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Der Theaterregisseur Ersan Mondtag hat im MMK 2, einer Dependance des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, die Ausstellung „I AM A PROBLEM“ inszeniert. Große Themen der Ausstellung sind unser Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit sowie die Schattenseiten der Selbstoptimierung. Ellen Wagner hat die buchstäblich laute Schau besucht.

Ausstellung

Wurmbefall im Museum

Das MMK 2 hat einen Bandwurm geschluckt. Dick und schwarz, glänzend, aufgebläht, gigantisch und betretbar. Der Ekel-Parasit aus schwarzem Polyurethan ist eine Auftragsarbeit der Gruppe Plastique Fantastique und macht in der Ausstellung eigentlich eine gute Figur. Gerade die Tatsache, dass es eben doch nicht aussieht wie ein Wurm, sondern wie ein dickes schwarzes Rohr, ein Tunnel oder eine Wasserrutsche, die immer wieder im Boden verschwindet und an einen unbekannten Ort zu führen scheint, macht das Ungetüm so unheimlich. Der Wurm besetzt nicht nur den Ausstellungsraum, sondern weckt ebenso den Eindruck, selbst bewohnbar zu sein, einen Zufluchtsort zu bieten – etwa für die Handvoll Werke, die in seinem „Körper“ präsentiert sind.

In Ersan Mondtags Inszenierung I AM A PROBLEM fungiert der Ausstellungsraum als Darm der Maria Callas, die stellvertretend für uns alle als nach Perfektion strebende Individuen steht. Die in diesem stark abstrahierten Magen-Darm-Trakt präsentierten Werke aus der Sammlung des MMK übernehmen die Rolle der in uns rumorenden, unverdaulichen Ängste und Sehnsüchte. Das schwarze Wurmgetier selbst ist inspiriert vom Mythos, die Callas habe einen Bandwurm verschluckt, um ihren Körper über den dadurch erzielten Gewichtsverlust an die ideale Figur anzupassen, die sie für die Öffentlichkeit darstellt.

Großes Thema der Ausstellung ist unser Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit: der in Selbstzersetzung mündende Versuch der Selbstoptimierung, die Passagen zwischen Kindheit, Jugend und Alter, Nacktheit und Geschlechtlichkeit, die Angst vor Tod und Leid und Krankheit, die Sehnsucht nach der Apokalypse, das Ausgesetztsein beim Blick in den Spiegel oder ins Gesicht eines Gegenübers.

In einem abgeteilten Raum wird Will Benedicts Musikvideo „I AM A PROBLEM (T.O.D.D.)“ (2016) für die Detroiter Noise-Band Wolf Eyes gezeigt, das der Ausstellung ihren Titel und auch ihre Atmosphäre gibt – ein musikalischer Katastrophenfall im positivsten Sinne, mit menschlich-tierischen Zwitterwesen, einem außer Kontrolle geratenen Eiffelturm, einem TV-Moderator, der noch beim Interviewen eines reptiloiden Aliens die Contenance zu wahren weiß. Etwa in der Mitte des Videos erscheint am rechten oberen Eck ein Fenster, das eine Kamerafahrt durch einen dunklen gewundenen Tunnel zeigt. Der Tunnel öffnet sich auf ein ungesund gelbes, eher nach Chemieunfall als hellem Sonnenlicht aussehendes Leuchten, zunächst kreisrund, dann diffus über eine abgestorbene Landschaft sich ausbreitend. Unweigerlich fühlt man sich an Mondtags gelb-schwarze Bandwurmlandschaft erinnert, die die Farben aus Benedicts apokalyptischem Szenario aufzugreifen, geradezu von ihnen infiziert zu sein scheint.

Ausstellungsansicht I AM A PROBLEM. Vordergrund: Teresa Margolles: Catafalco, 1997 Courtesy Teresa Margolles, Foto: Axel Schneider.

In der Düsternis entfalten Arbeiten wie Miriam Cahns in heißen und kalten Farben glühende androgyne „Schönheit“ (1999) oder Marlene Dumas aquarellierte Figurenporträts ihre Präsenz, indem sie souverän ihr Format beherrschen und doch gleichzeitig verletzlich wirken. Sie, wie auch die übrigen ausgewählten Werke, so Ersan Mondtag, sollen als lebendige Akteure wahrnehmbar werden, denen mit der Inszenierung eine eigene Geschichte gegeben wird. Diese Absicht wirkt ein wenig wie der beflissene Versuch, Eulen nach Athen zu tragen, darf man doch davon ausgehen, dass die meisten Kunstwerke schon mehr als genug Geschichten mit sich herumtragen. So gerne man Mondtags Plädoyer, Kunstwerke als lebendige Gegenüber aufzufassen, zustimmen möchte, so verwundert darf man sein, dass der Regisseur seinen Darstellern (den Kunstwerken) scheinbar nicht zutraut, für sich zu sprechen – im übertragenen Sinne einer schwelenden Lebendigkeit, die sich denjenigen mitteilt, die sich länger auf sie und mit ihnen einlassen. Vielmehr legt er ihnen Dialoge in den Mund, die andere für sie eingesprochen haben. An mehreren Stellen verströmen Soundduschen die von Thomaspeter Goergen eigens für konkrete Werke, die eine imaginierte Unterhaltung miteinander führen, verfassten Texte.

