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Anselm Weber, neuer Intendant des Frankfurter Schauspiels, brachte einiges aus Bochum mit: Schauspieler, Regisseure, Inszenierungen. Mit Shakespeare, Büchner und Hauptmann hat er ein klassisches Programm mit sensiblen Eingriffen in die Gegenwart vorgelegt. Nun hatte Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ in Frankfurt Premiere – eine atemberaubende Inszenierung, meint Martin Lüdke.

Theater

Das Leben ist kein Kinderspiel

In Büchners Stück „Wozzeck“ bekennt der Titelheld einmal resigniert: „Ich glaub, wenn wir in’n Himmel kämmen, dann müssten wir beim Donnern helfen.“ Von einem solchen, allerdings weiblichen Wozzeck handelt Gerhardt Hauptmanns Stück „Rose Bernd“. (Ironische Pointe: Jana Schulz spielt jetzt unter der Regie von Roger Vontobel eben diesen Woyzeck in Frankfurt.) Die historische Distanz, die uns von diesem Stück trennt, lässt sich mit dem von Herbert Achternbusch verwendeten Sponti-Spruch: „Du hast keine Chance, aber nutze sie“ – präzise markieren. Zu Hauptmanns Zeiten galt die Chancenlosigkeit noch als naturgegeben. Zu Achternsbuschs Zeiten dagegen schien die Auflehnung als eine Art Naturrecht. Hauptmanns Stück war einmal ein großer Erfolg. War? Ist wieder? Oder wird?

Der Erfolg des Stücks geht nicht nur auf die Berliner Uraufführung, Ende Oktober 1903, mit immerhin Albert Bassermann und einer sich an die Vorstellung anschließenden Festrede von Hugo von Hofmannsthal zurück, sondern vermutlich mehr noch auf die bald darauf folgende Aufführung am Wiener Burgtheater. Erzherzogin Marie Valerie verließ wenige Tage nach der Premiere während der Vorstellung nicht ganz geräuschlos das Theater. Einige Damen im Publikum maulten über das Stück und das ihnen präsentierte unzüchtige Weibsbild. Der Skandal war da. Das Stück wurde abgesetzt. Damit war damals der Erfolg nicht mehr aufzuhalten.

Der Plot ist platt, wenn auch am Ende der Kaiserzeit noch immer von einiger Brisanz. Junge Frau, noch unverheiratet, lässt sich von verheiratetem Mann verführen, wird schwanger und zudem von einem fiesen Lustmolch erpresst. Aber hier, bei Hauptmann, donnert nicht wie in Goethes Faust, bei gleichem Dilemma, eine Stimme aus dem Himmel und verkündet: nicht gerichtet – „gerettet“.

Hauptmann war im April 1903 als Geschworener an das Schöffengericht nach Landsberg berufen worden. Eine 25-jährige Kellnerin und Landarbeiterin hatte sich dort vor dem Gericht wegen Kindsmord und Meineid zu verantworten. Schon während des Prozesses begann Hauptmann an seinem Stück zu schreiben. Hauptmann stimmte für Freispruch. So wurde erst in einer Revisionsverhandlung die junge Frau für schuldig befunden, verurteilt und anschließend hingerichtet.

Das alles, so ließe sich Christa Reinig leicht variieren, ist ganz interessant, doch mir irgendwie bekannt. Die soziale Not von ledigen Müttern kann zwar auch heute noch manches weiche Herz rühren, aber für ein Schauspiel in fünf Akten, noch dazu in milde gezähmter schlesischer Mundart reicht das kaum noch hin.

Szenenfoto Rose Bernd, Schauspiel Frankfurt: Arno Declair

Um so erstaunlicher, was da am Premierenabend am Schauspiel Frankfurt über die weitgehend, genauer gesagt: vollständig kahle Bühne ging. Ein Podium, leicht nach hinten ansteigend, füllt fast den gesamten Raum der riesigen Frankfurter Bühne aus, gerade so hoch, dass man mit leichter Anstrengung ab- oder aufsteigen kann. Meist am hinteren Ende spielen vier Blasmusiker wie bei einem Volksfest auf, obwohl es doch nichts zu feiern gibt.

Karge, kahle Flächen, grauer Sand. Keine Spur von der „fruchtbaren Landschaft“ mit überdeutlich idyllischen Zügen, in die Hauptmann sein Stück stellen wollte. Allerdings: ein Goldregen, kleine goldene Blättchen (warum, das hat sich mir nicht erschlossen) fallen andauernd vom Himmel. (Der Bezug auf Grimms Märchen liegt buchstäblich in der Luft.) Die goldenen Blätter bedecken den Boden, der auf diese Weise immer rutschiger wird. Sie bedecken auch die beiden Körper, die ineinander verschlungen, zuckend auf dem Boden liegen. Zwei Menschen, splitterfasernackt, wie sich bald herausstellen wird. Mann und Frau. Rose Bernd, von Jana Schulz so glaubhaft auf die Bühne gebracht, das man ihr, trotz des leicht unglücklich klingenden schlesischen Dialektes, am liebsten immer zu Hilfe kommen möchte, und ihr Geliebter Christoph Flamm, von Hauptmann als „Erbscholtifelbesitzer“, mithin als reicher Bauer mit gemeinnützigen Verwaltungsaufgaben ausgewiesen. Die beiden trafen sich auf freiem Feld, während die frommen Mitglieder der Gemeinde beim Sonntagsgottesdienst ihrer Andacht frönten. Rose Bernd möchte das Verhältnis beenden. Und: Sie möchte es nicht beenden. Sie ist hin- und hergerissen. Sie zeigt kein schlechtes Gewissen. Aber sie fühlt sich verpflichtet, ihrem Vater gegenüber und August Keil, der seit Jahren um sie wirbt. Es ist ein hochanständiger Mann, Buchbinder, leicht frömmelnd, eine gute Partie. August liebt die Rose, er ist in der Lage, sie und ihre Familie durchzubringen. Rose sieht das, aber sie fühlt nichts.

