällig, an dem aber eines auffällig ist: Er lügt. Dass er mit dem Verschwinden der jungen Frau etwas zu tun hat, ist eher unwahrscheinlich – bleibt die Frage, warum er lügt. Der Fall der Kellnerin rückt bald in den Hintergrund, weit zentraler sind für den Roman die Weltsicht und Lebensgeschichten von Manfred Baumann und Georges Gorski. Schon früher haben sich ihre Wege gekreuzt, nun überschneiden sie sich zwangsläufig wieder.

Zeit seines Lebens war der stets überkorrekt gekleidete Baumann, von Beruf Filialleiter einer Bank, bemüht, nicht aufzufallen, sich unsichtbar zu machen, weil er den Ansprüchen anderer nicht genügen könne – und doch ist er stets überzeugt, dass jede seiner Handlungen genau beobachtet und bewertet wird: Ein einziges Abweichen von seinen Routinen würde in Saint-Louis Wellen schlagen, glaubt er. Baumann steht stets ein Stück neben sich und fragt sich, was andere wohl von ihm denken, wie sein Verhalten wohl auf andere wirkt. Fremd- und Selbstbild fallen dabei deutlich auseinander, wie die Reaktionen seiner Umwelt zeigen. Ungeübt in sozialer Interaktion interpretiert er Gesten und Äußerungen falsch und liest zu viel in sie hinein.

Kommissar Gorski ist seinerseits wie Baumann von dem Gefühl geprägt, nicht auszureichen: Er fürchtet, weder den Ansprüchen seiner Kollegen noch denen seiner Familie zu genügen, besonders nicht jenen seiner gesellschaftlich sehr ambitionierten Frau.

Auflösung des Autors

Wie so oft in Kriminalromanen steckt hinter der Fassade von Personen etwas ganz anderes – das ist nicht neu, doch im „Verschwinden der Adèle Bedeau“ bekommt dies durchaus eine neue Dimension, und dies beginnt schon bei der Autorenschaft. Der Roman ist das Debüt von Graeme Macrae Burnet, der mit seinem Man-Booker-Prize-nominierten Buch „Sein blutiges Projekt“ in Frühjahr 2017 Aufsehen erregte. In jenem 2016 im Original erschienen Roman firmiert Burnet als Herausgeber, der bei Nachforschungen in Archiven auf den Fall seines Vorfahren Roderick Macrae gestoßen war: 1869 soll dieser eine Bluttat begangen haben, die „authentischen Dokumente“ dazu habe Burnet in seiner „Studie“ zusammengestellt.

In „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ von 2014 tritt Graeme Macrae Burnet als Übersetzer auf, der den Roman des französischen Autors Raymond Brunet nun erstmals in Englische übersetzt habe. In Frankreich habe der Roman aus den achtziger Jahren, besonders nach der Verfilmung durch Claude Chabrol, Kultstatus erreicht – was eine sehr hübsche Volte ist, da – man ist versucht zu schreiben: auch – Burnets Buch in Schottland in den letzten Jahren Kultstatus erreicht hat.

In einem „Nachwort des Übersetzers“ schildert Burnet sehr glaubhaft und mit vielen bemerkenswerten Details den Lebensweg der Autorenfigur Brunet, der nicht nur eine gewissen namentliche Nähe zu Burnet hat, sondern auch deutliche Parallelen zur Figur Manfred Baumann aufweist – was zusätzlich beiträgt zur Auflösung der Autorenschaft, ach überhaupt zur Auflösung von Gewissheiten. Was sind Fakten, was ist Fake? Einmal mehr wird deutlich: Realität ist Fiktion – erschaffen aus Wahrnehmungen, die ihrerseits auf der Montage von subjektiven Eindrücken beruhen. Das „Nachwort“ schließt mit einem Zitat von Georges Simenon: „Alles ist wahr, ohne dass irgendetwas genau stimmt.“ Das passt derart perfekt zu diesem Roman und zu seinem Spiel mit Gewissheiten, dass die Rezensentin erst einmal nachprüfen musste, ob das Zitat tatsächlich echt und von Simenon ist. Es ist.

Panoptismus als Krimi

„Sein blutiges Projekt“ lässt sich verstehen als eine Anspielung auf die von Michel Foucault herausgegebene Studie „Der Fall Rivière“ – und Foucault ist auch hilfreich, um „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ in seiner brillanten Konstruktion zu begreifen: Der Roman macht aus dem Konzept des Panoptismus, das Foucault in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ beschreibt, einen spannenden Kriminalfall. Er ist die Übersetzung von Theorie in Suspense.

Manfred Baumann ist die perfekte Umsetzung der Wirkungsweise von Jeremy Benthams „Panopticon“. Sie erinnern sich? Die Zellen im Kreis angeordnet, von einem Wachturm in der Mitte vollkommen einzusehen, schafft diese Form des Gefängnisses die absolute Überwachung bei geringstmöglichem Personalaufwand: Jede Bewegung der Gefangenen kann vom Wärter registriert werden, ohne dass diese ihrerseits den Wärter sehen können. Die Gefangenen sind auf diese Weise gezwungen, sich stets so zu verhalten, als ob sie beobachtet würden: Das bedeutet eine Selbstüberwachung und eine Selbstkontrolle gegenüber einer unsichtbaren und entindividualisierten Macht – und exakt so lebt Manfred Baumann: Sein ganzes Leben ist eine einzige Inszenierung für unsichtbare Beobachter.

Die Qual, sich permanent überwacht zu fühlen, ist aber gleichzeitig Notwendigkeit: Nur durch die mögliche Beobachtung fühlt sich Baumann überhaupt wahrgenommen und existent. Er konstruiert und rechtfertigt sein Selbst allein aus dieser vermuteten Kontrolle. Nur so gewinnt er Bedeutung. Mit Georges Gorski ist auch die andere Seite des Panopticons präsent: die staatliche Exekutive, die ebenfalls unter Beobachtung steht. Gleichzeitig wird sie durch die internalisierte Kontrolle in ihrer Funktion nahezu überflüssig: Auch Gorski muss erleben, dass seine Ermittlungen und deren Ergebnisse unerheblich sind.

Graeme Macrae Burnet erschafft in seinem Roman nicht nur aus dem Konzept des Panoptismus einen Kriminalroman, es gelingt ihm zudem, individuelle Entwicklung und gesellschaftliche Normierung zu verschränken vor der Kulisse der sozialen Kontrolle einer muffigen Kleinstadt der achtziger Jahre. Es mag nicht alles bis ins letzte Detail vollkommen stimmig durchdacht sein, aber Idee und Umsetzung sind schlicht grandios.

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erstellt am 18.10.2017

Graeme Macrae Burnet
Das Verschwinden der Adèle Bedeau
Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
Kartoniert, 288 Seiten
ISBN: 9783958901254
Europa Verlag, München 2017

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