„Ach Lottchengottchen“, „das ist ja so frühes 20. Jahrhundert!“, echauffiert sich Cahns „Schönheit“ – die zuvor von ihrem Gegenüber dem Wortsinn nach als „albernes Bild“ bezeichnet wurde – angesichts der Versuche der „Broken Pole“ von Shannon Bool, ihr „persönliches Verhältnis“ zu Originalität, Reproduktion und Aura zu erkunden. „Das war jetzt aber echt selbstreferentiell“, setzt daraufhin Bruce Naumans „Perfect Balance“ nach. Die Texte geben Anstöße, zu überdenken, welche Bedeutung unsere unmittelbare oder indirekte, gedankliche Konfrontation mit dem Anderen für das Verhältnis zu unserem als optimierungsbedürftig wahrgenommenen Selbst hat – und wie umgekehrt auch der immer wieder um die eigene Verbesserung bemühte Einzelne mitwirkt am Heraufbeschwören eines gesellschaftlichen Klimas, in dem sich niemand mehr so richtig gut genug fühlen mag. Dennoch lassen die die Ausstellung dominierenden Texte nicht nur tendenziell die Werke verstummen, sie tun sich auch selbst keinen Gefallen, indem sie in der Schau lediglich als eine Art „Soundtrack“ fungieren.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, eine als Kritik an gesellschaftlichen Erwartungen an die „Performance“ des Selbst lesbare Ausstellung über die Schattenseiten der Selbstoptimierung zu machen, und hierfür ausgerechnet den Kunstwerken eine „intensivierende“ Generalüberholung zukommen zu lassen, als schicke man sie zum Rhetorik-Coach? Die Dialoge wurden von Ensemblemitgliedern des Hamburger Thalia-Theaters so wohlartikuliert mit kontrolliertem Maß an Emotionalität eingesprochen, dass man spätestens hier ins Zweifeln darüber gerät, ob da wirklich die Kunstwerke sprechen, von denen man irgendwie nicht so viel Aufgeräumtheit erwartet hätte.

Taryn Simon: Hymenoplasty Cosmetic Surgery, P.A. Fort Lauderdale, Florida , 2005/2007. Courtesy Taryn Simon, Foto: Axel Schneider

Mondtags Inszenierung zeigt die Unbarmherzigkeit des Menschen mit seinem Körper im Extrem. Die Ausstellung ist düster, erinnert fast an eine Geisterbahn, zeigt Totenmasken, entstellende Schönheits-OPs, Fleischerbeile, geister- und puppenhafte Gestalten, ein Video von Teresa Margolles, dessen Bilder in atmosphärischen Dampf aus Leichenwaschwasser gehüllt sind. Was in der einzelnen Arbeit entscheidendes Stilmittel sein mag, droht durch die Häufung des Morbiden ins Klischeehafte abzurutschen. So entstehen zum einen wenig Anknüpfungspunkte zu tatsächlichen Alltagserfahrungen mit Selbstzweifeln und Leistungsdruck, zum anderen wird dem Aspekt der (im Pressetext angekündigten) Höhen und Hoffnungen, die zu den Tiefen des Daseins komplementär dazugehören, gar kein Raum gelassen. Auch die faszinierende oder bedrohliche Verwischung der Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen beim täglichen Versuch, Rollen zu finden und Erwartungen zu erfüllen, die vereinzelt in den von Goergen verfassten Hörstückpassagen aufscheint und vielleicht den interessantesten, komplexesten und natürlich am schwierigsten anzupackenden Aspekt der Ausstellung darstellt, droht in der donnernden Weltuntergangsstimmung unterzugehen.

Man hat das Gefühl, dass auf der großen Vorderbühne keine Kosten und Mühen gescheut wurden, in die Details aber deutlich weniger Energie investiert wurde. Ein bisschen mehr physisch spürbaren Bass in Benedicts Musikvideo, und man hätte den inneren Lärm, den so eine Apokalypse, auch als kurz bevorstehende, in uns auszulösen vermag, nicht nur als surreales Bild vor Augen schweben, sondern auch im Magen liegen gehabt. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit beim Abstimmen von Wandtexten und Lichtregie, und man hätte die Informationen zu den Werken auch lesen können. Ohne Taschenlampe. Ein bisschen mehr Platz für Arbeiten, die auf den ersten Blick platzsparend daherkommen (z. B. Kader Attias an einer Durchgangsstelle präsentierte Reihe „Repair Analysis“ im Badezimmerspiegelformat), und die Wahrscheinlichkeit hätte sich erhöht, dass Besucher auch vor diesen stehenbleiben.

Dass der Fokus der Schau ein wenig einseitig auf dem effektvollen großen Operndrama liegt, ist insofern schade, als die bei näherem Hinsehen doch recht differenzierte Werkauswahl durchaus das Potential gehabt hätte, auf vielschichtigere Weise mit dem Haltung-Bewahren und die Fassung-Verlieren umzugehen. Die Spannung zwischen den Werken und ihren temporären Rollen hätte dann vielleicht sogar ein leises Knistern hörbar werden lassen, das nun jedoch vom etwas zu groß aufspielenden Orchester mit gewaltigem Crescendo übertönt wird.

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erstellt am 13.10.2017

Will Benedict: Comparison Leads to Violence , 2013. Courtesy Will Benedict u. Neue Alte Brücke, Frankfurt

Ausstellung in Frankfurt

I AM A PROBLEM

Inszeniert von Ersan Mondtag

23. September 2017 — 18. Februar 2018

MMK 2 / Museum für Moderne Kunst Frankfurt

Marlene Dumas: Godess , 1997. Courtesy Marlene Dumas, Foto: Axel Schneider

Ausstellungsansicht I AM A PROBLEM. Vordergrund: Kader Attia: Repair Analysis , 2013. Courtesy VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Axel Schneider