Ihr Vater, Witwer mit zwei Töchtern, fördert diese Beziehung, drängt. Er sieht die Vorteile dieser Verbindung. So hängt schon einiges miteinander zusammen, zumal der von Rose oft noch als „Herr Flamm“ angesprochene Liebhaber seine leicht ältere, aber schwer kranke Frau, gewissermaßen auch aus nackter Not betrügt.

Das Liebesspiel von Rose Bernd und Flamm hat, nicht ganz zufällig, der große Bösewicht des Stück, Arthur Streckmann (überzeugend: Michael Schütz) beobachtet, der schon immer hinter Rose her war und jetzt endlich etwas gegen sie in der Hand hat. Rose war nackt. Sie bleibt schutzlos. Das Drama kann damit beginnen.

Szenenfoto Rose Bernd, Schauspiel Frankfurt: Arno Declair

Wie gesagt: der Plot ist platt. Doch welche Spannung Roger Vontobel, der das Stück auch schon in Bochum vor zwei Jahren inszeniert hatte, aus dieser Geschichte herausholt, zu welcher Intensität er seine Schauspieler bringt, allen voran Jana Schulz, aber auch den alten Bernd (Matthias Redlhammer) und Frau Flamm (Katharina Linder), das ist einfach atemberaubend. Selbst die oft nur unverständlich hingenuschelten, oft gekünstelt klingenden Dialoge, behalten, ja gewinnen eine atemberaubende Dringlichkeit.

Roger Vontobel und Marion Tiedtke haben die fünf Akte Hauptmanns auf zwei Stunden, ohne Pause, wirkungsvoll zusammengestrichen.

Von der anfangs fröhlich umherspringenden, freudig übermütigen jungen Frau, die wenigstens noch fähig ist, das Glück des Augenblicks zu genießen, ohne sich weitere Hoffnung zu machen, die sich in die Pflicht genommen sieht und dafür jede Erwartung an ihr weiteres Leben opfert, von dem fröhlichen Mädchen bis hin zu der schlapp schlurfenden, tatsächlich dann aller Hoffnung entledigten, geschundenen und schließlich auch geschändeten Frau, die in Tagen um Jahre gealtert ist, von der lustvoll genießenden bis zu in ihrer Scham erstickenden Frau, von diesen beiden Momenten der Inszenierung ist ein straffer Bogen gespannt. Wenn sich das nackte Mädchen, von goldenen Blättern bedeckt, als wären es tatsächlich, wie im Grimmschen Märchen, blanke goldene Taler, wenn es in ihrer ganzen Nacktheit das unschuldig radikalste Glücksverlangen anmutig zum Ausdruck bringt, ist ein Spannungspunkt gesetzt, von dem es, bei den sozialen Voraussetzungen, die es mitbringt, nur noch bergab gehen kann. Die Stärke der Inszenierung zeigt sich vor allem in ihrer Aktualität. Diese Aktualität verdankt sich der Inszenierung, doch vor allem den Schauspielern. Nichts, auch gar nichts wirkt aufgesetzt, nichts wird mühsam herangezerrt. Da fällt kein Fallschirm vom Himmel, kein Moped knattert über die Bretter.

Ein Mensch scheitert am Leben. Schicksal? Man könnte es so nennen. Wenn das Schicksal durchsichtig bleibt: Es sind die sozialen Verhältnisse, an denen die Menschen zugrunde gehen.

Der Naturalismus von Hauptmann hat in Brecht seinen Erben gefunden. Brecht glaubte an die Veränderung der Verhältnisse. Heute kehren wir zu Hauptmann zurück. Wie das zu deuten ist, ich weiß es nicht. Ehrlicher gesagt: Ich weiß es wohl. Der stürmische Beifall für die Schauspieler und die Inszenierung – ein höchst verdienter Beifall – ist nicht unbedingt als gutes Zeichen für unsere Verhältnisse zu werten.

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erstellt am 18.10.2017

Szenenfoto Rose Bernd, Schauspiel Frankfurt: Arno Declair

Theater

Rose Bernd

Von Gerhart Hauptmann

Fassung von Roger Vontobel und Marion Tiedtke

Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüme: Ellen Hofmann

Besetzung: Matthias Redlhammer (Bernd (Vater)), Jana Schulz (Rose Bernd), Luana Velis (Marthel) u.a.

Schauspiel Frankfurt